Gómez Dávila als Lehrer des Lesens

Lector auténtico es el que lee por placer los libros que los demás sólo estudian. (OC II, 393)

Nicolás Gómes Dávila als Lehrer des Lesens

von Till Kinzel

Jeder Leser, der heutzutage ein Buch in die Hand nimmt, steht vor der unausweichlichen Frage, was aus der Fülle der vorhandenen Bücher statt dessen vielleicht gelesen werden sollte. Die bloße Menge der Bücher zwingt dazu, radikale Entscheidungen zu treffen über das, was zu lesen lohnt und das, was nicht zu lesen lohnt. Oft ist man aber auch gezwungen, zum Beispiel aus Gründen des beruflichen Ethos, Werke zu lesen, die im Nachhinein als entbehrlich erscheinen. Gómez Dávila hat das Dilemma, mit dem der moderne Leser konfrontiert ist, folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „La excelencia técnica del trabajo intelectual ha llegado a tal punto que las bibliotecas revientan de libros que no podemos desdeñar, pero que no vale la pena leer“.[1]

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Hat man sich einmal dazu entschlossen, ein bestimmtes Buch, das als potentiell wertvoll erkannt wurde, zu lesen, so stellt sich das nächste Problem. Denn wie soll man dieses Buch nun lesen – in einem Stück, nach und nach, rasch und auf den Kern der Sache achtend, sich der Erzählung überantwortend, langsam und bedächtig, jede Seite, ja jeden Satz sorgfältig bedenkend und erwägend? Der kolumbianische Denker und Schriftsteller Nicolás Gómez Dávila hat mit seinem Werk aus zahllosen Aphorismen in der Form von „escolios a un texto implícito“ eine vielfältig variierte Antwort auf diese Fragen geliefert, die vor allem für den Philologen einer genaueren Betrachtung wert scheint. Denn wie schon Friedrich Nietzsche so klar in der Vorrede zu seiner Morgenröte aussprach, heißt Philologe sein, ein „Lehrer des langsamen Lesens“ zu sein. Das langsame Lesen des Philologen setzt sich im besten Falle um in das langsame und damit sorgfältige Schreiben – die Kunst des Schreibens setzt die Kunst des Lesens voraus. Nietzsche, um für einen Moment bei seinem Fall zu bleiben, setzt sich zum Ziel, nichts mehr zu schreiben, „womit nicht jede Art Mensch, die ‚Eile hat’, zur Verzweiflung gebracht wird“. Nietzsche zielt auf nichts geringeres als ein notwendiges Entschleunigungsprogramm für den modernen Menschen, der sich der Philologie widmet, also ganz altertümlich der Liebe zum Wort und zur Sprache: „Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunsst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt, bei Seite gehen, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden–, als eine Goldschmiedekunst und –kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht.“ Nietzsche sieht in der Hast des modernen Menschen, in „der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit“ ein Übel, weil diese dazu führen, daß der Mensch „mit Allem gleich ‚fertig werden’ will, auch mit jedem alten und neuen Buche“. Die Philologie ist somit das radikalste Gegenmittel gegen die Hast, die der sichere Tod des Geistes ist. Ihr Ziel, dem Gómez Dávila unbedingt zugestimmt hätte, ist es, gut lesen zu lehren, „das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen…“[2]

Langsam lesen ist demnach die erste Voraussetzung dafür, durch Lektüre Bildung zu erwerben – Bildung aber verstanden als eine Form der durch eigenständiges Denken bewirkten Freiheit des Geistes. Das langsame Lesen, das Wiederkäuen dessen, was andere geschrieben haben, schadet dem Geist nicht, im Gegenteil. Weil kaum jemand zu wahrhafter Originalität geboren ist, ja weil in den entscheidenden geistigen Dingen gerade Originalität eine höchst problematische Eigenschaft ist, sollte die Fähigkeit zum Wiederkäuen, die Nietzsche ausdrücklich apostrophiert, nicht unterschätzt werden. Gómez Dávila knüpft an Nietzsche in mancher Hinsicht an und bietet in seinen Reflexionen zu diesem Problem von großer Tragweite für das geistige Leben in der heutigen Zeit, in der Moderne, zu der in vieler Hinsicht auch noch die Postmoderne zählt. Denn vor allem derjenige, der als eine Art „Geistesarbeiter“, um diesen an sich fatalen Begriff einmal zu verwenden, im Bereich des kulturellen Lebens tätig ist, vor allem aber der an der Universität wirkende und lehrende Mensch hat immer weniger Zeit für das, was den eigentlichen Kern seines Daseins ausmacht oder ausmachen sollte, nämlich die intensive, durch Nachdenken hinausgezögerte und aufgeschobene Lektüre. Der Zwang, im Eiltempo ständig neue Texte zu produzieren – von den Erfordernisse, die sich durch Verwaltung, Evaluierung und Bewerbungen ergeben, einmal ganz abgesehen – steht in diametralem Gegensatz zu dem Haupterfordernis des geistigen Lebens überhaupt, eines geistigen Lebens jedenfalls, das Anspruch darauf erhebt, Anteil an der großen Tradition abendländischen Denkens zu haben. Dieses Haupterfordernis ist, wie es wohl kein Zweiter besser als der deutsche Philosoph Josef Pieper auf den Punkt gebracht hat, die Muße.[3] Die von den alten Griechen bereits als Kern der höheren Kultur erfaßte Muße ist es, die es überhaupt ermöglicht, daß der Geist sich auf Dinge richten kann, die keinen unmittelbaren Abzweckungen unterliegen. Nur im Reich der Muße besteht ausreichend Raum, so wie Gómez Dávila über Jahre an der Formulierung konzentriertester Gedanken zu arbeiten, immer wieder seine Texte vorzunehmen, an ihnen zu feilen, Essays in Aphorismen zu verwandeln, sie also einzudampfen auf den Kerngehalt, der durch keine Überflüssigkeit und kein nutzloses Ornament verdeckt wird. Jahre intensiver und extensiver Lektüre, frei, dem Geist zu folgen, wohin es ihn zieht, lassen sich durch nichts aufwiegen, sie stellen das Pfund dar, mit dem der Schriftsteller wuchern kann, der wie Gómez Dávila aus dem Stein seiner mannigfaltigen Lektüre das unschätzbar wertvolle Gold seiner Aphorismen geschlagen hat.

