Kapitel 9: Angemessene Fröhlichkeit?

FETZEN309/IX: Angemessene Fröhlichkeit?

Auch wenn Bolaño wohl kaum an den bekannten deutschen Volksspruch gedacht haben wird,  beim Lesen des 9. Kapitels ist er mir beim Stichwort „Fröhlichkeit“ (S.64) sofort in den Sinn gekommen:

Ich kam, ich weiß nicht woher,
ich bin und weiß nicht wer,
ich leb, weiß nicht wie lang,
ich sterb und weiß nicht wann,
ich fahr, weiß nicht wohin,
mich wunderts, daß ich so fröhlich bin.

Ob nun Anspielung oder nicht (eher nicht), der Spruch eignet sich durchaus dazu, dass man sich vermittels seiner über einiges  den „Lumpenroman“ Betreffende klarer wird. Beim Warten vor der Tür Macistes beobachtet Bianca bei ihren drei jungen männlichen Begleitern  „Nervosität  und zugleich Fröhlichkeit, eine urwüchsige Fröhlichkeit, frei von Zweifel und ungebrochen, die sich in den Gesichtern der Freunde meines Bruders spiegelten“ (S.64). Ihrem Bruder hatte sie zuvor schon allenfalls „die Rolle des Einfaltspinsels“ (S.63) zuerkannt, wobei es auffällig ist, dass sie mit ihrer früheren Eigenkennzeichnung als „im Grunde einfacher Mensch“ (S.55) dem durchaus nahekommt.

Wortwiederholungen fallen ohnehin auf: „Mein Bruder wirkte nervös (!) und glücklich.“ (S.24), hieß es schon im 3. Kapitel; und im 5. Kapitel war auch schon einmal  von der „Fröhlichkeit“ des Bolognesers und des Libyers die Rede, von „eine(r) äußerliche(n), fröhliche(n) Laune“ (S.40) die Bianca dort allerdings als bloße Oberfläche und Maskierung eines „Gefühls von Leere“ etc. eingestuft hatte. Hier im 9. Kapitel scheint die „Fröhlichkeit“ der beiden keinerlei Zweifel zu kennen, von keines Gedankens Blässe angekränkelt zu sein. Darüber mag sich Bianca im Nachhinein empören. Jedenfalls bildet sie in der Folge Synonyme zu dieser sich so unangefochten gebenden Fröhlichkeit. Sie lehnt diese Art der Fröhlichkeit für sich und ein für sie ihren Wünschen gemäß bejahungswürdiges Umfeld entschieden ab. Die Ähnlichkeit zu Bettelei, zu „einer explodierenden Bettelei“ und zu „Grausamkeit“, auch „Gleichgültigkeit“ (S.64), also etwas zutiefst Inhumanem, ist ihr viel zu groß.

In diesem 9. Kapitel wird sie Maciste zugeführt, von dem sie vorausdeutend schon am Ende des 8. Kapitel zu wissen bekannt hat, „dass“ sie „ihn nie vergessen werde.“: „Egal was geschieht, ich werde ihn nie vergessen.“  (S.62)

Zur Benennung  Macistes als Person werden uns Leser…n in diesem Kapitel gleich mehrere verschiedene Namen angeboten. Allerdings seinen richtigen Namen, „Giovanni Dellacroce“ (S.63), der italienisch versteckt an Johannes vom Kreuz (Juan de la Cruz) erinnert, zu kennen, zumindest später erfahren zu haben, scheint nur Bianca vorbehalten gewesen zu sein. Macistes Herkunftsgeschichte und Werdegang werden bloß knapp angedeutet: Geboren ist er in Pescara, – wie z. B. einst auch Gabriele D’Annunzio, was aber nicht gesagt wird.

