Schlachthöfe

Als ich vor eineinhalb Jahrzehnten die wenigen Kilometer von La Plata nach Berisso fuhr, um mich auf dem Gelände der alten Schlachthöfe und Fleischfabriken umzusehen, konnte ich nicht umhin, an europäische Konzentrationslager zu denken: an Mauthausen, vor allem aber an Claude Lanzmanns geduldigen Film über Auschwitz. Später habe ich mich oft gefragt, ob ich bei dieser Assoziation nicht einem bei Nachkriegskindern verbreiteten Reflex aufgesessen war. Die Dimensionen, die reibungslose Technik, die Abwesenheit… Tiere töten, Menschen töten, das ist nicht dasselbe. Oder? In Berisso kamen zu der Vorstellung der Massentötung – es handelte sich um zwei riesige Anlagen der Firmen Swift und Armour, seinerzeit die größten in ganz Südamerika – noch die stille Verlassenheit und der Verfall der Gebäude, so daß fast zwangsläufig eine Art Geschichtsgefühl aufstieg. In seinem Buch über den argentinischen Rinderkult rechnet Juan José Becerra vor, wie viele Tiere ein noqueador tötet: in einem mittleren Schlachthof etwa tausend pro Tag. „Erfahrene noqueadores schlachten im Durchschnitt im Verlauf eines Jahrzehnts etwa zwei Millionen Tiere, aber tagtäglich löschen sie aus ihrem Bewußtsein und Gedächtnis die wiederholten Szenen des Grauens, damit sie am nächsten Tag mit dem Töten weitermachen können.“

In Berisso sagte man mir, nach dem Ende der großen Fleischfabriken in den siebziger Jahren sei die Produktion dezentralisiert worden, kleinere Einheiten hätten sich als effizienter erwiesen, außerdem hätten sie sich oft in der Nähe von estancias angesiedelt, um die Viehtransportwege kürzer zu halten. Im Stadtgebiet von Buenos Aires gibt es zwar frigoríficos, in Liniers und Mataderos, aber auch hier hat vor langer Zeit ein Niedergang eingesetzt, dem man mit Nostalgie zu begegnen versucht, mit einem Wochenendmarkt vor den Arkaden des alten Verwaltungsgebäudes, wo Kunsthandwerk verkauft und chacarera getanzt wird und Reiter in Gaucho-Tracht Pferderennen abhalten. Nach Folklore stand mir nicht der Sinn, und so war ich froh, als sich die Möglichkeit ergab, eine Fleischfabrik in einem Ort namens San Antonio de Areco zu besuchen, etwa hundert Kilometer von Buenos Aires entfernt. Dort setzt man zwar auch auf Tradition, zum Beispiel mit dem Museum, das den Namen von Ricardo Güiraldes trägt, dem Verfasser des Gaucho-Romans Don Segundo Sombra, aber das tut dem Städtchen nur gut, und der frigorífico am Ortsrand, unweit der alten Eisenbahnstation, steht augenscheinlich, nachdem ihn vor vier Jahren zwei Unternehmer gekauft und vor dem endgültigen Verfall gerettet haben, in seiner schönsten Blüte. Falls man dieses Wort für ein Todeslager der Rinder gebrauchen darf.

Alejandro, der Leiter des Betriebs, weist uns auf den noqueador hin, der in einiger Entfernung am Einlaßtor des Korrals hantiert. Sogar Alejandro, der die Abläufe im frigórifico fest im Griff hat, begegnet ihm mit einer gewissen Scheu. Dabei tötet der noqueador die Tiere gar nicht, er betäubt sie nur, mit einem Apparat, der Schmerz im Normalfall vermeidet. Der Tod tritt erst ein, wenn ein Arbeiter der Kuh die Kehle durchschneidet, worauf das Tier dann zum Ausbluten und Häuten aufgehängt wird. An einem Fadenbündel aus Sehnen und Muskeln dreht sich der blutige Kopf langsam im Kreis, riesige Augenkugeln, die nichts mehr sehen, treten hervor, die Zunge hängt fast bis zum Boden, und aus dem geöffneten Körper quellen schwarze Teile hervor – Innereien, die Leber, denke ich, ja, die Leber ist schwarz. Beim Häuten kommen weiße Schichten zum Vorschein: Fett, sagt Alejandro, diese Tiere hier haben wenig Fett. Am Schlachtvorgang sind viele Personen beteiligt. Vielleicht trägt das Komplizenhafte, die Aufteilung der Arbeit, zur Beruhigung des Gewissens bei. Es gibt hier nicht den Killer, den Bösewicht im unvermeidlichen Drama. Der noqueador steht an der Spitze eines längeren, möglichst effizient gestalteten Prozesses.

Die Rinder, die ich draußen in einer der Koppeln gesehen habe, schöne, braune, kräftige Tiere mit dichtem Haarbüschel zwischen den Ohren und, manchmal, einem weißen Fleck am Kopf, sie sind vor mir zurückgewichen. Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen. Alejandro zufolge haben sie deshalb Angst, weil sie in ihrem Leben auf den riesigen Weideflächen nur wenig mit Menschen in Berührung gekommen sind. Ganz anders als die Kühe im Stall meines Onkels in Oberösterreich, die alle einen Namen trugen und einen individuellen Charakter hatten, auf den die Tante beim Melken und Ausmisten und Füttern Rücksicht nahm. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, daß die Tiere dort in der Koppel den bevorstehenden Tod ahnen.

