Ein Gespräch mit Alan Pauls

(c) Marijan Murat, Stuttgart

(c) Marijan Murat, Stuttgart

Alan Pauls, geboren 1959 in Buenos Aires, hat Literatur gelehrt, daneben Drehbücher, Filmkritiken, Essays und sechs Romane geschrieben. Er arbeitet als Kulturkolumnist für eine große Tageszeitung und moderiert eine Fernsehsendung. Sein Werk ist bisher in 14 Sprachen übersetzt worden. Im Interview mit Wilde-Leser.de spricht Alan Pauls über räumliche Sätze, die Inspiration zu seinen Figuren und die Eigenarten seiner Übersetzer.

Dein Roman Die Vergangenheit wurde im vergangenen Jahr in Deutschland veröffentlicht und von Kritik und Publikum sehr gelobt. Es ist so etwas wie eine enzyklopädische Liebesgeschichte, die mit der vollständigen Umkehr der Verhältnisse beginnt: Was für zwölf Jahre engste Freunde waren, werden erbitterte Feinde, die nicht mehr nebeneinander, sondern gegenüber stehen. War dieser Moment der völligen Umkehr der Ausgangspunkt für den Schreibprozess?

Der Roman kam zu mir wie ein mentales Telegramm. Es sagte: Tote Frau kommt zurück von den Toten, um den Mann zu quälen, den sie einst liebte. So sollte der Roman von Beginn an nicht wirklich eine Liebesgeschichte erzählen, sondern was passiert, wenn eine tiefe, leidenschaftliche Liebesgeschichte endet. Es ist ein Roman über postume Liebe, über die Trümmer der Liebe. Der Roman behauptet, dass wahre Liebesgeschichten niemals enden, sie verändern sich bloß. Sie werden zu Geistergeschichten. Für mich war Die Vergangenheit immer genauso Liebesgeschichte wie Horrorgeschichte. Um genau zu sein, war der Arbeitstitel des Romans Die Zombie-Frau. Das im Hinterkopf, war ich auch sehr interessiert an der Liebeserfahrung als Verstörung, als Zustand der Instabilität, sogar der Krankheit. Eine einfache Eifersuchtsszene verdeutlicht sehr gut die merkwürdige Logik, mit der die Liebe sich in einen Alptraum verwandeln kann: in wenigen Sekunden, aufgrund eines ominösen Zeichens, oder einer zögernden Antwort, oder eines verdächtigen Verhaltens, wird der Geliebte vom intimsten und verlässlichsten Partner zu einer Bedrohung, einem Vermittler von Gefahr, ein Feind. Die Liebe wird dann zu einem Heim für das was Freud “Das Unheimliche” nannte.

Wie erreichst du die psychologische Tiefe einer Figur wie Riminis Ex-Freundin im Bezug auf Recherche und Vorbereitung?

Keine Recherche, keine Vorbereitung. Es ist eine Mischung aus theoretischen Highlights meiner Jugend (ich erinnere mich mit angenehmem Nervenkitzel an einen Artikel über Erotomanie, den ich mit 22 aus dem Französischen übersetzte und der eine psychoanalytische Interpretation von Perversionen enthielt), einige persönliche Erfahrungen (die ich gerne übertreibe) und einige historische oder fiktive Vorbilder wie Adele H., Victor Hugos Tochter, die ich in einem Film von Truffaut entdeckte und die mich sofort faszinierte. Manchmal ist die beste Art, um die Psyche einer anderen Person darzustellen, einfach die eigenen Ängste in sich wachsen zu lassen und ihre Konsequenzen erfahrbar zu machen.

Was sofort auffällt, ist dein außergewöhnlicher Prosastil. Deine langen und komplexen Sätze veranlassen den Leser dazu, die Sätze zu inhalieren und beinahe in eine Art Rausch zu gelangen!

In literarischer Fiktion ist ein Satz immer auch eine Welt, und ich möchte, dass meine Welten so reich und komplex und inspirierend und bewusstseinserweiternd wie nur möglich sind. Ich würde sehr gerne “räumliche Sätze” schreiben: Sätze, in denen Menschen leben können, schwimmen, atmen, halluzinieren, versinken, einschlafen, rennen, sich fürchten, etc.

