Ein Tango für Gardel

Das Buch Ein Tango für Gardel von Pedro Orgambide, dessen Untertitel „Eine Romanbiographie“ lautet, hat ca. 132 Seiten, die in 30 Kapitel unterteilt sind. Am Ende der 3- bis 12seitigen Kapitel findet sich noch ein 12seitiges Nachwort des Tangoexperten und Tangosängers Jorge Aravena Llancamit mit Informationen zur Biographie, zum Mythos von Carlos Gardel und mit einigen, wenigen Fotos.

Pedro Orgambide wurde 1929 in Buenos Aires geboren, wo er mit nur 74 Jahren 2003 auch starb. Er war einer der produktivsten Schriftsteller Argentiniens. Er veröffentlichte Romane, Essays und Biographien. Er war auch Journalist, Autor von Theaterstücken und Drehbüchern für das Fernsehen. Seine Leidenschaft war der Tango. Er hätte ihn getanzt, wann immer er gekonnt hätte, soll er einmal gesagt haben. Leider findet man wenig bis gar nichts von seinen Werken in deutscher Übersetzung.

Dem Buch ist ein Motto vorangestellt von Alfredo Le Pera (1900 – 1935), einem brasilianischen Journalisten, Dramatiker und Lyriker, der auch Tangotexte für Gardel geschrieben hat. Das Motto heißt: „Früher oder später aber wird der Reisende, der flieht, innehalten“. Mit diesem Reisenden ist wohl auch Gardel gemeint, der kurz vor seinem Tod, so beginnt das Buch, noch einmal die Bilder oder, wenn man so will, die Kapitel seines Lebens an sich vorüberziehen sieht: wie er als uneheliches Kind mit seiner Mutter Frankreich verlässt und nach Argentinien gelangt, um Musikgeschichte zu schreiben, wie er in den Bordellen von Buenos Aires ein Zuhause findet, wie er einen Rivalen niedersticht und einem Juden das Leben rettet, wie er Enrico Caruso auf einem Schiff nach Brasilien, Charlie Chaplin an der Strandpromenade von Nizza und schließlich auch noch den Prinzen von Wales kennenlernt, der seine Tangos auf der Ukulele begleitet usw. Mehr über das Motto erfahren wir im letzten Kapitel des Buches: „Aus dem Tagebuch von Alfredo Le Pera“.

In vielen dieser Kapitel aus Gardels Leben spielt immer wieder der „Mann aus Tacuarembó“ seine geheimnisvolle Rolle. Wer war er? „Eine Sekunde, bevor die Flugzeuge zusammenprallten und das Feuer ausbrach, sah ich ihn. Einen als Gaucho gekleideten Mann, der einen schwarzen Poncho trug und eine Gitarre bei sich hatte.“ Wir erfahren nicht nur diese Geschichte in einer Art Rahmenhandlung des Buches von dem einzig Überlebenden des Flugzeugunglücks, von dem „Mann, der von allen nur der ‚Verbrannte’ genannt wurde“. Er war einer der Gitarristen Gardels. In dieser Rahmenhandlung schließt er sich eines Nachmittags im Jahr 1951, also 16 Jahre nach Gardels Tod, einer Kaffeehausrunde an, an der auch der Ich-Erzähler teilnimmt und in der man sich eben diese Geschichten um den argentinischen Mythos Gardel erzählt. Mehr sei nicht aus dem Buch „Ein Tango für Gardel“ verraten.

Für mich war es ein überaus unterhaltsames, spannendes und auch lehrreiches Buch. Ich habe es mehr als gerne gelesen und das, wie man in diesem Fall so sagt, in einem Zug.

Die argentinische Originalausgabe erschien 2003, die Übersetzung ins Deutsche 2010 für 10,90 € in der Reihe „Argentinien bei Wagenbach“.

