Ein Interview mit Heinrich von Berenberg

Heinrich von Berenberg

(c) Cordula Giese

Heinrich von Berenberg entdeckte Roberto Bolaño für den deutschsprachigen Raum. Mit seiner Übersetzung von “Die Naziliteratur in Amerika” ebnete er den Weg für die weiteren Werke Bolaños, auch wenn der kommerzielle Erfolg zunächst ausblieb. Im Gespräch mit Wilde-Leser.de spricht er über die Umstände der Veröffentlichung, die Resonanz in Deutschland und den aktuellen Hype um die nachgelassenen Werke Bolaños.

Wilde Leser: Wie kam es zu Ihrem ersten Kontakt mit dem Werk Bolaños?

Heinrich von Berenberg: 1995 gab mir eine Kollegin „Estrella distante“ zu lesen, mit der Frage, ob ich es eventuell übersetzen wollte. Ich las den Klappentext,  sah, dass es sich um ein Buch über Schriftsteller handelte und gab es ihr zurück mit der Bemerkung, solche egozentrischen Bücher interessierten mich nicht. Ein halbes Jahr später bat mich der Verleger Jorge Herralde, ein guter Freund, mir doch bitte trotzdem das Buch anzuschauen. Ich sah nochmals hin, fand es wieder nicht überzeugend, las aber die Kurzbiographie des Autors und erfuhr, dass er ein Buch mit dem Titel „La literatura Nazi en América“ geschrieben hatte. Das interessierte mich. Ich ließ mir das Buch kommen, las es während einer Zugfahrt von München nach Berlin und rief noch vom Bahnhof aus meine Freundin Antje Kunstmann an, sie solle bitte alles von diesem Autor kaufen, was es gäbe.

Wilde-Leser: Wie kam es dann zu der Entscheidung, ihn zu übersetzen? Und warum war es zuerst “Die Naziliteratur in Amerika”?

Heinrich von Berenberg: Mich hat die exzentrische Struktur dieses Buches begeistert. Und mir gefiel der unverschämte Ton. Außerdem war es vollkommen klar, dass hier ein Schriftsteller am Werk war, der zugleich die komplette lateinamerikanische Tradition beherrschte und sich souverän über sie hinwegsetzte.

Wilde Leser: Woher, denken Sie, kommt der starke Bezug Bolaños zum deutschsprachigen Raum? Orte, Literatur, Figuren, vor allem auch in seinen anderen Werken.

Heinrich von Berenberg: Der starke Bezug zum deutschen Raum hat zwei Gründe. Der erste ist phonetischer Natur: Als ich mit Roberto die ersten Lesungen in Deutschland machte, konnte ich immer wieder erleben, dass er von der vollkommen seltsamen phonetischen Struktur der deutschen Sprache begeistert war. Er fand das einen Witz. Konnte sehr darüber lachen. Seine Kenntnis der deutschen Literatur war so lückenhaft wie die Übersetzungen ins Spanische. Von der zeitgenössischen kannte er nichts, aber das interessierte ihn auch nicht so. Thomas Bernhard, der von Miguel Sainz großartig übertragen worden ist, hatte er gelesen. Seine zweite wichtige Quelle für alles Deutsche war glaube ich Lloret de Mar und überhaupt der Billig- und Freak-Tourismus an der Costa Brava, der Roberto immer viel mehr interessierte als Touristen, die sich Kirchen und alte Steine anschauen wollen. Es gibt einen sehr schönen Text über Blanes, seinen Heimatort, in dem das vorkommt. Während seiner Zeit als Camping-Wächter ist er viel in Kontakt mit diesen Leuten gekommen.  In dem nachgelassenen Roman „El tercer Reich“ läßt sich wahrscheinlich eine Menge davon entddecken. Ich selbst habe ihn nicht gelesen.

Wilde Leser: Welche Eigenarten fanden sich beim Übersetzen von Bolaños Prosa? (Christian Hansen erzählte mir z.B., dass er erst ganz unbegeistert beim Übersetzen von “Stern in der Ferne” war, bis er in einen gewissen Fluss kam und nicht mehr auf den einzelnen Satz schaute, sondern meisterhaft skizzierende Abschnitte wahrnahm – Daumenkino-Prosa hat er es damals genannt)

