Ein Gespräch mit dem argentinischen Autor und Seghers-Preisträger Fabián Casas über literarische Disziplinen, Krieg der Sterne und Spaziergänge auf den Dächern von Berlin. Sein Gedichtband Mitten in der Nacht ist im vergangenen Jahr bei Luxbooks in der von Timo Berger herausgegebenen Reihe luxbooks.latin erschienen. Im August erscheint im Rotbuch Verlag der Erzählband Lob der Trägheit gefolgt von Die Panikveteranen.
(c) Timo Berger
Wilde Leser: Du bist einer der eher seltenen Autoren, die sowohl mit ihrer Lyrik als auch mit ihren Prosapublikationen literarische Erfolge verzeichnen. Welche Rolle spielt das für deine Arbeit und hast du irgendeine Präferenz für eine der Disziplinen?
Fabián Casas: Für meine Arbeit ist die Poesie die zentrale Säule, aber ich kümmere mich nicht um Genres. Ich bin ein Mestize, der alles vermischt. Manchmal habe ich da eine kleine Musik im Ohr und das wird dann später, je nach dem Atemzug, den ich gerade nehme, zu Prosa oder zu Versen. Das kann eine Erzählung werden, ein Essay oder ein Gedicht. Auf jeden Fall kann man die Poesie nicht definieren, man erkennt sie ganz einfach. Ich verstehe unter Poesie, mein Leben in einen Zustand des Fragens zu verwandeln und als Schriftsteller gegen meine Kunstfertigkeit anzuarbeiten.
Wilde Leser: Sowohl in deinen Gedichten als auch in deinen Erzählungen lässt sich ein starker Bezug zu Boedo finden, das Viertel in Buenos Aires, in dem du geboren und aufgewachsen bist. Ähnliches gilt auch für andere zeitgenössische argentinische Autoren. Was sind deiner Meinung nach die Hintergründe für diesen starken lokalen Bezug zu bestimmten Stadtvierteln?
Fabián Casas: Ich arbeite immer stark mit Bezug zu meinem Viertel, weil es das ist, was ich kenne, ohne dass damit jetzt eine bestimmte Absicht verbunden wäre. Genauso wie ich Argentinier aus Fatalität bin, aber ich sehe das trotzdem nicht als Motiv, meine Nationalität zu vertiefen, da es etwas ist, was ich bin und vor dem ich nicht fliehen kann. Andererseits verabscheue ich die Nationalhymne, die Symbole des Vaterlands und all diese Dinge, die schon Tausende von Toten auf der Welt verursacht haben. Mein idealer Ort ist die Bar aus „Krieg der Sterne“, wo sich Männer aus der Galaxie Orion mit Schmugglern mit Fischköpfen und Frauen mit drei Titten treffen. Das Interessante liegt immer in den Kreuzungen. Und in der Reinheit ist nur die Scheiße des Faschismus.
Wilde Leser: In deiner Erzählung „Lob der Trägheit“ verbringt der Protagonist Andrés viel Zeit mit dem Lesen verschiedener Autoren wie Céline oder Arlt. Welche Autoren haben dich persönlich geprägt und welche argentinischen Gegenwartsautoren sind deiner Meinung nach besonders lesenswert?
Fabián Casas: Geprägt haben mich zu viele, aber empfehlen kann ich ganz klar Roberto Arlt, Ricardo Zelarayan, Pedro Mairal, Gustavo Ferreyra und Jorge Aulicino.
Wilde Leser: Du bist einer der Leiter des 2003 gegründeten, alternativen argentinischen Verlags Eloisa Cartonera, der Bücher unter Mithilfe von Cartoneros und Arbeitlosen herausgibt. Wie läuft es mit diesem Projekt derzeit?
Fabián Casas: Eloisa Cartonera läuft gut. Der Verlag wurde aus dem Willen geboren, statt rumzuheulen (ich hasse Heulsusen, die glauben, dass ihnen die Welt etwas schuldig ist), etwas anzupacken, um billige Bücher zu machen, die alle lesen können und avantgardistische und populäre Literatur zu veröffentlichen – zwei Begriffe, die einander übrigens nicht ausschließen.
Wilde Leser: 2007 wurde dir der Anna Seghers-Preis verliehen. Obwohl du sehr glücklich über die Ehrung warst, hast du aber auch betont, dich selbst nie für irgendwelche Preise oder Wettbewerbe zu bewerben. Wieso vertrittst du diese Haltung und wie beurteilst du ganz allgemein das System von Literaturpreisen heutzutage?
Fabián Casas: Ich bin enorm dankbar für diese Preise, aber ich nehme sie nicht als Parameter zur Bestätigung von Qualität. Ich glaube, eine Person darf sich nicht zu ernst nehmen, sie muss den inneren Dialog runterfahren und die eigene Wichtigkeit ausschalten. Ich mache jeden Morgen Karate und da bringen sie dir bei, dass du ein ewiger Anfänger bist, etwas, dass sehr gut ist. Danach bin ich gegen gar nichts, jeder soll leben wie er will, von Preisen oder Stipendien oder was auch immer.
Wilde Leser: Wie beurteilst du die Teilnahme Argentiniens als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr?
Fabián Casas: Sehr gut! Ich fände es klasse, wenn die Buchmesse nicht nur dazu beitrüge, mein eigenes Werk bekannt zu machen, sondern dass von vielen lateinamerikanischen Schriftstellern, die wirklich was drauf haben.
Wilde Leser: Wirst du selbst auch am Start sein?
Fabián Casas: Gerade dann wird meine Tochter auf die Welt kommen und vielleicht klappt es deshalb nicht, aber da schauen wir mal. Ich hoffe, ich kann in Frankfurt dabei sein, und hoffentlich kann ich auch wieder durch die Straßen von Berlin laufen, dieser tödlichen und wunderschönen Stadt, und auf den Dächern spazierengehen!
Das Interview wurde geführt und übersetzt von Benjamin Loy
Pedro Mairal wurde 1970 in Buenos Aires geboren. Eine Jury um Adolfo Bioy Casares verlieh ihm als einer der originellsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur den Premio Clarín. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman Eine Nacht mit Sabrina Love (2002), der auch verfilmt wurde. Im August erscheint der Roman Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra im Hanser Verlag. Im Interview mit wilde-leser.de spricht er über seine literarischen Anfänge, eine neue Generation von Schriftstellern und ungewöhnliche Recherchemethoden für seine Romane.
(c) Clara Muschietti
Wilde Leser: Es sind acht Jahre vergangen, seit der Knaur Verlag die Übersetzung deines ersten Romans “Eine Nacht mit Sabrina Love” für die deutschen Leser zugängig gemacht hat. Erst im August erscheint eine zweite Übersetzung im Hanser Verlag. Vielleicht rufst du dich den Lesern erst noch einmal ins Gedächtnis und erzählst ein wenig von deinen Anfängen, deinen Vorbildern, deinen Schreibritualen!
Pedro Mairal: Als ich damals von der Uni abging, habe ich mich nicht getraut es meinen Eltern zu erzählen (Ich war 18 und dachte, ich wolle Arzt werden), also tat ich jeden Morgen so, als ginge ich zu meinen Kursen, verbrachte den Morgen jedoch in der Cafeteria. Ich las viel und begann mein eigenes Zeug zu schreiben. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich eine Geschichte “anders” las, ich begann Kurzgeschichten zu lesen wie ein kleines Kind, das ein Spielzeug auseinandernimmt, um zu sehen wie es gemacht wurde. Ich las Cortázar, Borges, Salinger und versuchte ihre versteckten Tricks zu finden. Zuvor war ich eigentlich mehr ein Leser von Gedichten. So kommen meine anderen Einflüsse von Dichtern wie Neruda, Vallejo, Dylan Thomas.
Über meine Schreibgewohnheiten: Am Anfang konnte ich noch Gedichte auf kleinen Notizblöcken im Bus schreiben, doch dann brauchte ich einen Computer und meine Ruhe, um Prosa zu schreiben. Jetzt brauche ich Deadlines, um meine Arbeit abzuliefern: Kolumnen für Zeitungen, Artikel, Kurzgeschichten für Magazine, Skripte… ich schreibe nur noch, wenn ich kurz davor bin, einen meiner zahlreichen Jobs zu verlieren.
Wilde Leser: Es heißt, dass du einige deiner Charaktere online entwirfst und in sozialen Netzwerken testest! Ist das wahr? Und wie genau funktioniert das?
Pedro Mairal: Ich habe eine Figur erfunden, die Porno-Sonette schreibt. Und, ebenfalls unter falschem Namen, schrieb ich in einem Blog als Frau. Es war eine sehr interessante Übung, da niemand wusste, dass ich dahinterstecke. Ich musste also die Illusion aufrecht erhalten. Einige Männer wollten sich sogar mit mir treffen. Ich habe mich nie zurückgemeldet. Die von mir erfundenene Frauenfigur wurde bereits in einer Anthologie für argentinische Schriftstellerinnen veröffentlicht.
Aber Schriftsteller machen das schon seit Euripides so. Ich denke das letzte Kapitel von James Joyce Ulysses, Molly Blooms Monolog, ist das beste Beispiel solcher “Cross-Dressing-Literatur”.
Wilde Leser: Kannst du dir vorstellen, irgendwann den Roman hinter dir zu lassen und nur noch in digitalen Medien zu veröffentlichen?
Pedro Mairal: In gewisser Weise tue ich das jetzt schon. Mein nächstes Buch wird den Titel Der Roman, den ich nicht schreibe tragen. Ich habe aber auch nicht vor, alles niederzureißen. Vielleicht kehre ich schon sehr bald zum Roman zurück.