Was bedeutet es für Gómez Dávila, sich über das Lesen zu äußern? Man wird sagen dürfen, daß Gómez Dávila einer der größten Lehrer des Lesens im 20. Jahrhundert war. Dies soll im folgenden in Form einer Skizze plausibel gemacht werden. Denn so wie Gómez Dávila las, seine Gedanken beim Lesen schulte und selbst zu unvergeßlichen Formulierungen transformierte, stellt er eine denkbar große Herausforderung dar für die hektische Kultur der Oberflächlichkeit unserer Zeit, in der es wichtiger scheint, über Bücher sprechen zu können als diese wirklich zu kennen, sie wieder und wieder vorzunehmen und sich in ihnen häuslich einzurichten. Lesen bedeutet, wie Gómez Dávila treffend bemerkt hat, das zu erkennen, was man immer wiederlesen müsse: „Sólo debemos leer para descubrir lo que debemos releer eternamente“.[4] Das Wiederholen beim Lesen aber mag als ein unzulässiger Luxus erscheinen, zumindest demjenigen, der doch sich dessen bewußt ist, wie viele Bücher er noch nicht gelesen hat. Doch erst in der Relektüre, so Gómez Dávilas Überzeugung, scheiden sich die Bücher, die Bestand haben, von den ephemeren Produkten des Tages. Denn um zu literarischem Urteilsvermögen zu gelangen, reicht es nicht aus, lediglich Meisterwerke, sogenannte „große Bücher“ zu lesen – ein naheliegender, aber fataler Irrtum. Bildung kann nur erwachsen, wenn man die Höhenunterschiede zwischen Büchern der Spitzenklasse und des Mittelmaßes selbst ausgemessen hat und seine Fähigkeit zu bewundern auf die richtigen Werke zu richten gelernt hat: „Admirar únicamente obras mediocres, o leer únicamente obras maestras, caracterizan al lector inculto“ (ETI, 312). Der Geschmack des kultivierten Lesers schult sich an den verschiedensten Werken, deren Wert wir nicht a priori feststellen können, sondern nur im jeweiligen Akt des Lesens – vorzugsweise eben jenes langsamen Lesens, von dem Nietzsche gesprochen hat.

Gómez Dávilas eigene Schriften erweisen sich selbst als solche Texte, deren beständige Relektüre zwingend erscheint. Immer wieder stößt man auf Gedanken, die man so oder ähnlich schon einmal irgendwo bei ihm fand, dann aber wieder mit einer anderen Nuance wiederholt antrifft, so daß man ins Denken gestoßen wird. Der Anstoß, der von Gómez Dávilas Texten ausgeht, ist ein nachhaltiger. Wer ihn verspürt, wird sicher wieder zu Gómez Dávila zurückkehren. Der erfrischende Wind, der von seinen aufs äußerste verknappten Glossen ausgeht, kann geradezu als Lebenselixier des an der geistigen Armut der Gegenwart verzweifelnden Zeitgenossen gelten. Das Lesen könnte indes, wie ein Aphorismus in Nietzsches Also Sprach Zarathustra nahelegt, selbst ein Problem sein: „Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken. – Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.“[5] Das Denken, so legt Nietzsche mehr als nahe, ist geradezu in Gefahr durch das Lesen, denn dieses kann zu einer Abtötung des Geistes beitragen, wenn es nicht auf die rechte Weise betrieben wird. Nietzsche koppelt zudem dieses Problem an das Aufkommen des demokratischen Zeitalters mit seiner Verbreiterung der Bildungschancen – wenn alle lesen können, muß notwendig das Niveau sinken, was im Verderb des Schreibens und des Denkens zum Ausdruck kommt – damit in gewisser Weise in einem doppelten Verderb des Wortes, wie es Josef Pieper, wie Gómez Dávila ein großer Platoniker des 20. Jahrhunderts, genannt hat.[6] Nietzsches aristokratischer Zarathustra fordert statt des Lesens zunächst das Auswendiglernen, weil er die „lesenden Müßiggänger“ haßt. Die Art der Sprüche, welche bereits aphoristischen Charakter haben, kommt in den Köpfen der Adressaten nur zur rechten Geltung, wenn sie auf die rechte Weise aufgenommen werden: „Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig gelernt werden. – Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel; aber dazu mußt du lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und die, zu denen gesprochen wird, Große und Hochwüchsige.“[7] Nietzsche also wendet sich, durch den Mund Zarathustras gesprochen, an Große und Hochwüchsige, an jene, die dem Denken in äußerster Konzentration gewachsen sind.

Gómez Dávila hat zweifellos die Abneigung Nietzsches gegen eine grenzenlose Ausweitung der Leserschaft geteilt. In einem seiner Escolios a un texto implícito stellt er ausdrücklich fest, das sich die Zuhörerschaft auf hundert beschränken sollte, die Beschränkung der Zuhörerschaft oder Leserschaft beschränke unsere Zugeständnisse an das Publikum und damit an den Zeitgeist. Nietzsches emphatisches Plädoyer dafür, „Lesen als Kunst zu üben“ wird von ihm verknüpft mit der Notwendigkeit zu tun, „was heutzutage gerade am besten verlernt worden ist – und darum hat es noch Zeit bis zur »Lesbarkeit« meiner Schriften –, zu dem man beinahe Kuh und jedenfalls nicht »moderner Mensch« sein muß: das Wiederkäuen…“[8]

Gómez Dávila als Lehrer des Lesens ist ein solcher zunächst einmal aufgrund der bloßen Tatsache, daß er selbst ein leidenschaftlicher Leser war, der über die Mittel verfügte, sich eine stattliche Bibliothek einzurichten. Eine Bibliothek aber, wie klein auch immer, gehört notwendig zu einem Leser – man braucht nach Möglichkeit auch seine eigenen Bücher, mit denen man vertrauten Umgang pflegen kann, aber zur Not tut es auch die Existenz anderer Bibliotheken, deren man sich bedienen kann wie z. B. Baltasar Gracián der Bibliothek des Vincencio Juan de Lastanosa. Der Geist des Aphorismus erwuchs bei Gómez Dávila aus dem intimen Umgang mit den zahllosen Texten der ganzen Kulturgeschichte, die sich in dem Geist des Kolumbianers zu einem neuartigen Amalgam vermengten, das „eine Wahrheit, die nicht vergeht“ verkörpert. Lesen aber hat für Gómez Dávila nicht zuletzt auch eine therapeutische Wirkung, etwas, das er uns als Leser vermitteln möchte. Die therapeutische Wirkung des Lesens ist jedoch nicht schon die Wirkung des bloßen Lesens, sondern sie ist substantiell bezogen auf bestimmte Bücher und Texte, die der Seele guttun. So etwa lesen wir einmal, daß die morgendliche Lektüre des Homer die beste Wegzehrung sei, um die Vulgaritäten des Tages zu ertragen.[9] Nur die antike Literatur könne uns von der Krankheit der Moderne heilen. Die gegenwärtigen Zustände sind also therapiebedürftig, und diese Therapie kann als Individualtherapie durch Lektüre erfolgen, sofern diese in richtiger Weise und am richtigen Gegenstand geübt wird.

