Di Benedetto: Zama wartet

zu Antonio DI BENEDETTO: Und Zama wartet

(Autorisierte Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch unter Berücksichtigung der vom Autor für die Neuausgabe 1967 vorgesehenen Änderungen von Maria Bamberg, Horst Erdmann Verlag für Internationalen Kulturaustausch, Tübingen und Basel 1967)

A
Antonio Di Benedettos (1922 – 1986) bei all seiner schmählichen Unbekanntheit bei uns – bekanntestes Buch „Zama“ hat, nachdem ich es vor ca. 35 Jahren geradezu spottbillig für nur 4,95 DM als Remittendenexemplar erworben habe, lange, eigentlich viel zu lange, darauf warten müssen, akribisch von mir gelesen zu werden. Dabei hat das mit Samuel Becketts Drama „Warten auf Godot“ sowie Franz Kafkas parabolischen Kurzprosatexten „Eine kaiserliche Botschaft“ u. “Vor dem Gesetz“ eklatant gemeinsame Thema dieses zwar schmalen, aber unverhofft dichten Romans mich von Anfang an (auch vom sich damals anbietenden Vergleich her) kräftig angezogen. Nun endlich (vor etwa einem Jahr) ist dieser Di Benedetto – Roman in der altbewährten und auch nur geringfügig veränderten Übersetzung Maria Bambergs, vorteilhaft allerdings durch ein erhellendes Nachwort Roland Spillers erweitert, als Band der geschmackvoll feinen MANESSE BIBLIOTHEK erneut aufgelegt worden.

Gewidmet hat der Autor seinen Roman – diese Widmung entschieden und unübersehbar zwischen Titelblatt und Beginn setzend, damit aber auch schon den Gesamttext auf das Gleichnishafte hin öffnend – : „Den Opfern des Wartens“ (Tübingen 1967, S.5). Als Ich-Erzähler tritt ununterbrochen in all jenen dreien, jeweils mit der bloßen Jahreszahl einer scheinbar fernen Zeit (1790 / 1794 / 1799) überschriebenen Teilen dieses an ein Tryptichon (oder eher an die Trikolore?) erinnernden Dreiteilers ein beharrlich Wartender in Erscheinung. Wird es eine Erfüllung für sein Warten geben? Wird sein Warten je ein Ende haben? – Der Originaltitel „Zama“, den man im Deutschen trotz seiner viel offen lassenden Kürze vielleicht auch deswegen nicht übernommen hat, um bei deutschen Leser…n nicht vorschnell die falsche Assoziation der – früher zumindest – geschichtsunterrichtlich relevanten antiken Schlacht von Zama nahezulegen, verrät dazu nichts. Während die beiden deutschsprachigen Titelvarianten „Und Zama wartet“ und neuerdings „Zama wartet“ jeweils ein ziemlich dauerhaftes Warten einer „Zama“ heißenden Person anzukündigen scheinen, betont die erste mit „Und …“ beginnende Variante (für mein Sprachempfinden) noch etwas mehr den zeitlichen und kontextuellen Zusammenhang, gegenüber dem und vor dessen Hintergrund sich das Warten Zamas jeweils abheben soll. Ob auch Sprachklang und Versmaß – zwei Trochäen mit Auftakt – bei der deutschsprachigen Titelwahl eine Rolle gespielt haben? 1967 mag man unter verlagsstrategischen Gesichtspunkten vielleicht auch noch an jene besonders gut verkäuflichen Bücher mit ähnlich klingendem Titel wie „Und sagte kein einziges Wort“ und wie „Und ewig singen die Wälder“ gedacht haben. Das scheint heute und für die künftige Rezeption allerdings nicht mehr wichtig zu sein. Auch kann das im Titel heute weggelassene „Und“ zumindest suggerieren, als handle es sich bei dieser Neuausgabe wirklich um eine aktuell revidierte, neu überprüfte Übersetzungsversion.