Wilde Leser: Im August wird mit Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra ein zweiter Roman in Deutschland veröffentlicht. Was hat sich in deinem Leben und Schreiben verändert seit der Veröffentlichung von Eine Nacht mit Sabrina Love?
Pedro Mairal: Die Welt hat sich sehr verändert in den letzten zehn Jahren. Heutzutage schreiben viele Schriftsteller online, völlig high von der Breitbandverbindung, die direkt in die Venen injeziert wird. Ich schreibe viel auf Blogs und Websites und denke Literatur auf andere Art. Seit 2005 veröffentliche ich fast alles online, bis auf meine Romane. Kurzgeschichten, Gedichte, Artikel… Und ich mische das ganze mit Videos und Bildern, Collagen und manchmal sogar Musik. Worte sind immer die wichtigste Art der Kommunikation für mich, aber mir fällt auf, dass die Literatur durch das Internet immer mehr in Atome zerfällt, die sich in viele Richtungen ausbreiten. Literatur wird ein bisschen anonymer, und schneller, auch kürzer. Das Beste daran ist, dass die Leute nicht denken, online zu schreiben wäre wirklich Literatur, so schreiben sie generell nicht so steif, flüssiger und natürlicher. Ich wünschte, sie würden das beibehalten.
Wilde Leser: Dein erster Roman Eine Nacht mit Sabrina Love hat hat einen Preis als bester Roman gewonnen und wurde verfilmt. Wie denkst du heute über dein Debut und wie kam die Idee dazu?
Pedro Mairal: Der Roman wurde verfilmt und in sechs Sprachen übersetzt. Ich mag Eine Nacht mit Sabrina Love. Es ist eine dieser Geschichten, die ihr eigenes Leben haben, ihre eigene Stärke. Es fühlt sich fast so an, als gehörte sie gar nicht mehr zu mir. Es ist ein kurzer Roman, oder eine Novelle, wie sie es nennen, über einen Teenager, der eine Nacht mit einem Pornostar gewinnt. Die Idee kam mir, als ich im Fernsehen eine dieser hübschen Moderatorinnen sah, die ein Gewinnspiel moderierte, bei dem man zwei Tickets in die Karibik gewinnen konnte. Mein hormonaler Gedanke war: Sie sollte eine Nacht mit sich selbst verlosen. Dann dachte ich, sowas wäre nur möglich, wenn sie einer dieser Porno Stars wäre, die eine eigene Show im Kabel-Programm hat. Einige Zeit später fiel mir auf, dass das Ganze eine Geschichte werden könnte, wenn der Gewinner der Nacht mit einem Porno Star ein jungfräulicher Teenager wäre, der weit weg in einem kleinen Dorf lebt. Das war dann die Geschichte: Ein Teenager, der die Sendung schaut und bei dem Gewinnspiel siegt, dann der Road-Movie Trip per Anhalter in die Hauptstadt, dann das Treffen mit Sabrina Love und der großen Stadt. Als ich das vor meinem inneren Auge sah, wusste ich, dass ich etwas hatte, über das ich schreiben konnte. Es ist ein Bildungsroman.
(c) Clara Muschietti
Wilde Leser: Wenn man deine Romane liest, fällt vor allem deine Fähigkeit auf, Lücken für deine Leser zu lassen, die sie selbst füllen müssen. Wie wichtig sind die Sachen, die du nicht schreibst, für deine Romane?
Pedro Mairal: Ich glaube daran, dem Leser einen leeren Stuhl zu hinterlassen. Ich mag es nicht, alles zu erklären. Ich denke, der Leser beendet die Geschichte, erfindet sie in seinem Kopf. Es gibt eine Zeichnung von Picasso, auf der er eine Blumenvase zeigt. Doch nur eine der Blumen wird voll dargestellt, die restlichen werden nur angedeutet. Als Betrachter vervollständigst du die Zeichnung in deinem Bewusstsein, du siehst alle Blumen, die Blumenvase entsteht in deinem Kopf. In gewisser Weise ist man in diesem Moment der Autor von ihr. Aber um das so zu machen, musst du dem Leser vertrauen. Wenn du ihn bevormundest, drückst du ihn beiseite.
Wilde Leser: Argentinien wird der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt sein. Was denkst du als Autor darüber? Wie wurde die Einladung in Argentinien aufgenommen? Wirst du selbst Deutschland besuchen?
Pedro Mairal: Es gab eine Kontroverse bezüglich der argentinischen Organisatoren, die Evita, Maradona, Gardel and Che als nationale Ikonen für die Buchmesse deklariert hatten. Nachdem sie viel Kritik eingesteckt und Druck bekommen hatten, fügten sie noch Borges und Cortázar hinzu. Abgesehen davon, ist es eine gute Möglichkeit für viele argentinische Schriftsteller, ihre Arbeiten zu präsentieren und für Verleger, weniger bekannte Autoren aus Lateinamerika herauszuholen und einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Ich denke, ich werde auch dort sein.
Wilde Leser: Denkst du, dass es ein stereotypes Bild des Argentiniers in Europa gibt?
Pedro Mairal: Ich bin mir nicht sicher, wie der stereotype Argentinier für Europäer aussieht. Aber ich bin mir sicher, dass das Bild recht treffend sein wird.
Wilde Leser: Wo siehst du dich selbst vor dem Hintergrund der argentinischen Literatur?
Pedro Mairal: Ich sehe mich selbst als Teil einer Generation, die sich nach keinem Manifest richtet, die keine Angst davor hat, mit neuen Technologien herumzualbern. Ich sehe neue Schriftsteller auftauchen und beginne mich ein wenig verdrängt zu fühlen vom Status des jungen Schreibers. Ich mag es und brauche es, Leute in meinem Alter und jüngere zu lesen, um zu sehen, was die so machen. Borges sagte, dass niemand seinen Zeitgenossen etwas schuldig sein will, aber bei mir ist das anders, ich schulde ihnen viel. Ich werde stark von anderen Schriftstellern meines Alters beeinflusst, weil ich immer schon ein wenig altmodisch war, unzeitgemäß, zumindest fühlte ich mich so. Das Lesen von zeitgenössischen Dichtern und Romanciers hält mich wachsam. Ich will sehen, wie sie über die Zeit schreiben, in der wir leben.
Wilde Leser: Wir auf www.wilde-leser.de besprechen das Werk Roberto Bolaños sehr detailliert, Roman für Roman, Geschichte für Geschichte. Was denkst du über ihn? Hatte er irgendeinen Einfluss auf dein Schreiben?
Pedro Mairal: Ich sehe Bolaño nicht als literarische Vaterfigur, mehr als einen Onkel, das schon eher. Ein literarischer Onkel. Ich mag die Art, wie er die lateinamerikanische Literatur dachte. Besonders mag ich Der unerträgliche Gaucho und Die wilden Detektive. Er war einer der ersten Schriftsteller, der über eine literarische Generation schrieb in Die wilden Detektive. Ich interessiere mich für die Art und Weise in der er über Mexiko schreibt, und die Art und Weise in der er die obskuren Mächte sah, die in der chilenischen Kultur gewirkt haben.
Wilde Leser: In deinem Roman Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra, der bald in Deutschland erscheint, schreibst du über eine sehr romantische Künstlerfigur. Einen Maler, der sein ganzes Leben auf kilometerlange Leinwände malt, ohne dafür in irgendeiner Form Anerkennung zu erhalten. Beim Lesen des Romans konnte man viele Analogien zu anderen Künstlern ziehen, vor allem Bolaño flanierte einem öfters durch die Gedanken. Gab es einen realen Künstler, der als Vorlage für Salvatierra diente, oder vielleicht mehrere?
Pedro Mairal: Juan Salvatierra verkörpert etwas, das ich gerne wäre, ein Künstler der überhaupt keine Anerkennung braucht, er kann sein ganzes Leben aufmalen, nur des Spaßes und der Befriedigung wegen. Sein endloses Gemälde ist auf eine Weise eine Autobiographie, bei der er selbst nicht präsent ist. Doch ich bin nicht so. Ich brauche die Rückmeldung, und ich heiße gelegentliche Anerkennung meiner Arbeiten sehr willkommen. Mit einer Gruppe von Dichtern, Freunden von mir, arbeite ich gerade daran, das vollständige Werk eines Dichters namens Cesar Mermet ans Licht zu bringen, der zu Lebzeiten nie etwas veröffentlichten wollte, aber nie aufgehört hat zu schreiben. Er war ein Genie. Vielleicht ist einiges von seiner Einstellung gegenüber dem öffentlichen Leben in meine Figur des Salvatierra geflossen. Zumindest wünsche ich mir das.
Das Interview wurde geführt und übersetzt von Marvin Kleinemeier
“Die Donnerstagswitwen” erschienen in Argentinien bereits 2005. Mit einiger Verspätung, aber immerhin, erscheint das Buch auch hierzulande. Und der Unionsverlag wäre nicht der Unionsverlag, wenn er das Buch nicht sehr liebevoll und mit einem wunderschönen Cover herausgegeben hätte. Carla Masotta, Lala Urovitch, Teresa Scaglia und Virginia Guevara sind die “Donnerstagswitwen”. Denn jeden Donnerstagabend treffen sich ihre Männer ohne sie, so dass sich die vier Frauen gemeinsam vergnügen, oder auch mal alleine zu Hause bleiben. Die Damen leben mit ihren Ehegatten in Altos de la Cascada, einer Siedlung, die mit einer hohen Mauer vom Rest der Welt abgegrenzt ist und von einem Sicherheitsdienst streng bewacht wird. Außer den Siedlungsbewohnern kommt hier niemand rein, der keine Einladung hat, oder geschäftlich zu tun hat. Das Leben ist dementsprechend überschaubar, man kennt die intimsten Geheimnisse – während manche der offensichtlichsten Dinge verborgen bleiben. Bereits zu auf den ersten Seiten des Buches werden an einem Donnerstagabend drei Leichen in einem Swimmingpool gefunden. Es sind drei der vier Männer, die ihre Frauen “Donnerstagswitwen” nennen. Welch ein makabrer Scherz. Nur Ronie, Virginias Mann, kommt heil aber sehr verängstigt nach Hause. Was ist an diesem Abend passiert? Warum starben die Männer? Hat sie jemand umgebracht? Mit jedem weiteren Satz taucht der Leser tiefer in die kleine reiche Welt von Altos de la Cascada ein und nähert sich der Wahrheit über das Leben in einer geschlossenen Gesellschaft an. Bis schließlich begreifbar wird, was angesichts von Familiensorgen, häuslicher Gewalt, Alkoholkonsum und Drogenproblemen der Kinder, aber auch Wirtschaftskrise und Politik, aus dem Donnerstagstreffen der Männer wirklich geworden ist.
