Piglia: Brennender Zaster

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Der Gaucho Dorda und Franco Brignone sind zwei junge Argentinier, die sich selbst als Freibeuter ohne Gewissen sehen und einander im Jugendgefängnis von Batán kennengelernt haben. Dorda stammt vom Land, wo er früh erfahren musste, was es bedeutet, anders zu sein als die Menschen um ihn herum. Er verfällt dem gut aussehenden Brignone (El Nene), der als Sohn einer bürgerlichen Familie in der Großstadt (Buenos Aires) aufgewachsen ist. Über die körperliche Liebe hinaus, finden sie beide zu einer Art heiliger Geschwisterliebe, in der sie (denkt Dorda) zu einem einzigen Menschen verschmelzen. Es ist die Verbundenheit zweier „Brüder“, die darin dem morbiden Zustand ihrer Zeit zugleich entrückt wie gegenüberstellt werden – jener Epoche des nachperónistisch-nationalistischen Argentiniens der 1960er Jahre, in der Korruption, Drogen und Gewalt allgegenwärtig sind.

Dorda ist Leidtragender einer psychotischen Störung, besitzt homosexuelle Neigungen und kennt das brutale Leben im Gefängnis und in der Psychiatrie von Kind auf. Zusammen mit seinem „Zwilling“ Brignone, der den Weg des Verbrechens bewusst gewählt und sich gegen die bürgerliche Karriere wie die seines Vaters (Geschäftsmann) gestellt hat, erinnern sie an die von der Gesellschaft ausgeschlossenen, misshandelten, sich aber auch selbst hinausmanövrierten Gestalten und Figuren bei Genet.

Der exzessive Konsum von Kokain und Amphetaminen hilft Dorda, die von Brignone ausgehandelten Pläne kaltblütig und von jedwedem moralischen Gewissen losgelöst auszuführen. So auch den Coup gegen den mehrere Millionen Pesos schweren Geldtransporter, der die Gehälter der Stadtangestellten von einer Bank in Buenos Aires ins unweit entfernt liegende Rathaus bringen soll. Gemeinsam mit dem „Raben“ Morales (ein ebenso gewissenloser Desperado wie die „Brüder“), den beiden Organisatoren Malito und Heguilein (Nando) und nicht zuletzt unterstützt und benutzt von einer Entourage aus korrupten Politikern, bestochenen Polizisten, Militärs, Spitzeln und Gelegenheitskriminellen, verüben sie, historischen Ereignissen folgend, am 27. September 1965 jenen brutalen Überfall auf den Geldtransporter der Bank, der mehreren Polizisten, Beamten und unbeteiligten Passanten das Leben kostet. Von den Drogen und dem Erfolg berauscht, fliehen sie anschließend in einem gestohlenen Wagen durch Buenos Aires, wobei sie auf alles und jeden schießen, der ihnen in den Weg kommt.

Nach Wochen eines nervenaufreibenden Versteckspiels mit der argentinischen Polizei, führen die Ermittlungsfortschritte des ebenfalls nicht ganz sauberen Polizeichefs Silva, in das benachbarte Montevideo (Uruguay), wo schließlich der große Countdown in Gang gesetzt wird. Rund um eine unscheinbare Wohnung, die von Junkies und Prostituierten genutzt und schließlich zum Versteck der Gruppe wird, herrschen bald kriegsähnliche Zustände, in denen sich sowohl die Staatsmacht als auch die Bevölkerung einer zu allem entschlossenen Bande gegenübersieht, die, wie der Erzähler des „Berichts“ formuliert, nicht siegen will, sondern alles aufbietet, um nicht zu verlieren.

Brennender Zaster ist ein Roman über die blutige Zeit Argentiniens in den sechziger Jahren, ein Roman über eine deformierte Gesellschaft, in der Opfer und Täter die gleiche Sprache sprechen. Und er erzählt von dem wenigen Trost, den die Menschen in dieser Epoche der Verrohung trotz allem finden oder behaupten wollen. Manchmal scheint es jedoch, als wären selbst Aufrichtigkeit und der Wille zum Guten bereits im System der Gewalt und Gegengewalt verstrickt, gefangen im Netz des Verrats und der Heuchelei.

Brennender Zaster ist als günstiges “WAT”-Taschenbuch in der Reihe “Argentinien bei Wagenbach” erschienen. Aus dem argentinischen Spanisch von Leopold Federmair

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WAT [635]. 2010 192 Seiten

10,90 € / 19,70 SFr / 11,30 € [A]

ISBN 978-3-8031-2635-1

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