Nocturno de Chile

Hier im „Nocturno de Chile“, dem Abgesang des Icherzählers Lacroix, haben wir es mit einer ganzen Aneinanderreihung von Geschichten innerhalb des kurzen Romans zu tun. Die fiktive oder womöglich auch real stattgefundene Begegnung der Schriftsteller Salvador Reyes und Ernst Jüngers  mit einem guatemaltekischen Maler 1939 in Paris, der Geschichte des Schuhfabrikanten in der K. u. K.- Monarchie mit seinem Heldenfriedhof bis zum 2. Weltkrieg, später die Europareise Lacroixs zu seinen Kollegen, die symbolträchtig Tauben von Falken jagen lassen, und zum Schluss die Geschichte des Salons einer chilenischen Möchtegern-Schriftstellerin, deren Gatte im Keller politische Gefangene foltert. Ich hatte erzähltechnisch beim ersten Lesen das Problem eines gewissen Orientierungsverlustes. Meine einfache Frage an mich selbst hieß: Wer erzählt mir das jetzt eigentlich? Roberto Bolaño lässt seine Figur Lacroix in einem inneren Monolog von einem Abend erzählen, an dem  wiederum zwei Figuren des Romans, Reyes und Farewell Geschichten erzählen, in denen dann wiederum Ernst Jünger erzählt, wenn das nicht schöne Verschachtelungstaktik à la Borges ist. Spaß machte mir die Lektüre nur dadurch, dass ich es wie eine parodistische, sarkastische, karikaturistische Enthüllung las. Was enthüllt Bolaño z. B. mit der Binnenerzählung über Ernst Jünger? Der Diplomatenschriftsteller Reyes und der Offiziersschriftsteller und Kriegsheld Jünger führen eine Art Schmierentheater mit einem mittellosen Maler auf, der abgemagert fast den jüdischen KZ-Insassen gleicht und beide bemerken überhaupt nicht, in welcher diktatorischen, faschistischen Holocaustwelt sie eigentlich leben. Genauso erschütternd ist das Ende des Schuhfabrikanten, den Soldaten als einzigen toten “Helden” der erhabenen Idee des Heldentums im Krieg vorfinden. Was ist für mich die Aussage? Großartige literarische, künstlerische Ausführungen täuschen nicht über das Wegschauen als Kollaboration hinweg. Kriegshelden gibt es nicht und die schönsten, idealistisch gemeinten Ideen, der Schuhfabrikant kam mir ein bisschen wie aus der Welt der Parallelaktion in Musils M. o. E. vor, landen auf dem Scheiterhaufen der Geschichte. Wenn Bolaño nun so mit Perücke erzählt und der Leser sich fragt, wer spricht? Ist das genial gewollt oder eine Schwäche? Oft konnte ich einfach nicht anders als das Gewissen Lacroixs, den „vergreisten Grünschnabel“  auch mit Bolaño gleichzusetzen. Dann wird es noch problematischer. Darf Bolaño gleichzeitig selbst das Gewissen eines seiner Figuren sein?

9 Responses to “Nocturno de Chile”

  1. Günter Landsberger

    Auch wenn RB sich der Sache nach an den Ernst-Jünger-Satz “Der Bericht über eine widrige Sache wirkt stärker ohne moralischen Kommentar.” (EJ, “70 verweht”, Bd. II, S.428) zu halten scheint, insofern er auch hier die Kunst des Indirekten bevorzugt: seine Entlavung des einseitigen Ästhetizismus und Technizismus wie deren gelegentlicher, geradezu syndromhafter Patriotismus-, ja Faschismusnähe ist für mich ganz offenkundig. Feiert nicht Urrutia Lacroix in visionärer Vorwegnahme eines eigenen Gedichtes in Zusammenhang mit Ernst Jünger sehr überschwänglich – und blind – und merkwürdig verquer – “den Gesang zum Lobe Gottes und der Zivilisation” (S.52)? Und ist nicht Salvador Reyes alles andere als uneitel, wenn er stolzerfüllt aus egoistischen wie vaterländischen Gründen so viel auf Jünger hält? (vgl. S.51 “Von keinem anderen Chilenen, außer Salvador Reyes, ist in Jüngers Erinnerungen die Rede.” / Ob dies stimmt, ob Salvador Reyes überhaupt und wirklich in Jüngers Erinnerungen und Kriegstagebüchern vorkommt, habe ich noch nicht nachgeprüft, da es ohnehin mehr auf die im Roman erfolgte, recht sprechende Akzentuierung ankommt.)

