Aira: Las noches de Flores

Harmlos, ja geradezu idyllisch beginnt César Airas 2004 erschienener Kurzroman Las noches de Flores („Die Nächte von Flores“): Aldo und Rosa sind ein älteres Rentnerehepaar, das sich in Zeiten der Argentinien-Krise kurz nach der Jahrtausendwende einen Nebenjob bei einem Delivery, einem Pizza-Lieferservice, im Bonarenser Stadtteil Flores sucht. Dort sind sie eine echte Attraktion, denn während all die anderen durchweg jugendlichen Pizzaausfahrer tollkühn auf ihren Motorrädern durch die nächtlichen Avenidas von Buenos Aires rauschen und sich waghalsige Rennen mit ihrern Konkurrenten liefern, tippelt Aldo mit seiner blinden Rosa am und den heißen Pizzen im Arm durch die Straßen von Flores und beliefert die in der Nähe lebenden Kunden. Doch was sich in den ersten dreißig Seiten anlässt, wie eine nett geschriebene Stadtteilschilderung des Barrio Flores mit seinen sympathischen Charakteren, erfährt bald eine abrupte Wendung: Immer mehr seltsame Dinge geschehen, angefangen vom plötzlichen Auftauchen einer Art Fantasiewesens namens Nardo, ein „Sternentourist“, der aus einem Comic entflohen scheint, bis zu einem mysteriöses Nonnenkloster, das regelmäßig Pizza bezieht, aber in dem merkwürdige Dinge vor sich zu gehen scheinen. Mit fortschreitender Dauer beginnt die Geschichte immer mehr zu zerfasern, neben den Handlungsstrang um das Renterehepaar treten weitere, teils sehr verworrene Geschichten um einen entführten Pizzaboten, den für den Fall zuständigen Staatsanwalt und einen bolivianischen Schriftstellergast, welche den Leser zusehends den Überblick verlieren lassen. Das anfangs so sympathisch erscheinende Flores entpuppt sich immer mehr als Teil des unheimlichen Stadtlabyrinths Buenos Aires, in dem nichts so ist wie es scheint. Und auch unter der so unverdächtigen Hülle der Protagonisten Aldo und Rosa kommt bald eine dunkle Vergangenheit hervor, die Aldo als im Pädophilenmilieu bekannten Verbrecher „Cloroformo“ und Rosa als einen Transvestiten und seinen Komplizen entlarvt. Immer mehr verweben sich die schon in sich konfusen Handlungsstränge miteinander, steigert sich die gesamte Geschichte in eine Art literarischen Fiebertraum.

Eben diesem Verfahren von der Darstellung einer realistischen Welt, die zunehmend in den Wahnsinn abzugleiten scheint, hat der Literaturwissenschaftler Julio Prieto in Bezug auf Airas Romane den passenden Begriff vom „delirious realism“ verpasst – ein Terminus, welcher das bezeichnet, was Airas literarische Antwort auf die argentinische Realität des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts zu sein scheint: Eine brüchig gewordene Gegenwart, in der unter der Oberfläche des Gewöhnlichen jederzeit das Abgründige, Wahnsinnige, Brutale durchbrechen kann, wie es während der vergangenen Jahrzehnte so oft geschehen ist in Argentinien mit seinen Staatsstreichen, Wirtschaftskrisen und nicht zuletzt einer der brutalsten Militärdiktaturen des Kontinents. Eben letztere findet auch in „Las noches de Flores“ auf eine ganz hintergründige, aber dadurch auf eine literarische zugleich sehr originelle Art und Weise ihr Echo: Gegen Ende des Romans sieht sich der Leser plötzlich mit einer kurzen, kaum zwei Seiten umfassenden Episode konfrontiert, die völlig unabhängig von allen Handlungssträngen für sich zu stehen scheint. Eine Gruppe alter Männer sitzt in einem Café, als der Kellner plötzlich schreit, der Sohn eines der Männer sei gerade vor dem Fenster vorbeigelaufen, woraufhin der Alte namens Juan entgegnet, dies sei unmöglich, da sein Sohn schon vor vielen Jahren aus seinem Leben verschwunden sei. Tatsächlich aber scheint es sich um den Sohn zu handeln, der ins Café kommt und beginnt, mit den Männern zu reden, als es plötzlich heißt: „Alles geschah mit einer beruhigenden Natürlichkeit. Der Vater ließ ihn nicht aus den Augen. Sein Sohn, der Junge, den er verloren hatte (durch seine eigene Schuld vielleicht, aber es war nicht der Moment für Vorwürfe), die strahlende Jugend, die Schönheit, die Glattheit, die Genauigkeit…Aber in dem Maß, wie die Minuten verstrichen, oder die Sekunden, hörte der Junge unter seinem Blick auf jung zu sein, er alterte, wurde faltig, verwelkte, verlor seine Schönheit und seine Poesie, die Realität machte ihn trüb, er fiel unaufhörlich in die Gegenwart.“ Auch hier, wo das Thema der Verschwundenen der Diktatur zugleich offen und versteckt behandelt wird, verwischen die Grenzen zwischen Realität und (Alb-)Traum, wird der Leser verwirrt zurückgelassen.

