XII: Schlüssel oder Brücke

FETZEN 1710 / XII —    Schlüssel oder Brücke / Ungebührlich Hingefetztes …

Bianca auf dem Scheidewege? Der Konflikt, der in dieser Novellette, als wäre sie eine Novelle des 19. Jahrhunderts, durchaus angelegt ist,  zeichnet sich im 12. Kapitel in zunehmender Klarheit ab. Dieser Konflikt wird undramatisch benannt, aber nicht (noch nicht?) ausgetragen. Eine Spannung, eine Gespanntheit in Bianca ist da, bleibt da,  wird nicht gelöst, aber auch nicht in voller Schärfe zugelassen. Ein merkwürdiger Schwebezustand, beinahe ein Innehalten ist hier entstanden. Bianca ist immer noch Teil des intriganten Plans, den sie willfährig und verabredungsgemäß auch weiter verfolgt, wodurch sie einerseits Maciste vor der Ultima Ratio der (obschon furchtsam zitternden) Gewaltsamkeit der Mitverschworenen zu schützen gedenkt und andererseits die ihr menschlich wohltuende Zweisamkeit mit Maciste noch weiter aufrechterhalten kann. Auf der einen Seite wird die Suche nach dem Tresor (dem materiellen Pseudoglück) weiter fortgesetzt, auf der anderen wird der Traum eines auf Dauer zu stellenden gemeinsamen glücklichen Lebens mit Maciste unwillkürlich weitergeträumt. Dabei will sie sich nicht in Vergangenheiten oder in eine traumhafte Verschränkung der Zeiten im Nichts zurück- oder vorwärtsträumen, sondern sich an den Maciste der Gegenwart halten. Sie nimmt an ihm, so wortkarg, wie er, der doch Blinde, ist, weniger „liebevolle Worte“ als „liebevolle Gesten“ wahr. Und gerade weil er so wortkarg ist, nimmt sie jedes seiner Worte nach und nach besonders wichtig, versucht sie sich an jedes seiner wenigen Worte zu erinnern. (Mit welcher Auswirkung auf die gesamte Erzähl- und  Vergessens- sowie  Erinnerungssituation des gesamten „Lumpenromans“?, müsste, könnte man fragen. ) Sie erwartet  in einem jeden dieser Worte eine Art „Schlüssel oder eine dunkle Brücke“ auf etwas Anderes hin. Sie spricht von Maciste als einer Art spezieller „Wahrsagemaschine“ nur für sie. Fast romantisch ist das. Eichendorffs „Schöne Fremde“ und das in diesem Eichendorff-Gedicht heraufbeschworene „große künftige Glück“ lassen aus der Ferne grüßen. Große Glücks- und Wahrheiterwartungen sind hier bei aller Selbstschutzverhaltenheit Biancas offenbar mit im Spiel. Nebenbei: Die Schwundform des Religiösen, sein letztes Ausfalltor hieß beim späten Horkheimer „die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“.

Seite 84 scheint mir an Früheres anzuknüpfen, wenn wieder Reaktionen (jetzt verbale) aus  Biancas Arbeitsstätte, dem Friseursalon mitgeteilt werden. Der von der Chefin geäußerte Verdacht einer Drogeneinnahme Biancas, der von dieser allerdings bestritten wird,  verweist zurück auf die auf Seite 58 mitgeteilten Verhaltensweisen der Arbeitskolleginnen und lässt diese vielleicht nachträglich in einem anderen Lichte erscheinen. Lesen und Gegenlesen  fördert immer wieder neue Aspekte zutage.

Dementsprechend habe ich mich heute erst gefragt, ob auf der Seite 84 in der viertletzten Zeile nicht eher das Gegenteil des vom Autor (oder dem Übersetzer?) gewählten Wortes „Vorteil“, nämlich „Nachteil“, stehen müsste, da es  aus dem Kontext heraus mir auf einmal viel plausibler erscheint.

Wer schaut für mich bitte mal im spanischen Originaltext nach?

2 Responses to “XII: Schlüssel oder Brücke”

  1. Der Buecherblogger

    “A veces pensaba que era mejor [besser] que se hubiera vuelto ciego, … ” (S. 84)

    Die Zukunft Biancas ist keine glücklichere, sondern nur eine selbstbestimmtere. Vor der Zukunftsgläubigkeit der Kolleginnen schreckt sie zurück, weil sie sich keine glückliche Zukunft als bürgerliches Glück vorstellen kann. (S. 58)
    Ohne die Blindheit Macistes gäbe es keine Nähe zu ihm, nicht die Erfahrung einer anders empfundenen menschlichen Nähe, die sie bei den beiden anderen Männern trotz sexuellem Verhältnis nie fand. Sie bleiben Fremde. Der befürchtete Tod Macistes belastet sie, weil ihr in ihrer Zukunft ein Andenken von ihm geblieben ist. Dem Verhältnis zu ihm, aber auch ihrer Schuld verdankt sie ihre Selbstfindung, ihre Emanzipation aus den bestehenden Verhältnissen.

  2. Günter Landsberger

    Vielen Dank für die Stellungnahme. Mit einem eigenen Beitrag heute werde ich unter anderem auch darauf antworten.

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