Um die Wahrheit zu sagen, ich habe den Roman in der Erstübersetzung der Erdmann-Ausgabe von 1967 erst unlängst und in zeitlich kurzen Abständen zweimal hintereinander gelesen und im Hinblick auf die Manesse-Ausgabe von 2009, die ich mir dafür eigens angeschafft habe, bisher bloß einige wenige Übereinstimmungs- bzw. Differenzierungsstichproben durchgeführt. Auf den ersten Blick ganz neu ist die alle drei Teile des Romans übergreifend durchschreitende Kapitelzählung des Gesamttextes, so dass die ungezählten Großabschnitte der Erstübersetzung nun als durchnummerierte Kapitel erscheinen. Unterscheidbare 50 Kapitel hat dieser Roman somit neuerdings zu bieten, wobei zu beachten ist, dass die Durchnummerierung zwar schon mit Beginn des ersten Teils („1790“) einsetzt, aber bei dem jeweiligen Beginn des 2. („1794“) und des 3. Teils („1799“) überraschend pausiert und man so jeweils den Eindruck eines exklusiven Einleitungs- oder Vorschaltkapitels bekommt. Die Einteilung ist insgesamt also etwas strenger und etwas trennender geworden, andererseits jedoch übergreift die fortlaufende Nummerierung nun eindeutiger alle drei Romanteile – und mich würde jetzt interessieren, wie es im spanischen Original von 1956 und im vom Autor revidierten Original des Jahres 1967 verbindlich ausgesehen hat. – Eine weitere Zufallsstichprobe brachte Folgendes: Das Wort „Strauß“ (S.274) der Erstausgabe („Und Zama wartet“) wird in der Manesse-Neuausgabe („Zama wartet“) in “Straußenvogel“ (S.350) verändert, wohl um der Eindeutigkeit willen, aber, wie ich meine, unnötig, da schon in der Erstausgabe der Kontext unmissverständlich gewesen ist, spätestens, wenn es auch hier kurz danach identisch heißt: „Ich riß dem Vogel eine Feder aus“ (S.274). Aber ich will mich hier nicht weiter in Details verlieren, sondern lieber zum – wie ich meine – Kern des Romans kommen.

Auch auf eine genaue Inhaltsangabe darf ich verzichten, da der Roman in der Manesse-Ausgabe mit dem, wie gesagt, hervorragenden Nachwort R. Spillners inzwischen schon recht gute und angemessen ausführliche Kritiken erhalten hat (vgl. z. B. http://www.amazon.de/Zama-wartet-Antonio-Di-Benedetto/dp/3717521845 + http://www.perlentaucher.de/buch/31678.html ) und man eigentlich ohnehin nur Inhaltsangaben von Romanen lesen will, deren Lektüre man sich daraufhin ersparen kann. Die wirklich guten Romane allerdings können jeden Versuch einer Inhaltsangabe unschwer verkraften: Sie werden immer mehr als alles in einer noch so detailfreudigen Inhaltsangabe Sagbare zu bieten haben.

B
Ist „Zama wartet“ ein guter Roman? In seinen ersten beiden Teilen habe ich ihn als einen guten Roman empfunden, indessen nicht als einen, der sich meinen bisherigen Lieblingsromanen ebenbürtig an die Seite stellen kann; während der Lektüre des 3. Teils hat sich dies aber bei mir schlagartig geändert: diesen Teil fand und finde ich – gerade auch im selbst quantitativ messbaren, sich darin aber nicht erschöpfenden Kontrast zu den beiden anderen Teilen – sehr gut. Und dieser Eindruck strahlt auf die beiden vorangegangenen umfänglicheren, zugleich weniger aktionsbestimmten Romanteile zurück und lädt zu einer neuerlichen, womöglich gerechteren Lektüre ein. Jedenfalls sollte der Roman in der von ihm vorgesehenen Reihenfolge gelesen werden: Umso stärker vermag sein Schlussteil zu wirken und auf das Ganze zurückzustrahlen.