Der richtige Gegenstand kann jedoch nicht einfach als solcher erkannt werden, wenn man nicht bereits über ein gehöriges Maß ästhetischer und philosophischer Urteilskraft verfügt. Es bedarf, zumindest für den Großteil der potentiellen Leser, sachdienlicher Hinweise auf das zu Lesende, Hinweise, wie sie Gómez Dávila, verstreut über sein ganzes Werk immer wieder gibt. Diese Hinweise sind, wie es für aphoristische Texte üblich ist, oft sehr verknappt und anspielend gehalten – oft werden auch keinerlei Argumente angeführt. Denn wenn man diesen Anregungen folgt, auch ohne ausführliches Argument, hat man bereits einen ersten Schritt zum Lernen des Lesens getan. Der Leser ist vielmehr dazu aufgefordert, selbst das Experiment oder Wagnis einzugehen, sich auf den Weg des lesenden Lernens oder lernenden Lesens zu machen, um die Vorurteile seine Zeit zu überwinden – um seine Vorurteile zu überwinden. Diese Überwindung der Vorurteile seiner Zeit wäre ohne die Möglichkeit der Lektüre, die uns aus der Zeit hinauskatapultieren kann, wohl nur den wenigsten und unabhängigsten Geistern, also Genies im eigentlichen Sinne, den genuinen Philosophen, möglich. Ernst Jünger hat daran erinnert, daß gute Leser Selbstdenker sind, also das eigenständige Denken mit dem guten Lesen in einem näheren Zusammenhange steht – denn Denken, so Gómez Dávila, „es dialogar sin tregua con interlocutores muertos“.[10] Der gewöhnliche Gebildete, der durch das Erziehungs- und Bildungssystem seiner Zeit gegangen ist, bedarf also hier und da eines Fingerzeiges, um sich die immer notwendige Kunst des Lesens anzueignen, die das Denken in seine Freiheit führt. Unter den Bedingungen der modernen Massengesellschaft, die das Werten zu einem Problem macht, muß sich der Leser immer wieder daran erinnern, daß literarische Texte eine Reaktion herausfordern und den Leser nicht gleichgültig lassen dürfen. Gerade darin aber besteht die Gefahr der akademischen Beschäftigung mit der Literatur, in der Gleichgültigmachung der Kraft der Literatur: „Sentirnos capaces de leer textos literarios con imparcialidad de profesor es confesar que la literatura dejó de gustarnos“ (ETI, 174). Der wahre Leser liest mit Leidenschaft, weil das Lesen, die intime Begegnung mit literarischen und philosophischen Texten, ihm zu einer existentiellen Notwendigkeit wurde, zu einem Hunger, der nur durch wahrhaft nahrhafte Speisen gestillt werden kann. Der wahre Leser empfindet dies so stark, daß Gómez Dávila diesen Sachverhalt in ein eindrucksvolles Bild kleidet, das den Leser als einen Schiffbrüchigen in der modernen Welt der Unkultur faßt: „El lector verdadero se agarra al texto que lee como un náufrago a una tabla flotante“ (ETI, 336).

Der Leser, der zu lesen weiß – dies ist ein Topos bei Gómez Dávila, der uns immer wieder dadurch dazu anspornt, zu solchen kundigen Lesern zu werden, daß er die Existenz solcher Leser postuliert. Denn für solche Leser ist jede Literatur, auch die vergangener Zeiten, im wahrsten Sinne des Wortes zeitgenössisch: „La literatura toda es contemporánea para el lector que sabe leer“ (ETI, 39). Die im üblichen Sinne zeitgenössische Literatur ist dagegen nichts anderes als der schlimmste Feind der Kultur: „La literatura contemporánea, en qualquier época, es el peor enemigo de la cultura.“ Und Gómez Dávila schiebt in diesem Falle noch eine Begründung hinterher, die, wie auch schon Nietzsche, die Gefahren des vielen Lesens aktueller Bücher in den Blick nimmt: „El tiempo limitado del lector se gasta en leer mil libros mediocres que embotan su sentido crítico y lesionan su sensibilidad literaria“ (ETI, 99). Gómez Dávilas Schlußfolgerung über das Lesen ist sowohl pessimistisch wie optimistisch: „Saber leer es lo último que se aprende“ (ETI, 293). Optimistisch, weil es offensichtlich möglich ist, das Lesen zu lernen, wie z. B. auch der folgende Aphorismus zeigt: „Cada nueva verdad que aprendemos nos enseña a leer de manera distinta“ (ETI, 99). Allerdings ist die erzieherische, die bildende Wirkung der Lektüre etwas, das man nicht selbst als Ziel wollen kann – oder jedenfalls nur sekundär. Denn die Paradoxie, auf die Gómez Dávila aufmerksam macht, besteht darin, daß man das Ziel der Bildung nur erreicht, wenn man nicht abstrakt „Bildung“ anstrebt, sondern indem man sich aus leidenschaftlichem Sachinteresse heraus in das Abenteuer der Lektüre begibt: „El libro no educa a quien lo lee con el fin de educarse“.[11] Pessimistisch, weil es das Letzte ist, das man lernt, das also langer Übung, einer Art Askese bedarf. Gómez Dávila zu lesen ist ein notwendiger Teil jener Askese. Gómez Dávila ist für uns vor allem dies – ein Lehrer des Lesens und damit des Lebens des Geistes. Das Gegenglück des Lesens besteht darin, die Höhle unserer Zeit im Denken hinter sich zu lassen. Gómez Dávila hat dazu einen unschätzbaren Beitrag geleistet – lesen wir also seine Texte und treten wir mit ihnen in einen Dialog um des Denkens willen.

Till Kinzel (* 30. Oktober 1968 in Berlin) ist ein deutscher Historiker und Literaturwissenschaftler. Kinzel studierte von 1988 bis 1997 an der Technischen Universität Berlin. 1996 legte er sein Staatsexamen in Alter Geschichte ab. 2001 wurde er durch eine Arbeit zur Platonischen Kulturkritik in Amerika promoviert. 2005 habilitierte er sich für Neuere Englische und Amerikanische Literaturwissenschaft. Er war Privatdozent an der TU Berlin, hatte einen Lehrauftrag in Vertretung an der Universität Paderborn inne und ist nun Dozent an der TU Braunschweig.


[1] Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un texto implícito. Selección, Bogotá 2001, S. 141; im folgenden innerhalb des Textes zitiert als ETI.

[2] Friedrich Nietzsche, Morgenröthe, Vorrede 5, München 1980, S. 17.

[3] Josef Pieper, Muße und Kult, München 1965. Vgl. dazu grundlegend Till Kinzel, „Philosophie und Bildung. Die ‘Idee der Universität’ bei John Henry Newman und Josef Pieper“, in: Hanns-Gregor Nissing (Hg.), Vernunft und Glauben, München 2008, S. 115-127.

[4] Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un texto implícito II, Bogotá 2005, S. 174.

[5] Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67791. Vgl. Nietzsche-Werke Bd. 2, S. 305. http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm.

[6] Siehe Josef Pieper, Mißbrauch der Sprache- Mißbrauch der Macht, Zürich 1970, S. 7-42.

[7] Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67791. Vgl. Nietzsche-Werke Bd. 2, S. 306. http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm.

