Ich hatte ja schon angekündigt, noch ein wenig zum letzten Satz des Buches zu sagen, genauer zum letzen Wort: “mierda”. Dieses Wort aus dem Mund eines Priesters ist an sich schon erstaunlich; wenn man bedenkt, dass es vermutlich auch noch das letzte Wort dieses Geistlichen ist, bekommt diese Äußerung etwas Skandalöses. Wo andere sich auf dem Sterbebett in letzter Minute [...]
Erzählen verdichtet, es verdichtet nicht nur die Zeit. In „Amuleto“ die wenigen oder vielen Tage auf einer Toilette in Mexikos Hauptstadt, im „Chilenischen Nachtstück“ eine Todesnacht. Das Wort „Dichten“ bekommt seine doppelte Bedeutung, auch wenn dieser deutsche Begriff etymologisch mhd. „tithen“, lateinisch „dictare“ eher allgemein das Verfassen von Schrifttum meint. Ein Autor verdichtet seine Erinnerungen sowohl thematisch als auch in [...]
Auf dem Bild der Erinnerung herrscht Halbschatten Zuerst einmal zur Deklaration. Ich finde es ein bisschen bedauerlich, dass die deutschen Verlage nur noch Romane zu kennen scheinen, selbst dann, wenn es ganz offensichtlich keine sind. „Chilenisches Nachtstück“ ist nach meinem Dafürhalten eine Novelle. Das ist ein beliebter Topos, den Roberto Bolaño hier bemüht: ein Mensch hält Rückschau auf sein Leben. [...]
Wie schon von Herbert Fraunhoffer bemerkt, ist die Bedeutung der beiden Auftraggeber Hass und Furcht durchaus schwierig zu entschlüsseln. Letztlich scheinen sie mir einfach als symbolische Ankündigungen der sich innenpolitisch zunehmend aufladenden Situation in Chile,vor allem nach der Regierungsübernahme durch Allende und die Unidad Popular, die nach Urrutias Rückkehr erfolgt. Der Verdrängungs- und Fluchtversuch in dieser Situation, wie ja schon [...]
Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass nichts stimmt von dem, was Urrutia in seiner letzten Nacht erzählt. Warum erzählt er es dann? In Abwandlung des berühmten Satzes von Wittgenstein könnte man sagen: Wenn man über etwas nicht sprechen kann, muss man über etwas anderes sprechen. Neurodermitiker wissen: man kann das Kratzen nicht völlig unterlassen, aber man kann dort [...]
Man gewöhnt sich an allem* Mit der Zeit lässt die Wachsamkeit nach: Mit dieser Erkenntnis erklärt sich Urrutia, wie es dazu kommen konnte, dass einer der Gäste im Keller des Hause von Maria Canales einen gefolterten Gefangenen entdeckt. Und auch jeder Schrecken verliert mit der Routine an Macht. Das Problem mit diesen beiden Weisheiten: Sie widersprechen einander. Denn umso größer [...]
Sebastian und Sebastian Im Haus von Maria Canales trifft Urrutia deren Sohn, der wie er selbst Sebastian heißt. Allein dieser Umstand ist Grund genug, dass er dem Jungen eine gewisse Aufmerksamkeit entgegenbringt. Als er das Kind im Gesicht berührt, spürt er dessen Kälte, und ihm kommen fast die Tränen. An einem anderen Abend taucht der kleine Sebastian genau in dem [...]
Die Falken, die Urrutia Lacroix bei seiner Suche nach dem Gegenmittel für die Taubenplage chilenischer Kirchen sieht, haben alle einen Namen. Diese Namen wirken aneinandergereiht auf den ersten Blick ziemlich wirr und willkürlich. Dennoch hat sich in mir der Gedanke an einen Zusammenhang erhärtet, so daß ich mich auf die (Google)-Suche machte. Turco, Otello, Xenophon, Halt´s Maul, Rodrigo, Ronnie und [...]
Der Grünschnabel auf allen Vieren Da ist er wieder: Während er sich an die Zeit der Ausgangssperre unter Pinochet erinnert, sieht Urrutia plötzlich den vergreisten Grünschnabel wieder. Er sieht ihn nicht wirklich, nur vor seinem inneren Auge, aber auch dieser innere Anblick bleibt unklar: Ist es eine Erinnerung, ein Traum, eine Vision, eine bloße Vorstellung? Jedenfalls kauert der Grünschnabel auf [...]
Was Sie schon immer über General Pinochet wissen wollten… …aber Bruder Urrutia nicht zu fragen wagten: Wer hätte das gedacht – ausgerechnet der Anführer des chilenischen Militärputsches entpupt sich als homme de lettres! Die Geschichtsbücher müssen nach dieser Enthüllung Urrutias neu geschrieben werden. Denn nicht die vermeintlichen Intellektuellen in der lateinamerikanischen Politik sind es, die Bücher lesen und schreiben, sondern [...]
Verbotenes Wissen Erneut bekommt Urrutia Besuch von Furcht und Hass. Die beiden nehmen ihn ziemlich in die Mangel; sehr schnell hat er den Eindruck, dass es bei ihren Fragen keine richtigen Antworten gibt. Nach einigem Lavieren kommt schließlich heraus, dass ihre Fragen zu seinen Marxismuskenntnissen darauf abzielen, dass sie einen Privatlehrer für Pinochet und seine Vertrauten suchen. Eine Aufgabe, die [...]
Die beiden Herren, die Urrutia nach Europa schicken, tragen zwei seltsame Namen: Odeim und Oido – das sind die spanischen Worte für Furcht und Hass rückwärts geschrieben. Das erklärt vielleicht das ungute Gefühl, dass Urrutia in ihrer Gegenwart stets befällt, oder auch schon beim bloßen Gedanken an sie. Aber wie verhält sich dieses Gefühl zu der Mission, mit der sie [...]









