Alan Pauls: Die Vergangenheit

Was soll man zu Alan Pauls „Die Vergangenheit“ auf diesen Seiten noch sagen? Zunächst hat mir Dietmar Hillebrandt den Hinweis auf eine Besprechung des Romans gegeben: Die Besprechung in Denis Schecks Sendung „Der Büchermarkt“ ist, wie ich finde, hervorragend. Also empfehle ich sie und versuche in meiner Besprechung möglichst nichts daraus zu wiederholen. „Wir müssen mit dem, was wir waren, leben lernen.“ Dieser Satz, den Alan Pauls seine Hauptfigur die Psychoanalytikerin Sofia sagen lässt,  sei ein starker Satz, weise und enorm anspruchsvoll. Wie und ob das nun gehe, mit der Verganheit leben zu lernen, zeige der 2003 (2009) erschienene Roman „Die Vergangenheit“ von Alan Pauls. Es sei sozusagen sein Thema. Dem kann ich zustimmen.

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Alan Pauls hat einen fantastischen Roman geschrieben. Zugegeben, er ist nicht leicht zu lesen. Und hin und wieder hat er auch Längen, verliert sich Alan Pauls in die Beschreibung von zu vielen Details. Das Lesen dieses Romans ist also anstrengend. Aber wenn man sich darauf einlässt und immer mehr versteht, worum es hier eigentlich geht, dann macht das Lesen auch Spaß und ist auch unterhaltsam.

Worum geht es? Es geht um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wie man mit ihr leben könne. Das kennen wir schon von dem oben zitierten Satz der Psychoanalytikerin Sofia. Es dürfte kein Zufall sein, dass ihr Name uns an Weisheit denken lässt. Der dreißigjährige Rimini, die andere Hauptfigur, macht sich in den achtziger Jahren in den Straßen von Buenos Aires auf die Suche nach seiner verlorenen Zeit. Er verliebt sich neu. Aber die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit holt ihn in Gestalt seiner ehemaligen, langjährigen Freundin Sofia immer wieder ein. Es beginnt, wie es im Buchdeckel heißt, ein „tragikomisches Inferno“.

Mehr möchte ich zum Inhalt des Romans oder vielleicht auch zu seiner Schreibweise gar nicht sagen. Ich verweise noch einmal auf die Sendung von Denis Scheck und natürlich auf das, was Leopold Federmair hier in seinem Beitrag „Unerträgliche Dichter“ über Alan Pauls geschrieben hat.

Was nun die Auseinandersetzung des Protagonisten Rimini mit seiner Vergangenheit angeht, sind mir beim Lesen auf der Seite 222 folgende, wie ich meine für den Roman überhaupt ‚starke Sätze’ aufgefallen: „Alles war wie immer, nur deutlicher: Rimini sah alles und alles einzeln, wie man eine Landschaft nach einem Regen sieht. Er dachte, wenn er jetzt draußen wäre, in einem Park oder auf dem Land, würde er imstande sein, die Adern jedes Blattes zu zählen, ohne sich zu vertun. Und gleichzeitig, geblendet vom Glanz dessen, was er sah, kam es ihm so vor, als sei das Einzige, was sich in der Welt verändert hätte, die Zeit. Er nahm eine Art allumfassende Dehnung wahr. (…) Und das Verwunderlichste: Wie konnte es Dehnung ohne Alterung geben?“ Vielleicht geht es Rimini ja genau um diese „Dehnung ohne Alterung“, um das im wahrsten Sinne des Wortes Aufheben der Vergangenheit. Aber kann das überhaupt funktionieren, z. B. mit Drogen oder mit der Fotografie? Oder vielleicht sogar mit der neuen Liebe?

Mit der Vergangenheit leben hieße dann für Rimini eigentlich nicht, sich mit der bzw. seiner Geschichte in der üblichen Weise auseinanderzusetzen. Vielleicht ist es Sofia, die das mit ihrer ganzen Macht, die sie über Rimini immer noch hat, nicht zulässt.

Alan Pauls Die Vergangenheit wurde von Christian Hansen übersetzt und ist im Klett-Cotta Verlag erschienen.

Andreas Gierth, 54, hat Germanistik und Philosophie studiert. Er arbeitet an einer Privatschule als Lehrer.

5 Responses to “Alan Pauls: Die Vergangenheit”

  1. Marvin Kleinemeier

    Die Verfilmung mit Gael Garcia Bernal (Den ich sehr mag) unbedingt im Regal stehen lassen! Eigentlich bin ich offen für Verfilmungen, aber diese ist kläglich gescheitert.