Wer sind wir und was macht unser Leben aus? Diese Fragen stellt man sich nach der Lektüre und Virginia fasst es gut zusammen:
“In meinem Grab werden also eines Tages zwei linsenförmige [Brust]Implantate zu finden sein. Als ob die je zu etwas nütze gewesen wären… In den Gräbern fast all meiner Nachbarinnen werden solche Linsen zu finden sein, nur wenig unterhalb der makellosen Grasnarbe des Privatfriedhofs von Altos de la Cascada. In der lehmigen Erde, neben Knochen, Zähnen und Nägeln.”
Anhand eines kleinen Modells beschreibt Piñeiro gesellschaftskritisch eine Welt, die die unsere ist. All unser Reichtum kann von einem auf den nächsten Tag verloren sein und keine von der Welt noch so abgeschottete Siedlung schützt vor Katastrophen. Schlimm ist es, wenn wir die Außenwelt dermaßen vergessen, dass wir übersehen, in welcher Situation sich Menschen selbst in unserer nächsten Nähe befinden.
Der argentinische Dichter und Essayist Roberto Juarroz erläutert seine Poetik zum vierzehnbändigen lyrischen Großprojekt »Vertikale Poesie« (1958-1994) mit Erfahrungen, wie einer sie macht, der das Senkblei auf den Grund der Sprache und des Seins gleichermaßen richtet, die vertikale Linie nie aus den Augen verliert. In paradoxen Wendungen, immer neuen Variationen und überraschenden Metaphern umkreist Roberto Juarroz (1925-1995) die zentralen Themen unserer Existenz und vertraut dabei auf die erkenntnisstiftende, schöpferische Kraft der Poesie: »Die Poesie ist viel mehr als eine literarische Gattung oder eine Spielanleitung: die Poesie ist das Menschenwort, verwandelt in Schöpfung – bis zum Äußersten. Ja, ich glaube, daß die Poesie letzten Endes darin besteht: Schöpfung und Zerstörung zu sein. Gibt es eine andere Form, das Rätsel des Seins und Nichtseins zu ergründen?«
Roberto Juarroz gehört längst zu den bedeutendsten Poeten Lateinamerikas, seine Gedichte wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Die Antrittsrede hielt er am 27. November 1986 in Buenos Aires anläßlich seiner bereits 1984 erfolgten Wahl und Aufnahme in die »Academia Argentina de Letras«, die seit 1951 bestehende Argentinische Akademie für Sprache und Dichtung.
Juarroz, Roberto
Poesía y realidad – Poesie und Wirklichkeit. Essay mit 25 Gedichen, zweisprachig (spanisch-deutsch)
Ins Deutsche übertragen von Juana und Tobias Burghardt
ca. 180 Seiten, 17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr
Edition Delta, Stuttgart (Herbst) 2010
Die Edition Delta hat uns freundlicherweise ein Verlosungsexemplar von Poesía y realidad – Poesie und Wirklichkeit zur Verfügung gestellt. Unter allen Kommentaren zu diesem Beitrag (unbedingt korrekte Email-Adresse angeben) und allen Emails mit dem Betreff “Juarroz” an redaktion@wilde-leser.de werde ich einen Gewinner auslosen, der den Band dann bei Erscheinen im Herbst vom Verlag zugesandt bekommt. Der Gewinner wird per Email benachrichtigt.
Kann oder darf es eine argentinische Seite geben, ohne Evita, Eva Perón, zu erwähnen?
Sie spielte und spielt immer noch eine große Rolle im Leben der Argentinier und wird auch hierzulande immer wieder in Erinnerung gerufen, meist jedoch durch das weltbekannte und verklärende Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Tomás Eloy Martínez hat sich in seinen Büchern viel mit den Peróns beschäftigt, sein Prinzip ist die geschickte Mischung von Dokumentation und Fiktion. In einem Interview sagte er einmal:
“In einem Land wie Argentinien, dessen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert mit Lügen geschrieben ist, musste ich mir einen eigenen Weg suchen, um der Vielschichtigkeit der Wahrheit gerecht zu werden. Journalismus und Literatur sind für mich das Gleiche. Den Unterschied markiert der Leser. Der Journalismus zwingt den Autor dazu, die Tatsachen so darzustellen, wie sie ihm erscheinen. Und der Leser vertraut dem Wahrheitsgehalt. Im Roman hat der Autor größere Freiheiten, aber der Leser weiß, dass er ihm nicht glauben darf.”
Nach seinem Roman über General Perón “Der General findet keine Ruhe” („La novela de Perón“). Suhrkamp, Frankfurt/M. 1999, ISBN 3-518-41049-0, erschien 1995 “Santa Evita” (1997 deutsche Ausgabe: Suhrkamp, Frankfurt/M. ISBN 3-518-40843-7), der laut Deutschlandradio zum wohl meistgelesenen argentinischen Roman aller Zeiten geworden ist.
Im Interview sagte T. E. Martinez zum Buch:
“Ich habe mich ihr nicht mit Sympathie genähert, sondern mit großem Misstrauen. Als ich das Buch zu schreiben begann, wusste ich nicht genau, welche Haltung ich ihr gegenüber einnehmen sollte … Denn Eva vertritt meines Erachtens auch sehr negative menschliche Aspekte: Intoleranz, Fanatismus, Gewalt, quasi Faschismus. Andererseits empfand ich einen tiefen Respekt vor ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Treue gegenüber einer Sache, die sie für gerecht hielt und die auch gerecht war.”
Im Buch geht es um Evita, eigentlich um ihren balsamierten Leichnam und dessen aberwitzige, makabre Reise rund um die Welt und um die Jagd der unterschiedlichsten Menschen nach diesem Leichnam und ihren Gründen. Dass diese Jagd, nach zeitweise bis zu 4 Wachskopien der Leiche, viel Stoff für einen Roman hergibt steht ausser Frage. Schon die wahre Geschichte, die nach dem Tod Evitas, 1952, mit ihrer Einbalsamierung einsetzt ist so was von grotesk, dass sie allein schon Bücher füllt. Martinez hat sich der Geschichte sacht genähert, er zeichnet ein fast vollkommenes Bild von Evita, er zeigt in Rückblenden alle Aspekte ihres Lebens, von der unbekannten jugendlichen Radiosprecherin, die mit allen Mitteln nach oben möchte, bis zur mythischen, von der tödlichen Krankheit gezeichneten Präsidentengattin. Der Weg zur Heiligen, zur Santa Evita wird en Detail beschrieben.
Seine eigene Beziehung zu ihr, die von Bewunderung bis Angst reicht, nimmt einen ebenso wichtigen Teil im Buch ein, wie seine Nachforschungen, Interviews mit Zeitgenossen und Evita nahe stehenden Personen, intensives Auseinandersetzen mit dem Romansubjekt führt zum zeitweisen Abbruch der Recherche. Zur Schwierigkeit, die er mit der Entstehung dieses Romans hatte, liest man etwa auf Seite 66:
„Walter Benjamin folgend, dachte ich, wenn ein historisches Wesen erlöst worden ist, kann seine ganze Vergangenheit zitiert werden, sowohl die Verklärungen wie das Verborgene. Vielleicht deshalb konnte ich im Perón-Roman nur das Privateste von Perón erzählen und nicht seine öffentlichen Großtaten; immer wenn ich versuchte ihn als Ganzes zu fassen, zerbröselte mir der Text unter den Fingern. Mit Evita war es nicht so. Eva ist auch ein Vogel: Was man von vorn liest, ergibt denselben Sinn, wie wenn man es von hinten liest – Eva – Ave – Vogel. Was wollte ich mehr? Ich brauchte nur noch vorwärts zu gehen. Aber als ich das versuchte, lösten sich die Stränge meiner Stimmen und Notizen in nichts auf und vermoderten in den gelben Kisten, die ich von einem Exil ins andere mitschleppte.“
Es werden wichtige, wie gefährliche Menschen die zur lebenden, aber auch zur toten Evita in Beziehung stehen (besonders zu erwähnen ist Oberst Moori Koenig, ein Nachrichtenoffizier mit dem Auftrag den Leichnam zu beschützen, der sein ganzes Leben dieser Aufgabe opfert und die ihn in eine nekrophile Obsession führt) beleuchtet, ihre Motive und Hintergründe. Aber auch das Volk, die Anhänger, die “Hemdlosen” (die Descamidos) bekommt eine Stimme. Das ganze wird mit feiner Fiktion zu einem stimmigen Roman gemischt, der zwar für mich einige Längen hatte, aber trotzdem sehr lesenswert ist. Wenn man, wie ich, bisher eigentlich nur Ausschnitte aus Musical und Film kannte, ist die Lektüre eine tolle Einführung in die Welt Argentiniens vor und zur Zeit Peróns, sowie die Ergründung des Mythos Evita (ein ganzes Kapitel (8) befasst sich mit den Elementen, die diesen Mythos begründet haben). Manchmal wähnte ich mich in einem Geschichtsbuch, aber spannend und anziehend wie ein Krimi.
