Hernández: Martín Fierro

Der Gaucho Martín Fierro von José Hernández

Historische Texte haben gegenüber zeitgenössischen den Vorteil, dass man sie auf das hin lesen kann, was sie über eine dem Leser nicht mehr präsente Zeit und Gesellschaft verraten. Im Falle des Gauchos liegt diese Lesart besonders nahe. Denn nicht nur zwischen den Zeilen wird hier einiges über das Argentinien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesagt. Gerecht etwa geht es selten zu… Martín Fierro ist ein Gesetz- und Heimatloser, aber er wurde, wie er immer wieder herausstellt, dazu gemacht. In seinem früheren Leben war er ein stolzer Familienvater, aber seitdem ihm der sinnlose Militärdienst aufgezwungen wurde, hat er alles verloren, was er je besaß. Er streift durch die Pampa, ein Mann ohne Zukunft. Sein Leben hängt allein von Gottes Gnade und der Geschicklichkeit ab, mit der er sein Messer zu führen weiß. Der heutige Leser ist schnell geneigt, darin Versatzstücke und Klischees einer Outlaw-Romantik zu sehen, und tatsächlich haben diese wiederkehrenden Klagen eine leicht ermüdende Wirkung. Die Bedeutung dieses Langgedichtes erschließt sich erst, wenn man sich vor Augen führt, dass solcherlei bis zum Erscheinen des ersten Teiles 1872 nicht in der Literatur thematisiert worden war. Die zeitgenössische Leserschaft war denn auch gespalten: Die Intellektuellen der Stadt konnten mit dem Buch wenig anfangen, die Bevölkerung auf dem Land liebte es und machte es zu einem kommerziellen Erfolg. So kann der zweite Teil, der 1879 erschien, als ein frühes Beispiel eines Sequels gelten, das vor allem den Wünschen den Publikums geschuldet ist: back by public demand.

Aber das alles ist Literaturgeschichte; wer mehr darüber wissen will, kann zum Beispiel hier eine sehr gute Einführung in das Werk lesen. Mich interessiert an diesem Text vor allem, inwiefern er einen Einfluss auf das Schreiben Bolaños gehabt haben mag. Eines wird ziemlich schnell klar: Ein Titel wie “Der unerträgliche Gaucho” ist im Grunde ein Pleonasmus – der Gaucho ist immer unerträglich, er ist in der argentinischen Gesellschaft die persona non grata schlechthin. Erst mit seinem Aussterben wandelt sich sein Bild, kann er zu einer Projektionsfläche für das Bürgertum werden, das vom wilden Leben in der Pampa träumt und in seiner Figur ein Emblem für die bewegte Geschichte des eigenen Landes sehen kann. Dass Bolaño solch einen Titel wählt, lässt sich nach Lektüre des “Martín Fierro” nur als weiteres Beispiel seines besonderen Humors lesen.

Die Vorliebe der Gauchos für Poesie (Martín Fierro spricht, bzw. singt ja nicht nur selbst, er lässt auch andere Ausgestoßene in wohlgesetzten Versen von ihrem Unglück erzählen) dürfte den Chilenen selbstverständlich auch interessiert haben. Sind die “Kinder aus der Kloake”, wie es in “Amuleto” heißt, für ihn die Gauchos von heute? Zum Glück hat Bolaño selbst diese Parallele nicht expliziert, ihr haftet bei aller inhaltlichen Berechtigung doch etwas Abgeschmacktes ab, da sind die wilden Detektive ein glücklicheres und eleganteres Bild. Ein gravierender Unterschied freilich: Während die Gauchos unverschuldet zu einem rastlosen und riskanten Leben gezwungen waren, haben sich die jungen Dichter im Mexiko der 70er Jahre selbst für diese Lebensweise entschieden, bei der sie oft morgens noch nicht wissen, wo sie abends schlafen werden – wenn sie überhaupt einmal Schlaf finden…

Das kompositorische Prinzip des Martín Fierro findet ebenfalls ein Echo im Werk Bolaños. Denn nicht nur das Schicksal des titelgebenden Gauchos ist Inhalt des Langgedichtes; es treten mit der Zeit immer mehr Personen auf, die ihrerseits ihre Lebensgeschichte schildern und dabei zum Teil auch recht weit ausholen. Diese episodische Struktur sorgt dafür, dass es insgesamt an einem Spannungsbogen mangelt, der Leser kann sich stattdessen aus den einzelnen Teilen seine jeweiligen Lieblingsgeschichten herauspicken. Auch Bolaños Romane weisen ja diesen Verzicht auf eine herkömmliche Dramaturgie auf (die mancher Leser denn auch schwer vermisst…) und haben von daher eine Nähe zu einer solchen rhapsodischen Dichtung.

Der Autor des “Martín Fierro”, José Hernández, war aufgrund des kommerziellen Erfolges seines Buches ein bekannter Mann und engagierte sich auch in der Politik seines Landes, unter anderem als Senator. Diese Verquickung von Kunst und Politik ist bis heute in Südamerika anzutreffen; immer wieder greift auch Bolaño diese oft so ambivalente Verbindung am Beispiel Chiles auf. Die Ironie im Falle von Hernández: Am Ende hat er mit seiner literarischen Arbeit weit mehr für die Sache der Gauchos erreicht als mit seiner gutgemeinten Sozialpolitik. Wenn Bolaño daraus etwas für sich gewonnen hat, dann die Überzeugung, dass das berühmte Hölderlin-Wort auch in der Pampa Argentiniens Gültigkeit hat: “Was bleibet aber, stiften die Dichter.”

