Antonio Porchia – Stimmen

Von Juana und Tobias Burghardt

Ein Leben, eine Zeit, ein Ort oder andere, eine Sprache und ein Mensch – aus diesen fünf Elementen besteht das Gesamtwerk von Antonio Porchia. Er wurde 1885 in Kalabrien geboren, emigrierte als Jugendlicher nach Argentinien und lebte bis zu seinem Tod am 9. November 1968 in Buenos Aires. Er arbeitete erst als Hafenarbeiter, dann als Druckereigehilfe und schrieb insgeheim seine faszinierenden “Stimmen”. Jetzt liegt die weltweit erste vollständige Ausgabe in chronologischer Reihenfolge vor. Die Übersetzung entstand aus innerer Notwendigkeit; gut ein Jahrzehnt hat es gebraucht, seinen Namen und seine gesammelten „Stimmen“ für die deutsche Sprache zu entdecken und weithin bekannt zu machen. Einige Stimmen daraus wurden inzwischen in viele Sprachen der fünf Kontinente übersetzt.

Welche nachhaltige und richtungweisende Wirkung Antonio Porchia auf den argentinischen Lyriker Roberto Juarroz (1925-1995) und sein poetisches Werkschaffen der invertierten Vertikalität hatte, ist aus seinem Essay „Antonio Porchia oder Die wiedergewonnene Tiefe“ ersichtlich, in dem es heißt: „Habe ich von Porchia gesprochen oder über mich? Ich glaube, daß der Abgrund und die Tiefe diese Unterscheidung nicht zulassen. Ich habe allein gesprochen, weil mich, wie Porchia sagt, besiegt hat, was ich gesagt habe.“ Für die Erhaltung, Pflege und Verbreitung des Werkes von Antonio Porchia engagierte er sich gemeinsam mit seiner Frau, der Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Laura Cerrato, die nach jahrelangen Recherchen den Band „Verlassene Stimmen“ mit knapp über 500 nahezu verschollenen Stimmen zugänglich machte. Juarroz widmete ihm zudem mehrfach Gedichte.

Alejandra Pizarnik (1936-1972), die argentinische Lyrikerin und bedeutendste jüdische Dichterin der Kontinente übergreifenden spanischen Sprache der klassischen Moderne, die jetzt auch hier entdeckt wird, lernte Antonio Porchia und seine „Stimmen“ in Buenos Aires kennen, bevor sie Anfang der 60er Jahre längere Zeit nach Frankreich ging. Von Paris aus schrieb die tragische Poetin am 22. Februar 1963 einen bewegenden Brief an Antonio Porchia, in dem sie vom intensiven Einfluß seines Werkes auf ihr Innenleben und Schaffen berichtet und mit identitätsstiftenden Dokumenten vergleicht, die man stets bei sich trägt: „Ihr Buch ist das alleingängerischste, das abgrundtief einsamste Buch, das auf dieser Welt geschrieben wurde.“ Später schrieb sie ihm einem weiteren Brief, in dem sie vom stillen Echo „wie aus erinnerungslosen Tagen, als ob es von unseren Ursprüngen erzählen würde, vom Tiefsten im Leben“, spricht, das die Lektüre seines Buches in ihr auslöste.

In einer französischen Ausgabe der „Stimmen“ befindet sich ein Manuskript von Jorge Luis Borges (1899-1986). In den 50er und 60er Jahren wurden beide Namen in Paris in einem Atemzug genannt, wenn es um neue argentinische Poesie ging: Borges und Porchia. Die Rezeptionsgeschichte weist in Mitteleuropa regelmäßig ein retardierendes Moment im Vergleich zu Frankreich auf, weshalb die hiesige Wahrnehmung der argentinischen und lateinamerikanischen Poesie nur allmählich differenzierter und authentischer stattfinden kann. Das Manuskript stammt vom September 1978, gut 10 Jahre nach dem Ableben von Porchia, und wurde als Vorwort veröffentlicht. Das spanische Original wurde bisher nicht in die verschiedenen Borges-Gesamtwerken aufgenommen. Um diese Versäumnisse nicht zu einem gänzlichen Verlust eines weiteren und wichtigen literarischen Dokuments über „fast geheime Meisterwerke“ der Poesiegeschichte werden zu lassen, mag das geduldsame Vergessen „sehr wohl eine profunde Form des Erinnerns sein“. Borges schlägt darin eine alternative Lesekultur vor.

Meisterwerke entstehen bekanntlich in allen Literaturen. Das poetische Werk von Antonio Porchia ist eins davon.

Antonio Porchia – Gesammelte Stimmen/Voces Completas, aus dem Argentinischen von Juana und Tobias Burghardt,  erschienen im Tropen Verlag (heute bei Klett-Cotta), 19,90 €.

Im Rahmen unseres Argentinien-Projektes haben wir die freundliche Erlaubnis von Edition Delta und den Übersetzern erhalten, jeden Tag eine der “Stimmen” von Antonio Porchia bei Twitter (Siehe twitter.com/2666de oder im Ticker in der Seitenleiste) zu veröffentlichen. Die veröffentlichten Stimmen wurden von Juana und Tobias Burghardt aus dem Argentinischen übersetzt und sind gesammelt in der Ausgabe Antonio Porchia – Gesammelte Stimmen/Voces Completas zu finden.

2 Responses to “Antonio Porchia – Stimmen”

  1. Günter Landsberger

    Steht Antonio Porchia – variierend oder antwortend? – in irgendeinem bewussten Zusammenhang zur reichen Tradition der europäischen Aphoristik (Aphorismen, Maximen und Reflexionen, Apophtegmata, Fragmente, Sentenzen)? Oder ist seine Eigenständigkeit, seine Originalität unübersehbar auffällig?

  2. Günter Landsberger

    @ Juana und Tobias Burghardt

    Vielen Dank für Anregung und Wegbahnung zu diesem Buch!
    Jetzt, wo ich es vor Augen habe, sehe ich, dass es auch äußerlich schön und sehr ansprechend ediert ist.
    Das kleine große Werk voll großer kleiner Dinge ist innerlich viel reicher noch, als ich es von der Vorstellung her geahnt hatte. Es hat mehr als das Zeug dazu, eines meiner Lieblingsbücher zu werden.
    Darf auch ich eine der “Stimmen” zitieren, eine von denen, die mir sofort aufgefallen sind?

    Auf der Seite 55 ist zu lesen:

    “Der Mensch, leuchtender Punkt seiner eigenen Nacht,
    stirbt aus, wenn er sie auslöschen möchte.”

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