Die erste argentinische Erzählung, entstanden Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts, spielt auf einem Rinderschlachtgelände und verweist auf diesen Ort schon im Titel: El matadero. Der Autor dieser schrillen, satirischen Geschichte mit realistischen Schock-Effekten ist Esteban Echeverría, der zuvor Gedichte im Geist der europäischen Romantik verfaßt hatte und liberale, aufklärerische Ideen verfocht. Sein matadero, am Stadtrand gelegen, ist ein Hort von Streitlust, Gewalt und Zivilisationsfeindlichkeit. Die Gestalten, die sich dort herumtreiben, sind entweder Föderalisten, also Anhänger des regierenden Despoten und selbsternannten „Restaurators“ Juan Manuel de Rosas, oder vollkommen ungebildete Vertreter des Pöbels, nicht zuletzt Schwarze, die zu Beginn des Jahrhunderts fast ein Drittel der Bevölkerung von Buenos Aires ausmachten. Oft verwendet Echeverría in seinen Schilderungen des barbarischen Treibens das Beiwort „grotesk“; schwer zu sagen, inwieweit er damit seine eigene Darstellungsweise – Verzerren und Übertreiben – reflektiert oder doch eher die erfahrene – groteske, barbarische – Wirklichkeit der Anfänge Argentiniens als unabhängiges Land. Ricardo Piglia unterstreicht den doppelten Ursprung der argentinischen Literatur: hier die Fiktion, die die anderen, die Barbaren in Gestalt von Gauchos, Indios, später auch Einwanderern auftreten läßt; dort die autobiographische Literatur, die ihren ersten Meilenstein im Facundo von Domingo Faustino Sarmiento hat, jenem gelehrten, etwas schwerfälligen Buch, das mit dem Untertitel Zivilisation und Barbarei eine politische Alternative für das Land formuliert, die umzusetzen sich der spätere Staatspräsident Sarmiento bemühte.

Bei Echeverría liest man Szenen der folgenden Art: „Aus einigem Abstand betrachtet war der Schlachthof ein groteskes Gewimmel. Neunundvierzig Kühe lagen da auf ihren Häuten, ungefähr zweihundert Leute wateten in dem mit Blut vermischten Morast. Um jedes einzelnde Rind tummelte sich eine Handvoll menschlicher Gestalten verschiedener Hautfarbe und Rasse. Die auffälligste Gestalt in jeder Gruppe war der Schlächter mit dem Messer in der Hand, Brust und Arme nackt, wirres langes Haar, Hemd und Pumphose und Gesicht blutverschmiert. Hinter ihm drängte sich in wildem Tanz ein Trupp junger Burschen vermengt mit Negerinnen und Mulattinnen, welche die Rinder ausweideten: ihre Häßlichkeit konnte mit den Harpyen der Fabel wetteifern; weiters auch riesige Fleischerhunde, die schnüffelten und knurrten und einander bissen, um ein Beutestück zu erjagen. Auf dem Platz verstreut standen ungefähr fünfzig Karren, die mit kahler schwärzlicher Tierhaut überdacht waren; ein paar Reiter mit gefranstem Poncho und einem Lasso am Stock tänzelten dazwischen oder lehnten sich über den Pferdehals und warfen gleichgültige Blicke auf eine dieser bewegten Gruppen, während weiter oben ein Schwarm weiß-blauer, vom Fleischgeruch aus der Emigration zurückgelockter Möwen flatterte und mit seinem häßlichen Gekrächze die Stimmen und Geräusche des Schlachthofs überdeckten, während sie helle Schatten auf das entsetzliche Schlachtfeld warfen.“ Einzelne Stimmen lassen sich aus dem Wirrwarr vernehmen: „He, Negerhexe, hau ab oder ich zieh dir eins über…“, „da, ein Unitarierlump, wir müssen ihn scheren…“

In dieses Szenario gerät ohne ersichtlichen Grund ein Gebildeter, den der Pöbel für einen hochnäsigen Reichen hält. Er ist Unitarier und verleugnet seine politische Zugehörigkeit nicht, obwohl ihn eine Horde föderalistischer Henker bedrängt. Unter ihnen entsteht eine Diskussion, ob man dem „wilden Unitarier“, so die damals geläufge Bezeichnung, wie den Tieren die Kehle durchschneiden, oder ob man ihn doch lieber in der Verwaltungshütte foltern soll. Die Menge entscheidet sich für letzteres, und der Unitarier erweist sich als prinzipientreuer Mann, der bis zuletzt seine herausfordernde Haltung nicht aufgeben will. Den Kampf zwischen den politischen Parteien stellt Echeverría als rohe Komödie dar, in welcher der Einzelgänger zwangsläufig unterliegt. Es macht staunen, mit welch ungebremster Verve der Autor hier Gut und Böse aufeinanderprallen läßt. Die stramme humanitäre Überzeugtheit seines Helden erweist sich hinter Echeverrías Rücken als ein Aspekt primitiver, blutrünstiger Zeiten. Es ist, als würde der junge Unitarier mit Lust zur Folter- und Schlachtbank schreiten. Die Moral der Geschichte lautet: „Damals waren die Henker des Schlachthofs die Apostel, die mit Rute und Dolch die Föderation des Restaurators verbreiteten, und man kann sich leicht vorstellen, welche Art von Föderation ihren Köpfen und Messern entsprang. In der Sprache, die Rosas, der Anführer der ganzen Bande, erfunden hatte, bezeichneten sie jeden, der kein Schlächter, Fleischer, Dieb oder Wilder war, als ‚wilden Unitarier‘; jeden anständigen und aufrichtigen Menschen, jeden gebildeten Patrioten, jeden Freund von Freiheit und Erziehung beschimpften sie so; und aus dem zuvor Geschilderten kann man klar ersehen, daß der Herd dieser Föderation nichts anderes als der Schlachthof war.“