  2. Günter Landsberger

    @ Dietmar Hillebrandt
    Wer und was ist damit genau gemeint? “Großartige literarische, künstlerische Ausführungen täuschen nicht über das Wegschauen als Kollaboration hinweg.”

    Wer macht hier großartige literarische, künstlerische Ausführungen? RB selber oder eine seiner Figuren?

  3. Dietmar Hillebrandt

    Ich meinte den chilenischen Schriftsteller Reyes und den deutschen Schriftsteller Jünger, die auf S. 47“über alles und jedes, über das Menschliche und das Göttliche, über Krieg und Frieden, die italienische und die nordische Malerei, die Quelle und die Wirkung des Bösen, so häufig von den Launen des Zufalls geleitet, über chilenische Flora und Fauna” sprechen und “manche Tasse Tee” trinken, während in den Straßen von Paris die jüdische Bevölkerung mit gelben Judensternen herumläuft. Darin steckt der Vorwurf an die chilenische und deutsche intellektuelle Intelligenz, an der Besetzung Paris durch die Nazis mit Schuld zu sein. Sie sind durch ihr kollaborierendes Schweigen auch “die Quelle des Bösen”. Lacroix sieht dies alles natürlich aus der Perspektive des religiös erhabenen Geistigen. Jünger als einen Helden des Ersten Weltkrieges, der den chilenischen Schriftsteller allein schon durch die Begegnung adelt. Ich glaube Bolaño empfand Geringschätzung gegenüber den Schriftstellern, die als Botschafter zum Staatsdienst mutierten. Beispiele dafür wären neben Reyes als chilenischer Botschafter in Paris auch sein Nachfolger Pablo Neruda unter Allende oder Octavio Paz als mexikanischer Botschafter in Indien. Die Vereinnahmung
    durch die Politik mag er als Verrat an der Literatur betrachtet haben, so als ob ein Schriftsteller als Politiker nicht mehr frei wäre, egal unter welchen Regierungen auch immer. Gerade deshalb war er selbst aber alles andere als ein unpolitischer Schriftsteller.

  4. Günter Landsberger

    @ Dietmar Hillebrandt
    Vielen Dank für die für mich jetzt unmissverständliche Verdeutlichung. Wobei Sie sicher mit mir darin übereinstimmen werden, dass die damalige deutsche Intelligenz von Rang nicht so einfach mit Ernst Jünger zu verwechseln ist. Wo anders als im Exil war sie damals zu finden? Auch in Frankreich. Wenn auch unter gerade auch da zumeist sehr schlimmen, bedrängten Umständen. Nehmen wir den heute leider kaum noch bekannten Schriftsteller Walter Mehring, den Autor u. a. von “Die Bibliothek meines Vaters / Autobiographie einer Kultur”, als ein – wie ich meine – bedeutendes Beispiel für viele:

    http://www.in-sel.com/noroadback/htm/mehring.htm

  5. Günter Landsberger

    Auf einen anderen möglichen, ja wahrscheinlichen Zusammenhang werden wir über den folgenden Link
    http://garciamadero.blogspot.com/2010/05/nocturno-de-chile-de-roberto-bolano.html
    aufmerksam. Hier wird Hermann Brochs Roman “Der Tod des Vergil” als wichtiger Bezugstext für das “Chilenische Nachtstück” herausgestellt. Wer das überprüfen möchte, Brochs Roman selber aber noch nicht kennt, sei z. B. verwiesen an Kindlers Literatur Lexikon, Bd. 21, München Zürich 1974, S.9418 – S.9420. Auf Seite 9418 liest man da u. a. folgende Sätze: “Parallelen zwischen Vergils Zeit und der Gegenwart schienen offenkundig: “Bürgertum, Diktatur und ein Absterben der alten religiösen Formen.” Brochs Roman erkundet die Situation des Dichters in einer spätzeitlichen Gesellschaft, fragt nach dessen Aufgabe und Legitimität, spricht endlich dem Ästhetischen alles Daseinsrecht ab, da es vor einer Welt nicht bestehen könne, die tätige Hilfe und keine Gedichte brauche.
    Dichtung begriffen als Ablenkung von den eigentlichen Problemen – dieses Verdikt wird dem Roman zum Thema.”