Tomás Eloy Martínez wurde am 16. Juli 1934 in San Miguel de Tucumán geburen und starb am 31. Januar 2010 in Buenos Aires. Ab 1975 lebte er im Exil, erst in Venezuela, später dann in den USA, bevor er 22006 nach Argentinien zurückkehrte. Neben der Schriftstellerei arbeitete er auch als Journalist (La Nación, New York Times und El Pais), Litaraturredakteur, Filmkritiker, Drehbuchautor und Hochschullehrer. Seine wichtigsten Werke neben Santa Evita und dem schon erwähnten Der General findet kene Ruhe sind: La pasión según Trelew (eine dokumentarische Erzählung über das Massaker von Trelew, 1972 in Patagonien, die Grund für seine Verfolgung und Flucht ins Exil war), Der Flug der Königin (Roman, Metapher für den Teufelskreis der Macht, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Alfaguara), Der Tangosänger (Auftragsroman über Buenos Aires, die Suche nach dem Tangosänger Martel und Borges Beziehung zum Tango, siehe auch Leopold Federmairs Besprchung in der “Neue Züricher Zeitung” vom 14.04.2005). Er hat auch zahlreiche Essays und andere, noch nicht übersetzte, Romane veröffentlicht. Demnächst erscheint Fegefeuer (Purgatorio) ein Roman über die Verschwundenen der Militärdiktatur.
Das Buch Ein Tango für Gardel von Pedro Orgambide, dessen Untertitel „Eine Romanbiographie“ lautet, hat ca. 132 Seiten, die in 30 Kapitel unterteilt sind. Am Ende der 3- bis 12seitigen Kapitel findet sich noch ein 12seitiges Nachwort des Tangoexperten und Tangosängers Jorge Aravena Llancamit mit Informationen zur Biographie, zum Mythos von Carlos Gardel und mit einigen, wenigen Fotos.
Pedro Orgambide wurde 1929 in Buenos Aires geboren, wo er mit nur 74 Jahren 2003 auch starb. Er war einer der produktivsten Schriftsteller Argentiniens. Er veröffentlichte Romane, Essays und Biographien. Er war auch Journalist, Autor von Theaterstücken und Drehbüchern für das Fernsehen. Seine Leidenschaft war der Tango. Er hätte ihn getanzt, wann immer er gekonnt hätte, soll er einmal gesagt haben. Leider findet man wenig bis gar nichts von seinen Werken in deutscher Übersetzung.
Dem Buch ist ein Motto vorangestellt von Alfredo Le Pera (1900 – 1935), einem brasilianischen Journalisten, Dramatiker und Lyriker, der auch Tangotexte für Gardel geschrieben hat. Das Motto heißt: „Früher oder später aber wird der Reisende, der flieht, innehalten“. Mit diesem Reisenden ist wohl auch Gardel gemeint, der kurz vor seinem Tod, so beginnt das Buch, noch einmal die Bilder oder, wenn man so will, die Kapitel seines Lebens an sich vorüberziehen sieht: wie er als uneheliches Kind mit seiner Mutter Frankreich verlässt und nach Argentinien gelangt, um Musikgeschichte zu schreiben, wie er in den Bordellen von Buenos Aires ein Zuhause findet, wie er einen Rivalen niedersticht und einem Juden das Leben rettet, wie er Enrico Caruso auf einem Schiff nach Brasilien, Charlie Chaplin an der Strandpromenade von Nizza und schließlich auch noch den Prinzen von Wales kennenlernt, der seine Tangos auf der Ukulele begleitet usw. Mehr über das Motto erfahren wir im letzten Kapitel des Buches: „Aus dem Tagebuch von Alfredo Le Pera“.
In vielen dieser Kapitel aus Gardels Leben spielt immer wieder der „Mann aus Tacuarembó“ seine geheimnisvolle Rolle. Wer war er? „Eine Sekunde, bevor die Flugzeuge zusammenprallten und das Feuer ausbrach, sah ich ihn. Einen als Gaucho gekleideten Mann, der einen schwarzen Poncho trug und eine Gitarre bei sich hatte.“ Wir erfahren nicht nur diese Geschichte in einer Art Rahmenhandlung des Buches von dem einzig Überlebenden des Flugzeugunglücks, von dem „Mann, der von allen nur der ‚Verbrannte’ genannt wurde“. Er war einer der Gitarristen Gardels. In dieser Rahmenhandlung schließt er sich eines Nachmittags im Jahr 1951, also 16 Jahre nach Gardels Tod, einer Kaffeehausrunde an, an der auch der Ich-Erzähler teilnimmt und in der man sich eben diese Geschichten um den argentinischen Mythos Gardel erzählt. Mehr sei nicht aus dem Buch „Ein Tango für Gardel“ verraten.
Für mich war es ein überaus unterhaltsames, spannendes und auch lehrreiches Buch. Ich habe es mehr als gerne gelesen und das, wie man in diesem Fall so sagt, in einem Zug.
Die argentinische Originalausgabe erschien 2003, die Übersetzung ins Deutsche 2010 für 10,90 € in der Reihe „Argentinien bei Wagenbach“.
At college, and perhaps for a year afterwards, they had believed in literature, had believed in Beauty and personal expression as an absolute end. When they lost this belief, they lost everything.
Nathanael West “Miss Lonelyhearts”
Unmittelbar bevor der Roman Respiración artificial des argentinischen Schriftstellers Ricardo Piglia 1980 erschien hatte Umberto Eco 1979 eine für die Wahrnehmung von Literatur wegweisende Studie veröffentlicht über die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten, die er Lector in fabulanannte. Borges und Joyce sind die beiden modernen Autoren, die Eco am meisten beeinflusst haben und er war einst einer der bekanntesten Fürsprecher des Reader-response criticism.
Nach diesem Denkansatz ist die Mitarbeit des Lesers so etwas wie der künstliche Atem der Literatur. In diesem Zusammenhang soll künstlich nichts anderes bedeuten, als das der Leser sich einerseits immer eine Welt denkt, in der
Individuen durch die Tatsache definiert sind das er sie unter einer gewissen Beschreibung denkt aber andererseits – wenn er diese Individuen im realen Leben treffen würde – ihm nur zu klar seinen dürfte, dass eben diese Beschreibung nie ausreichend ist.
Den Reader-response criticism kann man als Gegenposition zum zuvor über lange Zeit im englischsprachigen Raum sehr einflussreichen New Criticismverstehen, der die Reaktionen des Lesers, Absichten des Autors und historische und kulturelle Einflüsse auf einen Text nicht berücksichtigte. Einzig die Bedeutung einer symbolischen Sprache als Mittel der Erkenntnis gewann hierbei Bedeutung. Also was das Gedicht als Gedicht aussagt. Ein Haiku hat ja auch keine Bedeutung. Es ist Bewusstsein als Einheit mit der Natur. Es ist die Antwort auf sämtliche von uns nie gestellte Fragen.
Sich vom künstlichen Atem zu befreien bedeutet aber auch, sich von der Unangemessenheit der Metaphern zu befreien. Das Haiku benutzt keine Metaphern. Das Verfahren der emblematischen Form und das der Metapher gleichen dem Zustand der Verleugnung. Dem Zustand einer völligen Entfremdung von der Wirklichkeit, in dem sich die westlichen Kulturen – unter der Herrschaft einer symbolischen Gewalt – seit einigen Jahrhunderten zusammengefunden haben. Zwischen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der Zeitspanne also, in der sich das wissenschaftliche Weltbild der Neuzeit heranbildete, wurde die Kultur von dieser symbolischen Gewalt vollständig durchdrungen, so dass dieses ganze Zeitalter, in Herders Worten, emblematisches Zeitalter genannt werden kann. Agamben schreibt dazu in seiner Studie Stanzen:
“Nur eine Epoche wie der emblematischen, die zutiefst daran gewöhnt war, in der Nichtübereinstimmung das Modell der Wahrheit zu sehen, konnte die Karikatur einer Person ähnlicher erscheinen als diese selbst. Denn die Karikatur ist in der Sphäre des Menschlichen, was das Emblem in der Sphäre der Gegenstände ist. (…) Der zum Bilde Gottes geschaffene Mensch gelangt durch teuflische Heimtücke verdorben, in das ferne Land der Unähnlichkeit. (…) Dies erklärt auch warum die Kultur der Moderne das Symbolische so beharrlich mit dem Unheimlichen gleichgesetzt hat. Vielleicht liegt die Ursache diesesUnbehagens am Symbolischen in der Tatsache, dass hinter der scheinbaren Einfachheit des Schemas, das unsere Kultur verwendet, um das Bedeuten zu erklären, die Verdrängung eines vertrauteren und ursprünglicheren Bedeutens verborgen liegt, das sich nicht so leicht in diese Schema fügt.
(…) Das Vermächtnis, das Baudelaire der modernen Dichtung mit auf dem Weg gab, besagt, dass der einzige Weg, die Ware zu überwinden, darin besteht, ihre Widersprüche auf die Spitze zu treiben, bis zu einem Punkt, wo sie sich als Ware abgeschafft hätte, um den Gegenstand wieder seiner Wahrheit zu übergeben. (…) Dies ist der tiefere Sinn der Theorie des l´art pour l´art, die durchaus nicht Genuss der Kunst an sich selbst bedeutet, sondern Zerstörung der Kunst auf dem Wege der Kunst.”
