Lesen und Innehalten

VORAB- UND ZWISCHENBERICHT ZU ERNESTO SÁBATOS ERSTLINGSROMAN

„El túnel“ (1948)

Lesen bietet immer die Möglichkeit innezuhalten. Und in zunehmendem Maße weiß ich das  ja auch wieder zu schätzen.

Doch auch im Lesen selber muss man manches Mal innehalten und rechtzeitig Pausen setzen können, damit der Text, da, wo er zu atmen beginnt, möglichst lange noch bei Atem bleibt.

Und so halte ich jetzt im Lesen inne, um eine mir wichtig erscheinende, vielleicht überhaupt wichtige Szene nur ja nicht zu verlieren.

Einerseits zwar möchte ich diesen Roman, der von Anfang an so dringend drängt, in einem Zuge weiterlesen, diesen Roman, den ich gerade wieder zu lesen begonnen habe, und der, als ich ihn vor 33 Jahren zum ersten Mal las – und seitdem leider nicht mehr wieder – , im Deutschen noch den Titel „Maria oder die Geschichte eines Verbrechens“ (Wiesbaden und München 1976) trug, den er jetzt aber zugunsten des weniger reißerischen Originaltitels „Der Tunnel“ (Berlin 2010) wieder ablegen durfte. Andererseits jedoch möchte ich das  unausgesprochene Gebot  des 3. Kapitels, an genau dieser Stelle  innezuhalten, nicht einfach übergehen.

Die Rede ist in diesem 3. Kapitel von einem Bild und von den vom Künstler selber beobachteten Reaktionen auf dieses Bild. Dieses Bild, mit dem Titel „Mutterschaft“, wird 1946 in der Frühjahrsausstellung in Buenos Aires öffentlich gezeigt. Die meiste Aufmerksamkeit bei den Betrachter…n erregt (wenn überhaupt) die „großformatige Frau im Vordergrund“, „die dem spielenden Kind zuschaut(e)“. Nur eine einzige Betrachterin schaut unverkennbar anders, sie richtet ihren Blick völlig unabgelenkt und fest auf eine kleine Fensterszene oben links im Bild, auf die der Maler selber – auf der nachträglichen Erzählebene also der Ich-Erzähler -  offenbar größten Wert legt. „(O)ben, links, durch ein Fensterchen hindurch, sah man eine kleine, abgelegene Szene: einen einsamen Strand und eine Frau, die auf das Meer blickte. Es war eine Frau, die auf das Meer blickte, als ob sie etwas erwarte, vielleicht einen leisen und entfernten Ruf. Die Szene atmete meiner Meinung nach eine beklemmende und absolute Einsamkeit.“ Der die Reaktionen auf sein Bild am Tag der Eröffnung der Ausstellung beobachtende Maler ist ganz fasziniert davon,  dass diese junge, ihm unbekannte Frau ihm und seinen künstlerischen Intentionen offenbar so nahe kommt. Für ihn ist sie etwas Besonderes, ein ihm womöglich wahl- oder wesensverwandter Mensch: „Mit Ausnahme eines einzigen Menschen schien niemand zu verstehen, dass diese Szene etwas Wesentliches darstellte.“ (S.12)

„Als sie (diese junge Frau, GFL) jedoch verschwunden war, fühlte ich mich irritiert, unglücklich und dachte, dass ich sie vielleicht nie mehr wiedersehen würde, verloren unter den Millionen anonymer Einwohner von Buenos Aires.“ (S.13)

Wie nahe der Wunsch eines Künstlers, von auch nur  e i n e m  anderen Menschen  v e r s t a n d e n  zu werden, doch jenem noch mehr Menschen vertrauteren kommt, wahrhaft geliebt zu werden! Kann man da im Zusammenhang von Kunst und Leben, von einsam machender Kunst und ersehntem Leben, etwas verwechseln? Beziehungsweise -  was passiert oder was kann passieren, wenn man das tut?

