Piglia: Künstliche Atmung

Ricardo Piglia als Erzähler
At college, and perhaps for a year afterwards, they had believed in literature, had believed in Beauty and personal expression as an absolute end. When they lost this belief, they lost everything.
Nathanael West “Miss Lonelyhearts”

Unmittelbar bevor der Roman Respiración artificial des argentinischen Schriftstellers Ricardo Piglia 1980 erschien hatte Umberto Eco 1979 eine für die Wahrnehmung von Literatur wegweisende Studie veröffentlicht über die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten, die er Lector in fabula nannte. Borges und Joyce sind die beiden modernen Autoren, die Eco am meisten beeinflusst haben und er war einst einer der bekanntesten Fürsprecher des Reader-response criticism.

Nach diesem Denkansatz ist die Mitarbeit des Lesers so etwas wie der künstliche Atem der Literatur. In diesem Zusammenhang soll künstlich nichts anderes bedeuten, als das der Leser sich einerseits immer eine Welt denkt, in der © effigie
Individuen durch die Tatsache definiert sind das er sie unter einer gewissen Beschreibung denkt aber andererseits – wenn er diese Individuen im realen Leben treffen würde – ihm nur zu klar seinen dürfte, dass eben diese Beschreibung nie ausreichend ist.
Den Reader-response criticism kann man als Gegenposition zum zuvor über lange Zeit im englischsprachigen Raum sehr einflussreichen New Criticism verstehen, der die Reaktionen des Lesers, Absichten des Autors und historische und kulturelle Einflüsse auf einen Text nicht berücksichtigte. Einzig die Bedeutung einer symbolischen Sprache als Mittel der Erkenntnis gewann hierbei Bedeutung. Also was das Gedicht als Gedicht aussagt. Ein Haiku hat ja auch keine Bedeutung. Es ist Bewusstsein als Einheit mit der Natur. Es ist die Antwort auf sämtliche von uns nie gestellte Fragen.

Sich vom künstlichen Atem zu befreien bedeutet aber auch, sich von der Unangemessenheit der Metaphern zu befreien. Das Haiku benutzt keine Metaphern. Das Verfahren der emblematischen Form und das der Metapher gleichen dem Zustand der Verleugnung. Dem Zustand einer völligen Entfremdung von der Wirklichkeit, in dem sich die westlichen Kulturen – unter der Herrschaft einer symbolischen Gewalt – seit einigen Jahrhunderten zusammengefunden haben. Zwischen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der Zeitspanne also, in der sich das wissenschaftliche Weltbild der Neuzeit heranbildete, wurde die Kultur von dieser symbolischen Gewalt vollständig durchdrungen, so dass dieses ganze Zeitalter, in Herders Worten, emblematisches Zeitalter genannt werden kann. Agamben schreibt dazu in seiner Studie Stanzen:
“Nur eine Epoche wie der emblematischen, die zutiefst daran gewöhnt war, in der Nichtübereinstimmung das Modell der Wahrheit zu sehen, konnte die Karikatur einer Person ähnlicher erscheinen als diese selbst. Denn die Karikatur ist in der Sphäre des Menschlichen, was das Emblem in der Sphäre der Gegenstände ist. (…) Der zum Bilde Gottes geschaffene Mensch gelangt durch teuflische Heimtücke verdorben, in das ferne Land der Unähnlichkeit. (…) Dies erklärt auch warum die Kultur der Moderne das Symbolische so beharrlich mit dem Unheimlichen gleichgesetzt hat. Vielleicht liegt die Ursache dieses Unbehagens am Symbolischen in der Tatsache, dass hinter der scheinbaren Einfachheit des Schemas, das unsere Kultur verwendet, um das Bedeuten zu erklären, die Verdrängung eines vertrauteren und ursprünglicheren Bedeutens verborgen liegt, das sich nicht so leicht in diese Schema fügt.
(…) Das Vermächtnis, das Baudelaire der modernen Dichtung mit auf dem Weg gab, besagt, dass der einzige Weg, die Ware zu überwinden, darin besteht, ihre Widersprüche auf die Spitze zu treiben, bis zu einem Punkt, wo sie sich als Ware abgeschafft hätte, um den Gegenstand wieder seiner Wahrheit zu übergeben. (…) Dies ist der tiefere Sinn der Theorie des l´art pour l´art, die durchaus nicht Genuss der Kunst an sich selbst bedeutet, sondern Zerstörung der Kunst auf dem Wege der Kunst.

Wir haben es offenbar mit einer allmählichen Erkenntnis in der akademischen Welt in Bezug darauf zu tun, welchen Arten von tiefer Konditionierung wir alle üblicherweise unterliegen, weil wir Menschen/Texte immer durch bestimmte Bilder wahrnehmen, die wir von ihnen haben, anstatt die Menschen – einschließlich uns selbst – wirklich so wahrzunehmen wie wir sind.