8 Responses to “Ein Tango für Gardel”

  1. Günter Landsberger

    In einem mit dem Titel “Erfindung des Tango” versehenen Abschnitt aus Eduardo Galeanos Geschichtenbuch “Fast eine Weltgeschichte / Spiegelungen” (Wuppertal 2009, S.315f) ist zu lesen:
    “Am Río de la Plata war er zur Welt gekommen, in den Bordellen der Vorstädte. Die Männer tanzten ihn zusammen, um sich die Wartezeit zu vertreiben, während ihre Frauen sich im Bett um Kunden kümmerten. Seine Klänge, langsam, stotternd, verloren sich in den Gassen, wo das Messer und die Trauer herrschten.
    Der Tango trug seinen Herkunftsnachweis auf der Stirn, die Halbwelt, das Gangstermilieu, und deshalb durfte er nicht nach draußen.
    Doch der Nichtvorzeigbare bahnte sich seinen Weg. Im Jahre 1917 brach der Tango an der Hand von Carlos Gardel in das Stadtzentrum von Buenos Aires ein, stieg auf die Bühne des Esmeralda-Theaters und stellte sich mit seinem eigenen Namen vor. Gardel sang “Mi noche triste” – “Meine traurige Nacht” und wurde gefeiert. Und damit war das Exil des Tangos beendet. In Tränen aufgelöst, hieß ihn die brave Mittelschicht lautstark willkommen und erteilte ihm ein gutes Führungszeugnis.
    Dies war der erste Tango, den Gardel für eine Schallplatte aufnahm. Man hört ihn immer noch, und er hört sich jedesmal besser an. Gardel nennt man den “Magier”. und das ist kein bisschen übertrieben.”

  2. Leopold Federmair

    Der Mann aus Tacuarembó ist der Tod. Ich finde diese Figur nicht geheimnisvoll, sie überzieht durch ihre immer extrem kurzen Auftritte das Buch mit einer aufdringlichen, leicht durchschaubaren Symbolik. “Ein Tango für Gardel” ist das letzte Buch von Orgambide, er war schwer erkrankt, als er es schrieb. In Argentinien haben alle Rezensenten die Symbolik auf die Situation des Autors bezogen.
    Über Gardel gibt es ein reiches Schrifttum. Orgambides schmales Buch greift darauf zurück, fügt ihm kaum was hinzu.
    So etwa meine Gedanken bei der Lektüre. Vielleicht kann das Buch ja als Einführung in die frühe Geschichte des Tangos dienen. (Damit habe ich spontan einen Titel von Borges zitiert: “Geschichte des Tangos”. Borges verachtete den seiner Meinung nach “italianisierten” Tango, für den Gardel steht. Cortázar dagegen liebte “Mi noche triste” ganz besonders. Aus Nostalgie natürlich…)

  3. Andreas Gierth

    Manche meiner Gedanken beim Lesen dieses Buches habe ich hier nicht aufgeschrieben. Ich wollte nur vermitteln, dass es fuer mich auch ein unterhalsames Buch mit durchaus interessanten Informationen,denen man nachgehen kann oder auch nicht, war. Das Buch hat mich weniger zu Interpretationen herausgefordert als andere hier vorgestellte Buecher. Ob es fuer eine kritische Auseinandersetzung mit der “Geschichte des Tangos” taugt,wage ich zu bezweifeln. Es ist eben eine “Romanbiographie”, die, wie gesagt, unterhalten kann, der man aber nicht, wie ich finde, auf den Grund gehen muss. Man wird da wohl auch nicht so viel finden.
    Dass der Mann aus Tacuarembó etwas mit dem Tod zu tun hat, ihn vielleicht sogar symbolisiert, ist in der Tat leicht durchschaubar. Nicht so ganz durchschaut habe ich seinen Zusammenhang mit der Herkunft Gardels. Vielleicht habe ich da aber zu oberflaechlich gelesen.

    Dass der Mann aus Tacuarembó den Tod symbolisieren soll,

  4. Andreas Gierth

    Der Halbsatz am Ende meines obigen Kommentars kann gestrichen werden. Da fehlt kein Text. Ein Versehen.

  5. Leopold Federmair

    Sicher, es gibt immer verschiedene Zugänge, verschiedene Lektüren. Trotzdem ist da auch Raum für Argumente. Vor allem scheint mir, daß zwischen dem Mann aus Tacuarembó (= Tod) und Gardel eben kein Zusammenhang besteht. Die Biographie Gardels ist nicht düster, nicht todeslastig, Gardel war nicht krank, nicht depressiv, 1935 auf der Höhe seines Erfolgs. Das Flugzeugunglück war nicht mehr und nicht weniger als ein Unglück, unvorhersehbar. Deshalb glaube ich, daß der Mann aus Tacuarembó die Ahnung (fast schon Gewißheit) des Autors (= Orgambide) beschwört. Der Zusammenhang mit Gardel ist irreführend. Das bedeutet letztlich, daß Orgambide ein wichtiges Kompositionsproblem seines Buchs nicht gelöst, vielleicht gar nicht gesehen hat.
    Aber vielleicht handelt es sich wirklich, dem Mann aus Tacuarembó zum Trotz, um ein Stück leichter Literatur und man sollte nicht zuviel Analyseanstrengung darauf verwenden…