Inwieweit  Bolaño das Motiv der zum Tag gewordenen Nacht, so dass es immer nur Tag gibt und nie wirklich Nacht, im „Lumpenroman“ konsequent durchhält, hab ich mich bei der Lektüre der einzelnen Kapitel oft gefragt. Von „Dunkelheit“ ist z. B. in IX (S.64) des öfteren die Rede, bis das in der Erzählung als eine Art Ausnahmefall wieder etwas abgefangen wird: „Daraufhin sah ich mich zum ersten Mal seit langem in völlige Dunkelheit getaucht.“ (S.66) Durchaus wissend, dass es auch in unseren Breiten sehr schwierig sein dürfte, „völlige“ Dunkelheit zu erzeugen (allenfalls in unbeleuchteten Höhlen des Erdinneren), erscheint mir der hier von Bianca erreichte Helligkeitsgrad gar nicht mehr so ungewöhnlich.

Dass aber auf Seite 65 die Meermetapher, die Metapher von einer Unterwasserwelt als gleichsam königlichem Reich des Teufelsrochens Riesenmanta bzw. als Äquivalent einer untergündigen Unterwelt erscheint, will ich zumindest anmerken, zumal diese oder  ähnliche Meeresmetaphern immer wieder auch  in anderen Werken Roberto Bolaños auftauchen – scheinbar hintersinnig und bedeutungsvoll.

2 Responses to “Kapitel 9: Angemessene Fröhlichkeit?”

  1. Andreas Gierth

    Lieber Günter,
    ich habe mit einem Punkt deines Kommentars ein kleines Problem. Du zitierst diesen Volksspruch und schreibst auch, dass Bolano ihn wohl kaum gekannt haben wird. Aber er wäre dir sofort eingefallen, weil er so gut zu dieser auf z. B. Seite 64 erwähnten Fröhlichkeit passen würde.
    Die Herkunft des pruches ist wohl bis heute nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich stammt er vom Ende des Mittelalters (1498), von Martin von Biberach. Es gibt offenbar viele nachfolgende Bearbeitungen dieses Spruches. Aber meines Erachtens geht es in ihm um eine ganz andere Fröhlichkeit als die aus dem “Lumpenroman”.

    Es scheint mir eine Fröhlichkeit entgegen der gänzlichen Unbestimmtheit des Menschen zu sein. Sein Ort und seine Zeit sind gänzlich unbestimmt. Und trotzdem ist er fröhlich. Wer weiß woher, wo, wohin, wie lang und wann? Vielleicht nur Gott. Dann kann ich trotzdem fröhlich sein.

    Die Fröhlichkeit im “Lumpenroman” ist aber eine der “Gleichgültigkeit”. Und diese Gleichgültigkeit ist grausam. Sie ist eine “frei von Zweifel” also keinesfalls unbestimmt.

    Mich hat dein zitierter Volksspruch an die “Loreley” von Heine erinnert: “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten / dass ich so traurig bin”. Hier haben wir eine mindestens ähnliche Unbestimmtheit ganz am Ende der Romantik, die aber zu einer Traurigkeit und nicht Fröhlichkeit führt. Das ist ein Gegensatz, der Gründe hat. Aber auch diese Traurigkeit hat wohl nichts mit Bolano zu tun.

    Ich jedenfalls meine, dass die Fröhlichkeit, von der bei Bolano die Rede ist, eine ganz bestimmte ist, nämlich eine “urwüchsige Fröhlichkeit”, eine die eben ganz nahe der ‘tierischen Grausamkeit’ ist.

  2. Günter Landsberger

    Ich gebe Dir hier völlig recht, lieber Andreas. Aber auch mir war es nur um den Kontrast zu tun, der durch diesen Spruch kenntlich wird. Andererseits kommen durch diesen Spruch Themen mit ins Spiel, die von einer anderen Seite her für den “Lumpenroman” wichtig sind. Das Thema der Vergänglichkeit, des abrupten Abbruch eines Lebenslaufes, und die Art, wie man dem menschlich, menschenwürdig begegnen kann, zum Beispiel.

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