    Alan Pauls “Die Vergangenheit” hingegen habe ich genossen, auch wenn man sich durch einige Teile wirklich kämpfen musste. Ehrlich gesagt lag mir das Thema auch nah und ich konnte einiges gut nachvollziehen!

    Unbedingte Leseempfehlung!

  2. Leopold Federmair

    Irgendwo in Lezama Limas Roman “Paradiso” steht eine Rechtfertigung des “Schwierigen”. Es gebe eine “Lust am Schwierigen”, die etwas wie die Vergütung für Anstrengungen (Qualen?) sei. Das hat etwas Masochistisches und erinnert an den Sport, ans Laufen, auch an lange Tennismatches. Ich glaube, es ist kein Zufall, daß Sport bei Alan Pauls eine so große Rolle spielt. Ein bestimmter Blick auf den Sport steht in engem Zusammenhang mit seiner Poetik. Es ist öfters bemerkt worden, daß der Satzbau in “Die Vergangenheit” an Proust denken läßt, im übrigen auch die Art und Weise, sich der persönlichen Vergangenheit zu nähern. Prousts Sprache ist aber weicher, deshalb wohl auch etwas leichter zu lesen. Alan Pauls rauht die Sätze auf und er neigt dazu, die Spannung darin (in den Sätzen) zu strapazieren. Vielleicht strapaziert er sie manchmal zu sehr, aber mir scheint, das ist bei dieser Art von sportlich-ästhetischem Lustgewinn nicht ganz zu vermeiden, eine notwendige Gefahr sozusagen. Wie andererseits beim Leser eine gewisse Ausdauer gefordert ist, eine Bereitschaft, Durststrecken zu überwinden.
    Etwas davon findet man auch bei Elfriede Jelinek, zum Beispiel im “Sportstück”. Das habe ich einmal in einer sehr langen, entschieden sportlichen Aufführung von Einar Schleef gesehen. In der Inszenierung war auch ein Kampf gegen den Text zu spüren, ein Tennismatch zwischen geschriebenem Text und gesprochenem Wort.

  3. Andreas Gierth

    Was nun die Anstrengung angeht, sich das Vergnuegen an diesem Roman zu erlesen, so will ich sie keinesfalls verdammen. Sie ist mindestens hier geradezu notwendig, ohne sie gibt es das Vergnuegen an diesem Roman nicht.

    Leopold Federmairs Gedankenverbindung Sport – Poetik kann ich nur unterstreichen. Ich habe diesbezueglich noch an D. F. Wallace gedacht und seinen “Unendliche(n) Spass”. Man vergleiche einmal ein bisschen die Tennisszenen!!

    Was nun die Art und Weise – s. Kommentar L. Federmair – sich der persoenlichen Vergangenheit anzunaehern angeht, glaube ich, dass diese nur insofern etwas mit Proust bzw. seinen Helden zu tun hat, als dessen bzw. deren Art und Weise der von Rimini historisch nur vorausgeht. Rimini, der Held aus “Die Vergangenheit”, kann nicht mehr wie ein proustscher Held auf die Suche nach seiner verlorenen Zeit gehen. Er tut dies auch nicht. Trotz dauernder Anspielungen auf Proust. Jedenfalls ist das meine Meinung.
    Ich habe hingewiesen auf den fuer mich entscheidenden Punkt im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Zeit ueberhaupt. Es geht, wie ich meine, um die “Dehnung ohne Alterung”, letztlich quasi um das Anhalten der Zeit etc. Um dies vielleicht besser nachvollziehen zu koennen, eine Leseempfehlung: “Der Omega-Punkt” von Don DeLillo. Unbedingt lesen! Hier sehe ich einen ganz gleichen Versuch wie den von Alan Pauls der poetischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bzw. der Zeit ueberhaupt. Auch in dem kleinen Roman von Don DeLillo geht es um die Dehnung der Zeit. Eine wichtige Rolle in dem Roman spielt uebrigens die Videoinstallation von Douglas Gordon, in der er den Film “Psycho” von A. Hitchcock auf 24 Stunden dehnt. Und in diesem kleinen Roman gibt es ganz interessante Erklaerungen bezueglich dieser Dehnung der Zeit, die sich durchaus auch zur Verstaendnishilfe auf “Die Vergangenheit” von A. Pauls uebertragen lassen.
    Aber wie gesagt, dass sind nur Moeglichkeiten, wie man diesen Roman lesen koennte.