Alejandro, der Betriebsleiter in San Antonio de Areco, ist kein Barbar. Achtundvierzig Jahre alt, eher kleinwüchsig, aber kräftig, der Umfang seiner Oberarme ist, wenn er sie anspannt, ungefähr doppelt so groß wie bei mir. Liebenswürdig, kein angeberisches Gehabe, wie es in Buenos Aires üblich ist. Wenn er längere Zeit spricht, bleibt sein Blick am Gesicht von María, meiner Begleiterin, hängen. Aus männlicher Neigung zum weiblichen Geschlecht, oder weil er glaubt, daß ihn die Landsmännin besser versteht als der Ausländer? Hin und wieder gibt er sich einen Ruck, seine Augen erinnern sich an die meinen. Aufgewachsen ist er in Salta im Norden Argentiniens, doch seine Gesichtszüge verraten nichts Indianisches. Französisch-baskisch der Familienname, aus dem Baskenland stammen die Vorfahren, wie die von Carlos Gardel. Alejandro identifiziert sich mit seiner Arbeit, mit dem frigorífico und seiner Belegschaft, mit dem Gebäude und den Maschinen, von denen er einige selbst gebaut hat. Seine Familie lebt in einer anderen Stadt, er sieht sie selten. Er selbst bewohnt ein Haus in Areco, „ungefähr fünf Zimmer“, er braucht nur zwei. „Hätte ich gewußt, daß du deine Arbeit dermaßen liebst, hätte ich dich nicht geheiratet“, hat seine Frau einmal zu ihm gesagt. Auf einer Kommode in seinem Büro steht eine Sammlung von Spielzeugmotorrädern, säuberlich aufgereiht, wie startbereit. Alejandro besitzt auch ein richtiges Motorrad, mit dem war er letztes Jahr in Bolivien, die Reise scheint ihn beeindruckt zu haben. Auf dem Schreibtisch unter der Glasplatte liegt ein Foto von Che Guevara mit dicker Zigarre. Kein politisches, ein privates Bild. Wahrscheinlich bewundert er nicht den Politiker, sondern den Abenteurer, den Motorradfahrer Che, der auf zwei Rädern den lateinamerikanischen Kontinent durchquerte. Zum derzeit schwelenden Konflikt zwischen der Regierung in Buenos Aires und „dem Land“ – el campo, so nennt man die Interessenorganisationen der in der Landwirtschaft Tätigen – äußert er sich zurückhaltend, mit zwei, drei Sätzen, owohl sein Ärger spürbar ist. Die Regierungspolitik der willkürlich hohen Besteuerung von Ausfuhren sei irrational, nütze letztlich niemandem. Gesprächiger wird Alejandro, wenn es um althergebrachte Restriktionen der Landwirtschaft geht; zum Beispiel dürfen nur solche Produkte exportiert werden, die auch in Argentinien konsumiert werden. Achillessehnen gehören nicht dazu, deshalb dürfe sie nicht ins Ausland verkauft werden – dabei gelten, klärt mich Alejandro auf, Achillessehnen dort als Spezialität. In der Verpackungsabteilung stoße ich später auf Schachteln mit arabischer Aufschrift. Alejandros Betrieb liefert nach Ägypten, Algerien und Libyen. Fleisch der zweiten Kategorie, sagt er, die beste Qualität geht an den Inlandsmarkt. In Berisso hatte ich etwas anderes gehört: Das Beste sei auf englische Schiffe verladen worden. Aber das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, wir leben in „postkolonialen“ Zeiten.

Beim Rundgang durch den Betrieb gibt es nur einen Ort, den Alejandro ungern betritt: die Kühlräume. Im trüben Dunst sehe ich durch die kurz geöffnete Tür die dort hängenden Fleischstücke und erinnere mich an die Erzählungen von Pablo und Telma, die bei Swift gearbeitet hatten, an die Geschichte von dem Jungen, der im Kühlraum einen Finger zwischen zwei Eisblöcken verlor, ohne es zu merken. Die Arbeiter bei den soeben geschlachteten, gewaschenen, von der Blutwärme noch dampfenden Rindern tragen weiße Schutzkleidung (auch ich habe einen solchen Overall angezogen, der Bakterien abhalten soll). Die Messer flitzen an den Tierkörpern, die Arbeit erfordert hohe Konzentration. Ich glaube nicht, daß diese Leute in Trance sind, wie Becerra meint: als wäre das Töten und das Verarbeiten des Kadavers nur als Akt dionysischer Berauschung möglich. Eher würde ich diese Arbeit mit der eines Teams am Operationstisch des Chirurgen vergleichen. Natürlich geht es dem Chirurgen um Lebenserhaltung, nicht um Tötung, aber die geforderte Genauigkeit und das Abstrahieren von der Lebendigkeit des Gegenstands – draußen brüllen die Rinder – sind gleich.

