Fragebogen (1)

bcn-34

FRAGEBOGEN (1)

  1. Was haben Sie spontan dabei gedacht, als Sie zum ersten Mal den Titel „Die Naziliteratur in  Amerika“ lasen?
  2. Haben Sie rein vom Titel her ein belletristisches Werk oder eher ein Sachbuch erwartet?
  3. Fielen Ihnen bei verändertem, wiewohl verwandtem Titel, sagen wir „Die Naziliteratur in Deutschland“ oder „Die Naziliteratur in Europa“, wirklich bedeutende, wichtige Autor…en ein? Wenn ja, welche?
  4. Haben Sie sich gefragt, weshalb Bolaño von „Naziliteratur“, also von nationalsozialistisch geprägter oder dominierter Literatur spricht?  Vom Nationalsozialismus also und nicht vom „Faschismus“ (und damit auch nicht von „faschistisch“, „präfaschistisch“ oder „faschistoid“), wie doch in Europa die Sprachregelung bei den 68ern, den Neomarxisten und den orthodoxen Marxisten es stillschweigend verordnet hatte?
  5. Ist Ihnen gleich aufgefallen, dass Bolaño schon im Titel global von „Amerika“ spricht und nicht etwa bloß von Mittel- und Südamerika alias Lateinamerika?
  6. Was sind werkimmanent (laut Auskunft des Buches selbst) die Kriterien dafür, jemanden zur „Naziliteratur“ zu rechnen?
  7. Reicht ein einziges dazu qualifizierendes Merkmal aus? Wenn ja, welches?
  8. Oder müssen mehrere dazu qualifizierende Kennzeichen zusammenkommen? Wenn ja, welche?
  9. Gibt es Kennzeichen und Ingredienzien, die auch in anderen politisch generell anders qualifizierten Zusammenhängen auftauchen (oder auftauchen könnten)?
  10. Haben Sie die Erwartung, dass es gerade im Falle eines Buches, das sich „Naziliteratur“ zum Thema macht, zu eindeutigen Wertungen, Urteilen und Warnungen kommt, ja, kommen muss?
  11. Erwarten Sie, dass sich die von Ihnen dem Titel vielleicht gleich zu Anfang zugewiesene menetekelhafte Bedeutung in irgendeiner Weise bestätigt?
  12. Wenn es nicht dazu käme, wären Sie enttäuscht? – Nur etwas? Oder sehr?

4 Responses to “Fragebogen (1)”

  1. Andreas Gierth

    Ich kann diese Fragen eigentlich gar nicht beantworten. Mich interssiert Bolaño als Schriftsteller und weniger bis gar nicht als Sachbuchautor. Von einem Sachbuch bin ich zunächst ausgegangen. Als ich hörte, es sei ein Roman – und ich hatte zu diesem Zeitpnkt schon einiges von ihm gelesen -, da war ich sehr skeptisch, ob man aus einem solchen Thema überhaupt einen interessanten und guten Roman machen könne. Ist es überhaupt ein Roman? Diese Skepsis habe ich immer noch. Aber ich will keiner möglichen Diskussion vorgreifen.

  2. Günter Landsberger

    DNLIA ist allenfalls die Parodie bzw. die Travestie eines Sachbuches. Aber sicher auch kein Roman im gängig erwartbarem Sinne. Ums zentrale Thema herum gruppierte, teils ausgeführte, teils unausgeführte, nur der bloßen Möglichkeit nach angedeutete oder aber auch vorab skelettierte, gleichsam abgefieselte Romane und Erzählungen mögen indessen genügend in diesem Gesamtgebilde stecken. Die ausgeführteren Erzählpassagen nehmen im Verlauf des Ganzen jedenfalls zu. Schon dadurch wird in uns, sofern wir Erzählendes erwartet haben, der Eindruck erweckt, als liefe alles auf die letzte Erzählung hin zu (wofür Verschiedenes ja auch spricht, obschon doch nicht ganz). Als wäre DNLIA für Bolaño auch ein großes Romanlaboratorium, ein erzählerischer Experimentierbaukasten und Wildwuchsgarten gewesen, in dem er auch Setzlinge zog oder heranwachsen ließ, die er wo anders als selbstständige “Pflanzen” weiter entwickeln konnte: vgl. vor allem “Stern der Ferne”, vgl. aber auch “Chilenisches Nachtstück”, “Amuleto”, “2666″ u. a.
    Manche “Romane” der fiktiven Autor…en in DNLIA werden beispielsweise so ausführlich wiedergegeben, wie es, sagen wir Thomas Mann (Reizwort für Andreas!) bei einigen fiktiven Musikstücken in seinem Roman “Doktor Faustus” tut. Oder Bolaño begnügt sich mit der Aufzählung der Titel oder einigen wenigen Andeutungen. – Die in DNLIA feststellbare (auch parodistische) Vorliebe für Listen und Register kehrt dann in “2666″ als Teilmoment wieder, da erst recht und geradezu verschluckt durch den grandios gewaltigen Roman viel größeren Ausmaßes und eines fern aller Eindimensionalität viel stärkeren Erzählcharakters.

