Maciste

Ich könnte mir diesen Clip wieder und wieder anschauen. Er war einer der obersten Treffer, als ich bei Youtube nach “Maciste” gesucht habe, und schon beim ersten Schauen hatte ich den Eindruck, als sei dies die perfekte Entsprechung zum Lumpenroman. Ich wollte eigentlich nur irgendeinen Ausschnitt aus einem der italienischen Sandalenfilme finden, in denen Maciste eine merkwürdige Kreuzung aus Herkules und Odysseus ist; mir gefiel von Anfang an der Camp-Aspekt an dieser Figur. Es gibt ja eine gewisse Kontinuität zwischen diesen Filmen und den Pornos, die im Buch geguckt werden, und auch das kommt in diesem Clip zum Ausdruck. Die Körperlichkeit des Maciste-Darstellers wird sogar noch in den Youtube-Kommentaren thematisiert, und gleich die erste Einstellung lenkt den Blick auf die Muskeln, den Oberköper, die Haut dieses Mannes. Trotzdem haben diese Einstellungen nichts Obszönes, man ist geneigt, eine solche Freude an der Körperkraft als unschuldig zu bezeichnen, wäre nur der Begriff der Unschuld nicht schon selbst alles andere als unschuldig…

Dann der abgefilmte Fernseher und die daraus resultierenden Interferenzen, die als Streifen über das Bild huschen – dieses unbeholfene, provisorische Sich-Einrichten in den gegebenen Umständen, auch das findet sich im Buch wieder; es ist die anfängliche Situation des Geschwisterpaares, das nach dem Tod der Eltern zunächst einer ganz einfachen Maxime folgt: Aus allem das Beste machen. Was eine zweischneidige Sache ist: denn das Machen kann dabei nicht nur aktiv verstanden werden, im Sinne eine gestaltenden Umgangs mit der Welt, sondern auch als Manipulation des eigenen Erlebens: ich erlebe alles als Bestes, egal wie schlimm es auch sein mag. Die Grenzen zwischen Make-Do-Pragmatismus und Passivität sind hier fließend, und diese Grauzone ist es gerade, in der das Handeln der Protagonisten angesiedelt ist…

Die Ästhetik dieses Clips nimmt mich zuletzt auch deshalb so gefangen, weil sie unweigerlich auf die entscheidende Frage hinführt: Warum macht jemand so etwas? Welche Motivation steckt dahinter, diesen Clip in dieser Form – mit diesen Ausschnitten, mit diesen verwackelten Bildern, mit dieser eigens noch unterlegten Musik, in dieser Länge – auf Youtube zu stellen? Die Antwort kann nur sein: Aus Liebe. Es ist dieselbe Liebe, von der auch der Lumpenroman handelt.

4 Responses to “Maciste”

  1. Günter Landsberger

    In der letzten Woche in Volterra habe ich unter anderem eine (gute) russische Verfilmung von Dostojewskijs Roman “Die Dämonen” gesehen und war ganz überrascht, ja, aus dem Häuschen, dass hier die Gestalt des Alexej Nilytsch Kirrilow, die des Ingenieurs und atheistisch christusgläubigen Nihilisten, als Body-Builder-Figur reinsten Wassers gezeigt wurde, mit muskolösestem Oberkörper in kraftvoll bewegter Pose. Natürlich musste ich sofort an Maciste denken.

  2. Frank Helzel

    Mein später Blick hat mir zwar inzwischen einiges von der Diskussion vermittelt, aber es bleibt bei allem, was ich von mir gebe, die Gefahr der Wiederholung gegeben, wofür ich um Nachsicht bitte.

    Ich möchte Biancas Schatzsuche in Macistes „Schloss“ (S. 77) in Kap. 14 kurz thematisieren und mit Kap. 1 in Zusammenhang bringen, wo die beiden Vollwaisen – mit Hervorhebung ihrer vielen Märchen eigenen Ausgangssituation – sich ja auch von der „märchen“-haft bösen Stiefmutter und ihren beiden Töchtern in Gestalt der Tante am Grab mit ihrem „unverhohlenen“ Kaputtlachen nicht nur verlassen, sondern zusätzlich schadenfroh gedemütigt fühlen müssen (neben „Hänsel und Gretel“ damit vor allen Dingen „Aschenputtel“, „Frau Holle“).
    Bei Maciste und Biancas Suche nach dem Tresor stellt sie sich, „ich weiß nicht warum (…), Goldmünzen vor, nicht Geld, sondern Goldmünzen“ (S. 97). Auf Macistes Frage nach der Farbe seines Samens antwortet Bianca, dass er golden „wie geschmolzenes Gold“ sei (Maciste meint hingegen ganz unmärchenhaft, sein Samen werde täglich schwärzer). – In „Die Sterntaler“ gibt es viel, viel Armut und Verlassenheit und dann zwar keine Gold-, aber Silbermünzen, die von den Sternen fallen und die das arme Mädchen in seinem aufgespannten dünnen Hemdchen – fast im Schoß – auffängt. Daran musste ich denken, als ich diese Passage las und in Biancas Hand mit Macistes Samen ein Bild für das aufgespannte “Sterntaler”-Hemdchen des armen Mädchens sah.

  3. Günter Landsberger

    @ Frank Helzel
    Im Wikipedia-Artikel zur “Italienischen Sprache” habe ich folgende Bezugsstelle zu “schwarzem Samen” gefunden:

    “Die ersten schriftlichen Zeugnisse des italienischen volgare stammen aus dem späten achten oder frühen neunten Jahrhundert. Das erste ist ein Rätsel, das in der Biblioteca Capitolare di Verona gefunden wurde und als Indovinello veronese bezeichnet wird:

    „Se pareba boves, alba pratalia araba, albo versorio teneba et negro semen seminaba.“
    [Sie] schob Rinder, bebaute weiße Felder, hielt einen weißen Pflug und säte schwarzen Samen.
    [Gemeint ist die Hand]: Rinder = (tiefgehende) Gedanken, weiße Felder = Seiten, weißer Pflug = Feder, schwarzer Samen = Tinte)”

    Ob es eine Rolle spielt, dass Macistes (Giovanni Dellacroces) namentlicher Bezugsheiliger Juan de la Cruz nicht bloß als Mystiker, sondern auch als bedeutender Dichter bekannt geworden ist und sich hier noch mehr an Bezüglichkeiten miteinander verschränkt?

  4. Frank Helzel

    Guten Abend, Günter Landsberger!
    Schaut man in der span. Wikipedia, findet sich ein eigenes Lemma “Adivinanza veronesa” (= Veroneser Rätsel). Es wäre nicht erstaunlich, wenn es dafür hier eine Spiegelung gäbe, zumal auf dieser Samen-Ebene mit dem offensichtlichen Märchenbezug auch an das Veroneser Rätsel gedacht sein könnte und sich darüber eine erläuternde Anspielung auf Juan de la Cruz als “Dichterheiliger” ergäbe.

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