„In den darauffolgenden Monaten dachte ich nur an sie, an die Möglichkeit, sie wiederzusehen. Und ich malte gewissermaßen nur für sie. Es war, als ob die kleine Fensterszene zu wachsen begänne und  die ganze Leinwand und mein ganzes Werk überwucherte.“ (S.13)

Ernesto Sábatos in Ich-Form geschriebener Roman „Der Tunnel“ thematisiert Kunst und Liebe, Einsamkeit und Verbrechen, physische und metaphysische Verlassenheitsangst und noch vieles andere mehr. Davon aber wird erst in etwa einer Woche die Rede sein, wenn der Zeitpunkt für diesen Roman in unserem „Argentinischen Juli“ endgültig gekommen sein wird.

3 Responses to “Lesen und Innehalten”

  1. Günter Landsberger

    Nachgetragen sei, dass Sábato selber sein erstes veröffentlichtes Erzählwerk “El túnel” in ein und demselben Gespräch, dem 11. mit Carlos Catania, meistens als “Roman”, gelegentlich aber auch als “Novelle” bezeichnet.
    Nachlesen kann man das im – auch sonst und darüberhinaus – außerordentlich interessanten Band des Waldgut Verlags “ERNESTO SABATO / Zwischen Schreiben und Leben / Gespräche mit Carlos Catania”, Frauenfeld 1998. (Vgl. z. B. S.175 und S. 185) Wenn man in diesen 11 Gesprächen sehr viel über Werk und Leben und Einstellungen vom Sábato des Jahres 1987 erfährt, so vermittelt uns vom Oktober 1968 her schon das ausgiebige Gespräch Sábatos mit Günter W. Lorenz einen weiteren wertvollen Eindruck, durch den ich übrigens in den frühen siebziger Jahren auf den weltliterarisch hochbedeutenden argentinischen Autor zuallererst aufmerksam gemacht worden bin. (Vgl.Günter W. Lorenz: “Dialog mit Lateinamerika / Panorama einer Literatur der Zukunft”, Tübingen und Basel, S.39 – S.131)

    Ähnlich wichtig war für mich damals auch Sábatos Essay “Kunst und Gesellschaft”, den ich im Band von Günter W. Lorenz: “Lateinamerika – Stimmen eines Kontinents / Prosa Lyrik Theater Essay”,Tübingen und Basel 1974, S.32ff abgedruckt fand und der ein wohltuend überzeugendes Korrektiv und Gegengewicht darstellte zu gewissen Einseitigkeiten der damals (auch in Schulbüchern) verbreiteten vulgär-, orthodox- und neomarxistischen oder auch nur literatursoziologischen Sicht und Darstellung von Literatur.

  2. Günter Landsberger

    Auch auf Marianne Kneuers ihrem sehr lesenswerten (!)Essay zu Sábatos 90. Geburtstag (Link s.o.) 10 Jahre früher vorausgegangenes Buch sei hier verwiesen:
    “Kneuer, Marianne:
    Literatur und Philosophie. Ihr Verhältnis bei Ernesto Sabato. (Hispanistische Studien, 22).
    [nach diesem Titel suchen]
    Frankfurt/M., Bern, New York: Peter Lang Vlg. 1991.
    ISBN 978-3-631-43978-4

    XI, 280 S. Br. *neuwertig*

    Das Spannungsverhältnis von Literatur und Philosophie aufzulösen und beide zu vereinen, das ist keine neue, aber eine selten verwirklichte Idee. Sind die Suche nach wahren Erkenntnissen und die Schöpfung von fiktiven Welten wirklich unvereinbar? Ernesto Sabato, letzter Vertreter der großen argentinischen Schriftstellergeneration, verneint dies. Für ihn ist Philosophie ein unverzichtbarer Bestandteil des Romans. Die Autorin beleuchtet das politische und intellektuelle Klima, das Sabato geprägt hat. Sie untersucht die philosophischen Strömungen, die ihn beeinflußt haben und die ästhetische Richtung, an der er sich orientierte. Diese interdisziplinäre Betrachtung vollzieht so den Weg nach, der Sabato zu seiner Idee der Synthese von Literatur und Philosophie geführt hat.

    [Schlagwörter: Romanistik; Sonstiges]

    Sprache: Deutsch”

    (Zitat der aktuellen Hinweise zu diesem Buch bei ZVAB)

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

twitter-widget.com