    Und etwas später heißt es – und fast ist es so, als hätten wir damit auch ein Vorbild bzw. ein Gegenstück zum “vergreisten Grünschnabel” bei RB gefunden -:
    “Sogar im Wachsein dringen Träume in Vergils Bewußtsein. “Hingehalten in die Zeit” fließen Erinnerungen, Gegenwärtiges und historisch Künftiges ineinander.” (…) “Der seltsam unirdische, nur Vergil sichtbare Knabe Lysanias (der Leidenlösende) huscht als “Jugendbildnis” des Dichters durch den realen Raum.”

  6. Der Buecherblogger

    Die Parallele scheint mir auch offensichtlich. Mit Hermann Brochs eigenen Worten:
    “Das Buch schildert die letzten achtzehn Stunden des sterbenden Vergil, beginnend mit seiner Ankunft im Hafen von Brundisium bis zu seinem Tod am darauffolgenden Nachmittag im Palast des Augustus. Obwohl in der dritten Person dargestellt, ist es ein innerer Monolog des Dichters. Es ist daher vor allem eine Auseinandersetzung mit seinem Leben, mit der moralischen Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieses Lebens, mit der Berechtigung und Nichtberechtigung der dichterischen Arbeit, der dieses Leben geweiht war.”
    Und weiter in seinem Kommentar “Erzählung zum Tode”:
    “In den Träumen und Fieberphantasien des Kranken taucht bruchstückweise sein ganzes Leben auf…”
    Er bezeichnet seinen Roman als
    “Lyrischen Kommentar, der das Irreale vom Realen her begreift und wiederum das Reale ins Irreale auflöst, und aus dieser Einheit von Realität und Irrealität besteht jegliches Kunstwerk, nicht zuletzt auch das Vergilsche, denn das Absolute, nach dem das Kunstwerk fahndet, um darin das Ethische zu begründen – die Hauptaufgabe Vergils! [Bolaños! -:)] – ist nicht im Realen, sondern im Irrealen beheimatet.”
    Außer dem Unterschied, in der dritten Person geschrieben zu sein, Joyce und Bolaño bevorzugen die Ich-Form des inneren Monologes, scheint mir aber der gewählte Protagonist den größten Unterschied auszumachen. Und das macht den kurzen Roman Bolaños auch umso schwieriger. Während bei Broch ein großer Dichter um Erkenntnis ringt, scheint sich bei Bolaño dieser priesterlich literaturkritische Verdrängungskünstler nur in Selbstrechtfertigungsversuchen zu ergehen. Der sehr pathetische Stil, auch sprachlich bei Broch, hat mich vor langer Zeit seinen Roman aus der Hand legen lassen. Joseph Czapski fand bei jeder Lektüre Prousts immer etwas Neues, so ergeht es wohl vielen Lesern bei der Lektüre großer Schriftsteller.

  7. Günter Landsberger

    Zur Beantwortung der Frage “Wozu Kunst in der modernen Welt?” wird man in Brochs “Der Tod des Vergil” wohl vor allem das Gespräch zwischen Vergil und dem Kaiser Augustus heranziehen müssen, das auch isoliert gelesen werden kann. –
    Von der bei Bolaño bevorzugten Ich-Erzählform her wäre es wahrscheinlich interessant, die beiden Kurzromane “Amuleto” (weibliche Ich-Erzählerin) und “Chilenisches Nachtstück”
    (männlicher, latent homosexueller Ich-Erzähler) miteinander zu vergleichen.
    Dass in beiden Prosawerken jeweils ein großes Gemälde im Erzählzusammenhang eine bedeutende Rolle spielt, ist ohnehin recht auffällig; aber auch genauer zu ermitteln, wie verschieden zeitbedingt ähnliche Konstellationen bei einer Zusammenschau von Literatur und Politik in beiden Romanen angesiedelt sind, dürfte ebenfalls recht interessant sein.

