Magnus: Chino en Bicicleta

Am Anfang waren die Supermärkte: Als Ariel Magnus 2005 nach sechs Jahren in Deutschland in seine Heimatstadt Buenos Aires zurückkehrte, fiel ihm auf, dass sich überall in der Stadt die Zahl der von chinesischen Einwanderern betriebenen minimercados stark erhöht hatte und auch sonst immer mehr chinos das Stadtbild zu prägen schienen. Ursprünglich als eine Art journalistisches Reportage-Buch über die chinesische Community  geplant, wurde Magnus‘ Idee jedoch von sämtlichen Verlagen „mit viel Enthusiasmus“ abgelehnt, wie er heute lachend erzählt. Ein Glücksfall, sollte diese Ablehnung doch den Ausgangspunkt für die Schaffung eines der originellsten Romane in der argentinischen Literatur der letzten Jahre bilden. Und so wie Magnus das Chinesen-Thema erst mit sanfter literarischer Gewalt auf dem Büchermarkt platzieren konnte, wird auch der Held des Romans zunächst ganz gegen seinen Willen  in die chinesische Welt von Buenos Aires hineingesogen: Ramiro Valestra, ein junger Computerspezialist, soll eigentlich nur als Zeuge im Prozess gegen den chinesischen Brandstifter „Fosforito“ (das Streichhölzchen) aussagen, als ihn eben besagter Pyromane in einer Verhandlungspause auf der Gerichtstoilette im wahrsten Sinne des Wortes mit heruntergelassenen Hosen erwischt, mit einer Pistole als seine Geisel vor sich her schiebt und schließlich in einem gekaperten Streifenwagen ins Barrio Chino, ins Chinesenviertel, von Buenos Aires entführt.

Was sich wie der Beginn eines rasanten Krimis anlässt, ist jedoch viel mehr der Auftakt einer (wahn-)witzigen Geschichte über die chinesische Parallelwelt Buenos Aires‘ aus der Sicht eines Durchschnitts-Porteños, über Kulturkontakte und alles, was damit einhergeht: Missverständnisse, Freundschaft und am Ende sogar Liebe. Nachdem ihn Li, wie „Fosforito“ eigentlich heißt, im Haus seiner Familie untergebracht hat, wo sich Ramiro zunächst „wie auf einem Schüleraustausch“ fühlte, stellt sich recht bald bald heraus, dass die Entführung eigentlich gar keine war und Li Ramiro darum bittet, die wahren Täter zu finden, die für die ihm zur Last gelegten Brandstiftungen in verschiedenen Möbelgeschäften von Buenos Aires verantwortlich sind. Dass Ramiro dem zustimmt, hängt auch mit der mangelnden Attraktivität der Welt zusammen, die ihn außerhalb des Barrio Chino erwartet: soeben arbeitslos und von seiner Freundin verlassen, die Mutter Alkoholikerin und der Vater ein krebskranker Taxifahrer, beschließt er, Li bei der Suche nach den Schuldigen zu helfen. Doch bevor es soweit ist, wird Ramiro von seinem „Entführer“ erst einmal in die chinesische Welt eingeführt. Ob im Bordell, beim Wunderheiler oder in der Karaoke-Bar – auf überaus witzige und originelle Art und Weise beschreibt Ariel Magnus die Initiation des stets mit ironisch-flapsigem Unterton kommentierenden Ich-Erzählers Ramiro im Chinesenviertel, wo es vor skurillen Figuren nur so zu wimmeln scheint. Bestes Beispiel sind Lis Freunde Lito Ming und Chen, der eine angeblich erster chinesischer Schauspieler in Argentinien, der andere ein als Kind für eine Sängerkarriere kastrierter Eunuch, der später dennoch in den Stimmbruch kam und nun mit seinen Freunden die Mittage von Buenos Aires mit Opiumrauchen verbringt. Bei aller Komik, die Magnus bei der Beschreibung solcher Figuren entwickelt, scheint in ihnen auch immer das Tragische ihrer Einwandererexistenzen durch in einem Land, das ihnen eigentlich nur als Durchgangsstation zum großen Ziel aller Chinesen dienen soll: New York.

