Vom vermeintlich sagbar Ungesagten

bolaño en girona

FETZEN 2309 / VIII:
Vom vermeintlich sagbar Ungesagten,
das dann eben doch nicht so leicht sagbar ist für uns

Worin der Reiz, einer der Reize, der Bolaño-Lektüre für mich liegt, wird mir in diesem 8. Kapitel überdeutlich. Es ist nichts Lautes, Grelles, Äußerliches, was ich da meine.

Obschon die äußere, nacherzählbare Handlung hier aufs Ganze gesehen durchaus schon etwas stärker in Gang kommt. Ein neuer Schauplatz, auf dem sich einiges, wenn nicht alles entscheiden wird,  Macistes Haus in der Villa Germanico, tritt auf den Plan. ( – Kaum zu glauben, dass ich beim ersten  Auftauchen der Andeutung einer Beschreibung dieses Hauses in der Erzählung sofort an das „öde Haus“ im gleichnamigen „Nachtstück“ E.T.A.Hoffmanns gedacht habe. -) Der Weg Biancas in die Kriminalität scheint sich jetzt zu beschleunigen: die drei jungen Männer glauben sich durch ihre  Planung eines  „perfekten Coups“, zu dessen Ausführung  sie hauptsächlich  und unverzichtbar Bianca benötigen,  einem „neuen Leben“ (S.61) greifbar nah, allerdings „wie Ertrinkende“ (S.60), die sich an einen Strohhalm „klammern“. Bianca selbst hat zunehmend Langeweile. Auch früher regelmäßig geschaute Fernsehsendungen verlieren bei ihr an Interesse. (S.57) Verbrechen werden eben nicht nur durch die reale Not begünstigt, vielmehr, in Wohlstandsgesellschaften, wie schon Schopenhauer wusste,  zunehmend auch durch die Not der Langeweile.

Aber das ist es nicht.  Mir sprang vor allem ins Auge, wie, auf welche Weise die für Biancas späteres Verhalten in vielerlei Hinsicht entscheidende Initialszene im Friseursalon erzählt wird. (S.58f.)

Biancas mit ihr  etwa gleichaltrige Arbeitskollegin hat einen festen Freund und spricht eines späten Nachmittags Bianca gegenüber „von ihrer Zukunft“, ihrer erwarteten Zukunft wahrscheinlich mit diesem Freund. Aber das wird so konkret nicht gesagt. Der genaue Wortlaut wird ausgespart. Stattdessen wird der genaue Wortlaut von Biancas Antwort wiedergegeben, die – wiewohl mit hörbarem Unterton – aus zwei kurzen Fragen besteht.  Daraufhin nur die nonverbale Reaktion der Arbeitskollegin; dann deren Gang ans andere Ende des Ladens, wo sie irgendetwas, wahrscheinlich damit Zusammenhängendes, zu einer  Friseuse sagt, in deren Gesicht sich daraufhin (laut Bianca) „tiefe Traurigkeit“ abzeichnet, etwas später schließlich so etwas wie  Ungeduld, ja sogar Härte und Abschottung, während das Reaktionsspektrum der Kollegin während dieser ganzen Szene im Schwanken zwischen Entgeisterung, Verstummen, gehässig anmutendem Blick, wiederholtem Lachen und nur schlecht verdecktem Erschrecktsein recht weit gefasst ist. Bianca hätte in ihrer Erzählung nun unschwer das wortwörtlich wiedergeben können, was die Arbeitskollegin ihr  konkret über ihre private Zukunftserwartung mitgeteilt  hatte, stattdessen werden  wir als Leser auf eine ganze Kettenreaktion von nonverbalen Äußerungen zweier anwesender Personen gestoßen, Äußerungen, die durchaus nicht einhellig und einstimmig sind, vielmehr die ausgesparte Aussage der Arbeitskollegin im Nachhinein nur noch mehr verrätseln, nämlich in dem Maße, in dem sie selber verrätselt sind, will sagen, als in eine rational eindeutige  Begrifflichkeit nicht auflösbar erscheinen.

Ich kenne nur einen Schriftsteller von Rang, bei dem nonverbale Äußerungsformen (wie Lachen, Lächeln, Weinen, Erbleichen, Versteinern, überhaupt Gesten, Gebärden etc.) eine ähnliche Bedeutung haben wie hier: Heinrich von Kleist. (!) Unterschiede wird es geben. Das erzählpraktische In – Frage – Stellen, womöglich Bestreiten einer bruchlosen Auflösbarkeit  anschaulicher bzw. anschaulich gemachter Wahrnehmungen ins begrifflich Rationale ist jedoch ganz ähnlich. Eine Bolaño-Forschung müsste die genaueren Unterschiede noch herausarbeiten.

2 Responses to “Vom vermeintlich sagbar Ungesagten”

  1. Jan Fries

    Eine sehr interessante Auffassung der Szene! Ich habe die Stelle ganz anders gelesen, möglicherweise auch vorschnell interpretiert. Bianca erschrickt geradezu, als ihre Kollegin das Wort “Zukunft” – in welchem Zusammenhang auch immer – in den Mund nimmt. Die Kollegin ist über Biancas Erschrecken so irritiert, dass sie selbst zu einer Kollegin, der Friseuse, läuft oder gar rennt und von Biancas plötzlichem und un-normalen Erschrecken berichtet. Dies erscheint mir fast so, als hätte Bianca eine falsche, gesellschaftlich geächtete Mimik gegenüber dem Wort “Zukunft” gemacht.

    Zur textlichen Stützung dieser These müsste ich noch einmal ins Buch schauen, das mir gerade nicht vorliegt…

  2. mattgenton

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    – gentas

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