[8] Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 68604. Vgl. Nietzsche-Werke Bd. 2, S. 770. http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm.

[9] Nicolás Gómez Davila, Notas, Bogotá 2003, S. 141.

[10] Nicolás Gómez Dávila, Nuevos escolios a un texto implícito I, Bogotá 2005, S. 182.

[11] Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un texto implícito I, Bogotá 2005, S. 36.

21 Responses to “Gómez Dávila als Lehrer des Lesens”

  1. Günter Landsberger

    Zwei Seiten vor dem Vorwort von Torsten Selas Buch “Bücher und Bibliotheken in nationalsozialistischen Konzentrationslagern / Das gedruckte Wort im antifaschistischen Widerstand der Häftlinge” (München 1992, S.VII) steht wie ein Motto für das ganze Buch die folgende Seite (S.V):

    Der Lesende

    Mittags, wenn die Löffel klirren,
    sieht man ihn am Tische sitzen,
    mit dem Buche in der Hand.

    Wenn sie ihre Suppe schlürfen,
    lehnt er schon vor seinem Spind.
    Zwischen ihren faulen Witzen
    hockt er still und unverwandt.

    Wie ein Anfang, wie ein Morgen
    leuchten aufgeriß’ne Augen,
    aufgetan zu etwas großem,
    wie zu einem Werk, das neu beginnt.

    Gern läßt er die Nachkost fahren,
    darf er nur den frischen Sprudel
    schöpfen aus des Buches Quelle.
    Zärtlich seine Hand das Buch umschließt.

    Laß sie lachen, laß sie spotten -.
    In des Dichters Seligkeit
    bleibt er frisch und todbereit. -

    Heinrich Christian Meier

    (Heinrich Christian Meier wurde im Juni 1941 in das KZ Neuengamme eingeliefert/83,Bl.1/. Dort schrieb er eine Reihe von Gedichten, die dann 1947 veröffentlicht wurden. “Der Lesende” entstammt dieser Sammlung/353,S.62/.)

  2. Der Buecherblogger

    Wenn ich mir den Wikipedia-Artikel über Dávila durchlese, kann ich die Begeisterung des Verfassers dieses Artikels nicht verstehen. Antidemokratisch, elitär, christlicher Glaube über alles, reaktionär als richtige Richtung gegen die Moderne. Eigentlich wird mir da politisch etwas unwohl, um es milde auszudrücken. Meine Vermutung, der eher linke Bolaño würde sich im Grab umdrehen. Aber vielleicht ist das ja die vielbeschworene Renaissance des Konservativen auch in diesem Blog. Langsam und sorgfältig lesen kann ich auch ohne die beiden Herren. Ein Mittel, sich gegen einen scheinbaren Werteverlust zu wehren, der mit dem Fortschritt einhergehen soll, kann doch unmöglich nur der rückwärtsgewandte Blick sein. Langsam scheinen sich die Betreiber dieser Seite in einen Jockey-Club zu verwandeln, in den ja auch der gepriesene kolumbianische Philosoph ging.

  3. Marvin Kleinemeier

    “Langsam scheinen sich die Betreiber dieser Seite in einen Jockey-Club zu verwandeln”

    Aber natürlich! Und Du bist herzlich eingeladen, auch wieder mit konstruktiven Beiträgen daran teilzunehmen!

  4. Der Buecherblogger

    Lieber Marvin,
    schön, dass du meine Kritik gelassen erträgst, auch der obige Kommentar ist dennoch konstruktiv gemeint. Als Analyseform würde ich eher die Dekonstruktion bevorzugen. Mein Unmut ist ein allgemeiner. Die Lektüre des Lumpenromans hier fand ich eine Katastrophe. Das gutgemeinte Assoziations”gewitter” des einsam kämfenden Herrn Landsberger, der aber immer heilig unentschieden blieb. Niemand der angeblich vielen Twitter-, Facebook-, Lovelybooks-Anhänger, auch der Gestalter dieses Blogs fühlt sich bemüssigt, eine Diskussion in Gang zu bringen. Argentinien war ja noch einigermaßen interessant, aber hier wird sich leider nicht mehr ernsthaft auf Bolaño konzentriert. Dies war bei “2666″ mal ein lebendiger Blog, jetzt hat er zwar eine Jockeyclub-Oberfläche aber nichts dahinter. Man badet lieber in lateinamerikanischer Beliebigkeit. Zwei neue Taschenbücher, die hier noch nicht behandelt wurden sind mittlerweile im Fischer Verlag erschienen: “Stern in der Ferne” und “Die Naziliteratur in Amerika”. Ich denke dies soll ein Bolaño-Blog sein. Die anfängliche Begeisterung scheint mir abgeflaut zu sein. Das gerade im obigen Text angemahnte “Sorgfaltslesen” findet hier nicht mehr statt, richtige Diskussionen auch nicht, eher Einzelselbstdarstellung. Das kann man auch mit einem eigenen Blog versuchen, etwa “landsberger. wordpress.com” oder geht es hier nur um gut gemachte Eigenpromotion? Ich bevorzuge zur Zeit meinen eigenen Blog “Der Buecherblogger”, um mich mitzuteilen. Also bitte mehr Engagement und wo stecken diese verdammten Bücherfreunde, die den Mund nicht aufmachen? Wahrscheinlich haben diese sprachlosen “Lumpen” den “Lumpenroman” nicht einmal gelesen.

  5. Marvin Kleinemeier

    Lieber Dietmar,

    es ist doch nicht so, als wären uns die Dinge selbst nicht aufgefallen, die Du da ansprichst! Wir sind gerade im Hintergrund dabei, eine neue Lösung für dieses Problem zu finden. Eine völlig neue Herangehensweise an die nächsten Bücher, die “Naziliteratur in Amerika” und “Stern in der Ferne” sein werden. Falls Du also auch neue Ideen hast, wie man das ganze wieder praktikabler und lebendiger gestalten könnte – gerne!

    Die wenigen Kommentare in letzter Zeit liegen übrigens nicht an schwindenden Besucherzahlen, die sind seit dem argentinischen Monat konstant geblieben und schlagen sogar manchmal nach oben aus.

    Grüße

  6. Günter Landsberger

    Leute der verschiedensten politischen Couleur finden Dávila-Aphorismen interessant und anregend, mitunter sogar sehr gut. Bei einem Urteil sollte man vielleicht doch lieber ein Buch von ihm lesen, statt sich bloß auf einen Wikipedia-Artikel zu stützen. Als unverdächtige Beispiele für eine Parallelerscheinung seien Marx und Engels genannt: Wie sehr und ganz entschieden haben sie doch das Romanwerk des erklärten Royalisten Honoré de Balzacs zu schätzen gewusst. Ein getreueres, ein schärferes Porträt der damaligen französischen Gesellschaft vermochten auch sie nirgends sonst zu finden.