Die Lösung aus diesem Dilemma hat bis heute die Wahrnehmung von Literatur noch immer nicht ganz erreicht. Um diese Konditionierungen abzulegen müssen wir zunächst einmal das Denken überwinden, wie es etwa Krishnamurti, die Sphinx des 20. Jahrhunderts, wie er oft bezeichnet wurde – wie wir ihn aber frei sind nicht zu bezeichnen - nie müde wurde immer wieder festzustellen. Denken ist ein trennender, analytischer Vorgang und kann niemals die Wirklichkeit sein. Vielmehr stellt es nur eine Reflexion unserer persönlichen, konditionierten Sicht der Dinge dar. Krishnamurti: „Das Denken ist ein Vorgang in Zeit und Raum. Das Denken ist Gedächtnis, die Erinnerung an Vergangenes. Das Denken ist die Aktivität des Wissens … Wissen ist niemals vollständig. Es geht immer Hand in Hand mit Unwissenheit. Zeit, Wissen, Gedächtnis, Denken sind eine einzige Einheit.“

Unser Sinn von Wirklichkeit entstammt einer künstlichen Be-Atmung, dem Vorgang unseres Denkens. So ist ein Modell-Leser auch bereits in einen literarischen Text eingeschrieben. Die Welt der Fabel ist aber nicht die des Lesers. Außerhalb jeder Fabel kann der Leser aber den Schriftsteller wirklich begegnen, auch durch das Geheimnis des Lesens vermittelt, sozusagen außerhalb von Zeit und Geschichte. Der Leser bewundert dann den Schriftsteller nicht, sondern empfindet einfach ein Gefühl tiefer Verwandtschaft, ausgelöst durch eine Krise in seiner Selbstwahrnehmung. Und tatsächlich ist der Leser nach einer solchen imperativen Intimität (T.S. Eliot) nicht mehr der selbe wie zuvor. Er hatte Teil an einem unerschütterlichen Vertrauen, denn durch sein starkes Lesen (Harold Bloom) hat er die Überseele (Emerson) berührt.

So werden wir durch die Literatur aus dem Denken erweckt und zu Trägern einer zeitlosen Tradition. Ohne ein Bewusstsein der Tradition, in dessen Rahmen wir die Wirklichkeit erfahren, ist kein tieferes geistiges Erkennen möglich, kein richtiges Atmen, denn wir bleiben Gefangene der Geschichtsinterpretationen die von außen vorgegeben sind. Um sein eigentümliches Spiel zu entfalten, um auf die Aktualisierung des ersten Topics zu drängen, spielt jeder Text zwangsläufig bewusst mit den mutmaßlichen Kompetenzen seines Lesers. Durch das seltsame Verhalten der Showmaster und Talkmaster und Mondmänner, oder durch die Stiche Eschers oder die Texte des argentinischen Autors Borges wird uns dies besonders deutlich vorgeführt. Und durch die Art des Scheitern des Postmodernismus. Denn: Wir sind die Fabel in der Fabel. Deswegen meinte Roland Barthes wohl auch man sollte dazu übergehen, überhaupt nur noch Literatur zu unterrichten. Denn in ihr könne man Zugang zu allen Wissensformen gewinnen. Wichtig sei aber nach ihm nicht ein Wissen über die Literatur (in den Literatur-Geschichten) herauszuarbeiten und zu verbreiten, sondern die Literatur als eine Vermittlerin von Wissen darzustellen.

Es ist nützlich zu erfahren wie Wissen Eingang in einen findet, oder in ein Werk. Denn in der Tat lassen sich die Grenzen zwischen den Wissenschaften – zwischen sich und der Welt – unmöglich ewig aufrechterhalten. Es geht nach Barthes um nicht weniger als sich von jeder Art aufgezwungenen Sinn zu befreien. Und hier setzt auch seine tief gehende Beschäftigung an mit dem was er das Neutrum nannte, oder wir die natürliche Atmung. Die Beziehung die Piglia in Respiración artificial mit dem Leser aufbaut entspricht der zwischen zwei Individuen im Roman, Maggi und Renzi. In diesem Sinne schreibt auch Santiago Juan Navarro über den Roman, in seiner Studie über den Leser als Genealogist bei Piglia und DeLillo, er mache den Leser zu einem (wilden) Detektiv, der daran geht die großen Verbrechen der Geschichte zu entziffern.