  6. Günter Landsberger

    Zusätzlich könnte auch eine Beobachtung des Tango-Themas und des Gardel-Motivs bei Ernesto Sábato, mit dem ich mich ja gerade etwas ausgiebiger befasst habe, von Interesse sein.
    Sein nur auf Spanisch, nicht in deutscher Übersetzung vorliegendes Anthologie- und Essay-Buch “Tango, discusión y clave” (Losada, Buenos aires, 1963, 1997) kenne ich leider nicht. Allerdings ist mir aufgefallen , dass im ganz hervorragendem 2. Roman Ernesto Sábatos, “Über Helden und Gräber”, wie im Vorbeigehen, auch wohl aus atmosphärischen Gründen, vor allem aber zur Figurenkennzeichnung, Carlitos Gardel als populäre Farbfotografie an zwei Stellen des Romans vorkommt. Im Falle der 2. Fundstelle findet sich der kurz davor angesichts ihn schockhaft beunruhigender Vorfälle (die von ihm zwiespältig hoffnungslos geliebte Alexandra wird zur Mörderin an ihrem paranoiden, inzestuösen Vater, bevor sie sich anschließend selbst umbringt) akut suizidgefährdete Martín “in einem fremden Zimmer” wieder: “seinem Bett gegenüber erblickte er Carlitos Gardel im Frack, und eine Farbfotografie von Evita und darunter eine Vase mit Blumen.” (Wiesbaden 1967, S.474) Es ist das Zimmer der Frau aus dem Volke, die ihn, den ihr völlig Unbekannten, wie selbstverständlich gerettet hat. Dieses 6. Kapitel des 4. Romanteils “Ein verkannter Gott” (S.464 – S.478), in das diese Stelle eingebettet ist, zählt übrigens in der Art, wie, und in der Dichte, in der das Ganze erzählt wird, zu den bewegendsten Passagen des ganzes Buches. In unserem Zusammenhang auffällig ist aber auch, in welchem Umkreis von Tod, Vernichtung und suizidaler Bedrohung (aber auch uneigennütziger Hilfe durch eine selber Hilfsbedürftige) das Carlito Gardel – Motiv hier unscheinbar auftaucht. -
    Nur noch ein weiterer Hinweis: Auf den Seiten 156 – 159 des großen Gespräches von Carlos Catania mit Ernesto Sábato (a.a.O.) finden sich sehr interessante Passagen zum Tango und dem für Argentinien typischen, vielfältigen “Heimwehgefühl” (S.155), und des weiteren zur “Metaphysik des Tango” (S.157), in dessen Liedtexten “das Vergehen der Zeit” (S.157) so häufig bevorzugtes Thema sei, wodurch der mit Texten verbundene Tango so oft zu einem “Vorort der Literatur” (S.158) würde und geworden sei.

  7. Andreas Gierth

    “Der Zusammenhang mit Gardel ist irreführend. Das bedeutet letztlich, daß Orgambide ein wichtiges Kompositionsproblem seines Buchs nicht gelöst, vielleicht gar nicht gesehen hat.” (s.L. Federmair) Das ist auch meine Meinung. Denn, wenn ich mich recht erinnere, wird in dem Buch ein Zusammenhang zwischen Gardel und dem Mann aus Tacuarembó hergestellt und letztlich nicht aufgeklaert. Es geht um den Vater Gardels. Ist es nicht so, dass da zwei Moeglichkeiten angedeutet werden und die eine mit dem Mann aus Tacuarembó zu tun hat? Nicht das er der Vater waere, aber er hat irgendetwas mit einem der beiden moeglichen Vaeter zu tun. Leider habe ich hier in meinem Ferienort das Buch nicht dabei. Aber vielleicht irre ich mich auch.

  8. Leopold Federmair

    Naja, der tatsächliche Vater Gardels ist ja längst in Frankreich zurückgeblieben. Das besagen sowohl die historischen Darstellungen als auch der Hauptstrang von Orgambides Erzählung. Orgambide spielt aber einmal mit dem Gerücht, Gardel könnte in Uruguay geboren sein, als uneheliches Kind eines Gutsbesitzers. Da kommt dann der Mann aus Tacuarembó vor, ein musischer Gaucho, wie ihn die argentinische Tradition liebt. Aber er kommt in verschiedensten Kontexten vor, ich denke, Orgambide hat ihn als eine Art Joker benützt.

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