Wir haben es offenbar mit einer allmählichen Erkenntnis in der akademischen Welt in Bezug darauf zu tun, welchen Arten von tiefer Konditionierung wir alle üblicherweise unterliegen, weil wir Menschen/Texte immer durch bestimmte Bilder wahrnehmen, die wir von ihnen haben, anstatt die Menschen – einschließlich uns selbst – wirklich so wahrzunehmen wie wir sind.
Die Lösung aus diesem Dilemma hat bis heute die Wahrnehmung von Literatur noch immer nicht ganz erreicht. Um diese Konditionierungen abzulegen müssen wir zunächst einmal das Denken überwinden, wie es etwa Krishnamurti, die Sphinx des 20. Jahrhunderts, wie er oft bezeichnet wurde – wie wir ihn aber frei sind nicht zu bezeichnen -nie müde wurde immer wieder festzustellen. Denken ist ein trennender, analytischer Vorgang und kann niemals die Wirklichkeit sein. Vielmehr stellt es nur eine Reflexion unserer persönlichen, konditionierten Sicht der Dinge dar. Krishnamurti: „Das Denken ist ein Vorgang in Zeit und Raum. Das Denken ist Gedächtnis, die Erinnerung an Vergangenes. Das Denken ist die Aktivität des Wissens … Wissen ist niemals vollständig. Es geht immer Hand in Hand mit Unwissenheit. Zeit, Wissen, Gedächtnis, Denken sind eine einzige Einheit.“
Unser Sinn von Wirklichkeit entstammt einer künstlichen Be-Atmung, dem Vorgang unseres Denkens. So ist ein Modell-Leser auch bereits in einen literarischen Text eingeschrieben. Die Welt der Fabel ist aber nicht die des Lesers. Außerhalb jeder Fabel kann der Leser aber den Schriftsteller wirklich begegnen, auch durch das Geheimnis des Lesens vermittelt, sozusagen außerhalb von Zeit und Geschichte. Der Leser bewundert dann den Schriftsteller nicht, sondern empfindet einfach ein Gefühl tiefer Verwandtschaft, ausgelöst durch eine Krise in seiner Selbstwahrnehmung. Und tatsächlich ist der Leser nach einer solchen imperativen Intimität (T.S. Eliot) nicht mehr der selbe wie zuvor. Er hatte Teil an einem unerschütterlichen Vertrauen, denn durch sein starkes Lesen (Harold Bloom) hat er die Überseele (Emerson) berührt.
So werden wir durch die Literatur aus dem Denken erweckt und zu Trägern einer zeitlosen Tradition. Ohne ein Bewusstsein der Tradition, in dessen Rahmen wir die Wirklichkeit erfahren, ist kein tieferes geistiges Erkennen möglich, kein richtiges Atmen, denn wir bleiben Gefangene der Geschichtsinterpretationen die von außen vorgegeben sind. Um sein eigentümliches Spiel zu entfalten, um auf die Aktualisierung des ersten Topics zu drängen, spielt jeder Text zwangsläufig bewusst mit den mutmaßlichen Kompetenzen seines Lesers. Durch das seltsame Verhalten der Showmaster und Talkmaster und Mondmänner, oder durch die Stiche Eschers oder die Texte des argentinischen Autors Borges wird uns dies besonders deutlich vorgeführt. Und durch die Art des Scheitern des Postmodernismus. Denn: Wir sind die Fabel in der Fabel. Deswegen meinte Roland Barthes wohl auch man sollte dazu übergehen, überhaupt nur noch Literatur zu unterrichten. Denn in ihr könne man Zugang zu allen Wissensformen gewinnen. Wichtig sei aber nach ihm nicht ein Wissen über die Literatur (in den Literatur-Geschichten) herauszuarbeiten und zu verbreiten, sondern die Literatur als eine Vermittlerin von Wissen darzustellen.
Es ist nützlich zu erfahren wie Wissen Eingang in einen findet, oder in ein Werk. Denn in der Tat lassen sich die Grenzen zwischen den Wissenschaften – zwischen sich und der Welt – unmöglich ewig aufrechterhalten. Es geht nach Barthes um nicht weniger als sich von jeder Art aufgezwungenen Sinn zu befreien. Und hier setzt auch seine tief gehende Beschäftigung an mit dem was er das Neutrum nannte, oder wir die natürliche Atmung. DieBeziehung die Piglia in Respiración artificial mit dem Leser aufbaut entspricht der zwischen zwei Individuen im Roman, Maggi und Renzi. In diesem Sinne schreibt auch Santiago Juan Navarro über den Roman, in seiner Studie über den Leser als Genealogist bei Piglia und DeLillo, er mache den Leser zu einem (wilden) Detektiv, der daran geht die großen Verbrechen der Geschichte zu entziffern.
Das neue Geschichtsverständnis (nicht Geschichtsbild) wäre nach Navarro das einer effektiven Geschichte, wie es etwa in DeLillos Libra oder Piglias Roman in der amerikanischen Literatur zum ersten Mal auftaucht. Dies bedeutet eine Geschichte die auf die Faktizität von Fakten aufmerksam macht und darauf wie bisher Historiker die Geschichte aus ideologischen Positionen heraus geschrieben haben. In diesem Zusammenhang ist das Werk von David C. Korten sehr aufschlussreich, der untersucht wie eine bestimmte Geschichtsauffassung dazu geführt hat, dass wir die Macht an weltweit agierende Firmen abgegeben haben, die gegen unsere Interessen arbeiten. Selbst die Vorstellung von der Vergangenheit ist genauso künstlich wie die von Realität in realistischen Romanen, wie wiederum Keith Jenkins dargestellt hat in seiner Studie Re-thinking History. Nach ihm müssen wir erst einmal sehen lernen wie bislang unsere Geschichte künstlich hergestellt wurde, damit sich die Ritzen öffnen können, durch die die neue all-umfassende Geschichte durchbrechen kann. Denn alle bisherige Geschichtsschreibung war ideologischer Diskurs.
Die Information schließt Erklärungen ein, währen die Erzählung Erklärungen aufschiebt. Der Romancier hat ein verewigendes Gedächtnis, der Erzähler ein kurzweiliges. Nach Walter Benjamin dreht sich der Sinn eines jeden Romans um die Trennung zwischen dem wirklichen Leben und dem Sinn des Lebens. Er meint seit Döblins Roman Berlin Alexanderplatz beginnt sich – durch einen neuen epischen Ton – Roman und Erzählung partiell zu versöhnen. Wie Benjamin und Döblin arbeitet Piglia eine neue Art von Erfahrung heraus: Zwischen Staunen und Schock, hervorgerufen durch das Prinzip von Zitat und Montage. Denn nur ein Staunen kann uns aus der unendlich komplexen geschichtlichen Erfahrung befreien. Ausschlaggebend ist dabei nicht einmal das Medium der Darstellung und nicht bloß die Konkretheit des Bildes oder der Montagengestalt, sondern entscheidend ist, ob die Konstruktion die Lücke zwischen Zeichen und Bezugsgegenstand sichtbar macht, oder diese in einer trügerischen Gesamtheit verschmilzt, anstatt diese in Frage zu stellen. Wenn historische Bezugsfelder einfach übernommen werden und als “natürliche” bezeichnet werden, entsteht die falsche Illusion einer Geschichte, wo es eigentlich nur das Jetzt gibt.
Eine neue Art von Roman-Erzähler ist in der Lage, auf magische Weise Wirklichkeit aus jeweiligen Umständen heraus aufscheinen zu lassen. Nur die Verschränkung verschiedener Formen von Jetzt zählt.
“Wenn es den Menschen gelänge, statt weiterhin in der längt uneigentlichen und sinnlos gewordenen Gestalt der Individualität seine Identität zu suchen, diese Uneigentlichkeit als solche anzunehmen, aus dem eigenen So Sein nicht eine individuelle Identität und Eigenschaft zu machen, sondern eine identitätslose Singularität, eine gemeine völlig ausgestellte Singularität – wenn die Menschen es also vermögen würden, ihrem So-Sein nicht diese oder jene biographische Identität zu geben, sondern einzig das So zu sein, ihre singuläre Äußerlichkeit und ihr Gesicht, dann träte die Menschheit erstmals in eine bedingungslose Gemeinschaft ohne Subjekte ein, in eine Mitteilung, die nichts kennt, was nicht mitteilbar wäre.
Unter den Merkmalen der neuen planetarischen Menschheit jene auszuwählen, die ihr das Überleben erlauben, die feine Scheidewand zu entfernen, die die schlechte mediale Öffentlichkeit von der vollkommenden Äußerlichkeit, die nur sich selbst mitteilt, trennt – das ist der politische Auftrag unserer Generation. (…) Jetzt tritt der Mensch erstmals in eine Epoche, in der er die Erfahrung seines sprachlichen Wesens selber machen kann – nicht eines bestimmten sprachlich vermittelten Inhalts, sondern der Sprache selber, nicht dieser oder jener wahren Aussage, sondern des Umstandes, dass gesprochen wird. (…)
Die beliebige Singularität, die sich die Zugehörigkeit als solche, das In-der-Sprache-Sein selber aneignen will und im Gegenzug auf jede Identität, jede Bedingung von Zugehörigkeit verzichtet, ist der gefährlichste Feind des Staates.”
Der Gaucho Dorda und Franco Brignone sind zwei junge Argentinier, die sich selbst als Freibeuter ohne Gewissen sehen und einander im Jugendgefängnis von Batán kennengelernt haben. Dorda stammt vom Land, wo er früh erfahren musste, was es bedeutet, anders zu sein als die Menschen um ihn herum. Er verfällt dem gut aussehenden Brignone (El Nene), der als Sohn einer bürgerlichen Familie in der Großstadt (Buenos Aires) aufgewachsen ist. Über die körperliche Liebe hinaus, finden sie beide zu einer Art heiliger Geschwisterliebe, in der sie (denkt Dorda) zu einem einzigen Menschen verschmelzen. Es ist die Verbundenheit zweier „Brüder“, die darin dem morbiden Zustand ihrer Zeit zugleich entrückt wie gegenüberstellt werden – jener Epoche des nachperónistisch-nationalistischen Argentiniens der 1960er Jahre, in der Korruption, Drogen und Gewalt allgegenwärtig sind.