Dieser Roman vermittelt in Form eines direkten und indirekten Selbstporträts des durchweg und in der Ich-Form erzählenden kreolischen Justitiars und vormaligen Landverwesers Don Diego de Zama das Bild einer konkreten Person in einer konkreten geschichtlichen Zeit und entlässt einen am Schluss – im unverzichtbaren Bewusstsein unabdingbarer Bedingtheit – mit einer bis zuletzt unausgesprochenen Kernfrage: Wie kann menschliches Leben gelingen und eben nicht durchweg oder mehr oder minder scheitern? ( Pyrrhussiege kommen ja des öfteren vor. Gibt es aber auch so etwas wie ein Gelingen im Scheitern? – Vielleicht sogar so etwas wie ein letztendliches Gelingen im Scheitern?)
Ich empfand es als äußerst wohltuend, wie hier ein situationsbezogen wahrnehmungsverliebter Roman, ohne auch nur an irgendeiner Stelle penetrant gedankenschwer daherzukommen, gerade in seiner strikten Beschränkung auf das äußerlich und innerlich Wahrnehmbare einer bestimmten Person uns Leser… dennoch auf die für eine(n) jede(n) von uns existentiellen Grundfragen zu stoßen vermag: Wie kann ein Leben aussehen, das gelingt und nicht scheitert? – Nie wird hier bei Di Benedetto der Eindruck erweckt, wir dürften die konkreten gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen möglichen Gelingens wie Scheiterns außer Acht lassen, allerdings sind für ihn solche Bedingungen wohl auch nicht mehr als Bedingungen und eben nicht einfach mit dem zu verwechseln, wofür sie allenfalls Bedingungen sein könnten.

C
Die Abfolge der Jahreszahltitel der 3 Romanteile (1790 / 1794 / 1799) lässt uns europäische Leser vordringlich an die Daten des Jahrzehnts, das auf die französische Revolution 1789 folgte und noch so viel mit ihr zu tun hatte, denken. Aber ist dies bei einem lateinamerikanischen, einem argentinischen Roman, auch wenn er sich von den Daten her noch so ausdrücklich auf diese revolutionär geprägte Zeit bezieht, vordringlich zu erwarten? Dass im Hintergrund das Kronland Spanien, von dem das Land, in dem der Roman „Zama“ spielt, erst 1810, am Ende des der Romanzeit folgenden Jahrzehnts also, durch neue Staatsgründungen unabhängig werden wird, dass also Spanien in den 90er Jahren des 18. Jh.s in die Revolutionskriege mit Frankreich verwickelt ist, mag bei all dem mit hineinspielen. Aber jede direkte Anspielung auf die französische Revolution ist im ganzen Roman nicht zu finden. Und dennoch erinnert mich die Jahreszahlenabfolge in den Titeln der drei Romanteile durchaus auch an eine mögliche Vorgängerschaft Victor Hugos mit seinem Roman „1793“ und die Dreiteilung selber hier mehr noch an die Trikolore und an die Dreifachdevise der Frz. Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) als an die ältere, weit traditionellere Anknüpfungsmöglichkeit an Triptychen und Flügelaltäre. a) Gesellschaftliche Ungleichheiten werden im ganzen Roman immer wieder sichtbar, auch in der unkommentierten oder eigenartig selbstverständlichen Form gesellschaftlich-praktischer Befürwortung, nur an einer einzigen Stelle wird gesellschaftliche Gleichheit der Sache nach in einem auf konkrete Situationen bezogenen Privatgespräch – Zama gegenüber – von Ventura Prieto angemahnt (Tübingen 1967, S.51/52). b) Bezeichnend mag es des weiteren sein, dass viel häufiger Pseudobrüderlichkeit als die offenbar viel seltenere, konkret gelebte Geschwisterlichkeit, die aber in für Diego de Zama entscheidenden Zeitphasen punktuell durchaus auch vorkommt, im Romangeschehen zu finden ist. c) „Freiheit“ indessen scheint gerade am Schluss des Romans eine entscheidende Rolle zu spielen. Das Gelingen noch im scheinbaren Nur-Scheitern scheint abhängig davon zu sein, ob es endlich dazu kommt, dass der konkreten Person Freiheit als entschiedene, endlich erfolgende, illusionslose Selbstwahl gelingt.

Die Ich-Erzählform und ihre Tücken („ZAMA“ mit Blick auf „Amuleto“ und „Chilenisches Nachtstück“)