  7. Günter Landsberger

    Das Genitiv-”s” bei Balzac war übrigens völlig überflüssig, das sei ganz unheilig entschieden gesagt.

    Und etwas richtig Erfreuliches für Herrn Dietmar Hillebrandt habe ich auch: Einen eigenen Blog werde ich wohl nie eröffnen. Wenn man mich allgemein hier nicht will, werde ich Herrn D.H. gerne das Feld überlassen. Damit wir wenigstens einen hier haben, der richtig lesen kann.
    Nur soviel zu seiner Beruhigung: Ich habe den “Lumpenroman” trotz seiner letztlich unheiligen Unentschiedenheit gerne gelesen, weil diese Unentschiedenheit RBs Weltsicht entspricht und nicht vorgibt, Mensch und Welt von heute vollends enträtseln zu können. Auch dies scheint mir in ihm dargestellt.
    Subjektiv ganz entschieden sage ich somit:
    Der “Lumpenroman” hat Qualität. Ich finde ihn gut. Er ist sehr gut lesbar, auch wenn man alle möglichen durch ihn nahegelegten Assoziationen weglässt. Was ja jede(r) so halten kann, wie er es möchte.

  8. Der Buecherblogger

    Einen Alleinvertretungsanspruch auf das richtige Lesen habe ich natürlich nicht, das ist schlicht Blödsinn, bzw. der Tatsache geschuldet, dass Herr Landsberger sich angegriffen fühlt. Muß er auch, sehe ich ein. Aber an den Fakten ändert das leider bei meiner Wahrnehmung nichts. Ich würde mir wünschen, dass man einfach unverblümter auch einmal gegenteilige Meinungen äußern würde. Die Kritikfähigkeit, bzw. die Fähigkeit Differenzen offen auszutragen, ohne dass sich jeder gleich subjektiv angegriffen fühlt, ist wahrscheinlich ein Kriterium, ob andere Menschen den Mut haben, auch einmal zu kommentieren. Für ein Manko des Blogs halte ich es übrigens, wenn der Betreiber sich vornehm zurückhält, lediglich andere Beiträge publiziert oder Webseiten kreiert, es jedoch anscheinend nicht für nötig hält, selbst Diskussionsbeiträge oder Anregungen oder Kommentare zu liefern. Man muss sich schon selbst zur Lektüre outen, was Herr Landsberger übrigens freimütig macht, einsam, unwidersprochen, außer der befreundete Herr Gierth wagt mal eine nicht ganz konforme Replik. Lesen hat auch was mit Leben zu tun, mit Streiten. Dass ich den “Lumpenroman” sehr geschätzt habe, mit eindeutigen Festlegungen auch was die Handlung, die Sprache und die Einordnung in sein Gesamtwerk angeht, kann man jederzeit bei mir nachlesen und von mir aus auch mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn man anderer Meinung ist. Die meisten literarischen Blogs leiden darunter, wenn man keine feste, eigene qualitative Substanz anbietet. Nur Sammeln reicht eben nicht. Ein bisschen mehr Mut, auch wenn man nicht gleich den eltitären philosophischen Turm neu erfindet. Nur nicht ständig auf die deutsche oder Weltliteraturgeschichte rekurrieren. Weder 30000 noch 4 Millionen Bücher beeindrucken mich, wenn ich anfange, selbst zu denken.

  9. Günter Landsberger

    “Ich würde mir wünschen, dass man einfach unverblümter auch einmal gegenteilige Meinungen äußern würde.”

    Darauf habe ich von Anfang an gewartet. Nicht pauschal in einem Rundumschlag, sondern im Detail UND im Ganzen. Mit bloßen Behauptungen ist auch hier nicht viel geholfen. Und wenn jemand nicht HIER wie früher, sondern irgendwoanders etwas geschrieben haben mag und dies hier – für mich überraschend und aus unerfindlichen Gründen – nicht mehr tut, kann er nicht erwarten, dass das ständig wahrgenommen wird. Ich kann ja nicht ahnen, dass der sich in seine Burg zurückgezogen hatte und nun plötzlich lautstark und überhaupt nicht selbstherrlich, sondern pauschal beleidigend hervorbricht, nachdem ich wochenlang jedem Gelegenheit gegeben hatte, sich zu einzelnen Kapiteln und meiner momentanen (!) Sicht zu Wort zu melden.

    Dass man sich beim “Lumpenroman” eindeutig festlegen KANN, ist kein Kunststück. Das könnte ich in ungescheuter Einseitigkeit und in plakativer Substantialiät auch tun. Ob das aber vom Text her angemessen wäre, wage ich zu bezweifeln. So glaube ich z. B. keineswegs, dass RB eindeutig und in erster Linie einen religiösen Text geschrieben hat. Dass er aber religiöse Bezüge und Anspielungen in seinem Text – eng verwoben mit der Hauptgeschichte – einerseits nutzt, ohne sie andererseits auf eine eindeutige, verbindliche Linie zu trimmen, ist für mich unverkennbar. Warum tut er dies und warum zieht er ansetzende Linien nicht durch? Das ist doch ein eindeutiger Befund von Uneindeutigkeit im Text selber? Danach werde ich doch fragen dürfen. Die religiösen Motive als Spurenelemente stecken doch im Text selber – ob das mit unseren privaten Überzeugungen, Vorurteilen und Kenntnissen zusammenpasst oder nicht – unverkennbar drin, die trag ich doch nicht willkürlich und hineininterpretierend in ihn hinein und an ihn heran? Warum ist RB hier so uneindeutig? Warum setzt er zwar immer wieder religiös und metaphysisch Tingiertes und auch abenteuerlich Erfundenes (wie den Heiligen von den Seychellen) ein, ohne es in klarer Linie durchzuziehen? Diese richtige Beobachtung ist doch auch ein eindeutiger Befund, an den man anknüpfen müsste! Aber warum sollte ich das im Alleingang selber auch noch tun?
    Und “selber denken”? Wer sagt eigentlich, dass nur der selber denkt, der keine Kenntnisse hat oder sie gezielt ausblendet, sie jedenfalls nicht nutzt? Stattdessen nur populistisch gängige Etiketten klebt?

    Was den Mangel dieser “Lumpenroman”-Sequenz betrifft, werter Herr Buecherblogger, gebe ich Ihnen formal (nicht inhaltlich) ausdrücklich recht. Auch ich hätte mir mehr direkte Kontroverse im Detail (und im Ausgang von den punktuell vorgestellten Einzelkapiteln) gewünscht und viele andere Beiträger. So hätte ich auch keine indirekte Aufforderung dazu empfunden, immer wieder als Alleinbeiträger in die Bresche zu springen, damit es überhaupt weitergeht in einem mir übrigens von Anfang an fremden Konzept der Abfolge. Dass nun aber einer wie Sie, Herr Hillebrandt, der sich vorher vornehm zurückgehalten hat, (warum eigentlich?), nun nachträglich daherkommt und nun auf einmal alles wichtigtuerisch verbellt, ohne vorher im Einzelnen direkt Farbe bekannt zu haben, finde ich nicht in Ordnung und sehr schade. Sie könnten ja auch nachträglich zu meinen Einzelbeiträgen sachlich Triftiges schreiben. Daraufhin würde ich mich gerne im Detail (und nicht bloß billig pauschal) mit Ihren dann konkret sachbezogenen Argumenten mit Ihnen auseinandersetzen. Dazu seien Sie hiermit herzlich aufgefordert.

