Die Bolañisten in der Presse

Am vergangenen Mittwoch war ein Hinweis auf den Projektstart zum Lumpenroman in der TAZ:

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Durch den Beitrag in der TAZ ist dann Anke Groenewold von der Neuen Westfälischen Zeitung aus Bielefeld auf das Projekt aufmerksam geworden und hat heute einen Bericht über uns im überregionalen Kulturteil veröffentlicht:

„Bolaño ist ein Universum“

Der Paderborner Marvin Kleinemeier führt im Internet Fans des chilenischen Kultautors zusammen

VON ANKE GROENEWOLD

Bielefeld. Die deutschen Leser haben gerade erst begonnen, die Werke des 2003 gestorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño zu entdecken. Aber das Bolaño-Fieber steigt, seit vor einem Jahr sein 1.096 Seiten starkes Werk „2666“ auf Deutsch erschienen ist. Er gilt als Jahrhundertroman und ist so komplex und anspielungsreich, dass sich Fans weltweit mit großer Lust aufs Deuten und Dechiffrieren stürzen.

Als der Paderborner Student und freiberufliche Journalist Marvin Kleinemeier 2009 die englische Fassung von „2666“ in die Hände bekam, war er fasziniert. „Bolaño ist ein Universum“, sagt der 27-Jährige, der zurzeit gerade sein Literaturstudium mit einer Arbeit über den Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson („Angst und Schrecken in Las Vegas“) abschließt. Dieses Universum erforsche und entdecke jeder Leser auf eigene Weise. Mancher schätze den großen Geschichtenerzähler, andere spürten detektivisch den Rätseln, Fährten und Verweisen nach, die der enzyklopädisch gebildete Jorge-Luis-Borges-Fan ausgelegt habe. „Das ist Bolaño: Jeder liest sein eigenes Buch“, sagt Marvin Kleinemeier.

Eine ideale Voraussetzung für angeregte Diskussionen. Marvin Kleinemeier war 2009 beim amerikanischen „Infinite Summer“ dabei: Menschen lasen sich nach einem Plan zeitgleich durch den gut 1.000-seitigen Roman „Infinite Jest – Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace und tauschten sich im Netz darüber aus. Ein Ereignis, das medial für viel Furore sorgte. „Es hat gezeigt, was das Web 2.0 für Buchleser bedeuten kann“, sagt Marvin Kleinemeier. Er beschloss, seinen eigenen Netz-Leseclub zu Bolaños „2666“ zu gründen und gestaltete auch die Website www.zwei666.de selbst.

Aber wer dem Chilenen einmal verfallen ist, will mehr: Inzwischen widmet sich das in www.wilde-leser.de umbenannte Projekt dem Phänomen Bolaño in Gänze. Ende offen, denn einige seiner Werke werden erst in den kommenden Jahren auf Deutsch erscheinen.

Frisch auf dem Markt ist der „Lumpenroman“, erschienen im Hanser-Verlag. Am 6. September ist dazu auf www.wilde-leser.de der Startschuss zur Leserunde gefallen. Mitmachen könne jeder, sagt Kleinemeier. Akademische Literaturkritik sei ebenso erlaubt wie triviale. Vom Spediteur über die Buchhändlerin bis zum Professor reicht das Spektrum der Bolañisten.

Zum Stamm der regelmäßigen Blogger gehört auch Christian Hansen, der deutsche Übersetzer Bolaños. Und die Schar der wilden Leser – ein Verweis auf Bolaños Roman „Die wilden Detektive“ – wachse stetig, sagt Kleinemeier, der sich im Schnitt täglich eine Stunde seinem Projekt widmet. Der Online-Austausch hat schon zu ersten Treffen geführt. Im Herbst wollen Marvin Kleinemeier und seine Mitstreiter eine deutsche Bolaño-Gesellschaft gründen.

Vielleicht kann die auch klären, wie der 1973 nach dem Militärputsch aus Chile geflohene, nach Mexiko emigrierte und zuletzt in Barcelona lebende Dichter darauf kam, dass eine Figur aus „2666“ ausgerechnet in Bielefeld geboren wurde und eine andere nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Paderborn lebte.

© 2010 Neue Westfälische, Mittwoch 15. September 2010

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