10: Nur am Rand gestreiftes Künstlertum

FETZEN 110 / X: Nur am Rand gestreiftes Künstlertum

„Eine Erzählung ist ein von jedem Zierrat befreiter Roman. Betrachte das als absolute Wahrheit, auch wenn es das nicht ist.“ – Diese beiden Sätze finde ich gerade in dem tollen Buch von Horacio Quiroga „Die Wildnis des Lebens / Gesammelte Erzählungen“ , F.a.M. 2010, S.414 im abschließenden „DEKALOG DES PERFEKTEN ERZÄHLERS“. Ein von jedem Zierrat befreiter Roman ist der „Lumpenroman“ auch. Ökonomisch wird dort insgesamt erzählt und auch hier  im 10. Kapitel. Sparsam ist auch der spärlich wiedergegebene Dialog zwischen Maciste dem (überraschend) Blinden und Bianca der auch im Dunkel Sehenden. In ihm fragt Bianca beispielsweise, wie Maciste zu seinem Namen gekommen sei und erhält – sieht man von der Ausweichsantwort Macistes, sein Künstlername sei Franco Bruno gewesen, ab  -  keine Antwort, und wir auch nicht. Also assoziieren wir wieder und hören vom Klang her vielleicht „macho“ mit.

Der Ausdruck „Künstlername“ macht Bianca stutzig und sie erfährt daraufhin von Maciste, dass zu seiner Zeit „Bodybuilding“ wie auch das „Zaubern“ anders als heute (Sport oder Show-Teil) als „Kunst“ betrachtet worden seien. Auch wir nehmen das zur Kenntnis und assoziieren vielleicht abermals; – indem wir uns daran erinnern, dass Thomas Mann z. B. sich als Schriftsteller gerne als „Zauberer“ sah und Franz Kafka sich womöglich in der Gestalt des „Hungerkünstlers“ ein wenig selber präsentierte und zugleich versteckte. Welch unterschiedliche Welten hier doch evoziert werden! Schnell fällt mir auch noch der geläufige Satz „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ ein und gleich auch noch die daran anschließende Frage: War dies der Fall bei Macistes Bodybuilding-Verständnis als Kunst und – zum Teil in Umkehrung dazu („Hungerkünstler“) – auch in den anderen beiden genannten Fällen?

Für einen weiteren Satz aus dem „Dekalog des perfekten Erzählers“ bin ich Horacio Quiroga, dem 1878 Geborenen und seit 73 Jahren Toten,  ebenfalls dankbar: „In einer gelungenen Erzählung sind die ersten drei Zeilen ebenso wichtig wie die letzten drei.“ Wenn wir diesen Satz auch auf in sich abgeschlossene Einzelkapitel eines Romans anwenden dürfen und dies hier im Hinblick auf das 10. Kapitel des „Lumpenromans“ einfach mal frech tun, werden wir konfrontiert mit einem Anfangs- und einem Schlussabschnitt von je 4 Sätzen. Blicken wir nur auf den ersten Abschnitt, so finden wir darin, knapp und verständlich ausgedrückt so etwas wie das ganze Erzählprogramm von Biancas Erzählung: „Wie gesagt, schwer zu erzählen das alles. Was geschehen ist, was ich gefühlt habe, was ich gesehen habe. Was geschehen konnte, was ich sehen konnte und was ich fühlen konnte. Was er gefühlt hat, weiß ich nicht und werde ich nie wissen.“ (S.69) An diesem Anspruch mit  seinen hier offen einbekannten Grenzen ist, wie mir scheint,  der gesamte „Lumpenroman“ zu messen.

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