Der Kreole Dr. jur. Don Diego de Zama, hierarchisch gar nicht so weit hinter dem Gouverneur in diesem Teil des damaligen Vizekönigreichs La Plata angesiedelt und dennoch unzufrieden mit seiner fortwährenden Auf-dem-Abstellgleis-Stellung in der Stadt Asunción, der heutigen Hauptstadt Paraguays, noch dazu fern von seiner Familie und unentwegt vergeblich auf die erhoffte neuerliche ihn höher hinaufbefördernde Versetzung wartend, dieser kurz Zama genannte Justitiar und vormalige Landverweser ist der durchgängige Erzähler in diesem Roman „Zama“ von Antonio Di Benedetto.  Anders als in Bolaños  „Amuleto“ und  Bolaños  „Chilenischem Nachtstück“ ist hier ein Ich-Erzähler – auf seine Weise Rechenschaft ablegend – am Werk, der selber nicht die Spur eines Literaten und Schriftstellers hat. Sogar sein Lesen, wenn es selten genug überhaupt stattfindet, beschränkt sich auf die Lektüre juristischer Fachbücher. Literarische, von ihm als Erzähler gewollte Bezugnahmen und Anspielungen sind nicht zu erwarten und kommen auch nirgends vor. Dennoch gibt es vorübergehend einen schriftstellerischen Widerpart, in Gestalt eines seiner Untergebenen, Manuel Fernández.. Dieser Schreiber, der in prekärer Situation vom Gouverneur zu Zamas Sekretär hinaufbefördert wird , ist nebenberuflich (oder hauptberuflich?) Schriftsteller: „Ich schreibe nicht nur: ich schaffe:“ (…) „ich habe keinen Herrn, für den ich mein Buch schreibe.“ (…) „Ich schreibe, weil ich schreiben muß, weil ich das, was ich im Kopf habe, herausbringen muß. Ich werde die Blätter in einem Blechkasten aufbewahren. Die Enkel meiner Enkel werden sie ausgraben. Dann wird die Zeit eine andere sein.“ (a.a.O., S.147f.) Dieser Schreiber, der in Wahrheit und zutiefst ein Schriftsteller ist, wird sein fertiges einmaliges Buchmanuskript um der Liebe (zu einer verwitweten Frau und ihres und Zamas un- und außerehelichen Kindes willen) und aus daraus erwachsender freiwilliger sozialer Verantwortlichkeit einem Abreisenden auf Nimmerwiedersehen gegen akut nötig gewordenes Geld überlassen. Und er wird sich dadurch in mehrfacher Weise direkt und indirekt gegenüber Zama abheben.

Eine ganze Reihe von namentlich genannten Männern und Frauen werden ( neben ihrer Eigenständigkeit) zu Kontrast- und Komplementärfiguren des nachträglichen Ich-Erzählers Zama und helfen so en passant, dessen vorherrschende condition humaine zu erhellen.

Mit Blick auf Bolaños „Nachtstück“ fällt in „Zama“ die Konstellation des zu Beginn des Romans 35 Jahre (Hälfte des Lebens!) bzw. am Ende 44 Jahre alten Zama auf  und des 3 bis 4mal im Romangeschehen auftauchenden, zu allen diesen Zeiten 12 Jahre alten, blondgelockten Jungen auf: Auch hier geht es um Fragen der Identität und der Selbstverständigung in gleichnishafter Form. In einem ähnlichen Alter befinden sich übrigens auch jene indianischen Kinder, die im 3. Teil von „Zama“ ihre blinden, weil von anderen feindlichen Indianern seinerzeit grausam geblendeten, schließlichen  Eltern durch die (erst 10 Jahre später u. a. argentinische) Natur weit außerhalb der Städte führen.

Darf ich hierbei auch an „Amuleto“ und an den unverdrossen hoffnungsfrohen Zug der lateinamerikanischen Kinder und der ihnen zugehörigen Erwachsenen durch das paradox gebirgshohe, von jähen Abgründen umgebene Tal denken?

Auch einer weiteren Assoziation werde ich mich nicht schämen: Die durchweg in den Blick kommenden menschlichen Unzulänglichkeiten des Ich-Erzählers Zama ließen mich von Anfang an auch noch an einen ganz anderen, 1947 erstmals veröffentlichten, in deutscher Übersetzung ebenfalls bei Manesse erschienen Roman denken: „Alles hat seine Zeit“ / „Tempo di uccidere“ von Ennio Flaiano. Peter Härtling, Peter Hamm und Peter Bichsel haben diesen italienischen Roman  nicht zu Unrecht hoch gelobt. -

Im Übrigen: Nicht nur mit Blick auf die französischen Existentialisten Sarte und Camus lässt sich dieser Roman Di Benedettos lesen, auch von dem Vater der Existenzphilosophie Sören Kierkegaard her  lässt sich eine plausible Lesart gewinnen: Zama, obwohl  zeitlebens und ganz bewusst vom Ästhetischen der Kunstwerke abgekoppelt, ist dennoch und ganz im Sinne Kierkegaards fast ausschließlich dem „ästhetischen Stadium“ der menschlichen Existenz zuzuordnen und kommt dennoch ganz am Schluss entschieden in die Nähe des „ethischen Stadiums“, sofern er sich nun erst zur „Selbstwahl“ fähig sieht. Seine an seine nun schon 10 Jahre von ihm fern lebende Frau gerichtete Flaschenbotschaft („Marta, ich bin nicht gescheitert“) bekommt von da her ihren guten Sinn.