  10. Günter Landsberger

    Diejenigen, die – verführt durch Wikipedia – nun an der Qualität des Dávilaschen Schreibens Zweifel haben sollten, seien darum gebeten, sich selbst an Primärliteratur ein kritisches Urteil zu bilden mit Hilfe z. B. des folgenden, wie ich meine, sehr lesenswerten Buches:
    Nicolás Gómez Dávila: “Notas / Unzeitgemäße Gedanken”,
    Matthes & Seitz Berlin, 1. Aufl. 2005)

  11. Der Buecherblogger

    Wikipedia verführt nicht, den Blick in diese Art von Primärliteratur erspare ich mir nach einem kurzen Besuch bei Perlentaucher:

    http://www.perlentaucher.de/buch/22404.html

    “Liberale Aristokraten” (Westerwelle) verzapfen in der heutigen Politik schon genug Unsinn, da brauche ich keinen kolumbianischen “Hobbyphilosophen”. Die Qualität seines Schreibens zweifele ich keinesfalls an, auch nicht die intellektuelle Qualität eines Herrn Westerwelle, aber die Richtung, in die das philosophisch und politisch tendiert, behagt mir überhaupt nicht. Es wird Zeit, das die Insignien von Liberalismus und Konservativismus durch etwas Neues abgelöst werden. Das Elitäre schottet sich doch nur immer in sich selbst ab und diffamiert das Volk als vermeintlich arm im Geiste. Literatur sollte eine Bewegung und einen Blick der Offenheit haben.
    Für den Vergleich mit einem wichtigtuerisch verbellenden Hund bedanke ich mich ausdrücklich, ich mag Tiere und Menschen, die ihren Mund aufmachen.

  12. Günter Landsberger

    Sie vermengen aber immer sehr viel unkontrolliert miteinander, werter Herr. (Was hab ich mit Westerwelle an der Backe?) Es bleibt festzuhalten, dass Sie sich nur selten an eigener Lektüre orientieren, sondern eher an schon vorliegenden Besprechungen. Ich nehme aber zu Ihren Gunsten an, dass Sie RBs “2666″ inzwischen zu Ende gelesen haben. (Seinerzeit hatten Sie ja offen zugegeben, was ich redlich und nicht ehrenrührig fand, dass Sie ein ganzes Drittel des Romans auch am Ende unserer Besprechung, an der Sie sich dennoch – alle Nichtlektüre vergessen machend – erfreulich ausführlich beteiligt haben, noch nicht selbst gelesen hatten)

    Ich bleibe übrigens bei meinem Urteil, dass das Dávila-Buch lesenswert ist, vielleicht weil ich dabei von anderen Gesichtspunkten ausgehe als die hier herangezogenen Rezensenten, sicher auch, weil ich nicht nur Einliniges, sondern auch sehr Verschiedenartiges zu schätzen weiß. Etikettenkleberei hab ich noch nie leiden können.
    (Warum Sie ausgerechnet mir gegenüber gleichsam konträr vom “Volk” sprechen, möchte ich mal wissen. Ich kann das nur auf Ihre Unkenntnis meiner Herkunft zurückzuführen. Mit vorschnellen Zuordnungen wäre ich da – an Ihrer Stelle – etwas vorsichtiger. Oder meinen Sie gar, dass einer, der studiert und ein Leben lang sich auch mit Literatur befasst hat, nicht zum Volk gehören könne?)

  13. Andreas Gierthz

    Bücherblogger: Eine „richtige Diskussion“ fände hier nicht satt, stattdessen gäbe es nur „Einzelselbstdarstellungen“. Wenn dem so ist, dann haben Sie sich bestens angepasst. Warum?

    Bücherblogger: „Lesen hat auch was mit Leben zu tun, mit Streiten.“ Dem kann ich ohne Vorbehalte zustimmen. Aber Sie streiten nicht, sie stängern bloß.

    Bücherblogger: : „Literatur sollte eine Bewegung und einen Blick der Offenheit haben.“ Auch dem kann ich ohne Vorbehalte zustimmen. Aber warum machen Sie sich diesen Blick nicht ein wenig zu eigen und kommentieren stattdessen blind, die Sache immer wieder aus den Augen verlierend?

    Bücherblogger: „ (…) auch der obige Kommentar ist dennoch konstruktiv gemeint.“ Konstruktiv gemeint ist in Ihren Kommentaren das Gegenteil von konstruktiv!

    Geht das nicht anders? Wie wäre es mit einem interessanten Beitrag zur Sache?

  14. Andreas Gierth

    Manches von dem, was ich im Folgenden geschrieben habe, entbehrt nicht einer gewissen Polemik. Aber nur auf den ersten Blick. Ich wollte mich möglichst kurz fassen. Lang genug ist es ja nun doch geworden.

    Till Kinzel schreibt am Ende seines Artikels: „Gómez Dávila ist für uns vor allem dies – ein Lehrer des Lesens und damit des Lebens des Geistes. Das Gegenglück des Lesens besteht darin, die Höhle unserer Zeit im Denken hinter sich zu lassen. Gómez Dávila hat dazu einen unschätzbaren Beitrag geleistet – lesen wir also seine Texte und treten wir mit ihnen in einen Dialog um des Denkens willen.“

    Ich kenne die Texte von Gómez Dávila nicht. Ich habe jetzt nur sorgfältig gelesen, was Till Kinzel über ihn schreibt. Aufgrund dieser meiner Lektüre halte ich den Schluss, zu dem Till Kinzel kommt, für völlig überzogen. Ich kenne andere „Lehrer des Lesens“, die zu diesem Thema weniger platte Selbstverständlichkeiten zu äußern wissen. Gómez Dávila hat mit seinen Ausführungen, so wie Till Kinzel sie wiedergibt, meines Erachtens keinen „unschätzbaren Beitrag geleistet“, sondern durchaus gute Einsichten zur „Kunst des Lesens“ letztlich nur wiedergekäut. Außerdem fehlt es auch an manchen, wichtigen Einsichten zu dieser Kunst. Und wie diese „Kunst des Lesens“ nun zu lehren sei, erfahre ich nicht wirklich.

    Was sagt Gómez Dávila als „Lehrer des Lesens“?