  8. Der Buecherblogger

    Nur als auch noch so kleine Parallele zwischen diesen beiden Kurzromanen wäre zu erwähnen, dass die beiden Protagonisten, weiblich wie männlich, französische Nachnamen tragen: Lacouture und Lacroix. Bei der Übersetzung habe ich Assoziationen wie “Die Umhüllte” und “Der Bekreuzte”, naja…

  9. Günter Landsberger

    Nicht nur der letzte Nachname des Ich-Erzählers “Lacroix” (frz. la croix = das Kreuz) führt mich weltliterarisch auf eine weitere, wie ich finde, sehr heiße Spur.
    Verschiedentlich wurde hier schon RBs novellistischer Romantext “Chilenisches Nachtstück” als eine Art Beichte (ohne jede Reue und Bußbereitschaft und mit einem nur schemenhaft fraglichen Beichtvater à la “Vergreister Grünschnabel”) verstanden.
    Die berühmteste und eindringlichste Beichte innerhalb eines Romans ist nun mit Sicherheit die im Kapitel “Bei Tichon” in F. M. Dostojewskijs Roman “Böse Geister” (Dämonen; Teufel) sich findende: Hier beichtet Nikolai Wsewolodowitsch Stawrogin (von gr. “stavros” / “stauros” = Kreuz abgeleiteter Name!) dem in klösterlicher Zurückgezogenheit lebenden, in den Ruhestand versetzten “Bischof Tichon”, zu dem er in einer bestimmten Situation überraschend geht. Seine “Beichte” bzw. seine Erzählung mit Beichtcharakter hat er – natürlich in der zu erwartenden Ich-Form – bereits schriftlich festgehalten und gibt sie Tichon zum sofortigen Lesen, während er selber dabei weiter zugegen bleibt. Diese Beichte, und mit ihr zusammen drei enger zu ihr gehörende Kapitel, durften im 19. Jh. und lange Zeit danach in Russland nicht gedruckt werden. Warum vor allem nicht? Weil hier im Kern der unentdeckte Missbrauch eines Kindes durch Stawrogin eingestanden wird und weil dies in einem befremdenden Tonfall gleichsam in bohrender Offenheit erzählt wird?
    Ich hätte jetzt nach der Lektüre des “Nachtstücks” Lust, Stawrogins unheimliche Beichte noch einmal zu lesen und beide Beichten im Detail miteinander zu vergleichen. Einiges Gemeinsame und Unterschiedliche lässt sich indessen schon jetzt bemerken. Stawrogin, der von all diesen erinnerten Vorgängen völlig undemütig erzählt, hat sich in der Vergangenheit an einem Kinde vergangen, in der Wohnung von Leuten, bei denen er zur Miete wohnte (oder zu Gast war) und die ihm vertraut hatten.
    Während Stawrogin nicht zuletzt auch wegen der psychischen Qual, die er dem ihm anvertrauten Kinde bereitet hat, tatsächlich schuldig geworden ist, also wirklich etwas zu beichten hat, ist es bei Urrutia Lacroix zumindest im erotisch-sexuellen Bereich allenfalls zu “Gedankensünden” gekommen: ob nun als williges Sexualobjekt Farewells, einer Verlockung, vor der er sich in die Sublimierung und andere Ersatzhandlungen rettete, oder aber ob nun als sich zu einem kleinen Kinde mit Gefühlsmacht hingezogen Fühlender. Wirklich zu beichten hätte er etwas anderes, nämlich die Auswirkungen seiner unglücklichen Sexualität auf sein gesamtes literarisch-priesterliches-politisches Leben und ihr Verquollensein mit den jeweiligen, alle angehenden Verhältnissen. Dem Bischof Tichon kann Stawrogin übrigens von vornherein nichts vormachen. Dieser konfrontiert ihn im Gesprächszusammenhang mit einer dem letzten Buch der Bibel (der Apokalypse, der Offenbarung des Johannes) entnommenen Textstelle, durch die sich Stawrogin psychologisch erkannt, durchschaut betrachten kann, sofern diese ganz allgemein die für ihn selber so typische, gedanklich-moralische (theoretische und praktische) Indifferenz und Lauheit herausstellt. “Und dem Engel der Gemeinde von Laodicea schreibe: “Das sagt Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes: Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß …” (F.a.M. 2000, S.567f.)

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