Je weiter die Story jedoch foranschreitet, desto stärker rückt das ursprüngliche Motiv der Suche nach den Brandstiftern in den Hintergrund, wird das Buch zum Schauplatz eines wilden, literarischen Spiels mit Stereotypen und Identitätskonzepten, wie sie Chinesen und Argentinier voneinander haben, wobei keine der beiden Seiten ungeschoren davonkommt. So heißt es  beispielsweise in einem Gespräch zwischen Lito und Ramiro über die möglichen Eigenschaften von Argentiniern und Chinesen in einem Manga, an dem Lito arbeitet:

„Gut, dann muss man also an typisch argentinische Fähigkeiten denken, Dinge, die hier besonders sind, wie z.B. seinen Nächsten nicht zu bescheißen. Die Typen essen dulce de leche und werden pünktlich, sie hören auf, sich in der Öffentlichkeit zu schnäuzen, sie fahren vorsichtig, geben zu, dass ihnen die Falklands nicht gehören und beginnen, die Chinesen und die Bolivianer und alle, die in ihrem Land leben, mit Respekt und Bescheidenheit zu behandeln.“ Worauf Ramiro mit Blick auf die Chinesen entgegnet: „Ich würde sagen, sie trinken einen Capuccino und hören auf, überall hinzuspucken, sie lernen, sich hinzusetzen, wie es sich gehört, hören auf, sich zu vermehren wie die Kaninchen und blutrünstige Mafias in allen Ländern der Welt zu bilden, sie schneiden sich den Nagel des kleinen Fingers und fangen an, sich die Ohren mit Wattestäbchen zu säubern und zum guten Ende verstehen sie, dass Karaoke das Langweiligste der Welt ist und sie nicht singen können.“

Auf ironische und originelle Art und Weise hinterfragt Magnus typische Klischees im Verhältnis von Ost und West, wenn er beispielsweise unseren Geschichtsdiskurs von der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus so umdeutet, dass die Chinesen in Wirklichkeit schon viel früher in Amerika waren und die hochentwickelte Maya-Kultur nichts anderes als ein chinesisches Back-Up ihrer eigenen Kultur war. Wie eine Art literarischer Lionel Messi bewegt sich Ariel Magnus hier durch den Klischeedschungel – technisch vielleicht nicht immer perfekt, aber mit einer übergroßen Spielfreude ausgestattet.

Und so ist es nur folgerichtig, dass sich im Verlauf des Romans beide Seiten immer mehr annähern und es zu symbolischen Verschmelzungen der Kulturen kommt, ob in besagtem Manga über die Argenchinos oder, in ihrer schönsten Form, in Gestalt des gemeinsamen Kindes, das Ramiro und und seine chinesische Liebe Yintai am Ende des Buches erwarten. Und die Suche nach den Brandstiftern? Die spielt eigentlich am Ende keine Rolle mehr, wird in einer wahnwitzigen Story aufgelöst, nach der jüdische Geschäftsleute die Feuer hätten legen lassen, um die Konkurrenz durch die steigende Zahl chinesischer Geschäfte zu bekämpfen. Wer hier auf etwas mehr Stringenz gehofft hatte oder generell nicht viel mit Magnus‘ teils sehr gewagten Handlungssprüngen und Sprachspielen anfangen kann, den wird dieses Buch kaum begeistern können. Auch etwas mehr  Kürze hätte dem Roman sicher nicht geschadet; zwar ist Magnus eine literarische Witzmaschine erster Kategorie, doch auch die vermag über fast 280 Seiten nicht dauerhaft ihr Niveau zu halten. Ebenso ist das durchgehend verfremdete Sprechen der chinesischen Figuren mit dem Tausch von „R“ und „L“ auf die Dauer etwas ermüdend. Dennoch: Ariel Magnus ist mit diesem Buch ein überaus unterhaltsamer Roman gelungen, der vor Einfallsreichtum und Witz nur so sprüht. Dass das Buch nicht nur den Preis Premio La otra orilla gewann, sondern auch in mehrere Sprachen übersetzt und im Ausland erfolgreich war, führt Magnus übrigens auch darauf zurück, dass man anscheinend in der ganzen westlichen Welt etwas mit den Chinesen-Klischees anfangen kann: „Die Chinesen sind, ob in Argentinien oder Deutschland, überall nur ‚die Anderen‘, von  denen uns nur sehr wenig bekannt ist.“ Nach der Lektüre von Magnus‘ Roman dürfte sich dieses Bild bei seinen Lesern zumindest ein Stück weit verändert haben.

