Alan Pauls: Geschichte der Tränen

http://www.klett-cotta.de/uploads/tx_shopextension/Pauls_GeschichteTraenen_2d.jpgDer Kopfsprung vom sandpapiernen Sprungbrett, das Tauchen zum Grund, die Berührung des offenen Mundes des Tintenfischs, der auf die Kacheln am Boden gemalt wurde – dann Abstoß in Richtung gegenüberliegendes Beckenende, rasches Auftauchen mit “implodierenden Lungen” und das ganze von vorn, bis der Junge, die Fingerkuppen ganz aufgeweicht, seine Hand in das Sonnenlicht hält und nicht auseinanderhalten kann, ob das intensive Rot, das er sieht, “die Farbe des Blutes ist, das in der Fingerkuppe kocht, oder nur der Effekt der Sonnenstrahlen, die ihn verstärken, indem sie widerstandslos die strapazierte Haut durchdringen.” Es ist dieses pochende Brennen, das der Junge sich vorstellt, atemlos auf dem Boden seines Kleiderschrankes sitzend, wenn der Held seines favorisierten Comics den tödlichen strahlen roten und grünen Kryptonits ausgesetzt wird.

Sentimentale Referenzsysteme dieser Art machen die Hauptfigur in Alan Pauls neuem Roman Geschichte der Tränen so besonders. Mit der für einen Vierjährigen außergewöhnlichen Gabe ausgestattet, den Menschen zuhören, sich einfühlen zu können und sie zum Reden zu bringen, entwickelt sich der belesene Junge zu einem Schwamm des Leids. Es ist die Entwicklung der Empfindsamkeit eines Jungen, der nur Tränen vergießt, wenn er mit seinem Vater durch die Straßen wandert und das Leid anderer in sich aufnimmt. Alan Pauls nähert sich den Siebzigern des lateinamerikanischen Kontinents im ersten Teil seiner Historia-Trilogie über drei Entwicklungsstufen eines Jungen, der dann im entscheidenden Moment, während der Übertragung eines Putsches im Fernsehen, nicht imstande ist, auch nur eine Träne zu vergießen. Gleichzeitig zieht sich der Zweifel an Nachbarn und Bekannten des Vaters durch den als Novelle angelegten Kurzroman.

Alan Pauls ist ein Schriftsteller, der seinen Lesern entweder großes Vertrauen entgegen bringt, oder sie einfach ignoriert. Pauls labyrinthische Satzkonstruktionen bewirken beim Rezipienten zumeist zweierlei: Zum einen wirken sie, vor allem für den flüchtigen Betrachter, eher abstoßend, da sich so manches Satzgefüge, über mehrere Seiten verteilt,  in sich verliert. Zum anderen jedoch, birgt Pauls Sprache für den, der sich darauf einlässt, einen warmen Strudel, der in einen Rausch führen kann, wie man ihn in dieser Konzentration nicht oft findet in der zeitgenössischen Literatur. Im Interview mit Wilde-Leser.de betonte Pauls, dass er gerne räumliche Sätze schreibt, Sätze, in denen Menschen leben können, schwimmen, atmen, halluzinieren, versinken, einschlafen, rennen, sich fürchten, etc. Großen Anteil an dieser Räumlichkeit trägt auch Übersetzer Christian Hansen, der bei dieser Komplexität so etwas wie einen eigenen Autor erfinden musste, der irgendwo zwischen Pauls und Hansen liegt, ohne den jedoch die Musikalität, die in anderen Besprechungen hervorgehoben wurde, nicht mäglich gewesen wäre. In Argentinien ist die Geschichte der Haare, der zweite Band der Trilogie, bereits im vergangenen Jahr erschienen.

Alan Pauls, Geschichte der Tränen, übersetzt von Christian Hansen, erschienen bei Klett-Cotta.

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