In der Mittagspause wechselt Alejandro ein paar Worte mit den Arbeitern, die sich ausruhen. Viele Frauen sind unter ihnen, auch Leute, deren Gesichtszüge auf indianisches Blut schließen lassen. Aus den Blicken, die mir zugeworfen werden, lese ich ich Neugier und Mißtrauen: Wer ist er? Ein Freund Alejadros? Ein Regierungsbeamter? Besucher sind selten: Händler, die man schon kennt, manchmal eine Delegation wie neulich die aus Ägypten. Obwohl ständig gewaschen, Blut weggeschwemmt, das Fleisch von einem Mediziner überprüft wird, herrscht in den Schlachträumen dieser Blutgeruch, an den ich mich leichter gewöhne als an den ätzenden Geruch in den Maschinenräumen, besonders unter dem Dach, wo eine nicht lange zu ertragende Hitze herrscht. Im Blick vom Dachboden durch einige Spälte nach unten sehe ich einige Spuren des Verfalls, der bis vor vier Jahren hier geherrscht hatte. „Man braucht gewisse Voraussetzungen, wenn man so einen Betrieb führen soll“, sagt Alejandro. „Nicht nur geistig, auch körperlich.“ Der frigorífico wurde 1953 von einer italienischen Familie gegründet, florierte lange Zeit, doch in der Folgegeneration begann der Niedergang. So etwas kommt oft vor, meint Alejandro, die Jungen stellen sich den Herausforderungen nicht, sie ruhen sich auf den Lorbeeren aus. Er hingegen, er versuche soviel wie möglich aus eigener Kraft zu machen. Nur die technisch sehr speziellen Schneide- und Sägemaschinen seien gekauft, von einer amerikanischen Firma, die in Argentinien produzieren läßt.

Alejandro hat etwas in der Bank zu erledigen, er nimmt uns in seinem Audi mit ins Dorf, das wir durchqueren, am rechteckigen Hauptplatz voll lichtgrüner Platanen und einem Fußballplatz mit filigranen Holztribünen vorbei. Hübsches Städtchen, nicht wahr? Harmonische Ganzheit, die Fraben aufeinander abgestimmte. Als heller Streifen vor dem Horizont erstreckt sich in der Ferne das Museo Güiraldes. „Nein“, sagt Alejandro, „ich war noch nie drin.“ Er lächelt über den Gaucho-Tourismus, die estancias turísticas, wo man für 150 Dollar übernachten und für 40 einen „Tag auf dem Land“ verbringen kann, inklusive Traktorfahrt und Pferderitt. Schon sind wir am anderen Ende des Städtchens angekommen, bei einer alten, leicht gebogenen Brücke, hier muß ein Gewässer sein. Die harmlos vor sich hin mäandernden Flüsse der Ebene sieht man erst, wenn man ihnen schon sehr nahe ist. Oft haben sie keine Böschungen, keine Zeichen des Übergangs, nur durch die veränderte Grünschattierung des jetzt fetteren, tieferen, irgendwie leuchtenden Grases kündigen sie sich an. Am Ende der Schotterstraße ist ein Einfahrttor zu einem Klub, „da kann man gut essen“, sagt Alejandro, aber sein Stammrestaurant ist nicht hier, sondern in der Dorfmitte. Wir machen kehrt, Eukalyptusduft zieht durch die geöffneten Wagenfenster, vor dem Almacén de ramos generales setzt Alejandro uns ab.

Ehemalige Gemischtwarenhandlung, wo man nicht nur das Nötigste einkaufen, sondern auch landwirtschaftliche Produkte verkaufen konnte; etwas wie das Lagerhaus in meinem Kindheitsdorf; unverputzte Ziegelwände, Mörtel in den Fugen. Meine Freundin und ich essen bife de lomo, das zarteste Stück vom Rind, dazu gemischten Salat, Fenchel darunter, als Nachtisch budín de pan, Brotpudding, von allem nur eine Portion, genug für uns zwei. Es ist nicht das typische Parrilla-Restaurant, wo man Unmengen von Fleisch, Innereien, Würsten verschlingt, die auf dem Rost durch neue Stücke ersetzt werden, sobald der Kellner eine Ladung weggetragen hat. Roland Barthes, der immer und überall Zeichen sah, wollte in der auch in Frankreich verbreiteten Sitte des Verzehrs von halbrohem Rindfleisch eine spätchristlich-neuheidnische Blutmythologie erkennen. Und Juan José Becerra, sonst eher positivistisch, glaubt hinter der Gefräßigkeit der Argentinier einen philosophisch zu erklärenden Mangel zu ahnen. „Asado essen ist in Argentinien werniger ein Ernährungsvorgang als ein Gelage von ehemaligen Kannibalen, ein Ritual der Bergierde und der Überfülle.“ Wenn der Argentinier ißt, versuche er, eine Leere zu stopfen, die naturgemäß nie zu füllen sei. Zuvor hatte Becerra die rohen Gebräuche der Gauchos beschrieben, die auf offenem Feld Kühe schlachteten und nur die besten Stücke brieten, um den Rest anderen Tieren zu überlassen. Die barbarischen Impulse liegen im zivilisierten Buenos Aires offen zutage.

Mir waren die asados im Freundeskreis immer zu schwer und zu lang. Sie beginnen am Nachmittag, wenn die Sonne sticht, und während man wartet und plaudert und Kleinigkeiten zu sich nimmt, die picada, die meinen Hunger schon stillt, und während der asador, immer männlichen Geschlechts, wichtigtuerisch in der Glut stochert und Fleischstücke wendet, trinkt man Rotwein und ist todmüde, wenn endlich die ersten Fleischstücke vom Rost genommen werden. Essen als Selbstbetäubung; sinnenfeindlich, in letzter Konsequenz. María und ich nehmen den Kaffee in einem der ältesten Häuser von San Antonio de Areco, vor zweihundert Jahren errichtet, zur Zeit der Kämpfe um die Unabhängigkeit des Landes von der spanischen Krone. Es ist eine der pulperías, die Sarmiento im Facundo beschreibt, ein Kramladen mit Alkoholausschank, Ort des Nachrichtenaustauschs und der rudimentären gesellschaftlichen Organisation in einem kaum besiedelten Land, wo jeder auf eigene Faust handelte. Eine Frau an der Bushaltestelle wird uns später erzählen, daß sie als Kind die am Pflock vor dem Haus angebundenen Pferde bewundert habe. Außer uns sind jetzt am Nachmittag keine Gäste da. Hinter der Theke steht eine junge Frau, sie erzählt einige Kapitel aus der Geschichte ihrer baskisch-französischen Familie, sichtlich stolz auf das renovierte, äußerlich kaum veränderte Haus (an einer Wand kann man alte Fotos sehen), das sie und die Ihren vor ein paar Jahren vor dem drohenden Abriß gerettet haben.