Die Vergangenheit und Roberto Bolaños 2666 wurden beide 2003 veröffentlicht. In beiden Romanen gibt es einen radikalen Künstler, der seine eigenen Körperteile als Kunstwerk ausstellt. Standest du in Kontakt zu Bolaño, der dich ja sehr gelobt hat nach der Veröffentlichung von Die Vergangenheit? Ist es vielleicht sogar möglich, dass dein “Riltse” die Figur in Bolaños Roman beeinflusst hat?

Ich habe Roberto Bolaño nie getroffen. Wir tauschten eine Weile lang Emails aus (besprachen dabei aber nie unsere Werke) und hatten nur eine einzige Telefonunterhaltung, die von merkwürdigen Geräuschen in der Leitung und einigen Sabotage-Akten unterbrochen wurde, die angeführt wurden von einem gemeinsamen Bekannten, der die Unterhaltung in Barcelona mitverfolgt hatte. Ich sehe nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen Riltse und Arcimboldi (Wenn das der Künstler ist, auf den du dich beziehst). Arcimboldi ist eine Art ethisches, ästhetisches und politisches Paradigma der Tragödie des 20. Jahrhunderts. Riltse ist eine Mischung aus Genie, Schwindler und Clown; er verkörpert lediglich einige typische Paradoxien der Leben und Werke zeitgenössischer Künstler. Ich muss allerdings sagen, dass ich immer empfindlich auf die Art und Weise reagiere, mit der Bolaño an den Leben von Künstlern arbeitete, auch auf seine biografischen Impulse.

Der Künstler aus 2666, den ich meinte, ist Edwin Johns, der im Teil von den Kritikern auftaucht und zur Legende wird, nachdem er sich die Hand abschneidet und sie ausstellen lässt. Später landet er dann in einem Sanatorium!

Ja, stimmt, du hast recht. Den kleinen Johns hab ich ganz vergessen. Jedenfalls glaube ich, dass es nur ein Zufall war. Vielleicht waren wir beide zu den Leben von Künstlern hingezogen, speziell zu denen, von denen man nicht sagen kann, ob sie genial oder dumm sind… (Nebenbei, das könnte man über fast jeden zeitgenössischen Autoren sagen…)

Christian Hansen, der auch 2666 übertragen hat, bekommt viel Lob für die Übersetzungen deiner Bücher. Wie wichtig ist die Beziehung zu deinen Übersetzern für dich und was denkst du generell über das Paradox, einen Autor in Übersetzung zu lesen?

Es ist eine sehr wichtige Beziehung für mich. Es ist allerdings auch eine unmögliche, da Übersetzer (Christian Hansen ist da eine Ausnahme) gerne sehr scheue Artgenossen sind, die Kontakte zu Menschen noch mehr vermeiden als Schriftsteller. Ich versuche meine Übersetzer immer zu treffen, zumindest die, die mit Sprachen arbeiten, die ich selbst kenne. Ich denke, sie sind sehr interessante Menschen, auch sehr beängstigende. Radikale Hingabe in dieser Form ist immer beängstigend. Als ich jung war, war ich selbst Übersetzer, ich weiß also wovon ich spreche. Übersetzung ist eine Art Mission, fast eine selbstmörderische: in jedem Text, der in einer Sprache geschrieben wurde, die du beherrschst (und die nicht deine Muttersprache ist), ist diese winzige Stimme versteckt, die dich flüsternd bittet: Übersetz mich! Du bist der Eine! – dich auffordernd, den Job zu erledigen, als wäre die Stimme darin eingesperrt… Ganz nebenbei, die größeren Namen der Literatur des 20. Jahrhunderts (Von Joyce bis Kafka, von Nabokov bis Beckett) surfen zwischen zwei oder mehr Sprachen und behandeln in ihren Arbeiten auch Übersetzungsprobleme.

Lange Zeit hast du auch Drehbücher für Filme geschrieben. Ist deine ausufernde Prosa vielleicht auch eine Reaktion auf die Grenzen und Beschränkungen des Drehbuchschreibens?

Es stimmt, dass Drehbücher nach einem trockenen, simplen und direkten Prosa-Stil verlangen. In einem Drehbuch ist der Text nur ein Vorwand, eine Simulation, die Beschreibung eines kommenden Bildes. Das Schreiben muss, auf bestimmte Art, verschwinden. Literarisches Schreiben geht genau in die andere Richtung. Wie auch immer, ich glaube nicht, dass meine fiktionale Prosa als Reaktion auf die Drehbuch-Trockenheit oder irgendetwas anderes gesehen werden kann. Genau genommen, ist es eine Aktion, nie eine Reaktion.