Dorda ist Leidtragender einer psychotischen Störung, besitzt homosexuelle Neigungen und kennt das brutale Leben im Gefängnis und in der Psychiatrie von Kind auf. Zusammen mit seinem „Zwilling“ Brignone, der den Weg des Verbrechens bewusst gewählt und sich gegen die bürgerliche Karriere wie die seines Vaters (Geschäftsmann) gestellt hat, erinnern sie an die von der Gesellschaft ausgeschlossenen, misshandelten, sich aber auch selbst hinausmanövrierten Gestalten und Figuren bei Genet.
Der exzessive Konsum von Kokain und Amphetaminen hilft Dorda, die von Brignone ausgehandelten Pläne kaltblütig und von jedwedem moralischen Gewissen losgelöst auszuführen. So auch den Coup gegen den mehrere Millionen Pesos schweren Geldtransporter, der die Gehälter der Stadtangestellten von einer Bank in Buenos Aires ins unweit entfernt liegende Rathaus bringen soll. Gemeinsam mit dem „Raben“ Morales (ein ebenso gewissenloser Desperado wie die „Brüder“), den beiden Organisatoren Malito und Heguilein (Nando) und nicht zuletzt unterstützt und benutzt von einer Entourage aus korrupten Politikern, bestochenen Polizisten, Militärs, Spitzeln und Gelegenheitskriminellen, verüben sie, historischen Ereignissen folgend, am 27. September 1965 jenen brutalen Überfall auf den Geldtransporter der Bank, der mehreren Polizisten, Beamten und unbeteiligten Passanten das Leben kostet. Von den Drogen und dem Erfolg berauscht, fliehen sie anschließend in einem gestohlenen Wagen durch Buenos Aires, wobei sie auf alles und jeden schießen, der ihnen in den Weg kommt.
Nach Wochen eines nervenaufreibenden Versteckspiels mit der argentinischen Polizei, führen die Ermittlungsfortschritte des ebenfalls nicht ganz sauberen Polizeichefs Silva, in das benachbarte Montevideo (Uruguay), wo schließlich der große Countdown in Gang gesetzt wird. Rund um eine unscheinbare Wohnung, die von Junkies und Prostituierten genutzt und schließlich zum Versteck der Gruppe wird, herrschen bald kriegsähnliche Zustände, in denen sich sowohl die Staatsmacht als auch die Bevölkerung einer zu allem entschlossenen Bande gegenübersieht, die, wie der Erzähler des „Berichts“ formuliert, nicht siegen will, sondern alles aufbietet, um nicht zu verlieren.
Brennender Zaster ist ein Roman über die blutige Zeit Argentiniens in den sechziger Jahren, ein Roman über eine deformierte Gesellschaft, in der Opfer und Täter die gleiche Sprache sprechen. Und er erzählt von dem wenigen Trost, den die Menschen in dieser Epoche der Verrohung trotz allem finden oder behaupten wollen. Manchmal scheint es jedoch, als wären selbst Aufrichtigkeit und der Wille zum Guten bereits im System der Gewalt und Gegengewalt verstrickt, gefangen im Netz des Verrats und der Heuchelei.
Brennender Zaster ist als günstiges “WAT”-Taschenbuch in der Reihe “Argentinien bei Wagenbach” erschienen. Aus dem argentinischen Spanisch von Leopold Federmair
IN SAN TELMO, einem Altstadtviertel von Buenos Aires, hatten wir uns verabredet. Wo sonst? Genauer gesagt: im Café Hipopótamo auf der Calle Defensa, gegenüber vom Café Británico, das damals noch existierte. Wir saßen an einem Fenstertisch mit Blick auf den Parque Lezama, rührten den Löffel in der Tasse, rauchten und sprachen über Poesie, Musik, Argentinien, das Land der Verheißung, Kinder, Revolution, Niederlagen und Projekte. Was sonst? Nahtlos führten wir das begonnene Gespräch später im Café Roma in Barcelona weiter oder auch am Ufer der Donau: „nur die immer offene Geste / des Gedichts“.
Transparenz der Stimme
im Wort
der Stille:
was es nicht sagt, ist das, was wir sprechen,
was wir sagen, ist das, was es verschweigt.
Und in der tiefen Nacht dämmert
der Schatten, der in unseren Augen aufblitzt.
Alberto Spzunberg wurde am 28. September 1940 in Buenos Aires geboren, als der dortige Frühling gerade seit einer Woche begonnen hatte. Sein Vater war im ukrainischen Schtetl Berdichev gebürtig und dann schließlich auf der Flucht vor den zaristischen Pogromen über Zitomir, Rowne und Marseille, eigentlich unterwegs Richtung Palästina, letztlich nach Argentinien ausgewandert, ebenso wie sein Großvater zuvor, während seine Mutter, deren jüdische Familie aus dem bessarabischen Kolorash (Călăraşi, heute: Moldawien) geflohen war, schon in Buenos Aires zur Welt kam.
Die unaufhörliche Suche nach dem Gelobten Land, die ethische und politische Dimensionen umfaßt, beseelt die Stimmlagen und Stimmungen vieler seiner Gedichte. Piatock, der Protagonist des Lyrikbandes „Die Piatock-Akademie“, eröffnet die Rede mit einem Satz, der vom Jiddischen ins Spanische transponiert worden ist – (Yo, Piatock, vi muchas cosas en mi vida) – und in der Übersetzung zu seiner Quelle zurückfindet: „Ich, Piatock, ich hob gesén a ßach sachn in majn lebn“. Wie sonst? Manchmal geschehen wunderliche Dinge beim Übersetzen: jenes Satzzitat geht zurück auf einen häufig verwendeten Ausspruch im Haus seiner Eltern, Großeltern und Verwandten, die weiterhin vorzüglich Jiddisch sprachen, auch im nächsten Freundeskreis. Der Satz, der ein Vorspruch zur Mitteilung von freudigen wie auch tragischen Neuigkeiten war, begleitet von einem vagen Lächeln, das schelmisch oder verzweifelt sein konnte, prägte sich tief in die Seele des Sohnes ein, der in Villa Crespo aufwuchs, einem von jüdischen Einwanderern bevorzugten Viertel in der Nähe des Stadtkerns von Buenos Aires. Er besuchte die Schule Colegio Nacional Mariano Moreno, trat 14-jährig dem Kommunistischen Jugendbund bei, schrieb seine ersten Gedichte und studierte nach der Schulzeit Literatur an der Facultad de Filosofía y Letras der Universität Buenos Aires, wo er Jorge Luis Borges kennenlernte, bei dem er Vorlesungen über Englische Literatur hörte. 1962 wurde er wegen vermeintlich prochinesischer Tendenzen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, indes „allein die Schönheit der Gedichte von Tu Fu und Li Po“ sein Interesse an China ausmachten. Sein Erstling „Poemas de la mano mayor“ (Ediciones Gente del Sur, Buenos Aires) erschien in jenem Jahr, dem bereits 1963 sein zweiter Band „Juego limpio“ (Editorial Nueva Expresión, Buenos Aires) folgte, in dem solche Gedichte wie „Die alten Stalinisten“ (S. 16/17) oder „17. Oktober“ (S. 18/19) den ehemaligen Genossen verdeutlichte, daß „mit einem Parteibuch keine Revolution“ herbeiführbar sei. Der engagierte Dichter studierte zudem Klassische Literaturen und Sprachen, begründete die Widerstandsgruppe Brigada Masetti mit, schrieb erste journalistische Kulturbeiträge, unterrichte am Centro de Estudios Lingüísticos der Universität Buenos Aires und wurde Professor für Argentinische Literatur. Gemeinsam mit Juan Gelman, Luisa Futoranski und weiteren Dichtern wie Miguel Ángel Bustos, Roberto Santoro, Oscar Barros und Haroldo Conti, die zu den 30.000 Verschwundenen der späteren Militärdiktatur zählen, Julio Huasi, der dann im Exil Selbstmord beging, und Paco Urondo, der im bewaffneten Widerstandskampf fiel, gehört Alberto Szpunberg ursprünglich zur „Generación del 60“, bei der Leseabende in kulturellen Vereinigungen und Stadtteilclubs zu Vollversammlungen wurden, in denen über Poesie, den Che, Eva Perón und die Revolution debattiert wurde. Sein dritter Band „El che amor“ (Ediciones 62, Buenos Aires) erhielt eine Würdigung der kubanischen Casa de las Américas und wurde 1966 in Havanna veröffentlicht.