„Der Gaucho trägt stets ein Messer, das er von den Spaniern geerbt hat. Das Merkzeichen Iberiens, dieser charakteristische Schrei aus Zaragoza: ¡Guerra a cuchillo!, Messerkampf – hier ist er viel wirklicher als in Spanien. Das Messer ist mehr als eine Waffe, es ist ein Werkzeug, das ihm zu allen seine Tätigkeiten dient, ohne das Messer kann er nicht leben; es ist wie der Rüssel für den Elefanten, es ist sein Arm, seine Hand, sein Finger, sein Alles. Wie einst der Ritter stellt der Gaucho seine Tapferkeit zur Schau, sein Messer läßt er jederzeit blitzen, bei der geringsten Herausforderung und sogar ohne jede Herausforderung zeichnet er damit Kreise in die Luft, ohne andere Absicht als die, sich mit einem Unbekannten zu messen. Diese streitlustigen Gewohnheiten sind so tief im Inneren des argentinischen Gauchos verwurzelt, daß damit ein Ehrgefühl und eine Fechtkunst entstanden sind, die ihm das Überleben sichern. Bei anderen Völkern greift der Plebejer zum Messer, um zu töten, und wenn es so weit ist, tötet er eben. Der argentinische Gaucho zieht das Messer, um zu kämpfen, er will den Gegner nur verletzen. Er muß schon sehr betrunken sein oder sehr böse Instinkte oder einen besonders tiefen Groll in sich verbergen, damit er jemandem nach dem Leben trachtet. Sein Ziel ist es, den Gegner zu zeichnen, ihm einen Schnitt im Gesicht zuzufügen und ein bleibendes Erinnerungszeichen zu hinterlassen. Deshalb sieht man diese Gauchos voller Narben, die aber selten tief sind. Zum Kampf kommt es, weil der Gaucho glänzen, den Sieg davontragen und seinen Leumund aufbessern will. Es bildet sich ein enger Kreis um die beiden Gegner, und die Augen folgen voll begieriger Leidenschaft dem Blitzen der Dolche, die unablässig in Bewegung sind. Wenn das Blut strömt, fühlen sich die Zuseher verpflichtet, die beiden zu trennen. Wenn ein Unglück geschieht“ – una desgracia, im argentinischen Spanisch bezeichnet das Wort euphemistisch einen Todesfall – „gehört das Mitgefühl der Zuseher dem Unglücklichen, der getötet hat, und man stellt ihm das beste Pferd zur Verfügung, damit er in eine ferne Gegend flieht, wo man ihm Achtung und Sympathie entgegenbringt. Wenn die Justiz seiner habhaft wird, widersetzt er sich dieser wahrscheinlich, und wenn er das Weite sucht, wächst sein Ruhm und breitet sich aus. Eine Zeit verstreicht, der Richter wird versetzt, schon kann der Gaucho nach Hause zurückkehren, ohne daß er noch verfolgt wird. Er ist freigesprochen…“ So beschreibt Sarmiento die Gaucho-Sitten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Martín Fierro, der Held des Versepos von José Hernández, ist so ein Outlaw, und Borges, der stolz war auf seine Vorfahren, die in den Bürgerkriegen auf seiten der Unitarier gekämpft hatten, Borges war von der Situation des Duells so fasziniert, daß er sie immer wieder ins Zentrum seiner Erzählungen und Gedichten rückte. Obwohl er gegen Ernesto Sábato, der in Martín Fierro unbedingt einen sozialen Rebellen sehen wollte, darauf bestand, daß Fierro kein vorbildlicher Held sei, sondern lediglich auf den eigenen Vorteil bedacht. Im übrigen sei der gaucho matrero, der ehrlose Räuber, durchaus untypisch – ‚wie schon Sarmiento schrieb‘, hätte Borges hinzufügen können, und ich glaube, er hatte den großen Vorläufer bei diesem Gespräch im Kopf.

