Szpunberg: Der Wind…

IN SAN TELMO, einem Altstadtviertel von Buenos Aires, hatten wir uns verabredet. Wo sonst? Genauer gesagt: im Café Hipopótamo auf der Calle Defensa, gegenüber vom Café Británico, das damals noch existierte. Wir saßen an einem Fenstertisch mit Blick auf den Parque Lezama, rührten den Löffel in der Tasse, rauchten und sprachen über Poesie, Musik, Argentinien, das Land der Verheißung, Kinder, Revolution, Niederlagen und Projekte. Was sonst? Nahtlos führten wir das begonnene Gespräch später im Café Roma in Barcelona weiter oder auch am Ufer der Donau: „nur die immer offene Geste / des Gedichts“.
Transparenz der Stimme
im Wort
der Stille:
was es nicht sagt, ist das, was wir sprechen,
was wir sagen, ist das, was es verschweigt.

Und in der tiefen Nacht dämmert
der Schatten, der in unseren Augen aufblitzt.

Alberto Spzunberg wurde am 28. September 1940 in Buenos Aires geboren, als der dortige Frühling gerade seit einer Woche begonnen hatte. Sein Vater war im ukrainischen Schtetl Berdichev gebürtig und dann schließlich auf der Flucht vor den zaristischen Pogromen über Zitomir, Rowne und Marseille, eigentlich unterwegs Richtung Palästina, letztlich nach Argentinien ausgewandert, ebenso wie sein Großvater zuvor, während seine Mutter, deren jüdische Familie aus dem bessarabischen Kolorash (Călăraşi, heute: Moldawien) geflohen war, schon in Buenos Aires zur Welt kam.
Die unaufhörliche Suche nach dem Gelobten Land, die ethische und politische Dimensionen umfaßt, beseelt die Stimmlagen und Stimmungen vieler seiner Gedichte. Piatock, der Protagonist des Lyrikbandes „Die Piatock-Akademie“, eröffnet die Rede mit einem Satz, der vom Jiddischen ins Spanische transponiert worden ist – (Yo, Piatock, vi muchas cosas en mi vida) – und in der Übersetzung zu seiner Quelle zurückfindet: „Ich, Piatock, ich hob gesén a ßach sachn in majn lebn“. Wie sonst? Manchmal geschehen wunderliche Dinge beim Übersetzen: jenes Satzzitat geht zurück auf einen häufig verwendeten Ausspruch im Haus seiner Eltern, Großeltern und Verwandten, die weiterhin vorzüglich Jiddisch sprachen, auch im nächsten Freundeskreis. Der Satz, der ein Vorspruch zur Mitteilung von freudigen wie auch tragischen Neuigkeiten war, begleitet von einem vagen Lächeln, das schelmisch oder verzweifelt sein konnte, prägte sich tief in die Seele des Sohnes ein, der in Villa Crespo aufwuchs, einem von jüdischen Einwanderern bevorzugten Viertel in der Nähe des Stadtkerns von Buenos Aires. Er besuchte die Schule Colegio Nacional Mariano Moreno, trat 14-jährig dem Kommunistischen Jugendbund bei, schrieb seine ersten Gedichte und studierte nach der Schulzeit Literatur an der Facultad de Filosofía y Letras der Universität Buenos Aires, wo er Jorge Luis Borges kennenlernte, bei dem er Vorlesungen über Englische Literatur hörte. 1962 wurde er wegen vermeintlich prochinesischer Tendenzen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, indes „allein die Schönheit der Gedichte von Tu Fu und Li Po“ sein Interesse an China ausmachten. Sein Erstling „Poemas de la mano mayor“ (Ediciones Gente del Sur, Buenos Aires) erschien in jenem Jahr, dem bereits 1963 sein zweiter Band „Juego limpio“ (Editorial Nueva Expresión, Buenos Aires) folgte, in dem solche Gedichte wie „Die alten Stalinisten“ (S. 16/17) oder „17. Oktober“ (S. 18/19) den ehemaligen Genossen verdeutlichte, daß „mit einem Parteibuch keine Revolution“ herbeiführbar sei. Der engagierte Dichter studierte zudem Klassische Literaturen und Sprachen, begründete die Widerstandsgruppe Brigada Masetti mit, schrieb erste journalistische Kulturbeiträge, unterrichte am Centro de Estudios Lingüísticos der Universität Buenos Aires und wurde Professor für Argentinische Literatur. Gemeinsam mit Juan Gelman, Luisa Futoranski und weiteren Dichtern wie Miguel Ángel Bustos, Roberto Santoro, Oscar Barros und Haroldo Conti, die zu den 30.000 Verschwundenen der späteren Militärdiktatur zählen, Julio Huasi, der dann im Exil Selbstmord beging, und Paco Urondo, der im bewaffneten Widerstandskampf fiel, gehört Alberto Szpunberg ursprünglich zur „Generación del 60“, bei der Leseabende in kulturellen Vereinigungen und Stadtteilclubs zu Vollversammlungen wurden, in denen über Poesie, den Che, Eva Perón und die Revolution debattiert wurde. Sein dritter Band „El che amor“ (Ediciones 62, Buenos Aires) erhielt eine Würdigung der kubanischen Casa de las Américas und wurde 1966 in Havanna veröffentlicht.
