Ariel Magnus: Interview

© Eterna Cadencia

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„Da fehlt ja der ganze Latino-Kolorit!“

Ein Gespräch mit dem argentinischen Schriftsteller Ariel Magnus über literarische und nationale Klischees, Generationenkonzepte und den Besuch seines Landes auf der Frankfurter Buchmesse.

Wilde Leser: Zentrale Themen deines Romans Un Chino en bicicleta sind Identität und Stereotypen, die wir beispielsweise mit verschiedenen Nationalitäten verbinden. Hat dieses Thema für dich als Argentinier, der du lange Jahre in Deutschland gelebt hast, eine besondere Bedeutung?
Ariel Magnus: Eigentlich war ich nie der „typische“ Argentinier, der in Deutschland in eine fremde Kultur kommt: meine Großmutter stammt aus Deutschland, ich bin auf eine deutsche Schule gegangen und habe sogar einen deutschen Pass. Dennoch haben mich in Deutschland einige Dinge positiv überrascht, beispielsweise die politischen Freiheiten oder die sympathische Art vieler Deutscher. Außerdem stellte ich fest, dass viele Traditionen meiner Familie, die ich unserer jüdischen Religion zugerechnet hatte, eigentlich deutschen Ursprungs waren, wie beispielsweise das Eiersuchen an Ostern oder auch die schon zur Folklore zählende Sparsamkeit.

Wilde Leser: Welche Vorstellung existiert deiner Meinung nach denn in Deutschland von einem „typischen“ Argentinier?
Ariel Magnus: Ich musste feststellen, dass „wir Argentinier“, wenn wir uns mal auf diese furchtbaren Verallgemeinerungen einlassen wollen, vor allem nicht mit dem landläufigen Bild des „Latino“ vereinbar sind, das man sich in Deutschland häufig macht. Wir sind ernst, tanzen nicht gerne, haben keinen Rhythmus im Blut und sehen aus wie Europäer. Und wenn du dann noch sagst, dass du Deutsch sprichst, Jude bist und deine Großmutter eine Auschwitz-Überlebende…hui, dann wird die Sache mit den Klischees schon kompliziert.“ (lacht)

Wilde Leser: Der Fall des Pyromanen „Fosforito“ in Un chino en bicicleta geht von einer wahren Begebenheit aus, die in der argentinischen Presse vor einigen Jahren ein großes Echo fand. Sind gerade Pressemeldungen für dich, der du ja auch einige Zeit journalistisch tätig warst, eine gute Quelle für neue literarische Themen oder beschäftigen dich eher Dinge, die sich in deiner persönlichen Lebenswelt verorten lassen, wie z.B. in dem Kurzroman Muñecas, wo es um einen Ausländer in Heidelberg geht?
Ariel Magnus: Generell mag ich es nicht, meine Figuren zu sehr mit meiner Person als Autor zu verbinden. Im Fall von Muñecas gab es diese geographische Parallele natürlich, aber andererseits würde ich mich ungern mit diesem Typen vergleichen lassen, der in seiner Wohnung einen Harem von aufblaßbaren Gummipuppen hält. Zeitungsmeldungen benutze ich aber sehr häufig für meine literarische Arbeit, nicht unbedingt als zentrales Thema, aber ich mag es, sie in die Handlung einzubauen, besonders diese kuriosen Geschichten des Lebens aus aller Welt. In diesen Momenten merkst du, dass du als Schriftsteller nichts bist und die Realität deine Fantasie regelmäßig übersteigt.

Wilde Leser: Der Wagenbach-Verlag hat in diesem Jahr eine Antologie junger argentinischer Autoren mit dem Titel „Asado verbal“ herausgegeben, die fast alle in den 70er-Jahren geboren wurde – kann man hier wirklich von „einer“ Generation sprechen oder passt dieser Begriff trotz der gemeinsamen Altersstufe in literarischer Hinsicht nicht?
Ariel Magnus: Doch, durchaus. Sicherlich teilen wir aufgrund unseres Alters ähnliche Erfahrungen, die sich auf irgendeine Art auch in unserer Literatur niederschlägt. Aber natürlich bedeutet das nicht, dass wir auch alle gleich schreiben oder wir uns treffen, um gemeinsam die Leitlinien für die literarische Auseinandersetzung festzulegen. Es gibt einige kleinere Gruppen, aber generell entstehen diese Art von Generationenkonzepten und die zugehörigen Antologien ja eher auf Betreiben der Verlage. Sie haben den Vorteil, dass viele Leute auf viele Namen durch ein einziges Buch aufmerksam werden, aber vom literarischen Standpunkt aus erscheinen sie mir zumindest nicht übermäßig interessant.

Wilde Leser: Wie beurteilst du die Teilnahme Argentiniens als Gastland an der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr?
Ariel Magnus: Das ist ein gigantischer Gewinn für die argentinische Literatur. Viele aktuelle Bücher, darunter vielleicht auch mein eigenes, wären ohne die Buchmesse wahrscheinlich gar nicht ins Deutsche übersetzt worden. Zudem wird Argentinien auch als eine Art literarisches Konzept gesehen und nicht nur als ein politisches, fußballerisches oder „rindfleischliches“. Frankfurt bietet uns etwas Wichtiges: Sichtbarkeit. Aber natürlich ist es so: Ob diese Aktion auch nach 2010 Früchte tragen wird – das hängt dann von den Büchern und ihrer Qualität ab. Erst dann werden wir sehen, welche Autoren dieses Schaufenster wirklich zu nutzen verstehen.