Nachspann:
Wäre es nicht zu heiß in meiner Studierstube und hätte ich nicht ohnehin schon vermutlich viel zu viel geschrieben, würde ich jetzt noch gerne innerhalb einer dem Vorsatz nach möglichst umfassenden und differenzierten „Interpretation“ z. T. eigenwilliger Art weitere Befunde zu „Zama“ mitteilen, auf Di Benedettos Leben und weitere Werke genauer eingehen und vor allem auf die Zusammenhänge, die ich mittlerweile zwischen RBs „Chilenischem Nachtstück“+ „Amuleto“ und Di Benedettos „Zama“ zu sehen vermag.

Aber welchen Sinn kann es haben, gerade hier emsigst – und lang und breit – zu interpretieren, wo es doch viel eher darauf ankommt, dass die betreffenden Werke gerade nach all unseren Einführungsversuchen immer noch mit einiger Unbefangenheit und Neugier gelesen werden können? Erst wenn man – angeregt durch andere – die angesprochenen Werke selbst gelesen hat, wird es anschließend interessant, auch ausgiebigere Interpretationen bzw. Interpretationsvorschläge von anderen zu lesen.

Antonio Di Benedetto mag daher selber das letzte Wort haben. Ich füge nur einige wenige Auszüge aus seiner ohnehin kurzen „historia personal“ (1968) an:

„Ich habe gelesen und geschrieben. Ich lese mehr, als ich schreibe, was natürlich ist, ich lese besser, als ich schreibe. Ich bin viel gereist. Es wäre mir aber lieber, wenn meine Bücher noch mehr als ich reisen würden.“

„Ich bin Argentinier, aber ich wurde nicht in Buenos Aires geboren. Gott soll mich davor bewahren, jemals in dieser Stadt leben zu müssen.“

„Ich liebe die Nacht, ich liebe das Schweigen. Mehr gibt es nicht über mich zu sagen.“

(aus: Günter W. Lorenz: „Dialog mit Lateinamerika / Panorama einer Literatur der Zukunft“, Tübingen und Basel 1970, S.161 f.)

Günter Landsberger, 66, bis vor zwei Jahren noch: Lehrer für Deutsch und Philosophie an einem Ruhrgebietsgymnasium, dem Heinrich-Heine-Gymnasium in Bottrop. Jetzt im Ruhestand.

2 Responses to “Di Benedetto: Zama wartet”

  1. Günter Landsberger

    In Roland Spillers Nachwort zur Manesse-Ausgabe des Romans “Zama wartet” (Zürich 2009)ist über Antonio Di Benedetto auf Seite 362/363 Folgendes zu lesen: “Bolaño widmete ihm in der Erzählung SENSINI” (…) “eine fiktionalisierte Hommage in der Gestalt eines durch die Diktatur und die Suche nach dem verschwundenen Sohn gebrochenen Schriftstellers. Der reale Antonio Di Benedetto wurde nach dem Putsch 1976 von den Militärs ohne genauere Angabe von Gründen verhaftet und gefoltert. Während seiner Haft, die ein Jahr und sieben Monate dauerte, musste er vier fingierte Erschießungen über sich ergehen lassen. Erst aufgrund internationaler Proteste, an denen sich dank der Vermittlung der Übersetzerin Maria Bamberg auch Heinrich Böll beteiligte, wurde er schließlich entlassen und kehrte seinem Heimatland den Rücken: Im europäischen Exil lebte er überwiegend in Spanien. Erst 1984 kam er nach Argentinien zurück. Trotz internationaler Auszeichnungen starb er zwei Jahre später verarmt in Buenos Aires.”