Wir haben vom Kiepenheuer und Witsch Verlag zwei Verlosungsexemplare von Ein Chinese auf dem Fahrrad erhalten! Wer eines der beiden Bücher haben möchte, schreibt eine Email mit Betreff “Magnus” an redaktion@wilde-leser.de und beantwortet folgende Frage: Wo und was hat Ariel Magnus studiert? Unter allen Emails, die bis kommenden Dienstag eingegangen sind, werden zwei Gewinner ausgelost. Bitte unbedingt die Postadresse hinzufügen! Viel Erfolg!

2 Responses to “Magnus: Chino en Bicicleta”

  1. Der Buecherblogger

    Es hat mir gefallen wie Ariel Magnus in einem Interview von seiner Aversion gegen das Genre des “Familienromans” spricht und davon berichtet, dass er eigentlich gar keinen Plot oder eine Handlung schreiben kann. Noch sympathischer ist es, wenn er über die vielen Klischees der unterschiedlichen
    Kulturen spricht, in denen sich oft nur die Unwissenheit gegenüber dem Fremden ausdrückt.
    Die Chinesen, die Juden, die Palästinenser, die Argentinier, die Deutschen, die Europäer, die Amerikaner, die Münchner, die Berliner, die Hamburger, mein Nachbar und ich. Aus dem Klischee wird in dem Buch ein Kennenlernen, der einzige Weg friedlich miteinander zu leben.

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1240552/

  2. Herbert Fraunhoffer

    Jetzt habe ich endlich auch das Buch gelesen, nachdem ich mir schon früher das Hörbuch angehört habe. Beides fand ich klasse!
    Witzig, informativ, auch spannend und tragisch, voller Klischees und deren Widerlegung, tragisch und komisch!

    Ein rundum tolles Buch von einem sympathischen Schriftsteller, den ich das Glück hatte auf der FBM10 sehen und hören zu können!

    Eine kleine Kostprobe:

    “Wie Konfuzius sagt: Du bist ein glücklicher Mensch: Jedes Mal, wenn du einen Fehler begehst, macht dich jemand darauf aufmerksam.

    (…)

    Die Swastika ist ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn die Westler östliche Elemente importieren. Sieh mal an, wir haben ihnen die Swastika gegeben und was haben wir bekommen? Den Nationalsozialismus. Und do ist es mit allem: wir haben ihnen das Pulver gegeben und haben den Krieg bekommen, wir haben ihnen das Papier gegeben und die Abholzung des Amazonas bekommen, wir haben ihnen Leuchtfarbe gegeben un Graffiti bekommen, wir haben ihnen die Geldscheine gegeben und Finanzkrisen bekommen, wir haben ihnen den Regenschirm gegeben und den sauren Regen bekommen, wir haben ihnen die Spielkarte gegeben und Mau-Mau bekommen, wir haben ihnen die Seide gegeben und Sackleinwand bekommen, wir haben ihnen die Tinte gegeben und Frauen mit gefärbten Haaren bekomen, wir haben ihnen das Porzellan gegeben und Plastik bekommen, wir haben ihnen den Kompass gegeben und haben eine Welt ohne Kurs bekommen.”

    (Lis Lektionen II, Seite 100)

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