Zwei katholische Erzählungen

Zu den „Zwei katholischen Erzählungen“ von Roberto Bolaño und einer dritten immanent zu Grunde liegenden unkatholischen

  1. Ich bin nicht katholisch. Ich habe und halte Distanz.
  2. Einige meiner Freunde sind katholisch, ein paar meiner Verwandten waren es. Meine zweite Liebe auch. Vielleicht ist sie’s noch. Das schafft Nähe.
  3. Ein gläubiger Atheist bzw. ein agnostisch Glaubender bin ich auch. Kein Lauer. Kein Indifferenter.
  4. „Die Berufung“ lautet der Titel der ersten „Katholischen Erzählung“. Spricht hier ein erzählendes, vom Autor erwähltes Ich davon, wie es „berufen“ worden ist? Ein Mönch ist diesem Ich eines Tages begegnet, dessen Spuren im Schnee zunächst klar erkennbar waren, nachher aber nicht mehr auffindbar gewesen sind. Gehört es unabdingbar zu solch einer „Vision“, dass zunächst ein „Beweis“ in materialisierter Klarheit da ist, der erst dann unwiederbringlich verschwunden ist, wenn man ihn nachträglich als Beweis dingfest zu machen sucht?
  5. Die andere „katholische“ Ich-Erzählung ist die eines der katholischen Religion offenbar ebenfalls nicht ganz abholden Menschen, eines wohl irrsinnigen Mörders, der zuvor schon einmal nachhaltig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war und nun nach langen Jahren seines Aufenthaltes im Irrenhaus aus diesem geflohen ist.
  6. Die Pointe des Ganzen ist, dass beide Erzählungen aufeinander bezogen sind. Diese Verwobenheit ist jedem der beiden ganz verschiedenartigen Ich-Erzähler nicht bewusst; zunächst auch uns Leser…n nicht, nur dem Autor, der das Ganze zunehmend deutlicher werdend von Anfang an als Doppelerzählung inszeniert.
  7. Der Ich-Erzähler der 1. „katholischen“ Erzählung begegnet – vermeintlich zuguterletzt – einem vermeintlichen Mönch, der in Wahrheit ein gerade gewalttätig gewordener Mörder ist, der ihm jedoch zu diesem Zeitpunkt wie selbstverständlich und ganz arglos als die Wiederverkörperung des Heiligen Vinzenz  (Vicente) erscheint, auf dessen Person er – verstärkt beeinflusst durch den religiösen Wahn seiner Tante – seit langem schon ideell und identifikatorisch fixiert ist.
  8. Der Ich-Erzähler der 2. „katholischen“ Erzählung, der seinerseits (pseudo?)religiös verrückt- verzückte Doppelmörder erwähnt in seiner Erzählung Einzelheiten personeller und topographischer Art, die unverkennbar mit Einzelheiten der 1. Erzählung übereinstimmen.
  9. Eine dieser identischen Einzelheiten ist wohl zentral in der Person des Kommissars Damián, wie er in der 2. Erzählung genannt wird, zu erblicken, der offenbar mit Juanitos Vater, dem inzwischen pensionierten Polizeichef  der 1. Erzählung, gleichzusetzen ist.
  10. Von da her wird deutlich, dass in den beiden Erzählungen zumindest noch eine weitere, wenn nicht sogar  eine dritte und vierte Erzählung versteckt ist. Indirekt lässt sich erschließen: die 3. Erzählung ist die, die Bolaño selbst in der Form einer Doppelerzählung indirekt erzählt: Es ist die Geschichte von zumindest drei Personen, die einem religiösen Wahn verfallen sind:  die eine Geschichte von den beiden Ich-Erzählern ( a) von Juanitos Freund und b) dem Irren alias dem Mörder) und der von Juanitos Tante.
  11. Die weitere Geschichte jedoch, sagen wir, die vierte, die eine eigene Perspektive haben könnte und die ebenfalls eine nicht-katholische wäre, wird allenfalls indirekt erzählt. Als direkt erzählte Geschichte, die aber so eben nicht erzählt wird,  wäre sie eine detektivische Geschichte, erzählt aus der Sicht des Kommissars Damián. Einiges, was wir aus den beiden „katholischen Erzählungen“ bereits erfahren haben, würde von da her in einem anderen Licht erscheinen, einiges (die Aufklärung des Doppelmordes z. B. ) würde da wahrscheinlich gar nicht in unseren Blick geraten, wohl aber die nicht genau mitgeteilte Vorgeschichte des flüchtigen Irren, der nach seinem wahngesteuerten Doppelmord sich erzählungsintern unerkannt als Mönch zu tarnen wusste (2.Erz.) und von Juanitos Freund, dem 1. Ich-Erzähler, als  für ihn fortan lebensbestimmende Vincente-Vision wohl weiterhin verkannt wurde.

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