    „Die bloße Menge der Bücher zwingt dazu, radikale Entscheidungen zu treffen über das, was zu lesen lohnt und das, was nicht zu lesen lohnt.“ So ist es. Aber meine begrenzte Lebenszeit hat da auch einen ganz entscheidenden Einfluss. Hierzu hat sich, wie ich finde, Arno Schmidt trefflich geäußert.

    Und „wie soll man dieses Buch nun lesen – in einem Stück, nach und nach, rasch und auf den Kern der Sache achtend, sich der Erzählung überantwortend, langsam und bedächtig, jede Seite, ja jeden Satz sorgfältig bedenkend und erwägend?“ Wie man ein Buch lesen sollte, lässt sich meines Erachtens nicht auf einen Nenner bringen. Verschiedene Bücher kann man unterschiedlich lesen und auch das gleiche Buch kann unterschiedlich gelesen werden.

    „Das langsame Lesen des Philologen setzt sich im besten Falle um in das langsame und damit sorgfältige Schreiben – die Kunst des Schreibens setzt die Kunst des Lesens voraus.“ Dem kann ich zustimmen. Natürlich ist das langsame Lesen eines Buches von unschätzbaren Vorteil mit Blick auf sein Verstehen und seinen Genuss. Wer wüsste das nicht? Und diesbezüglich – bezüglich der Einschätzung des Lesens gegenüber der des Schreibens – möge man sich einmal bei Borges belesen.

    Und wieder so eine Selbstverständlichkeit, die Gómez Dávila keinesfalls neu erfinden musste: „ gut lesen zu lehren, ‚das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen’“. Natürlich muss man ein Auge für die Tiefen und Schönheiten des Textes bekommen, die dieser gegebenenfalls hat. Und ein solches Auge bekommt man nur durch lange Übung.

    „Langsam lesen ist demnach die erste Voraussetzung dafür, durch Lektüre Bildung zu erwerben“. Wenn ich schnell lese und dadurch vieles überlese, dann erwerbe ich weniger von der so genannten Bildung. Wundert das irgendjemanden, der auch nur ab und zu liest? Eine Plattitüde.

    Die „Fähigkeit zum Wiederkäuen“ gehöre zum langsamen Lesen. Ja. Und? Wollte dem jemand widersprechen? Ruminieren heißt das zum Beispiel bei Wilhelm Raabe. Ich empfehle den „Horacker“, Kapitel 16.

    „Haupterfordernis ist, wie es wohl kein Zweiter besser als der deutsche Philosoph Josef Pieper auf den Punkt gebracht hat, die Muße“. Das ist Unsinn. Es gibt viele solcher Zweiten – z. B. bei den alten Griechen oder Römern -, die das lange vor Pieper auf den Punkt gebracht haben. Da kann man sich, wenn man will, auf die Schnelle unter dem Wort Muße im Wikipedia belesen!

    „Man wird sagen dürfen, daß Gómez Dávila (1913 – 1994) einer der größten Lehrer des Lesens im 20. Jahrhundert war“. Natürlich darf man das sagen. Warum auch nicht? Aber man darf da auch noch Namen von ganz anderer Größe nennen. Z. B. Henry Miller (1891 – 1980). Er hat ein ganzes Buch über die „Kunst des Lesens“ geschrieben. Und einen Aufsatz mit dem Titel „Lesen oder nicht lesen“. Wer hätte das gedacht. Und de war auch noch einer der ganz großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

    „Lesen bedeutet, wie Gómez Dávila treffend bemerkt hat, das zu erkennen, was man immer wiederlesen müsse: Das Wiederholen beim Lesen aber mag als ein unzulässiger Luxus erscheinen, zumindest demjenigen, der doch sich dessen bewusst ist, wie viele Bücher er noch nicht gelesen hat.“ Was um Himmels willen ist das für eine Erkenntnis? Einmal ist keinmal, das stimmt. Aber unter Umständen ist zweimal einmal zu viel. Jedenfalls plädiere ich in der Liebe zu Büchern für Polygamie.

    „Doch erst in der Relektüre, so Gómez Dávilas Überzeugung, scheiden sich die Bücher, die Bestand haben, von den ephemeren Produkten des Tages.“ Ehrlich gesagt, geht das bei mir manchmal schneller. Manchmal, manchmal geht das sogar so schnell, dass ich schon nach dem ersten Satz merke, ob ich es mit einem „ephemeren Produkt des Tages“ zu tun habe. Das ist übrigens auch keine unbekannte Theorie.

    „Der Geschmack des kultivierten Lesers schult sich an den verschiedensten Werken, deren Wert wir nicht a priori feststellen können, sondern nur im jeweiligen Akt des Lesens – vorzugsweise eben jenes langsamen Lesens, von dem Nietzsche gesprochen hat.“ Man muss aber keinesfalls jedes Buch beim ersten Mal bis zum Ende lesen oder gar zweimal lesen, um seinen Wert festzustellen. Gerade das macht ja den gebildeten Geschmack des kultivierten Lesers aus. Das ist wie beim Essen. Man muss nicht alles aufessen, um festzustellen, ob es gut schmeckt.

    „Dass jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken (Nietzsche). (…) Gómez Dávila hat zweifellos die Abneigung Nietzsches gegen eine grenzenlose Ausweitung der Leserschaft geteilt“. Das ist für mich Unsinn. Jeder sollte lesen dürfen! Ob er es nachher auch kann, ist eine ganz andere Frage. Menschen lesen unterschiedlich.

    „Gómez Dávila als Lehrer des Lesens ist ein solcher zunächst einmal aufgrund der bloßen Tatsache, dass er selbst ein leidenschaftlicher Leser war, der über die Mittel verfügte, sich eine stattliche Bibliothek einzurichten. Eine Bibliothek aber, wie klein auch immer, gehört notwendig zu einem Leser“. Juhu! Dann bin ich jetzt auch ein Lehrer des Lesens. Ob meine ‚Bibliothek’ schon stattlich zu nennen ist, weiß ich nicht. Aber es sind doch eine ganze Menge Bücher.

    „Lesen aber hat für Gómez Dávila nicht zuletzt auch eine therapeutische Wirkung, etwas, das er uns als Leser vermitteln möchte. Die therapeutische Wirkung des Lesens ist jedoch nicht schon die Wirkung des bloßen Lesens, sondern sie ist substantiell bezogen auf bestimmte Bücher und Texte, die der Seele gut tun.“ Wieder so eine kaum zu ertragene Plattitüde.

    „Der richtige Gegenstand kann jedoch nicht einfach als solcher erkannt werden, wenn man nicht bereits über ein gehöriges Maß ästhetischer und philosophischer Urteilskraft verfügt. Es bedarf, zumindest für den Großteil der potentiellen Leser, sachdienlicher Hinweise auf das zu Lesende“. Ach nee!