Der Militärputsch von General Onganía im Jahr 1966 trieb viele argentinische Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler ins Exil. Das Fest der Poesie begab sich ansonsten in die Katakombenkultur der Hinterzimmer und des Untergrunds. Alberto Szpunberg wurde ebenfalls aus der Universität entlassen und wechselte zum Journalismus über. Er schrieb mehrere Jahre für die Zeitschrift „Panorama“, die damals Tomás Eloy Martínez herausgab, leitete bald die Kulturredaktion, in der auch Miguel Ángel Bustos mitarbeitete. 1973 kehrte Alberto Szpunberg vorübergehend an die Universität zurück, lehrte Argentinische Literatur sowie Medien und Literatur und leitete den Fachbereich Klassische Literaturen und Sprachen, während Francisco ‚Paco‘ Urondo den Fachbereich Moderne Literatur innehatte. Paramilitärische Aktionen zwangen bald dazu, die Universität zu verlassen. Er schloß sich der Widerstandsbewegung Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) an. Bei der Tageszeitung „La Opinión“, herausgegeben von Jacobo Timerman, fand Alberto Szpunberg eine Anstellung und wurde als Nachfolger von Tomás Eloy Martínez, der 1975 ins Exil nach Caracas ging, Leiter der Kulturbeilage. Mit dem Militärputsch vom 24. März 1976 war auch das Ende der Zeitung nur noch eine Frage kurzer Zeit. Sein Artikel über das Verschwinden des Schriftstellers Haroldo Conti und die Festnahme des Redaktionskollegen Enrique Raab, der unter Folter seinen Wohnsitz preisgeben könnte, verbannten ihn in den völligen Untergrund. Jahrzehnte später erfuhr er, daß er damals längst auf einer Todesliste stand und dennoch mit seiner Frau und ersten Tochter ein Jahr in ständig wechselnden Unterschlüpfen bei Freunden und bekannten Mitstreitern, während er Diderots „Jacques, le fataliste“ auf seiner tragbaren Olivetti für den Verleger Manolo Mosquera übersetzte und neuere Gedichte verfaßte, die bei plötzlichen Aufbrüchen verlorengingen, den Staatsterror überlebte, bevor die dreiköpfige Familie am 9. Mai 1977 Argentinien verließ und über Paris ins Exil nach Barcelona gelangte.
1978 erschien in Paris die gemeinsame Anthologie „Il nous reste la mémoire“ mit Gedichten von Juan Gelman, Vicente Zito Lema und Alberto Szpunberg in französischer Übersetzung. In Spanien rekonstruierte er jene verlorenen Gedichte im Band „Su fuego en la tibieza“, für den er 1980 mit dem Lyrikpreis der Universität Alcalá de Henares ausgezeichnet wurde, der im Folgejahr die Veröffentlichung miteinschloß. Darunter befinden sich seine prächtigen Mozart-Briefe (S. 44-51) und der siebenteilige Exil-Zyklus von El Masnou (S. 52-65). Das Preisgeld spendete er an die Madres de Plaza de Mayo. Ein noch wirksamer Erlaß des spanischen Diktators Franco sollte sein Ausweisung beinahe einfordern, aber der Lyrikpreis beschleunigte durch Einbürgerung die spanische Staatsangehörigkeit. Er ging indes für ein Jahr nach Paris, wo er als Redaktionsleiter der Agencia Nueva Nicaragua arbeitete und sich mit Julio Cortázar befreundete. 1982 wurden Gedichte von Alberto Szpunberg und Luis Luchi, der 2000 im Barceloneser Exil starb, von Jorge Sarraute vertont und als Schallplatte mit dem Titel „A medio hacer todavía“ aufgenommen. Er ließ sich wieder in El Masnou bei Barcelona nieder und arbeitet seither für diverse Verlage in Barcelona.
Als 1984 die argentinische Demokratisierungsphase einsetzte, konnte er nach sieben Jahren Exil wieder nach Buenos Aires reisen, wo 1987 sein fünfter Band „Apuntes (1982-1985)“ (Tierra Firme, Buenos Aires) veröffentlicht wurde. Die elf Gedichte des ersten, gleichnamigen Kapitels (S. 66-87) erhielten 1983 eine Ehrenwürdigung der von Octavio Paz herausgebenen Kulturzeitschrift „Plural“ (Mexiko-Stadt). Mehrere Gedichte aus jenem Band vertonte der Bandoneonist César Stroccio und verwandelte sie in Tangostücke, die vom Cuarteto Cedrón auf der Schallplatte „Faubourg sauvage“ (Paris, 1983) eingespielt wurden. Der Gedichtband war schon nach wenigen Monaten in Argentinien vergriffen. Alberto Szpunberg konnte nach langen Jahren der Abwesenheit wieder in seinem Geburtsland gelesen werden. Er nahm u.a. 1980 an einem Jüdischen Schriftstellertreffen in Jerusalem, 1992 am IV Lateinamerikanisch-jüdischen Schriftstellertreffen in Buenos Aires und 2002 am X Internationalen Poesiefestival in Rosario teil. Manche Begegnungen oder Meinungsverschiedenheiten im Verhältnis zum Land der Verheißung und den Landschaften der Wirklichkeit führten zu seinem sechsten Gedichtband „Luces que a lo lejos“, für den er in Frankreich den Internationalen Lyrikpreis Antonio Machado 1993/1994 erhielt. Der Buchtitel ist ein Zitat aus dem berühmten Tango „Volver“ von Carlos Gardel. Die Gedichte kreisen um die wechselnden Perspektiven und Erfahrungen der Rückkehr nach Buenos Aires beziehungsweise Barcelona. Er schrieb für die argentinischen Tageszeitungen „Clarín“ und „Página/12“, gab eine Anthologie mystischer Lyriker aus dem jüdischen, arabischen und christlichen Alt-Spanien heraus und veröffentlichte 1997 seine Werkauswahl „Antología poética“ (Fondo Nacional de las Artes, Buenos Aires). An der Universidad Popular Madres de Plaza de Mayo unterrichtete er 2001 die Jahreskurse „Argentinische Literatur und Politik“ sowie „Annäherung an die Poesie“. In Spanien erschien 2002 sein siebter Lyrikband „La encendida calma“ (Mondadori, Barcelona).
Aus fünf weiteren Gedichtbänden von Alberto Spzunberg sind zudem etliche Textbeispiele in dieser zweisprachigen und chronologischen Werkauswahl vertreten, die einen unverwechselbaren Weg des profunden Betrachtens, der präzisen Hinterfragung, des poetischen Widerstands gegen das Vergessen, der melancholischen Sehnsucht nach Wahrheit und Gerechtigkeit sowie der bisweilen metaphysischen Lauterkeit seiner Poetik umfassend aufzeichnen: „Transparenz der Stimme / im Wort / der Stille: / was es nicht sagt, ist das, was wir sprechen, / was wir sagen, ist das, was es verschweigt.“
In der Zwischenzeit hatte sich ein Bandoneonspieler ins Café gesetzt und seine Musik dargeboten, vor allem ältere Tangos. Der Caféhausbesitzer wollte ihn schon beinahe vor die Tür setzen, doch wir solidarisierten uns mit dem anonymen Kollegen, so daß er noch eine Weile blieb. Als er dann weiterzog, gingen auch wir auf die Straßen von San Telmo.
Alberto Szpunberg gehört zu jenen wesentlichen Dichtern seiner Generation, die über die eigenen weiten sprachlichen Grenzen hinaus in vielen anderen Poesiesprachen zu lesen sind und dort ebenfalls sehr hoch eingeschätzt werden, wenn er einmalig eröffnet: „Jedes Gedicht ist ein Abschied / und ein Gruß.“
Nachwort von Tobias Burghardt
Alberto Szpunberg: Der Wind ist manchmal wie alle – El viento a veces es como todos, Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch, 161 Seiten, 1 Bild, erschienen bei Edition Delta.
Die Edition Delta hat uns freundlicherweise auch von diesem Band ein Exemplar zur Verlosung zur Verfügung gestellt. Wer ander Ausgabe von Der Wind ist manchmal wie alle interessiert ist, schwingt sich bitte rüber zu Edition-Delta.de und schickt mir die Namen von zwei anderen argentinischen Autoren der Edition Delta per Email an redaktion@wilde-leser.de! Die Adresse des Gewinners wird von mir an den Verlag weitergeleitet, der dann den Versand des Buches übernimmt. Viel Glück!
Als ich vor eineinhalb Jahrzehnten die wenigen Kilometer von La Plata nach Berisso fuhr, um mich auf dem Gelände der alten Schlachthöfe und Fleischfabriken umzusehen, konnte ich nicht umhin, an europäische Konzentrationslager zu denken: an Mauthausen, vor allem aber an Claude Lanzmanns geduldigen Film über Auschwitz. Später habe ich mich oft gefragt, ob ich bei dieser Assoziation nicht einem bei Nachkriegskindern verbreiteten Reflex aufgesessen war. Die Dimensionen, die reibungslose Technik, die Abwesenheit… Tiere töten, Menschen töten, das ist nicht dasselbe. Oder? In Berisso kamen zu der Vorstellung der Massentötung – es handelte sich um zwei riesige Anlagen der Firmen Swift und Armour, seinerzeit die größten in ganz Südamerika – noch die stille Verlassenheit und der Verfall der Gebäude, so daß fast zwangsläufig eine Art Geschichtsgefühl aufstieg. In seinem Buch über den argentinischen Rinderkult rechnet Juan José Becerra vor, wie viele Tiere ein noqueador tötet: in einem mittleren Schlachthof etwa tausend pro Tag. „Erfahrene noqueadores schlachten im Durchschnitt im Verlauf eines Jahrzehnts etwa zwei Millionen Tiere, aber tagtäglich löschen sie aus ihrem Bewußtsein und Gedächtnis die wiederholten Szenen des Grauens, damit sie am nächsten Tag mit dem Töten weitermachen können.“
In Berisso sagte man mir, nach dem Ende der großen Fleischfabriken in den siebziger Jahren sei die Produktion dezentralisiert worden, kleinere Einheiten hätten sich als effizienter erwiesen, außerdem hätten sie sich oft in der Nähe von estancias angesiedelt, um die Viehtransportwege kürzer zu halten. Im Stadtgebiet von Buenos Aires gibt es zwar frigoríficos, in Liniers und Mataderos, aber auch hier hat vor langer Zeit ein Niedergang eingesetzt, dem man mit Nostalgie zu begegnen versucht, mit einem Wochenendmarkt vor den Arkaden des alten Verwaltungsgebäudes, wo Kunsthandwerk verkauft und chacarera getanzt wird und Reiter in Gaucho-Tracht Pferderennen abhalten. Nach Folklore stand mir nicht der Sinn, und so war ich froh, als sich die Möglichkeit ergab, eine Fleischfabrik in einem Ort namens San Antonio de Areco zu besuchen, etwa hundert Kilometer von Buenos Aires entfernt. Dort setzt man zwar auch auf Tradition, zum Beispiel mit dem Museum, das den Namen von Ricardo Güiraldes trägt, dem Verfasser des Gaucho-Romans Don Segundo Sombra, aber das tut dem Städtchen nur gut, und der frigorífico am Ortsrand, unweit der alten Eisenbahnstation, steht augenscheinlich, nachdem ihn vor vier Jahren zwei Unternehmer gekauft und vor dem endgültigen Verfall gerettet haben, in seiner schönsten Blüte. Falls man dieses Wort für ein Todeslager der Rinder gebrauchen darf.