Das neue Geschichtsverständnis (nicht Geschichtsbild) wäre nach Navarro das einer effektiven Geschichte, wie es etwa in DeLillos Libra oder Piglias Roman in der amerikanischen Literatur zum ersten Mal auftaucht. Dies bedeutet eine Geschichte die auf die Faktizität von Fakten aufmerksam macht und darauf wie bisher Historiker die Geschichte aus ideologischen Positionen heraus geschrieben haben. In diesem Zusammenhang ist das Werk von David C. Korten sehr aufschlussreich, der untersucht wie eine bestimmte Geschichtsauffassung dazu geführt hat, dass wir die Macht an weltweit agierende Firmen abgegeben haben, die gegen unsere Interessen arbeiten. Selbst die Vorstellung von der Vergangenheit ist genauso künstlich wie die von Realität in realistischen Romanen, wie wiederum Keith Jenkins dargestellt hat in seiner Studie Re-thinking History. Nach ihm müssen wir erst einmal sehen lernen wie bislang unsere Geschichte künstlich hergestellt wurde, damit sich die Ritzen öffnen können, durch die die neue all-umfassende Geschichte durchbrechen kann. Denn alle bisherige Geschichtsschreibung war ideologischer Diskurs.

Die Information schließt Erklärungen ein, währen die Erzählung Erklärungen aufschiebt. Der Romancier hat ein verewigendes Gedächtnis, der Erzähler ein kurzweiliges. Nach Walter Benjamin dreht sich der Sinn eines jeden Romans um die Trennung zwischen dem wirklichen Leben und dem Sinn des Lebens. Er meint seit Döblins Roman Berlin Alexanderplatz beginnt sich – durch einen neuen epischen Ton – Roman und Erzählung partiell zu versöhnen. Wie Benjamin und Döblin arbeitet Piglia eine neue Art von Erfahrung heraus: Zwischen Staunen und Schock, hervorgerufen durch das Prinzip von Zitat und Montage. Denn nur ein Staunen kann uns aus der unendlich komplexen geschichtlichen Erfahrung befreien. Ausschlaggebend ist dabei nicht einmal das Medium der Darstellung und nicht bloß die Konkretheit des Bildes oder der Montagengestalt, sondern entscheidend ist, ob die Konstruktion die Lücke zwischen Zeichen und Bezugsgegenstand sichtbar macht, oder diese in einer trügerischen Gesamtheit verschmilzt, anstatt diese in Frage zu stellen. Wenn historische Bezugsfelder einfach übernommen werden und als “natürliche” bezeichnet werden, entsteht die falsche Illusion einer Geschichte, wo es eigentlich nur das Jetzt gibt.

Eine neue Art von Roman-Erzähler ist in der Lage, auf magische Weise Wirklichkeit aus jeweiligen Umständen heraus aufscheinen zu lassen. Nur die Verschränkung verschiedener Formen von Jetzt zählt.
In einem solchen Jetzt mag auch hervortreten was Giorgio Agamben in Die kommende Gemeinschaft (2001) so andeutet:
“Wenn es den Menschen gelänge, statt weiterhin in der längt uneigentlichen und sinnlos gewordenen Gestalt der Individualität seine Identität zu suchen, diese Uneigentlichkeit als solche anzunehmen, aus dem eigenen So Sein nicht eine individuelle Identität und Eigenschaft zu machen, sondern eine identitätslose Singularität, eine gemeine völlig ausgestellte Singularität – wenn die Menschen es also vermögen würden, ihrem So-Sein nicht diese oder jene biographische Identität zu geben, sondern einzig das So zu sein, ihre singuläre Äußerlichkeit und ihr Gesicht, dann träte die Menschheit erstmals in eine bedingungslose Gemeinschaft ohne Subjekte ein, in eine Mitteilung, die nichts kennt, was nicht mitteilbar wäre.
Unter den Merkmalen der neuen planetarischen Menschheit jene auszuwählen, die ihr das Überleben erlauben, die feine Scheidewand zu entfernen, die die schlechte mediale Öffentlichkeit von der vollkommenden Äußerlichkeit, die nur sich selbst mitteilt, trennt – das ist der politische Auftrag unserer Generation. (…) Jetzt tritt der Mensch erstmals in eine Epoche, in der er die Erfahrung seines sprachlichen Wesens selber machen kann – nicht eines bestimmten sprachlich vermittelten Inhalts, sondern der Sprache selber, nicht dieser oder jener wahren Aussage, sondern des Umstandes, dass gesprochen wird. (…)
Die beliebige Singularität, die sich die Zugehörigkeit als solche, das In-der-Sprache-Sein selber aneignen will und im Gegenzug auf jede Identität, jede Bedingung von Zugehörigkeit verzichtet, ist der gefährlichste Feind des Staates.”

Künstliche Atmung

Künstliche Atmung
Roman
Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg.
Quartbuch. 2002224 Seiten. Gebunden

19,50 € / 34,30 SFr / 20,10 € [A]

ISBN 978-3-8031-3173-7


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