    Der „Leser ist vielmehr dazu aufgefordert, selbst das Experiment oder Wagnis einzugehen, sich auf den Weg des lesenden Lernens oder lernenden Lesens zu machen, um die Vorurteile seiner Zeit zu überwinden – um seine Vorurteile zu überwinden. Diese Überwindung der Vorurteile seiner Zeit wäre ohne die Möglichkeit der Lektüre, die uns aus der Zeit hinauskatapultieren kann, wohl nur den wenigsten und unabhängigsten Geistern, also Genies im eigentlichen Sinne, den genuinen Philosophen, möglich.“ Vielleicht ist das so, vielleicht auch nicht.

    „Der wahre Leser liest mit Leidenschaft, weil das Lesen, die intime Begegnung mit literarischen und philosophischen Texten, ihm zu einer existentiellen Notwendigkeit wurde, zu einem Hunger, der nur durch wahrhaft nahrhafte Speisen gestillt werden kann.“ Auch nichts Neues. Aber trotzdem guten Appetit.

    „Denn die Paradoxie, auf die Gómez Dávila aufmerksam macht, besteht darin, dass man das Ziel der Bildung nur erreicht, wenn man nicht abstrakt ‚Bildung’ anstrebt, sondern indem man sich aus leidenschaftlichem Sachinteresse heraus in das Abenteuer der Lektüre begibt“. Das ist keine Paradoxie, das ist eine schon seit ewigen Zeiten gewusste Selbstverständlichkeit.

  15. Der Buecherblogger

    Lieber Herr Gierth,
    Sie neigen dazu sich zu ärgern und schreiben dann Ihren eigenen Namen vor lauter Aufregung nicht einmal richtig. Interessante Beiträge dürfen Sie, zum Lumpenroman und auch zu anderen Büchern, gern in meinem Blog nachlesen. Stänkern muss man eben auch mal, sonst riecht das hier immer nur nach demselben Männerparfüm. Dass Sie den Herren Dávila und Kinzel nicht so schnell auf den Leim gehen, ist ja sympathisch.
    Marvin Kleinemeier scheint da bei seinen Gastreferenten weniger wählerisch zu sein. Hauptsache die Promotion stimmt. Es genügt eben nicht, nur die Oberfläche zu sanieren, man muss sich schon selbst inhaltlich einlassen, das fehlt mir bei ihm völlig. Bis auf ein paar Beiträge zu “2666″ oder beim “Argentinienmonat” ist da nicht viel von Beteiligung zu spüren. Er sieht seine Aufgabe anscheinend im Gestalten von Webseiten, die möglichst die eigene Publicity steigern. Leider bleibt am Ende dann nichts anderes übrig, als eine Fan-Plattform, die andere mit Inhalten füllen sollen. Da fülle ich lieber bei mir selbst.

  16. Andreas Gierth

    “Da fülle ich lieber bei mir selbst.” Womit??? Bitte antworten Sie mir nicht!

  17. Marvin Kleinemeier

    Über die Zukunft der Seite wird bei unserem nächsten Treffen entschieden, bei dem Ihr Wort sicherlich kein Gewicht haben wird, Herr Hillebrandt. Trotzdem machen mich solche Aussagen natürlich ein wenig betroffen, weil ich bei Dingen, die mir am Herzen liegen, ein dünnes Fell habe. Ich würde Ihnen gerne eine ausführlich geführte Liste mit den Arbeitsstunden vorlegen, die ich für die Seite aufgebracht habe. Ich weiß nicht, wie Ihr Alltag aussieht, meiner bestand bis Oktober aus der Universität und 3 Nebenjobs + Täglich 1-2 Stunden für unsere Webseite, vor und während Projektzeiten 4-5 (Was meinen Sie, woher unsere vielen Besucher kommen? Aus dem Nichts? Das ist für die Erstbesucher 90% meine “Publicity”-Arbeit, die niemand sieht – die dauerhaften Besucher verdanken wir dann natürlich AG und GL, das betone ich aber auch immer wieder). Bei aller willkommenen Kritik müssen Sie sich vorstellen, wie es auf Sie wirken würde, wenn Sie so einen großen Teil Ihrer Lebenszeit in eine Herzensangelegenheit stecken, für die sie in keiner Weise entlohnt werden (Webspace und Domainkosten, Telefonkosten usw. trage ich noch zusätzlich) und ständig jemand versucht, ihnen auch noch die logischerweise auftretenden Fehler bei so einem – selbstverständlich – unprofessionellen Projekt vorzuhalten. Das kotzt mich an! Ich muss das hier alles nicht machen, musste ich von Anfang an nicht! Konstruktive Kritik nehme ich gerne an, aber nicht in diesem Ton! Und mir eigene Publicity vorzuwerfen, trifft mich dann doch etwas. Warum? Wofür brauche ich Publicity? Ich habe einen guten Job, der mich ausfüllt und rein gar nichts mit Literatur zu tun hat. Das ist einzig Liebhaberei für mich. Ich muss weder irgendwelche Bücher verkaufen, noch mich selbst! Seit Oktober arbeite ich in meinem Job 50 Stunden die Woche und bin beinahe jede Woche in Deutschland unterwegs. Ich bin froh, wenn ich derzeit abends kurz meine Mails abrufen kann und muss dann solche Kommentare lesen. Das macht mich traurig, denn das habe ich mit der Seite nicht im Sinn gehabt. Dass ich zu den Tätigkeiten im Hintergrund nicht noch selbst Beiträge verfassen kann tut mir Leid, wird sich bei meiner derzeitigen Auftragslage aber auch in Zukunft nicht ändern können, leider (Stellen Sie sich vor, sich den ganzen Tag auf ein Buch zu freuen und jeden Tag dann abends noch bei der ersten Seite einzuschlafen – ich vermisse das Lesen derzeit mehr als alles andere). Dass Sie ständig neue Namen für unsere Gruppe erfinden ist Ihnen überlassen. Wenigsten sind die aktiven Mitglieder dieser Gruppe produktiv und aktiv daran beteiligt, etwas wertvolles zu erschaffen. Mit Menschen hingegen, die in Ihrem Wesen und Tun nur von Negativität angetrieben sind und lieber einreißen als aufzubauen, möchte ich im wahren Leben nichts zu tun haben und in meiner gerade seltenen Freizeit im Web schon gar nicht.

  18. Günter Landsberger

    “Schatz aus dem Chaos / Neuer Roman von Roberto Bolaño
    entdeckt” – so überschreibt Camilo Jiménez seinen aktuellen Artikel auf der Seite 14 der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Der Roman umfasse 300 Seiten starke Fahnen, sei zwischen den “wilden Detektiven” und “2666″ entstanden, halte das Niveau dieser beiden Romane und habe den Titel “Los sinsabores del verdadero policía” “(Die Unannehmlichkeiten des echten Polizisten)”. Um ihn veröffentlichen zu können, fehle bislang nur noch die Zustimmung von Bolaños Witwe.
    (Dieser heute nur im aktuellen Zeitungsabdruck der SZ vom 25.11.2010 vorliegende Artikel von Camilo Jiménez wird demnächst wohl auch ins Netz gestellt werden.)

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