Warst du beim Dreh von Die Vergangenheit involviert? Warst du als Filmkenner mit eigener TV-Show mit dem Ergebnis zufrieden?

Nein, ich habe damals beschlossen, mich nicht einzubringen. Ich zog es vor, Babenco die Freiheit zu lassen, zu tun, was immer er tun wollte. Aber gleichzeitig war mein Roman zu sehr involviert in das Projekt, als dass mich das Ergebnis zufrieden stellen könnte. Zufriedenheit ist nicht das richtige Wort in der Beziehung zwischen Literatur und Kino. Kino ist Bild; Literatur, Vorstellung. Auf die ein oder andere Weise, zumindest für einen Schriftsteller, tötet das Bild immer die Vorstellung. Deshalb ist ein Schriftsteller nie in der richtigen Position, um eine Adaption zu beurteilen.

Dein neuer Roman Geschichte der Tränen wurde gerade in Deutschland veröffentlicht. In einem Interview hast du gesagt, dass es 20 Jahre brauchte, bis du über Politik schreiben konntest und dass jetzt wo du es tust, du es in einer völlig untypischen Weise für einen Argentinier angehen willst!

Nicht über Politik, aber über die Siebziger in Argentinien im Speziellen, der wohl intensivsten und tragischsten Periode der näheren argentinischen Vergangenheit. Es war das letzte Mal, als Geschichte eine Leidenschaft für uns war. Ich wollte mich dieser Zeit aber nicht durch die übliche Vordertür nähern: Helden und Opfer, gute Jungs und böse Jungs, Träumer und Mörder. Also habe ich einige willkürliche, kleine und indirekte Hintereingänge gewählt: Tränen, Haare, Geld. Drei kleine Dinge, die wir besitzen und verlieren, genau definiert durch eine Gewinn-Verlust-Dialektik. Drei objets trouvés, drei “historische Fossilien” in denen ich – wie ein Archäeologe – die ganze Zeitspanne der Siebziger lese. Ich versuche mich der Geschichte durch eine Mischung aus Intimität und Politik zu nähern.

Diese Historia ist an sich eine sehr untypische Geschichte, die sich eher auf das menschliche Empfinden und den Einfluss auf den Alltag bezieht, als auf typische Geschichtsschreibung. Geschichte der Tränen kann gleichzeitig vor dem Hintergrund einiger literarischer Konzepte der Erinnerung gelesen werden, sei es die Prousts oder Joyces. Kann Geschichte nur durch das Alltägliche erfahrbar gemacht werden?

Ich würde sagen durch Empfindsamkeit. Empfindsamkeit als das Arbeitsgebiet, auf dem historische und politische Daten verarbeitet, ausformuliert, wiederhergestellt oder durch Wahrnehmung, Erinnerung, Einflüsse oder Empfindungen entstellt werden.

Geschichte der Tränen ist der Start einer Trilogie. Was können wir von den nächsten Geschichten erwarten?

Wenn Geschichte der Tränen der Aufbau von Empfindsamkeit ist, behandelt Geschichte der Haare die Besessenheit mit Äußerlichkeiten und Identität und Geschichte des Geldes behandelt verborgene Ökonomien.

Was erwartest du von der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt mit dem Gastland Argentinien?

Einige Aufmerksamkeit für junge Schriftsteller, die gerade in Argentinien auftauchen? Wie auch immer, mir wurde gesagt, Frankfurt sei eher eine Business-Messe als eine literarische; ein Ereignis für Verleger und Agenten. Ich hoffe es wird auch noch ein wenig Raum und ein paar Getränke und Canapés für die übrig gelassen, die das Business in Bewegung bringen!

Das Interview wurde geführt und übersetzt von Marvin Kleinemeier.

3 Responses to “Ein Gespräch mit Alan Pauls”

  1. Christian Hansen

    Hallo Marvin, ein schönes, ein spannendes Interview – und gut übersetzt ;-)

    Seit dem 2. September ist Alan Pauls übrigens offiziell Stadtschreiber in Berlin, lebt im Literaturhaus in der Berliner Fasanenstraße und soll sich ab und zu in einem Blog zu Wort melden: http://www.goethe.org/rayuela

    Am 22. September gibt es eine Veranstaltung mit Alan Pauls, Ron Winkler und mir in besagtem Litertaurhaus.

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