Heinrich von Berenberg: Christian Hansen beschreibt das glaube ich ganz gut. Es ist ja bei Bolaño immer ganz eigenartig, dass es keine strukturellen oder inhaltlichen Pointen bei ihm gibt, oder wenn, dann versteckt. Mir ist als allererstes, noch während der Zugfahrt, diese Prosa wie eine ganz eigene Musik erklungen. Und als Musik habe ich auch versucht, das zu übersetzen. Es gibt immer wieder dramatische Sprachinszenierungen, die auf dem Weg der Sprache zu einer Pointe oder einem Höhepunkt oder wie auch immer gelangt (eben nicht durch die Konstruktion!). das sind dann plötzlich diese langen Sprachinszenierungen wie z. B. die Transatlantikreise von Padre Urrutia in „Nocturno de Chile“, der Schluss von „Amuleto“ , die fast religiöse Apotheose der lateinamerikanischen Jugend gegen ihre Peiniger.  „Die wilden Detektive“ sind voll von solchen Inszenierungen. Sie sind eigentlich das bestimmende formale Element. Jedes einzelne Kapitel hat seine eigene Musik.  In einigen Fällen immer wieder kehrend (Armando Salvatierra). Man mußte viel „erfinden“, eines der größten Vergnügen, an die ich mich bei dieser Arbeit erinnern kann.

Wilde Leser: Hatten Sie persönlichen Kontakt zu Bolaño, während Sie sein Buch übersetzt haben?

Heinrich von Berenberg: Schon 1997 bin ich zum ersten Mal nach Blanes gefahren, um Roberto über alles Mögliche zu befragen, was mit der „Nazi-Literatur“ zusammenhing.  Dann kam er mehrmals nach deutschland. Wir haben Lesungen gemacht; er kam uns besuchen.  Wir hatten Kinder, er selbst auch. Das gefiel ihm sehr. Er war überhaupt einer der freundlichsten Menschen, die ich kennen gelernt habe – im Gegensatz zu den schwarzen Legenden, die über ihn im Umlauf sind. Das letzte Mal habe ich ihn glaube ich 2001 im Sommer getroffen und in Blanes besucht.

Wilde Leser: Gibt es vielleicht interessante Anekdoten aus dieser Zusammenarbeit zu berichten? Vielleicht auch von Besuchen Bolaños in Deutschland?

Heinrich von Berenberg: Dazu braucht man nur die kleine Skizze „Berlin“ zu lesen. Alles, was darin steht hat sich so zugetragen.

Wilde Leser: Welche Resonanz erzeugte das Buch bei Veröffentlichung in Deutschland?

Heinrich von Berenberg: „Die Nazi-Literatur“ wurde sehr gut rezensiert, zum Teil enthusiastisch. Verkauft wurden keine 1000 Stück.

Wilde Leser: Was ist das besondere an diesem Buch, vor allem vor dem Hintergrund, dass viele Leser jetzt erst darauf aufmerksam werden, da es wieder zugänglich gemacht wurde? Diese Leser haben ihren Weg meist über 2666 zu Bolaño gefunden, haben also den Einstieg über das Ende gewählt.

Heinrich von Berenberg: Das Besondere an diesem Buch ist die Tatsache, dass hier von Schriftstellern die Rede ist, von Poeten, von Leuten, die für Bolaño am interessantesten waren. Es sind alles Kollegen, und so schreibt er auch über sie.  Es ist nicht einer dabei, dem nicht in gewisser Weise, ganz entfernt, doch die Zuneigung des Autors gehört, obwohl sie alles „Nazis“ sind, das heißt, obwohl sie alle entweder rechtsradikal, rassistisch, terroristisch etc sind. Die einzige Ausnahme ist Ramirez Hoffmann, das letzte Porträt; da wird es plötzlich bitter ernst und der Spaß hört auf. Wir sind in der Gegenwart angekommen, und die Fortsetzung wurde dann ja auch „Estrella distante“.

Wilde Leser: Was denken Sie generell über die Entwicklungen der letzten Jahre, den regelrechten Hype um Bolaño, der zu Lebzeiten vielleicht gerade diesen Erfolg gebraucht hätte, um weiterzuleben?

Heinrich von Berenberg: Ich sehe den Hype überwiegend positiv. Anscheinend ist er ja nicht zustande gekommen, weil jeder das Buch haben will und es dann doch keiner liest, wie meist bei Bestsellern, sondern die meisten haben dieses Buch mit angehaltenem Atem gelesen.  Es ist natürlich immer die übliche Besserwisserei der vielen Spezialisten dabei, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Aber da kann man nichts machen. Und es hat ja auch sein Gutes. Was mich ein bißchen stört ist die Tatsache, dass jetzt auch noch der allerletzte Fetzen, der sich auf seinen nachgelassenen Festplatten findet, als überaus wertvolles Teril veröffentlicht werden muss. Dabei ist wirklich nicht alles gleichwertig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Roberto Romane wie „La pista de hielo“ und vielleicht auch „El tercer reich“ als unwichtige Vorläufer betrachtet hätte. Aber wer weiß. Das Traurigste daran ist natürlich die Tatsache, dass er selbst nichts mehr davon hat.

Das Interview führte Marvin Kleinemeier

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