Alejandro, der Leiter des Betriebs, weist uns auf den noqueador hin, der in einiger Entfernung am Einlaßtor des Korrals hantiert. Sogar Alejandro, der die Abläufe im frigórifico fest im Griff hat, begegnet ihm mit einer gewissen Scheu. Dabei tötet der noqueador die Tiere gar nicht, er betäubt sie nur, mit einem Apparat, der Schmerz im Normalfall vermeidet. Der Tod tritt erst ein, wenn ein Arbeiter der Kuh die Kehle durchschneidet, worauf das Tier dann zum Ausbluten und Häuten aufgehängt wird. An einem Fadenbündel aus Sehnen und Muskeln dreht sich der blutige Kopf langsam im Kreis, riesige Augenkugeln, die nichts mehr sehen, treten hervor, die Zunge hängt fast bis zum Boden, und aus dem geöffneten Körper quellen schwarze Teile hervor – Innereien, die Leber, denke ich, ja, die Leber ist schwarz. Beim Häuten kommen weiße Schichten zum Vorschein: Fett, sagt Alejandro, diese Tiere hier haben wenig Fett. Am Schlachtvorgang sind viele Personen beteiligt. Vielleicht trägt das Komplizenhafte, die Aufteilung der Arbeit, zur Beruhigung des Gewissens bei. Es gibt hier nicht den Killer, den Bösewicht im unvermeidlichen Drama. Der noqueador steht an der Spitze eines längeren, möglichst effizient gestalteten Prozesses.
Die Rinder, die ich draußen in einer der Koppeln gesehen habe, schöne, braune, kräftige Tiere mit dichtem Haarbüschel zwischen den Ohren und, manchmal, einem weißen Fleck am Kopf, sie sind vor mir zurückgewichen. Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen. Alejandro zufolge haben sie deshalb Angst, weil sie in ihrem Leben auf den riesigen Weideflächen nur wenig mit Menschen in Berührung gekommen sind. Ganz anders als die Kühe im Stall meines Onkels in Oberösterreich, die alle einen Namen trugen und einen individuellen Charakter hatten, auf den die Tante beim Melken und Ausmisten und Füttern Rücksicht nahm. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, daß die Tiere dort in der Koppel den bevorstehenden Tod ahnen.
Die erste argentinische Erzählung, entstanden Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts, spielt auf einem Rinderschlachtgelände und verweist auf diesen Ort schon im Titel: El matadero. Der Autor dieser schrillen, satirischen Geschichte mit realistischen Schock-Effekten ist Esteban Echeverría, der zuvor Gedichte im Geist der europäischen Romantik verfaßt hatte und liberale, aufklärerische Ideen verfocht. Sein matadero, am Stadtrand gelegen, ist ein Hort von Streitlust, Gewalt und Zivilisationsfeindlichkeit. Die Gestalten, die sich dort herumtreiben, sind entweder Föderalisten, also Anhänger des regierenden Despoten und selbsternannten „Restaurators“ Juan Manuel de Rosas, oder vollkommen ungebildete Vertreter des Pöbels, nicht zuletzt Schwarze, die zu Beginn des Jahrhunderts fast ein Drittel der Bevölkerung von Buenos Aires ausmachten. Oft verwendet Echeverría in seinen Schilderungen des barbarischen Treibens das Beiwort „grotesk“; schwer zu sagen, inwieweit er damit seine eigene Darstellungsweise – Verzerren und Übertreiben – reflektiert oder doch eher die erfahrene – groteske, barbarische – Wirklichkeit der Anfänge Argentiniens als unabhängiges Land. Ricardo Piglia unterstreicht den doppelten Ursprung der argentinischen Literatur: hier die Fiktion, die die anderen, die Barbaren in Gestalt von Gauchos, Indios, später auch Einwanderern auftreten läßt; dort die autobiographische Literatur, die ihren ersten Meilenstein im Facundo von Domingo Faustino Sarmiento hat, jenem gelehrten, etwas schwerfälligen Buch, das mit dem Untertitel Zivilisation und Barbarei eine politische Alternative für das Land formuliert, die umzusetzen sich der spätere Staatspräsident Sarmiento bemühte.
Bei Echeverría liest man Szenen der folgenden Art: „Aus einigem Abstand betrachtet war der Schlachthof ein groteskes Gewimmel. Neunundvierzig Kühe lagen da auf ihren Häuten, ungefähr zweihundert Leute wateten in dem mit Blut vermischten Morast. Um jedes einzelnde Rind tummelte sich eine Handvoll menschlicher Gestalten verschiedener Hautfarbe und Rasse. Die auffälligste Gestalt in jeder Gruppe war der Schlächter mit dem Messer in der Hand, Brust und Arme nackt, wirres langes Haar, Hemd und Pumphose und Gesicht blutverschmiert. Hinter ihm drängte sich in wildem Tanz ein Trupp junger Burschen vermengt mit Negerinnen und Mulattinnen, welche die Rinder ausweideten: ihre Häßlichkeit konnte mit den Harpyen der Fabel wetteifern; weiters auch riesige Fleischerhunde, die schnüffelten und knurrten und einander bissen, um ein Beutestück zu erjagen. Auf dem Platz verstreut standen ungefähr fünfzig Karren, die mit kahler schwärzlicher Tierhaut überdacht waren; ein paar Reiter mit gefranstem Poncho und einem Lasso am Stock tänzelten dazwischen oder lehnten sich über den Pferdehals und warfen gleichgültige Blicke auf eine dieser bewegten Gruppen, während weiter oben ein Schwarm weiß-blauer, vom Fleischgeruch aus der Emigration zurückgelockter Möwen flatterte und mit seinem häßlichen Gekrächze die Stimmen und Geräusche des Schlachthofs überdeckten, während sie helle Schatten auf das entsetzliche Schlachtfeld warfen.“ Einzelne Stimmen lassen sich aus dem Wirrwarr vernehmen: „He, Negerhexe, hau ab oder ich zieh dir eins über…“, „da, ein Unitarierlump, wir müssen ihn scheren…“
In dieses Szenario gerät ohne ersichtlichen Grund ein Gebildeter, den der Pöbel für einen hochnäsigen Reichen hält. Er ist Unitarier und verleugnet seine politische Zugehörigkeit nicht, obwohl ihn eine Horde föderalistischer Henker bedrängt. Unter ihnen entsteht eine Diskussion, ob man dem „wilden Unitarier“, so die damals geläufge Bezeichnung, wie den Tieren die Kehle durchschneiden, oder ob man ihn doch lieber in der Verwaltungshütte foltern soll. Die Menge entscheidet sich für letzteres, und der Unitarier erweist sich als prinzipientreuer Mann, der bis zuletzt seine herausfordernde Haltung nicht aufgeben will. Den Kampf zwischen den politischen Parteien stellt Echeverría als rohe Komödie dar, in welcher der Einzelgänger zwangsläufig unterliegt. Es macht staunen, mit welch ungebremster Verve der Autor hier Gut und Böse aufeinanderprallen läßt. Die stramme humanitäre Überzeugtheit seines Helden erweist sich hinter Echeverrías Rücken als ein Aspekt primitiver, blutrünstiger Zeiten. Es ist, als würde der junge Unitarier mit Lust zur Folter- und Schlachtbank schreiten. Die Moral der Geschichte lautet: „Damals waren die Henker des Schlachthofs die Apostel, die mit Rute und Dolch die Föderation des Restaurators verbreiteten, und man kann sich leicht vorstellen, welche Art von Föderation ihren Köpfen und Messern entsprang. In der Sprache, die Rosas, der Anführer der ganzen Bande, erfunden hatte, bezeichneten sie jeden, der kein Schlächter, Fleischer, Dieb oder Wilder war, als ‚wilden Unitarier‘; jeden anständigen und aufrichtigen Menschen, jeden gebildeten Patrioten, jeden Freund von Freiheit und Erziehung beschimpften sie so; und aus dem zuvor Geschilderten kann man klar ersehen, daß der Herd dieser Föderation nichts anderes als der Schlachthof war.“
Auf unseren Seiten finden Sie (wenn wir uns nicht, wie gerade jetzt im argentinischen Monat, mit der lateinamerikanischen Literatur im Ganzen beschäftigen) Informationen zu Leben, Werk und Wirkung des chilenischen Autors Roberto Bolaño. Wir sind ein bunter Zusammenschluss von Journalisten, Schriftstellern, Lehrern, Bibliothekaren, Übersetzern und Buchhändlern. In der Anlage vielleicht vergleichbar mit dem Arno Schmidt Dechiffrier Syndikat, spüren wir den versteckten intertextuellen Referenzen, verschleierten Motiven und undurchsichtigen Zusammenhängen der Romane, Erzählungen und Gedichte Bolaños nach. Mehr...