    Nur zwei seiner vielen sonst skandalöserweise bis heute immer noch nicht ins Deutsche übersetzten Erzählungen und eine Mini-Erzählung von ihm habe ich in deutscher Übersetzung gefunden und lesen können. Die launig sprunghafte, überraschungsfrohe und auch ein bisschen abgründige Erzählung mit dem merkwürdigen Titel “Orthopteren” ist darunter. Sie ist 1987 in einen von José Antonio Friedl Zapata besorgten Sammelband “26 neuer lateinamerikanischer Erzählungen” aufgenommen worden, der damals unter dem zusammenfassenden Anthologie-Titel “Ein fremder Name, ein fremdes Gesicht” im Luchterhand Verlag erschienen ist. Die dort auf Seite 360 zu findende biographische Notiz zu Antonio Di Benedetto beginnt mit folgendem Satz: “ANTONIO DI BENEDETTO wurde im Jahr 1922 in der Provinz Mendoza, Argentinien, geboren und starb Ende 1986 verarmt, einsam und gebrochen in einem Krankenhaus in Buenos Aires.”

    Wer sich noch ausführlicher über Di Benedettos Leben und Werk vor 1969 informieren möchte, möge bitte die sehr lesenswerten Seiten 161 – 209 des auch ansonsten recht gut in die lateinamerikanische Gegenwartsliteratur einführenden Buches von Günter W. Lorenz: “Dialog mit Lateinamerika / Panorama einer Literatur der Zukunft”. Darin finden sich die mit 12 verschiedenen Schriftstellern geführten Gespräche abgedruckt, die jeweils mit einer biographischen Einleitung versehen sind, die im Falle von Di Benedetto immerhin drei Seiten umfasst.
    Ein weiterer Roman Di Benedettos, 1964 im Original veröffentlicht und 1968 – von Curt Meyer-Clason ins Deutsche übersetzt – bei Suhrkamp erschienen, ist inzwischen längst vergriffen und allenfalls nur noch antiquarisch zu bekommen.
    Ganz klar: Es gibt noch sehr viel Nachholbedarf bei diesem Autor.

  2. Günter Landsberger

    “Wir hassen die Argentinier, weil sie diejenigen unter uns sind, die den Europäern am meisten gleichen. Die Argentinier hassen uns, weil wir der Spiegel sind, in dem sie sich sehen, wie sie wirklich sind, nämlich als Amerikaner.” – so ist in einem nachgelassenen Essay Roberto Bolaños zu lesen. (Vgl.: R.Bolaño: “Exil im Niemandsland / Fragmente einer Autobiographie”, Berlin 2008, S.53).
    Di Benedettos Titelfigur Diego de Zama zum Beispiel tut sich fast bis zuletzt schwer, in dem vorbewusst vorvorletzten Jahrzehnt vor der politisch-geschichtlichen Loslösung von Spanien und der urstiftenden Gründung eines argentinischen Staates (1810), sich selbst selbstbewusst als puren Amerikaner zu sehen, so sehr bleibt er mental an Europa und Spanien orientiert, obwohl er doch längst auch als Kreole seine Zurücksetzungen erfährt, das aber lange nicht wahrhaben will. Es ist daher besonders wichtig, dass er sich im 3. Teil des Romans noch viel deutlicher als vorher – in deutlicher Entfernung von den Städten – aus dem zuvor noch stärker europabezogenen Umkreis herausbewegt, es während der militärischen (Gewalt-)Verbrecherverfolgung, an der er sich beteiligt, unter anderem mit verschiedenartigen Stämmen der Indiobevölkerung zu tun bekommt. Die Selbstfindungsreise Zamas zu sich selbst verweist so auch und durchaus exemplarisch auf die Möglich- und Dringlichkeit einer generellen Selbstfindung des amerikanischen Menschen, dessen endlich mit vollem Bewusstsein akzeptierte Mehrfachwurzeln eine eigene und neue reiche Identität nahelegen.
    In seinem ausführlichen Gespräch mit Günter W. Lorenz meint Di Benedetto gelegentlich: “Was mich persönlich betrifft, so bin ich (kein) und kann ich mich natürlich nicht indigenistischer Autor nennen; aus ganz natürlichen Gründen aber glaube ich, daß zum Beispiel mein Roman “Zama” sehr stark vom Indigenen beeinflußt ist.” (a.a.O., S.205)
    Das Indigene spielt in diesem Roman tatsächlich eine bedeutsame Rolle, aber auf eine sehr dezente, generell und konkret am Menschen orientierte Art, es begegnet uns Leser…n weder grell noch gar folkloristisch, ganz im Gegenteil.

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