Wilde-Leser.de feiert sein 1. Jubiläum

In diesem Monat feiert unsere Plattform ihr einjähriges Bestehen. Mit stetig wachsenden Besucherzahlen, einer immer größer werdenden Redaktion und einem Autor, den man eigentlich nie ganz gelesen haben kann, übertrifft das Projekt alle Erwartungen. Ab dem 6. September geht es bei uns mit dem Lumpenroman von Roberto Bolaño weiter. In der Seitenleiste kann man sich schon einmal ein Stückchen daraus anhören.

Ein Jahr wildes Lesen! Vielleicht nutzen wir diesen Beitrag um ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen! Der erste Blick auf die schöne 2666-Ausgabe, unser geniales Treffen in Köln, die steigende Unterstützung im Web… Vielen Dank an alle Beteiligten für dieses tolle und spannende Jahr!

Erinnert Ihr Euch noch an meinen ersten Beitrag? Ich schwelge gerade in Erinnerungen und hole ihn noch einmal aus der Versenkung:

Nachdem sie sich schon ein gutes Stück in Roberto Bolaños nachgelassenen Roman “2666” hineingelesen hatte, beschwor die amerikanische Schriftstellerin Francine Prose all ihre Verwandten, Freunde und Geliebten, sie sollten alles stehen und liegen lassen und auf der Stelle mit “2666” beginnen. “Mein messianischer Enthusiasmus war teilweise uneigennützig”, kommentiert sie in “Harper’s Magazine“, “zum Teil aber auch ein bisschen egoistisch, denn wenn man ,2666‘ liest, betritt man eine Welt, die an unsere eigene erinnert, aber nur zwischen zwei Buchdeckeln existiert; es ist ganz ähnlich wie bei der Lektüre von ,Moby Dick‘ oder ,David Copperfield‘ oder ,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘.” Und in dieser fremden, dieser literarischen Welt möchte man sich nicht ohne Begleitung herumtreiben, man hätte dort gern Gesellschaft.

- Hannes Stein, Die Welt. 22. Dezember 2008.

Die Frage, warum man sich in einer Zeit von 160 Zeichen langen Kurznachrichten (140 bei Twitter), von Eilmeldungen, Zusammenfassungen, spartanischen Blogeinträgen und aberwitzigen Tickermeldungen noch hinsetzen sollte, um Stunden, Tage, ja Wochen und Monate mit der Lektüre eines einzigen Romans zu verbringen, wird seit einiger Zeit in Internet-Lesezirkeln wie infinitesummer.org oder der deutschen Verlagsseite unendlicherspass.de beantwortet. Beide beschäftigen sich mit dem Großwerk Infinite Jest des amerikanischen Autors David Foster Wallace.

Am 7.September erscheint im Hanser Verlag Roberto Bolaños 2666 in der Übersetzung von Christian Hansen. Ein Roman in fünf Teilen, der nicht nur laut Francine Prose ein eigenes Universum bildet und der mindestens eine ähnlich genaue Betrachtung verdient hat. Seit der Erstveröffentlichung in Barcelona (2004) überschlägt sich die Literaturkritik auf der ganzen Welt und erfindet immer neue superlative, um das Werk des gebürtigen Chilenen und Wahlspaniers Roberto Bolaño Ávalos zu definieren. “Ein Monster von einem Roman” ist nur ein Bild, das in verschiedenen Variationen Benutzung findet. Formulierungen wie diese lösen jedoch eins ganz unvermeidlich aus: Bolaños 2666 wird ein Roman bleiben, der sich in Literaturkreisen hoher Bekanntheit erfreut. Wirklich lesen werden ihn die wenigsten. Denn die Lektüre verlangt intellektuelle Ausdauer, die in einer Zeit der medialen Häppchenverarbeitung weitgehend untrainiert bleibt.

Gerade deswegen sollen sich auf zwei666.de Ausdauerbibliophile aus ganz Deutschland zusammentun und gemeinsam diesen “Berg von einem Werk” bezwingen, über ihre Leseeindrücke berichten, triviale und akademische Literaturkritik betreiben, Verzweiflungen und Euphorie schildern, verreißen und lobpreisen – sich also in jeglicher nur erdenkbaren Form an 2666 auslassen.

Und den besten Anreiz für eine solche Auseinandersetzung gibt Bolano selbst:

…und der klar und ohne Diskussion das kleinere dem größeren Werk vorzog. Er entschied sich für Die Verwandlung statt Der Prozess, für Bartleby statt Moby Dick, für Ein schlichtes Herz statt Bouvard et Pecuchet, für Eine Weihnachts-geschichte statt Eine Geschichte aus zwei Städten oder Pickwickier. Trauriges Paradox, dachte Amalfitano. Nicht einmal die belesenen Apotheker wagen sich mehr an die großen, die unvollkommenen, die überschäumenden Werke, die Schneisen ins Unbekannte schlagen. Sie geben den perfekten Fingerübungen der großen Meister den Vorzug. Anders gesagt: Sie wollen die großen Meister bei eleganten Fechtübungen beobachten, aber nichts wissen von den wahren Kämpfen, in denen die großen Meister gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt, jenes Etwas, das gefährlich die Hörner senkt, und es gibt Blutvergießen, tödliche Wunden und Gestank.

5 Responses to “Wilde-Leser.de feiert sein 1. Jubiläum”

  1. Nina Klein

    Gratuliere zum Relaunch und zum Einjährigen! Gehaltvolle Blogs (statt 140- Zeichen-Texte) zu EINEM gehaltvollen Thema, das ist selten. Und viel Interaktives. Froh bin ich, dass es die Illustrationen weiterhin gibt. Genial.

  2. Dirk Richter

    Hallo Marvin!

    Gratuliere zum Einjährigen! Unglaublich das es erst 1 Jahr her ist. Dies müsste der 2. Relaunch sein und mit jedem verbessert sich die Seite.

    Wünsche dir weiter viel Spaß dabei und weiterhin eine treue und wachsende Leserschaft.

  3. Marvin Kleinemeier

    @Dirk Richter Vielen Dank! Schaust also noch ab und zu vorbei? Buchempfehlung für dich: Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede! Schon für die Vorbereitung zum nächsten Osterlauf!

  4. Andreas Gierth

    Auch meinen Glückwunsch an alle an diesen Seiten Beteiligten. Gerne erinnere ich mich an den Beginn, z. B. an das Treffen in Köln usw., gehöre ich doch auch zu den Männern der ersten Stunde. Meine Hoffnung, wir könnten hier Seiten aufziehen, die über dieses Medium im besten Sinne eine Kultur des Lesens befördern, hat sich erfüllt.

  5. Dirk Richter

    @Marvin

    Frage:Schaust also noch ab und zu vorbei?
    Ja, einmal die Woche ;-)

    Buchempfehlung für dich: Haruki Murakami
    Habe ich nun bestellt; bin mal gespannt…

    Bekomme hier eher eine Antwort als bei deinen
    ganzen anderen Online-Aktivitäten :-)

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