Wilde Leser: Wenn du einem deutschen Besucher der Buchmesse einige argentinische Gegenwartsautoren empfehlen müsstest – welche wären das?
Ariel Magnus: Generell mag ich diese Empfehlung von Autoren meiner eigenen Generation nicht so sehr, da das schnell zu Missverständnissen führt. Von den schon etwas älteren aber kann ich zweifellos César Aira empfehlen, genauso Juan José Saer oder auch Macedonio Fernández, der zwar schon lange tot ist, aber erst kürzlich übersetzt wurde. Ein anderer, den ich sehr empfehlen würde, wäre Marcelo Cohen, aber der wurde bisher leider nicht ins Deutsche übersetzt.

Wilde Leser: Abgesehen von den Möglichkeiten, die nun die Buchmesse eröffnet – wie siehst du generell in den letzten Jahren die Rezeption der argentinischen Literatur in Deutschland?
Ariel Magnus:
Durchaus positiv. Schon allein die Tatsache, dass Borges hierzulande ein Konzept ist, finde ich bemerkenswert. Denn letztlich nutzt jeder argentinische Autor, der einem breiteren Publikum bekannt wird, irgendwie seinen Landsleuten. Ein Problem sind aber sicherlich immer noch die Themen, die man im Ausland häufig von argentinische Autoren erwartet. Dabei bedeutet ja allein die Tatsache, dass wir die Erfahrung einer Militärdiktatur erleiden mussten, nicht, dass jeder argentinische Autor sich zwangsläufig damit literarisch auseinandersetzen muss.

Wilde Leser: Gilt das auch für die literarischen Konzepte, welche die sogenannte Boom-Literatur in Europa bekannt gemacht und damit stark das Bild der lateinamerikanischen Literatur hierzulande geprägt hat?
Ariel Magnus: Natürlich fragt man heute nicht mehr, was es Neues vom „Boom“ gibt, da der „Boom“ ja längst vorbei ist, noch dazu was die argentinische Literatur angeht, die an der „Boom“-Literatur im Stile eines García Márquez ja nie wirklich Anteil hatte. Aber dennoch sind diese Konzept immer noch irgendwo präsent und wenn man als Lateinamerikaner plötzlich einen Roman schreibt, der entgegen diesen Klischees sich eher auf einer urbanen, intellektuellen, „kalten“ Ebene bewegt, dann heißt es schnell: Was ist das denn? Da fehlt ja der ganze Latino-Kolorit! Dennoch ist das aus der Perspektive des Durchschnittsleser auch irgendwo verständlich, denn der sucht ja in ausländischer Literatur natürlich das Besondere und sagt sich: Wenn ich etwas über Alltagsbetrachtungen lesen will, dann suche ich mir einen deutschen Autor. Aber zum Glück gibt es da ja immer noch die etwas exquisiteren Leser, die sich auch an solche Literatur herantrauen.

Das Gespräch wurde geführt von Benjamin Loy, 23 Jahre alt, studiert Hispanistik und Germanistik in Saarbrücken und hat in den letzten Jahren insgesamt zwei Jahre in Santiago de Chile gelebt (Studienaufenthalte, Praktika, etc.). Ansonsten arbeitet er als freier Mitarbeiter von Zeit zu Zeit für verschiedene Medien, u.a. für Spiegel-Online, Saarbrücker Zeitung und die Lateinamerika-Nachrichten.  Er ist ein begeisterter Anhänger der lateinamerikanischen Literatur, vor allem der zeitgenössischen, die ihm unserer heimischen gegenüber doch bis auf wenige Ausnahmen als sehr viel origineller und spannender erscheint, siehe nur das Beispiel Bolaño.

3 Responses to “Ariel Magnus: Interview”

  1. Günter Landsberger

    Lieber Ariel Magnus,
    dass einiges (Wenige) von Macedonio Fernández ins Englische und Französische übersetzt worden ist, weiß ich zwar, aber nun endlich auch etwas ins Deutsche? Sagen Sie mir bitte, was wann und wo von ihm auf deutsch erscheinen wird. Darauf warte ich doch schon so lange.

  2. Leopold Federmair

    Lieber Günter Landsberger,
    sehr empfehlenswert ist Heft 238 der horen, das demnächst erscheint. Da werden einige Desiderata – wie sagt man? – erledigt, u.a. sind Auszüge aus dem Werk von Macedonio Fernández enthalten. Eine deutsche Buchveröffentlichung ist mir auch nicht bekannt. Ich halte es für schwierig, Übersetzungen in großem Stil zu lancieren, da Macedonio ja in gewisser Weise ein Anti-Schriftsteller war, der sich nicht sehr um seine Schriften und deren Edition gekümmert hat. Eine solche Haltung fordert vielleicht jeden Literaturbetrieb heraus, besonders aber den heutigen. In Argentinien lebt Macedonio eher als Mythos und Figur der Literaturgeschichte. Ich glaube nicht, daß er sehr viel gelesen wird. Auch die Autoren reden eher über ihn, als daß sie ihn lesen.
    Das Interview mit Ariel Magnus finde ich interessant, amüsiert hat mich aber seine (sicher ironische) Zurückweisung des Argentinier-Klischees, die ein Porträt ergibt, das noch weiter von der Wirklichkeit entfernt ist als das Klischee. Aber vielleicht ist es ein Selbstporträt des Autors und der Plural ein pluralis majestatis.

  3. Günter Landsberger

    Lieber Leopold Federmair,
    herzlichen Dank für den guten Hinweis, dem ich sofort nachgegangen bin.

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