„Seine Literatur fasziniert, doch sie gefällt nicht“, hat die Kritikerin Graciela Montaldo einmal über Aira gesagt und damit den Kern dieses Autors getroffen.  Leser, welche eine gut komponierte, stringente Geschichte mit Charakteren mit Identifikationspotential erwarten, werrden bei Aira enttäuscht werden. Die wagemutigen jedoch wird dieser Autor belohnen: mit Fährten und mehrdeutigen Passagen beispielsweise, die sich vordergründig auf die Handlung zu beziehen scheinen, aber auf den zweiten Blick immer auch als Erläuterungen seines radikalen Literaturverständnisses und der Machart seiner Werke gedeutet werden können. So kritisiert der Erzähler einmal offensichtlich die Arbeitsweise der Polizei: „Wie agierte, praktisch gesehen, die argentinische Polizei? Vereinfachend: man fertigte einen Rahmen an, zeitlicher Art, auch ein wenig räumlich, und innerhalb dieses Rahmens steckte man alles, was nach und nach auftauchte und irgendeine Verbindung, und sei sie noch so entfernt, mit den Taten aufwies; die Idee war, danach eine Auswahl vorzunehmen, einen Ausschnitt, und dass alles einen Sinn ergab wie eine Art Geschichte.“ Im Vorgehen der Polizei offenbart César Aira zugleich die Maxime seines eigenen Schaffens: maximale Improvisation innerhalb eines lose vorgegebenen Rahmens.

Wer Spaß an solchen Entdeckungen und literarischen Rätseln hat, wird Aira lieben. Und auch wenn die Lektüre teilweise recht mühsam ist, sieht man sich auf den letzten Seiten des Buches für Vieles entschädigt, wenn es zum großen Showdown kommt: In einer Art Parodie auf die Handlungsmuster schlechter B-Actionmovies lässt Aira all seine skurillen Figuren auf der Jagd nach einem nicht näher spezifizierten Schatz in den unterirdischen Gängen des Nonnenklosters zusammentreffen. Jegliche erzähllogische oder raum-zeitliche Wahrscheinlichkeit löst dieses Ende auf, entfaltet aber zugleich eine solche sprachpoetische Kraft, dass man als Leser fasziniert zurückbleibt, wenn in den letzten Sätzen des Buches eine überirdische Motorradverfolgung zweier sich liebender Pizzaboten auf Motorrädern stattfindet, welche die in den Katakomben des Klosters sich rasend drehenden Figuren zu magnetisieren scheinen und es schließlich heißt: „Die Pure Liebe erzeugte eine Energie, die sich in die fernsten Weiten des Universums ausbreitete, und in dieser Nacht erfolgte eine Neuordnung der Sterne des Firmaments und es formte sich eine neue Konstellation genau über Flores, in der viele den Streckenverlauf der Pizzafahrer erkennen wollten, und sie nannten die Konstellation ‚Delivery‘“.

