Fiktion und Falschgeld Zu César Airas “Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo” Es ist Zahltag und Dienstschluss für den 50jährigen „drittrangigen Schreiber“ Varamo, der in einem Ministerium der Stadt Colón seine unbedeutende Arbeit verrichtet, die an der karibischen Seite des neu gebauten Panamakanales liegt. Wir befinden uns mit dieser Figur im Jahr 1923. Dem Staatsdiener wird zu seinem großen Entsetzen [...]
Erzählen verdichtet, es verdichtet nicht nur die Zeit. In „Amuleto“ die wenigen oder vielen Tage auf einer Toilette in Mexikos Hauptstadt, im „Chilenischen Nachtstück“ eine Todesnacht. Das Wort „Dichten“ bekommt seine doppelte Bedeutung, auch wenn dieser deutsche Begriff etymologisch mhd. „tithen“, lateinisch „dictare“ eher allgemein das Verfassen von Schrifttum meint. Ein Autor verdichtet seine Erinnerungen sowohl thematisch als auch in [...]
Hier im „Nocturno de Chile“, dem Abgesang des Icherzählers Lacroix, haben wir es mit einer ganzen Aneinanderreihung von Geschichten innerhalb des kurzen Romans zu tun. Die fiktive oder womöglich auch real stattgefundene Begegnung der Schriftsteller Salvador Reyes und Ernst Jüngers mit einem guatemaltekischen Maler 1939 in Paris, der Geschichte des Schuhfabrikanten in der K. u. K.- Monarchie mit seinem Heldenfriedhof [...]
Welches Kapitel hat Dir am besten gefallen? Alle. Drei. 8 und 14. Welche Figur ist Dir Nahe gegangen? “Der kranke Junge” S. 83ff Wie ist Auxilio Lacouture nun – rückblickend – wieder in den DWD-Komplex einzuordnen? Ein Vergleich beider Stellen und mögliche Unterschiede fände ich spannend, habe ich aber noch nicht gemacht. RB hätte aus jedem Zeugenbericht einen Roman machen [...]
Nachdem Auxilio von den Bergen Zarathustras herabgestiegen ist, ohne verrückt zu werden, und sich nicht in das „Bettelweib von Locarno“ verwandelt hat, denkt sie wieder an Arturito Belano (der jugendliche Bolaño selbst) und daran, dass er Ulises Lima (Mario Santiago Papasquiaro) kennenlernte. Arturito hielt sich für Dante, ja Vergil selbst. Auffällig ist hier der Bezug zu „DwD“, weil sowohl seine [...]
Seelenwanderungen der Zukunft 1973: Auxilio sieht ihre Zukunft, in der sie von einer Art Schlafkrankheit befallen wird, denn in ihrer „Seele hatte sich eine große Zerbrechlichkeit eingenistet.“ Sie ist gerührt, als Arturito sie weckt. Mit den Griechen hat sie abgeschlossen. Dann hört sie eine innere Stimme von ihrem Schutzengel, der von ihr Prophezeiungen über die Zukunft der Schriftsteller und Künstler [...]
Also weiter in diesem erzählten inneren Monolog einer Frau auf der Toilette. Auxilio steigt in die griechische Mythologie herab, in der ich kein Experte bin: Homers Mörderpfuhl und Schatzkiste Sigmund Freuds. Sie besucht den Maler Carlos Coffeen Serpas, ein attraktives Müttersöhnchen Lilians? Er scheint mal mordender Orest und dann fast wieder zu bemitleidender, inzestuöser Liebhaber und Vergewaltiger zu sein. Erigone, [...]
Nun ist es doch kein dritter Mann, sondern eine Frau, die das Haus von Remedios Varo verlässt: Lilian Serpas, Schriftstellerin und Journalistin. Ich lese nur kapitelweise. Auxilio träumt also weiter von nur gedachten Begegnungen mit in Mexiko lebenden Künstlerinnen. Bolaño vermischt biographische Einzelheiten aus dem Leben Serpas mit den Vorstellungen Auxilios und wohl auch mit den eigenen. Es ist das [...]
In ihren Fieberträumen halluziniert Auxilio von einem fiktiven Besuch bei der in Spanien gebürtigen und in Mexiko lebenden surrealistischen Malerin Remedios Varo, die bereits 1963 im Alter von 55 Jahren gestorben ist (vgl. die ebenfalls imaginierten unmöglichen Dichterbegegnungen in Kap. 7). Die drei Zigaretten in einem Aschenbecher sollen absurderweise darauf hinweisen, dass außer Auxilio und Remedios noch eine dritte Person [...]
Bolaño beginnt zunächst in surrealistischer Manier die Avenida Guerrero mit einem im Kreis fließenden Styx zu vergleichen, um dann die Geschichte der Befreiung eines Homosexuellen aus dem sadistischen Zuhältermilieu zu beschreiben. Sie erinnert mich stark an eine ähnliche Szene aus „Pulp Fiction“ (1994) von Quentin Tarantino, in der das Messer Arturos zum Baseballschläger von Bruce Willis wird. Bolaño lässt diese [...]
Kinder der Kloake und ein Stricherkönig Bolaño erzählt von seiner Rückkehr aus Chile nach dem Putsch Pinochets. Er erzählt von der Legendenbildung, die mehr von anderen um seine Inhaftierung gesponnen wurde. Er erzählt von der Freundschaft, vor allem der mit seinem homosexuellen Freund Ernesto San Epifánio. Er sieht sich nach der Erfahrung in Chile als ein Anderer, mehr als einen [...]
Mein erster Eindruck war: hier schreibt Bolaño seine ganz eigene Sicht der lateinamerikanischen Literaturgeschichte, ordnet sich selbst als junger Autor der viszeralrealistischen Generation ironisch in den Gesamtzusammenhang der Rebellion gegen die als „Macondo-Generation“ zu bezeichnenden Schriftsteller ein. Marquez, auf dessen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ dieser Begriff zurückgeht, Pacheco, Huerta, Paz, alles Schriftsteller einer Vätergeneration, denen nicht nur die Idealisierung eines [...]