Oberst Francisco Borges, Borges‘ Großvater, war dem Staatspräsidenten Domingo Faustino Sarmiento treu ergeben. Er fiel in einer unglücklichen Schlacht, der Legende zufolge, indem er vorsätzlich, da der Kampf schon verloren war, in den Kugelhagel der Feinde ritt. Sein Enkel beklagte den „sinnlosen Tod“ des prinzipientreuen Mannes. In der 1939 spielenden Erzählung Der Süden, die der alte Borges als seine beste bezeichnete, kommt Dahlmann, der Held, irgendwo in der Pampa zu einer Ladenschänke, einem almacén von der Art der pulperías, über die Sarmiento schrieb. Das Haus war früher einmal rot angestrichen gewesen, in der Farbe des Klatschmohns, welche die Jahre „vorteilhaft gedämpft“ hatten. Das kräftige Rot war im 19. Jahrhundert die Farbe der Föderalisten gewesen, also der, wie Sarmiento es sah, politischen Barbaren. Die alte Barbarei wirkt 1939 zwar nicht mehr mit derselben Gewalt. Dennoch kommt es zu einem jener sinnlosen Messerkämpfe, in denen sich die Gauchos gefielen. Der Anlaß könnte grotesker nicht sein: von einem Nachbartisch werden Brotkügelchen auf den Ich-Erzähler geworfen. Widerwillig und wie in Trance nimmt er, nachdem ihm ein uralter Gaucho aus dem geschichtlichen Jenseits einen Dolch zugeworfen hat, die Herausforderung eines betrunkenen Landarbeiters an. Die Erzählung endet kurz vor der Entscheidung, aber alles deutet darauf hin, daß der Erzähler, ein Bibliotheksangestellter wie Borges selbst, das Zeitliche segnen wird. Die Waffe diente „nicht seiner Verteidigung, sondern nur zur Rechtfertigung, getötet zu werden“, denn er hatte keinerlei Erfahrung im Gebrauch der Waffe: „seine Fechterei reichte nicht weiter als bis zu der Kenntnis, daß die Stöße von unten nach oben geführt werden müssen…“

Über seine körperliche Schwäche machte sich Borges des öfteren lustig, und zu seinem criollismo, jenem Heimatkult, den er in den zwanziger Jahren mit voller Überzeugung betrieben hat, ist er inzwischen (die Erzählung entstand 1953) längst auf Distanz gegangen, ohne ihn ganz zu verleugnen. Am 20. Juni 1953 berichtet Adolfo Bioy Casares in seinem Tagebuch von einem literarischen Vortrag über Walt Whitman, den sein Freund Borges angeblich vor Stadtrandganoven gehalten hat. Die Zuhörer hätten ihm, Borges, ohne weiteres die Fehler in seinen Erzählungen über compadritos hätten vorhalten können, aber sie haben es, warum auch immer, nicht getan. Borges erinnert sich dabei an den „alten Paredes“, dessen mündlich mitgeteilte Messerstechergeschichte Borges in Hombre de esquina rosada nacherzählt hatte. Paredes habe „von den Schauspielern in Buenos Aires gesagt, das seien Leute, die nicht einmal ein Messer handhaben können, weil sie es von oben nach unten führten.“ Borges fügt hinzu: „Das würde ich auch so machen. Mit der anderen Technik könnte ich meinen Gegner nicht einmal kitzeln.“

Borges war natürlich ein Mann der Zivilisation. Einen zivilisierteren Autor als ihn, der mit neun Jahren The Happy Prince von Oscar Wilde aus dem Englischen ins Spanische übersetzte (der Text wurde in der uruguayischen Tageszeitung El País veröffentlicht und ist noch heute in Buchform erhältlich), einen zivilisierteren Autor kann man sich kaum vorstellen. Gleichzeitig aber hielt er bis ins hohe Alter an seiner Sehnsucht nach romantischem Heldenmut fest und schuf den von seiner Familie verabscheuten Gauchos einen festen Platz in seiner Literatur. Der doppelte und widersprüchliche Beginn der argentinischen Literatur, auf den Piglia hinweist, setzt sich weit über Bürgerkriegszeiten hinaus fort und ist im Grunde bis heute wirksam, nicht zuletzt im Schaffen Ricardo Piglias, einem betont intellektuellen Autor, der einen so unzivilisierten, im Verbrechermilieu spielenden Roman wie Brennender Zaster geschrieben hat.

Eine der kurzen, lakonischen Erzählungen von Borges trägt den Titel Das Ende; er bezieht sich auf den Tod des mythischen Gauchos Martín Fierro, könnte aber auch als Hoffnung oder Forderung des Autors – seines aufgeklärten, rationalen Ichs – zu verstehen sein, die Geschichte der argentinischen Barbarei zu überwinden. Immerhin ist es in dieser Erzählung Martín Fierro selbst, der seinen Kindern sagt, „daß der Mensch nicht das Blut des Menschen vergießen soll“, bevor er zu seinem letzten Zweikampf geht. Der Gaucho hat, im Brechtschen Sinne, etwas aus der Geschichte gelernt: er verschwindet von der historischen Bühne.

Viele dieser Zweikämpfe finden in der unendlichen Ebene der Pampa statt, andere an den Rändern der Stadt, wo sie ihre Fühler in die Ebene streckt. Diese Landschaft gehört untrennbar zu den barbarischen Gebräuchen der frühen Bewohner; oder umgekehrt, sie hat jene Gebräuche überhaupt erst hervorgebracht. Sarmiento vergißt nicht, die romantischen Verlockungen der Zivilisationsferne zu erwähnen, und zitiert das epische Gedicht La cautiva von Echeverría, den Urtext jenes Genres, das von Begegnungen mit Eingeborenen erzählt; César Airas Emma la cautiva (1981)* ist das bisher letzte Beispiel davon. Borges zeichnet das Bild der Ebene stets mit wenigen Strichen, oft beschwört er sie in einem einzigen Satz. „Die Ebene war unter der letzten Sonne fast abstrakt, wie eine Traumerscheinung“, como vista en un sueño, wie in einem Traum gesehen. Abstrakt, flächig auch der Himmel, der Parallelstreifen. Wenige Figuren bewegen sich darin, einmal ist es ein einzelner Stier, dann wieder ein Reiter, der sich entfernt.