Thorsten Krämer, geboren 1971, lebt in Köln. Veröffentlichungen: “Ich heiße Hal Hartley”, Film in Worten, 1998; “Fast schon ein Glück”, Erzählungen, 1998; “Neue Musik aus Japan”, Roman, 1999, “The Democratic Forest”, Gedichte, 2008. Im Dezember erscheint der Erzählungsband “Cabrio”, im nächsten Jahr der Roman “Donnerflug”. www.yeh.de

6 Responses to “Hernández: Martín Fierro”

  1. Thorsten Krämer

    “…kann zum Beispiel hier eine sehr gute Einführung in das Werk lesen.”

    Da hat was mit dem Link nicht geklappt, deshalb hier die Adresse, unter der die Einführung und auch eine komplette englische Übersetzung zu finden sind:

    http://sparrowthorn.com/

  2. Der Buecherblogger

    Der Bogen im letzten Satz von Bolaño über Hölderlin in die argentinische Pampa hat mich, ohne Ironie, beeindruckt. Das zur Folklore verkommene Bild des Gauchos ist unerträglich geworden, wie der Cowboy in der Marlborowerbung. Der Mythos ist schal und tot, aber diese Sehnsucht nach Freiheit und Landluft tragen die Cyberjunkies der Großstädte immer noch mit sich herum. Ich hoffe wir werden uns irgendwann einmal intensiver mit allen 5 Erzählungen und den zwei Essays des “unerträglichen Gaucho” von Bolaño befassen.

  3. Andreas Gierth

    Es steht – vielleicht leider – nicht auf unserem Fahrplan, das Buch “Barberei und Zivilisation, Das Leben des Facundo Quiroga” (1845) von Domingo Faustino Sarmiento. Leopold Federmair schreibt in seinem Beitrag etwas über die Wichtigkeit dieses Buches auch für Bolaño. Das zweite Kapitel dieses Buches trägt den Titel “Originalität Argentiniens und seiner Charaktere”. Sarmiento unterscheidet vier verschiedene Charaktere bezüglich des Gauchos: Der “Spurensucher” (rastreador), der “Wegführer” (baqueano), der “böse Gaucho” (gaucho malo) und der “cantor”. Der “unerträgliche Gaucho” von Bolano wäre quasi ein fünfter Charakter in Ahnlehnung an die Charaktere von Sarmiento. Ich kann nur empfehlen dieses Buch oder jedenfalls sein zweites Kapitel zu lesen. Wir erfahren in ihm viel über Sarmientos Ansicht zur argentinischen Poesie. Über seine Einteilung der Gaucho-Charaktere sagt Sarmiento: “Aus diesen allgemeinen Sitten und Vorlieben ragen bemerkenswerte Eigenschaften hervor, die eines Tages die einheimische Dramen- und Romanzenliteratur verschönern und um eine origineller Färbung bereichern werden.” Er hat recht behalten. Und ich denke dabei nicht nur an den “Gaucho Martin Fierro” (1872,J. Hernandez), sondern auch an das “Buch vom Gaucho Sombra” (1926) von Ricardo Güiraldes. Beide Bücher nehmen Bezug auf Sarmiento. Und Bolano mit seinem “unerträglichem Gaucho” natürlich auch.

  4. Günter Landsberger

    @ Thorsten Krämer
    Á propos “Kinder der Kloake”. –
    “Kloakenmutter” ist ein Ausdruck aus dem Roman “Über Helden und Gräber” (Buenos Aires 1961 / dt. Wiesbaden 1967) von Ernesto Sábato. In dem ersten der 10 hochinteressanten, nicht genug zur Lektüre zu empfehlenden Gespräche Ernesto Sábatos mit Carlos Catania aus dem Jahre 1987 findet sich darauf bezogen u. a. folgender Satz: “”Martín, der Protagonist des Romans, ist ein einsamer und schüchterner Junge, seine Mutter hingegen ist eine Art Prostituierte, was er als “Kloakenmutter” bezeichnet.” (Ernesto Sábato / Zwischen Schreiben und Leben / Gespräche mit Carlos Catania, Verlag Im Waldgut AG, Frauenfeld 1998, S.12)

  5. Thorsten Krämer

    Lieber Günter, da hast du mich auf ein Problem gestoßen: Denn wenn die gute Auxilio in “Amuleto” die Mutter der mexikanischen Poesie ist, und ihre Kinder sind gleichzeitig die Kinder der Kloake – was macht das dann aus ihr? Vielleicht, und das ist mehr als ein Witz, ist die Kloake ja der VATER der jungen Dichter, und diese sind demnach hervorgegangen aus einer Mesalliance… Dichter als Bastarde, wäre das nicht auch ein schönes Bild für ihren besonderen Status?

  6. Günter Landsberger

    Solche Sichtweisen, lieber Thorsten, sind mir nicht fremd und ich empfinde sie auch nicht als anrüchig. Sprach doch schon z. B. Hugo von Hofmannstal von dem Dichter als dem “Hund der Zeit”, dessen Ort im Dunkel unterhalb der Stiege sei.

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