Der Militärputsch von General Onganía im Jahr 1966 trieb viele argentinische Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler ins Exil. Das Fest der Poesie begab sich ansonsten in die Katakombenkultur der Hinterzimmer und des Untergrunds. Alberto Szpunberg wurde ebenfalls aus der Universität entlassen und wechselte zum Journalismus über. Er schrieb mehrere Jahre für die Zeitschrift „Panorama“, die damals Tomás Eloy Martínez herausgab, leitete bald die Kulturredaktion, in der auch Miguel Ángel Bustos mitarbeitete. 1973 kehrte Alberto Szpunberg vorübergehend an die Universität zurück, lehrte Argentinische Literatur sowie Medien und Literatur und leitete den Fachbereich Klassische Literaturen und Sprachen, während Francisco ‚Paco‘ Urondo den Fachbereich Moderne Literatur innehatte. Paramilitärische Aktionen zwangen bald dazu, die Universität zu verlassen. Er schloß sich der Widerstandsbewegung Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) an. Bei der Tageszeitung „La Opinión“, herausgegeben von Jacobo Timerman, fand Alberto Szpunberg eine Anstellung und wurde als Nachfolger von Tomás Eloy Martínez, der 1975 ins Exil nach Caracas ging, Leiter der Kulturbeilage. Mit dem Militärputsch vom 24. März 1976 war auch das Ende der Zeitung nur noch eine Frage kurzer Zeit. Sein Artikel über das Verschwinden des Schriftstellers Haroldo Conti und die Festnahme des Redaktionskollegen Enrique Raab, der unter Folter seinen Wohnsitz preisgeben könnte, verbannten ihn in den völligen Untergrund. Jahrzehnte später erfuhr er, daß er damals längst auf einer Todesliste stand und dennoch mit seiner Frau und ersten Tochter ein Jahr in ständig wechselnden Unterschlüpfen bei Freunden und bekannten Mitstreitern, während er Diderots „Jacques, le fataliste“ auf seiner tragbaren Olivetti für den Verleger Manolo Mosquera übersetzte und neuere Gedichte verfaßte, die bei plötzlichen Aufbrüchen verlorengingen, den Staatsterror überlebte, bevor die dreiköpfige Familie am 9. Mai 1977 Argentinien verließ und über Paris ins Exil nach Barcelona gelangte.
1978 erschien in Paris die gemeinsame Anthologie „Il nous reste la mémoire“ mit Gedichten von Juan Gelman, Vicente Zito Lema und Alberto Szpunberg in französischer Übersetzung. In Spanien rekonstruierte er jene verlorenen Gedichte im Band „Su fuego en la tibieza“, für den er 1980 mit dem Lyrikpreis der Universität Alcalá de Henares ausgezeichnet wurde, der im Folgejahr die Veröffentlichung miteinschloß. Darunter befinden sich seine prächtigen Mozart-Briefe (S. 44-51) und der siebenteilige Exil-Zyklus von El Masnou (S. 52-65). Das Preisgeld spendete er an die Madres de Plaza de Mayo. Ein noch wirksamer Erlaß des spanischen Diktators Franco sollte sein Ausweisung beinahe einfordern, aber der Lyrikpreis beschleunigte durch Einbürgerung die spanische Staatsangehörigkeit. Er ging indes für ein Jahr nach Paris, wo er als Redaktionsleiter der Agencia Nueva Nicaragua arbeitete und sich mit Julio Cortázar befreundete. 1982 wurden Gedichte von Alberto Szpunberg und Luis Luchi, der 2000 im Barceloneser Exil starb, von Jorge Sarraute vertont und als Schallplatte mit dem Titel „A medio hacer todavía“ aufgenommen. Er ließ sich wieder in El Masnou bei Barcelona nieder und arbeitet seither für diverse Verlage in Barcelona.