  3. Günter Landsberger

    ZUR VIERTEN FRAGE DES “FRAGEBOGENS(1)”
    In meinem Fragebogen (s. o.) mögen sich zwar auch rhetorische Fragen finden, bei denen sich eine Antwort eher erübrigt, aber eine Antwort auf beispielsweise die 4. Frage erscheint mir dennoch unerlässlich. Bolaño selber spart diese Antwort nämlich überhaupt nicht aus. Er versteckt sie nur, vertrackt fast wie seinerzeit Jean Paul (= Johann Paul Friedrich Richter) in Fußnoten und Anmerkungen, im nur anscheinend leseentbehrlichen Teil des großen MONSTEREPILOGS (S.211ff.). Hier folgen – noch vor den “Anmerkungen des Übersetzers” (S. 236 – S.238) – drei größere Register mit Anmerkungen aufeinander: a) “Einige Personen”, b) “Einige Verlage und Zeitschriften”, c) “Einige Bücher”. Im mittleren Registerteil “Einige Verlage und Zeitschriften” bekommen wir die genaueste Antwort auf meine 4. Frage. Man lese das bitte nach, insbesondere auf den Seiten 223f., 221 f. und 219f. Hier nur dies: Auf Seite 223 grenzt die Übersicht zwei (fiktive?) chilenische Zeitschriften gegeneinander ab, im Sinne einer Binnendifferenzierung der “Naziliteratur” gleichsam, von denen die eine mehr “die deutsche nationalsozialistische Parzelle für sich beansprucht”, wärend die andere “sich die klassisch faschistische Rolle reserviert hatte…”. Den beiden genannten chilenischen rechtslastigen Zeitschriften “Pensamiento e Historia (Geschichte und Denken)” (S.221f) und “Revista Literaria del Hemisfero Sur (Literarische Zeitschrift der Südlichen Hemisphäre)” (S.223f.)wird vor allem eine argentinische an die Seite gestellt: “El Cuarto Reich Argentino (Das Vierte Argentinische Reich)” (S. 219). Chile UND Argentinien, die Militärdikatur (wie auch immer zeitversetzt) UND das Rechtslastige da wie dort UND das Erinnern an die erlebten oder bezeugten Untaten dieser Diktaturen als geschichtlicher Auftrag treten auch hier sehr deutlich wieder hervor. Aber welche Rolle spielt hierbei das deutsch-nationalsozialistische und das “klassisch faschistische” Moment? Nicht zu vergessen, dass gelegentlich auch (zumal im genuinen Erzählteil) zwischen “rechts und links” Schillerndes, positionell Nicht-so-leicht-Festlegbares akzentuiert wird (vgl.etwa S.180). Auch der fiktive deutschstämmige Autor “Franz Zwickau” z. B. zitiert in seinem langen “Titelgedicht” “Der Sohn der Kriegsverbrecher” ausdrücklich “Jünger UND Goethe” (S.94), was immer das über Goethe, aber auch über Jünger aussagen mag. – Jedenfalls: auch für “2666″ wichtig wäre es, den Stellenwert Ernst Jüngers im Gewebe von DNLIA zu klären.

  4. Günter Landsberger

    ZUR 3. FRAGE DES FRAGEBOGENS (1):
    Vor vielen Jahren fiel mir einmal zufällig ein Autor in die Hände, den ich vorher nur von einem Pamphlet gegen Heinrich Mann her kannte (den er, wie ich danach erfuhr, vor 1933 auf Schriftstellerkongressen bespitzelte) und den ich nach kurzem Blättern in einigen seiner Bücher unschwer als “Nazi-Autor” identifizieren konnte, und zwar als einen, der schon lange vorher, schon 1912 z. B., in einem verwandten Gestus schrieb: Nationalismus, Franzosenhass, Schüren der Erbfeindschaft, Judenhass (der Wikipedia-Auskunft entgegen, die sonst aber weitgehend zuverlässig ist): vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Bloem.
    Betroffen war ich darüber, als ich merkte, welch hohe Auflagen die 10 Bände Bloems doch damals schon vor der Machtergreifung Hitlers gehabt haben, dass hier rechter Extremismus als Unterhaltungsliteratur im Gewand einer Klassikerausgabe untergejubelt wurde. Deutschnationale Literatur, deutsche Naziliteratur noch vor der nationalsozialistischen Zeit, hier bei Walter Bloem z. B. wäre sie zu studieren.

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

twitter-widget.com