  4. Günter Landsberger

    Lieber Andreas, die “Buch der Woche”-Erstsendung zu diesem Roman habe ich zwar vor wenigen Wochen auch gleich im Deutschlandfunk gehört, aber den Roman selber leider bis jetzt noch nicht gelesen. (Ich war ja – durch andere anstehende Lektüre – mehr oder minder besetzt.) Wenn ich den Pauls-Roman aber selber gelesen haben werde – wahrscheinlich in ein bis drei Monaten -, werde ich möglicherweise an Deinen Beitrag sehr gerne wieder anknüpfen.

    Generell: Wenn wir hier – jeder für sich – einzelne Bücher vorstellen, ist das zwar für potentielle Leser… (für mich jedenfalls) jeweils anregend, aber ein bisschen schade ist es doch, dass es zu wechselseitigen Kommentaren nur selten kommt, weil jede(r) von uns eben nicht alle Bücher gleichzeitig gelesen haben kann. Dass ist dann, wenn wir uns gemeinsam auf ein einziges Buch, das dann möglichst alle gelesen haben, einigen, zumindest von der Ausgangslage her anders.
    Zwischendurch finde ich solche Buch-Vorstellungsreihen wie die jetzige aber auf alle Fälle sinnvoll, und sei’s nur als Lese-Anregung für uns und all die anderen neu zu uns Hinzustoßenden.
    Was ich mir wünsche, ist aber, das nach erfolgter nachträglicher Lektüre der von anderen vorgestellten Bücher, im Nach-Vollzug gleichsam, kurz vor der Buchmesse mit dem Argentinien-Schwerpunkt z. B., der eine oder andere Kommentar von Nach-Leser…n noch verfasst werden könnte und würde, der dann auch noch freudig beachtet wird und des Weiteren zu ergänzenden, möglichst lebendigen Gesprächen hier führt. -

    Ehe z. B. ich den Pauls oder etwas von Aira … oder anderen aber lese, werde ich noch Ernesto Sábatos “Abbadon” zu Ende lesen. Ehe das nicht passiert ist, habe ich für anderes – und noch so Gutes (vielleicht mehr als Ebenbürtiges?) – noch nicht die richtige Ruhe.
    Durch die wache Beschäftigung mit Di Benedettos und Sábatos Romanen habe ich ganz nebenbei – während des bloßen Lesens – sehr viel über die unmittelbare argentinische Vor-Geschichte der neunziger Jahre des 18. Jh.s (“Zama”) und die komplexe argentinische Geschichte danach (von 1810 bis 1973) gelernt. Dabei sind all diese Bücher (Di Benedettos “Zama” und Sábatos “Argentinische”, jeweils in der Gegenwart eines anderen Jahrzehnts des dritten Viertels des 20. Jh.s spielende “Trilogie”) dezidiert keine historischen Romane!
    Immerhin – und das ist eine Verbindung zu Pauls – gilt auch für sie: “Wir müssen mit dem, was wir waren, leben lernen.” Und das gilt nicht nur für Zama, Martín, Bruno und andere Einzelpersonen dieser Romane, sondern wohl für ein ganzes Land, z. T. sogar für den ganzen Kontinent.

  5. Benjamin Loy

    Ich habe “El pasado” im Januar – nicht unbedingt mit vollster Überzeugung – in einer kleinen Buchhandlung in Bariloche in Argentinien gekauft und danach regelrecht verschlungen.

    Was Pauls mit diesem Buch gelungen ist, finde ich phänomenal, vor allem wenn man sich die Grundzüge des Romans einmal vor Augen hält: eine Liebesgeschichte und noch dazu in einem Stil, bei dem sich oft Bandwurmsätze über mehrere Seiten ziehen und eine solche Fülle von Bildern und Assoziationen aufrufen, dass man fast meint, den Überblick zu verlieren. Romane über Beziehungen zu schreiben ist für mich wie am Abgrund einer tiefen Schlucht entlangzulaufen, immer in der Gefahr, einen falschen Schritt zu tun und in den Abgrund des Kitschs zu stürzen. Dass Pauls über 550 Seiten eben das souverän vermeidet, hat allein schon Anerkennung verdient.

    Aber auch ansonsten gab es in dem Roman so viele überaus gelungene Passagen, genannt sei nur das (sehr postmodern angehauchte) Spiel in der Episode um den Maler Riltse und seine Sick Art.
    Ich muss deshalb auch ganz ehrlich sagen, dass von all diesen argentinischen Romanen, die ich in der letzten Zeit gelesen habe (Aira, Magnus, Casas, Kohan, Piglia, Figueras…), “Die Vergangenheit” mit Abstand der stärkste war und vielleicht auch der einzige, dem man dieses in unserer im Feuilleton gern so vorschnell vergebene Prädikat “Weltliteratur” zugestehen kann.

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