Als 1984 die argentinische Demokratisierungsphase einsetzte, konnte er nach sieben Jahren Exil wieder nach Buenos Aires reisen, wo 1987 sein fünfter Band „Apuntes (1982-1985)“ (Tierra Firme, Buenos Aires) veröffentlicht wurde. Die elf Gedichte des ersten, gleichnamigen Kapitels (S. 66-87) erhielten 1983 eine Ehrenwürdigung der von Octavio Paz herausgebenen Kulturzeitschrift „Plural“ (Mexiko-Stadt). Mehrere Gedichte aus jenem Band vertonte der Bandoneonist César Stroccio und verwandelte sie in Tangostücke, die vom Cuarteto Cedrón auf der Schallplatte „Faubourg sauvage“ (Paris, 1983) eingespielt wurden. Der Gedichtband war schon nach wenigen Monaten in Argentinien vergriffen. Alberto Szpunberg konnte nach langen Jahren der Abwesenheit wieder in seinem Geburtsland gelesen werden. Er nahm u.a. 1980 an einem Jüdischen Schriftstellertreffen in Jerusalem, 1992 am IV Lateinamerikanisch-jüdischen Schriftstellertreffen in Buenos Aires und 2002 am X Internationalen Poesiefestival in Rosario teil. Manche Begegnungen oder Meinungsverschiedenheiten im Verhältnis zum Land der Verheißung und den Landschaften der Wirklichkeit führten zu seinem sechsten Gedichtband „Luces que a lo lejos“, für den er in Frankreich den Internationalen Lyrikpreis Antonio Machado 1993/1994 erhielt. Der Buchtitel ist ein Zitat aus dem berühmten Tango „Volver“ von Carlos Gardel. Die Gedichte kreisen um die wechselnden Perspektiven und Erfahrungen der Rückkehr nach Buenos Aires beziehungsweise Barcelona. Er schrieb für die argentinischen Tageszeitungen „Clarín“ und „Página/12“, gab eine Anthologie mystischer Lyriker aus dem jüdischen, arabischen und christlichen Alt-Spanien heraus und veröffentlichte 1997 seine Werkauswahl „Antología poética“ (Fondo Nacional de las Artes, Buenos Aires). An der Universidad Popular Madres de Plaza de Mayo unterrichtete er 2001 die Jahreskurse „Argentinische Literatur und Politik“ sowie „Annäherung an die Poesie“. In Spanien erschien 2002 sein siebter Lyrikband „La encendida calma“ (Mondadori, Barcelona).
Aus fünf weiteren Gedichtbänden von Alberto Spzunberg sind zudem etliche Textbeispiele in dieser zweisprachigen und chronologischen Werkauswahl vertreten, die einen unverwechselbaren Weg des profunden Betrachtens, der präzisen Hinterfragung, des poetischen Widerstands gegen das Vergessen, der melancholischen Sehnsucht nach Wahrheit und Gerechtigkeit sowie der bisweilen metaphysischen Lauterkeit seiner Poetik umfassend aufzeichnen: „Transparenz der Stimme / im Wort / der Stille: / was es nicht sagt, ist das, was wir sprechen, / was wir sagen, ist das, was es verschweigt.“
In der Zwischenzeit hatte sich ein Bandoneonspieler ins Café gesetzt und seine Musik dargeboten, vor allem ältere Tangos. Der Caféhausbesitzer wollte ihn schon beinahe vor die Tür setzen, doch wir solidarisierten uns mit dem anonymen Kollegen, so daß er noch eine Weile blieb. Als er dann weiterzog, gingen auch wir auf die Straßen von San Telmo.
Alberto Szpunberg gehört zu jenen wesentlichen Dichtern seiner Generation, die über die eigenen weiten sprachlichen Grenzen hinaus in vielen anderen Poesiesprachen zu lesen sind und dort ebenfalls sehr hoch eingeschätzt werden, wenn er einmalig eröffnet: „Jedes Gedicht ist ein Abschied / und ein Gruß.“
Nachwort von Tobias Burghardt

Alberto Szpunberg: Der Wind ist manchmal wie alle – El viento a veces es como todos, Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch, 161 Seiten, 1 Bild, erschienen bei Edition Delta.

Die Edition Delta hat uns freundlicherweise auch von diesem Band ein Exemplar zur Verlosung zur Verfügung gestellt. Wer an der Ausgabe von Der Wind ist manchmal wie alle interessiert ist, schwingt sich bitte rüber zu Edition-Delta.de und schickt mir die Namen von zwei anderen argentinischen Autoren der Edition Delta per Email an redaktion@wilde-leser.de! Die Adresse des Gewinners wird von mir an den Verlag weitergeleitet, der dann den Versand des Buches übernimmt. Viel Glück!

Nachtrag: Alberto Szpunberg wird am 3. September 2010 um 20 Uhr im Jazzclub Neue Tonne im Rahmen des Internationalen Poesiefestivals BARDINALE in Dresden lesen.

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