Benjamin Loy ist 23 Jahre alt, studiert Hispanistik und Germanistik in Saarbrücken und hat in den letzten Jahren insgesamt zwei Jahre in Santiago de Chile gelebt (Studienaufenthalte, Praktika, etc.). Ansonsten arbeitet er als freier Mitarbeiter von Zeit zu Zeit für verschiedene Medien, u.a. für Spiegel-Online, Saarbrücker Zeitung und die Lateinamerika-Nachrichten.  Er ist ein begeisterter Anhänger der lateinamerikanischen Literatur, vor allem der zeitgenössischen, die ihm unserer heimischen gegenüber doch bis auf wenige Ausnahmen als sehr viel origineller und spannender erscheint, siehe nur das Beispiel Bolaño.

6 Responses to “Aira: Las noches de Flores”

  1. Herbert Fraunhoffer

    Die Pizzaboten in Flores (es gibt dort wohl nur Einbahnstrassen) rasen auf ihren Motorollern immer in Gegenrichtung der Einbahnstrassen. Über dieses entgegengesetzte Fahren, sowie über die Freiheit der jugendlichen Pizzaboten kann man im Kapitel 5 viele schöne Sätze lesen. Einer davon:
    “Und indem sie stets in der Gegenrichtung führen, sei schon das Hinfahren eine vorweggenommene Form des Zurückkehrens.”
    Tun das nicht auch Bolaños Realviszeralisten in “Die wilden Detektive”, in dem sie mit dem Rücken voraus sich ihrem Blickfeld entfernen, quasi dem Leben entgegengestzt begegnen?
    Mir jedenfalls ist das beim Lesen oben erwähnter Passage spontan eingefallen.

  2. Günter Landsberger

    Heute, am 30. September 2010, findet sich in der Literaturbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT ein Bericht von Adam Soboczynski über seinen Besuch bei César Aira: “Eine Begegnung mit César Aira, dem großen Meister der argentinischen Literatur” (S.21 – S.23).
    Überhaupt sind die Seiten 1 – 41 der ZEIT-LITERAUR-Beilage fast ganz dem “Schwerpunkt Argentinien” gewidmet.

  3. Andreas Gierth

    Was ist los? Nicht viel! Günter schreibt fleißig, ich ab und zu. Aber sonst? Kaum Kommentare, keine oder kaum eine Diskussion über den “Lumpenroman”.

  4. Günter Landsberger

    Glaub mir, Andreas, auch ich lege gar keinen Wert darauf, mich, wenn nicht Du mal dankenswerterweise mitmachst, fast immer nur alleine hier in Szene zu setzen. Diskussionen wären auch mir schon viel lieber. Ob eine Rolle spielt, dass der “Lumpenroman” so kurz ist und manche es vorziehen, lieber sofort und in einem Zuge etwas dazu zu schreiben? Wenn wir also durch alle Kapitel hindurch sind, dann kommen die großen Stellungnahmen und die große Gesamtkontroverse!
    Veremos!

  5. Andreas Gierth

    Glaube ich dir, Günter. Habe mir gerade die “Zeit” gekauft. Esse jetzt Pizza und freu mich auf die Literaturbeilage danach. Wir sollten das bei der nächsten Bolano-Lektüre vielleicht etwas anders organisieren.

  6. Thorsten Krämer

    Ich habe auch schon ein ganz schlechtes Gewissen, dass ich noch nichts geschrieben habe – dabei gefällt mir der Lumpenroman sehr gut! Ich habe heute einen längeren Beitrag angefangen, ich hoffe, ich bekomme den übers Wochenende fertig…

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