Einmal, in Ufernähe am Río de la Plata, bin ich mit einem Freund im Auto über eine vom Regen wellig gewordene Erdstraße gefahren. Wir überholten einen Reiter, doch eine halbe Stunde später war er wieder vor uns. Er hatte irgendeine Abkürzung genommen, war über die Weiden geritten. „Es gibt am Abend eine Stunde, in der die Ebene kurz davor ist, etwas zu sagen; sie sagt es nie, oder vielleicht sagt sie es unaufhörlich und wir verstehen es nicht, oder wir verstehen es, aber es ist unübersetzbar wie Musik…“ Der Mann der Ebene ist wortkarg, die Landschaft selbst unbeschreiblich. Sie weckt Gedanken, für die es keine Sprache gibt. 1932 ging Borges mit dem französischen Autor Pierre Drieu La Rochelle irgendwo am Rand von Buenos Aires spazieren, und sein Gast sagte den Satz, der Borges als exakte Definition der Ebene erschien: Drieu sprach vom „horizontalen Schwindel“, le vertige horizontal. Wahrscheinlich hätte sich Borges über den Doppelsinn dieser Formulierung in der deutschen Sprache gefreut, wäre er ihm damals in den Sinn gekommen. Juan José Saer, der in der Flußlandschaft von Santa Fé aufwuchs und diese in vielen seiner Romane beschwört, hat Drieus Definition seine eigene entgegengehalten: In der Ebene empfinde man einen vertikalen Schwindel, weil hier der Himmel in jedem Augenblick uneingeschränkt gegenwärtig sei.

Tatsächlich geht der Blick, wenn man an einem beliebigen Ort durch die Pampa spaziert, mehr nach oben als anderswo, zumal in der Stadt Buenos Aires mit ihren heillos kaputten Trottoirs, die den Blick nach unten zwingen. In der freien Ebene geht der Blick zum Horizont, zu den wenigen Erhebungen, einer Baumgruppe meistens, dann weiter zu den Wolken, die das Blau mustern, als wären sie unvergänglich. Es ist schwer, im unübersehbaren Mittelgrund etwas Konkretes – Zäune, Kühe, Rinnsale –  auszumachen. Der[i] Himmel und die Wolken erlauben die Einbildung, ja, sie verlangen danach. Die meisten porteños, Großstadtbewohner, finden die Pampa langweilig, weil es dort nichts zu sehen gibt. Es ist die Gegend, die man so schnell wie möglich durchquert, um einen der stereotypen Urlaubsorte an der Atlantikküste zu erreichen. María und ich fahren im fast leeren zweistöckigen Bus zurück in die Hauptstadt, ich setze mich an die Frontscheibe und lasse den horizontalen Schwindel wirken. Leichter Seegang, Auf und Ab der Horizontlinie, die Straße ohne klare Seitenbegrenzung, manchmal fährt ein Fahrzeug vom Asphalt direkt in eine Wiese.

Später, in der Dämmerung, tauchen die ersten vertikalen Elemente auf, die Wolkenkratzer von Buenos Aires, ein anderer Schwindel, die Enge von dem, was sie microcentro nennen, das Gedränge der Körper, die verpestete Luft.

Literatur

Roland Barthes: Mythologies. Paris, Éditions du Seuil 1957

Juan José Becerra: La vaca. Viaje a la pampa carnívora. Buenos Aires, Arty Latino 2007

Adolfo Bioy Casares: Borges. Hrsg. v. Daniel Martino. Barcelona, Ediciones Destino 2006

Jorge Luis Borges: Fiktionen. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 1992 Jorge Luis Borges, Ernesto Sábato: Diálogos. Aufgezeichnet von Orlando Barone. Buenos Aires, Emecé 1997

Esteban Echeverría: El matadero, in: Obras escogidas. Hrsg. v. Beatriz Sarlo und Carlos Altamirano. Caracas, Biblioteca Ayacucho 1991. (Eine deutsche Übersetzung von Claudia Ballhause ist soeben in Heft 238 der Zeitschrift die horen erschienen.)

Ricardo Piglia: La Argentina en pedazos. Buenos Aires, Ediciones de la Urraca (Colección Fierro) 1993

Juan José Saer: El río sin orillas. Buenos Aires, Seix Barral 1991

Domingo Faustino Sarmiento: Facundo o Civilización y barbarie. 2. Aufl., Caracas, Biblioteca Ayacucho 1985

Der Autor: geb. 1957, Schriftsteller, lebt in Hiroshima. Veröffentlichungen im Herbst 2010: Buenos Aires, Wort und Fleisch. Essays. Wien: Klever 2010; Erinnerung an das, was wir nicht waren. Roman. Salzburg: Otto Müller 2010; Scherbenhügel. Wels: Mitterverlag 2010

Schlachthöfe ist ein Artikel aus Leopold Federmairs im Herbst erscheinenden Argentinien-Buch Buenos Aires, Wort und Fleisch. Essays. Wien: Klever 2010.


* Deutsch unter dem verfehlten Titel Die Mestizin.


8 Responses to “Schlachthöfe”

  1. Thorsten Wiesmann

    Danke Leopold für diesen aufschlussreichen Beitrag.
    よろしく

  2. Günter Landsberger

    Zugegeben: Nur sehr verhaltene Spuren eines Schlachthofes (ohne direkte Drastik) habe ich um 1950 während meiner Salzburger Kindheit in einem Zufluss zur Salzach bemerkt. Erst viele Jahre später ist mir dann aufgefallen, dass schon Georg Trakl in seinem Gedicht “Vorstadt im Föhn” Derartiges recht präzise festgehalten hat:
    “Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut
    Vom Schlachthaus in den stillen Fluss hinunter.
    (…)
    Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.” -

    Beim Anblick bestimmter Malereien von Rembrandt und Chaim Soutine mit ihrem penetranten Thema “Geschlachteter Ochse” hatte ich später immer das Gefühl, das zugleich auch vom Leiden von Menschen die Rede ist, auch wenn vordringlich (zumindest gefühlsmäßig) das ihrem gewaltsamen Tode vorausgehende Leiden wehrlos gemachter Tiere in den Blick gerät. -

    Für die Ausweitung meines Blicks auf die Schlachthöfe Argentiniens und auf ihren Stellenwert in der argentinischen Literatur habe auch ich Leopold Federmair sehr zu danken, was ich hiermit ausdrücklich und sehr gerne tue.

