Lumpenroman I

Dem „Lumpenroman“ ist ein Motto aus „Nervenwaage“ (1925) von Antonin Artaud vorangestellt. Antonin Artaud ist auch nicht viel älter als Roberto Bolaño geworden. 1948 hat man den gerade 52jährigen Artaud tot in sitzender Haltung in seinem Bett mit einem Schuh in der Hand aufgefunden. Auf mich hat das, als ich es bei Wikipedia las, wie eine groteske Theaterszene gewirkt. Artaud litt fast sein ganzes Leben an chronischen Schmerzen, nahm Drogen wie z. B. Opium, saß wegen einer diagnostizierten Schizophrenie in psychatrischen Anstalten usw. Was könnte Roberto Bolaño über eine solche Biographie hinaus an diesen Künstler interessiert haben? Vielleicht sein Theater der Grausamkeit, dessen Kennzeichen: der „zerstreute Text“, der „entstellte Körper“ und die „unterdrückte Stimme“. Ich weiß es noch nicht. Roberto Bolaño wird sich etwas dabei gedacht haben, gerade dieses Motto seinem letzten, kurz vor seinem Tod in Spanien geschriebenen Roman vorangestellt zu haben.

Das erste Kapitel beginnt mit dem Absatz: „Jetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle. Mein Bruder und ich hatten unsere Eltern verloren. In gewisser Weise rechtfertigt das alles. Wir hatten niemanden. Und das alles buchstäblich von heute auf morgen.“  Eine Ich-Erzählerin, Bianca. Sie ist jetzt selbst das, was sie vor „gar nicht langer Zeit“ mit ihrem Bruder verloren hat: Eltern. Und eben genau damit ist sie keine Kriminelle mehr. Sie hat jetzt auch wieder jemanden und könnte dies wohl kaum noch rechtfertigen.

Auch der letzte Satz des ersten Absatzes ist merkwürdig. „(B)uchstäblich“, im wahrsten Sinne des Wortes haben sie ihre Eltern von heute auf morgen verloren. Deswegen ist das auch keine „Schweinerei“ (s. Motto), weil nichts Geschriebenes, sondern das Leben. Mir scheint der Text der Schwester in einem auffallend nüchternen Ton gehalten.

Es folgt ein ganz kurzer Bericht über die Beerdigung. Und dann eine Bemerkung des Bruders, die mir besonders auffiel. Wie seiner Schwester kommt es ihm nach der Beerdigung der Eltern vor, als gäbe es keine „klare Grenze“ mehr zwischen den Tagen, also keine Nacht mehr. Alles sein ein „Dauerzustand“ von: „Sonne, Licht und berstende Fenster.“ (S. 11) Bianca jedenfalls denkt bzw. dachte, sie würden sterben. Was haben die „berstende(n) Fenster“ hier zu suchen? Das ist merkwürdig. Solche Fenster kommen nicht vor im Text bis hier. Mich hat diese Formulierung an den Anfang von „Vineland“ von Thomas Pynchon denken lassen: „Später als sonst dämmerte Zoyd Wheeler an einem Sommermorgen des Jahres 1984 aus dem Schlaf, hinein in ein Sonnenlicht (…)“ (Vineland) Wie soft schon in der Vergangenheit wird Zoyd an diesem Morgen noch einen Sprung durch eine Fensterscheibe inszenieren. Vielleicht ist das ja auch eine völlig haltlose Assoziation.

Für Bianca und ihren Bruder geht das Leben aber relativ ‚normal’ weiter. Sie haben keinen Bock mehr auf Schule, suchen sich Arbeit, sie in einem Friseursalon, er in einem Fitnessstudio. Bei der Arbeitssuche bekommt sie eindeutig zweideutige Angebote. Und es scheint ihr sehr wichtig zu sein, zu betonen, dass sie zwar eine Kriminelle, aber keine Nutte (S. 11) gewesen sei.

Sie gucken Fernsehen, sie ‚vergammeln’ den Tag. Gedanken, die sich auf die Zukunft richten würden, hätte sie nicht, meint Bianca. Ihre Gedanken würden sich „(n)irgendwohin“ (S. 14) richten.

Und dann wacht sie nachts um 4 Uhr auf, schaut aus dem Fenster und stellt fest: „Es war egal, ob ich die Augen schloss oder offen hielt.“ (S. 15) Es gibt die klare Grenze zwischen den Tagen, also die Nacht, nicht wirklich für Bianca. Aber was ist los mit einem Menschen, für den es keinen Unterschied macht, ob er die Augen auf oder geschlossen hat? Ist der blind? Kann der nicht mehr träumen? Und was bedeutet für den noch Geschriebenes?

3 Responses to “Lumpenroman I”

  1. Günter Landsberger

    Artaud und der Schuh – erinnert das uns nicht auch ein wenig an die Erzählung von dem K.u.K.-Schuhfabrikanten im “Chilenischen Nachtstück”?

  2. Frank Helzel

    Artaud thematisiert ein Problem, das die Arbeit des Schriftstellers ständig begleiten dürfte, wenn ich ihn richtig verstehe. Denn es geht eben nicht nur um Literatur, sondern das, woraus sie gemacht ist, nämlich aus dem Leben lebendiger Menschen, an denen Schriftsteller sich ganz deutlich auch „versündigen“ können, wenn sie sie allzu deutlich zu ihren Figuren und damit öffentlich machen (Maxim Biller usw. usw.). Gerade in diesem seinen Kindern gewidmeten Kurzroman – auch „2666“ ist ihnen gewidmet – mag der Autor etwas von seinen ganz persönlichen Sorgen zeigen, indem er sie an Figuren veranschaulicht, die für den einen oder anderen Menschen in seiner größeren oder dichteren Nähe möglicherweise auch einen peinlichen Wiedererkennungswert haben könnten. Ich denke, dass es das sein könnte, worauf Artaud und Bolaño, ihn zitierend, hinweisen wollen. So wie Macistes Augen, „anders als die meines Bruders und seiner Freunde, nicht unschuldig“ waren (S. 88), so befinden sich Schriftsteller auf der „schuldigen“ Seite. (Es ist Bianca, die diese Feststellung macht; sie dürfte sie nur deshalb machen können, weil sie, als sie das sagt, längst auch für sich selbst weiß, was Schuldigsein heißt.)

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

twitter-widget.com