  3. Der Buecherblogger

    “Alles Gute…Bitte. … Wow-!ich bin beeindruckt!”

    Also ich habe mich dagegen entschieden, auf Japanisch zu antworten, auch wenn ich mich dem Urteil durchaus anschließen kann. Die Kenntnisse über die lateinamerikanische Literatur und die damit einhergehende subjektive kulturelle Erfahrung des Landes sind das, was man mit Adorno (“Der Essay als Form”) als gelungene Mischung eines Essays begreifen kann. Meine Meinung zu Schlachtfeldern oder Schlachthöfen ist alles andere als mehrheitsfähig. Man führt an beiden Schauplätzen Krieg entweder gegen Menschen oder gegen Tiere. Bei den letzteren ist es industrialisierter Mord für die Freunde des “medium rare”. Erst wenn der Mensch aufgehört haben sollte, sich Fleisch anderer Lebewesen tonnenweise einzuverleiben, wird es auch weniger Kriege und weniger Morde unter den Menschen selbst geben. Wenn die Bevölkerung der Industriestaaten die Tiere, die sie verzehren wollen, selbst töten müssten, gäbe es bereits 50% Vegetarier. Ich will hier nicht die Fahne des Vegetarismus hochhalten, aber eine Minderung des Fleischverzehrs wäre auch gesundheitlich von Vorteil.
    Nach der Schlachthofbesichtigung ein Restaurant aufsuchen zu können und “bife de lomo” zu essen wäre mir nicht gelungen.

  4. Andreas Gierth

    Auch ich bin sehr beeindruckt von den Schilderungen Leopold Federmairs. Allerdings haben sich mir nicht die Schlachthöfe in den Mittelpunkt meines Interesses gestellt, sondern die Rede vom „doppelten Ursprung der argentinischen Literatur“. Piglia, auf den sich Federmair ja auch bezieht, behauptet in seinen „Kurzformen“ über Sarmientos „Barbarei und Zivilisation“ (1845): „Deshalb enthält dieses anormale, unklassifizierbare Buch den wahren Ursprung des argentinischen Romans.“ Kann man dem zustimmen? Piglia führt es zurück auf den für ihn grundsätzlichen Unterschied zwischen dem „Diskurs der Barberei“ und „Diskurs der Zivilisation“, auf den „Gegensatz zwischen dem Geschriebenen und dem Mündlichen“. Die „Wahrheit der Barberei“, so Piglia, gehöre der „Kategorie der Erzählung“ (des Mündlichen) an. Der Schriftsteller, der „Zugang zu beiden Diskursen“ habe, also auch zur Kategorie des Schriftlichen, konfrontiere in seiner Arbeit letztlich „Gelebte(s)“ und „Gelesene(s)“. Das zur Sprache bringen dieser „Spaltung“ – aber im Schreiben! – wäre demnach, wie Piglia meint, der „wahre Ursprung des argentinischen Romans“. Die Ursache dieser Spaltung wäre demnach die Barberei. Kann man ihre Wahrheit letztendlich nur erzählen?
    Ich freue mich auf das Buch von L. Federmair. Hier habe ich nur ein paar Gedanken aufgeschrieben, die sich ganz unmittelbar bei mir eingestellt haben. Noch einer wäre: Gab es vor 1845 nicht wirklich eine argentinische Literatur?

  5. Andreas Gierth

    Vielen Dank an L. Federmair für den Tipp bezüglich Heft 238 der Zeitschrift die horen. Sie verspricht eine “Lesereise durch zwei Jahrhunderte argentinischer Erzählkunst und Poesie”. Sie hält ihr Versprechen auf faszinierende Weise, wenn auch aus Platzmangel vieles nicht gedruckt werden konnte. Ich jedenfalls habe einige Schätze entdeckt, die ich woanders nicht gefunden hätte.

  6. Leopold Federmair

    Zur Frage nach dem “Anfang” der argentinischen Literatur: Zu bedenken ist dabei, daß Argentinien wirklich ein sehr junges Land ohne “präkolumbische” Überlieferung ist. Die europäische Besiedlung erfolgte spät, ein starkes Bevölkerungswachstum ist erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu vermerken. Eine Literatur im weitesten Sinn gab es natürlich vor dem 19. Jahrhundert, aber es handelt sich im wesentlichen um Reiseberichte und Gebrauchsliteratur. Piglia zufolge ist Echeverrías “Schlachthof” (kurz vor 1840 geschrieben) die erste fiktionale Erzählung Argentiniens. Natürlich gab es vorher dokumentarische Erzählungen, Berichte. Nimmt man eine engere Definition von Literatur, kann man schon sagen, daß die argentinische Literatur nicht lange vor der Mitte des 19. Jahrhunderts begann. Der “Martín Fierro” wird oft – sicher nicht ganz zutreffend – als Nationalepos bezeichnet. Erstmals veröffentlicht wurde er 1872. Will man vergleichen, kann man etwa die “Nibelungen” als deutsches Nationalepos nehmen. Da liegen ein paar Jahrhunderte dazwischen…

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