GEFÄHRLICHES SCHILLERN

GEFÄHRLICHES SCHILLERN von Günter Landsberger

Zu: DNLIA, S.91 – S.101 (= ZWEI DEUTSCHE AM ENDE DER WELT)

Dass man in einem Buch, das den Begriff „Nazi“ bzw. „Naziliteratur“ gezielt schon im Titel trägt, besonders auf jenes zweigliedrige Buchkapitel zu achten hat, das ausdrücklich von Deutschen bzw.  Deutschstämmigen handelt, ist ziemlich naheliegend und – wie mir scheint – unverzichtbar, zumal dann, wenn einem ins Bewusstsein kommt und danach im Bewusstsein bleibt, dass der Nationalsozialismus, mag er mitunter auch noch so sehr und nicht unpauschal als bloße Sonderform unter die Gesamtrubrik Faschismus verrechnet worden sein, in seiner besonderen Ausprägung unleugbar aus deutschsprachigen Gebieten stammt.

Schon der TITEL des Großkapitels, „Zwei Deutsche am Ende der Welt“,  schillert ein wenig von seiner Bedeutung her. Ist die Wendung „am Ende  der Welt“ nur geographisch oder geographisch-politisch oder vornehmlich geschichtlich-apokalyptisch zu verstehen? Die beiden Deutschstämmigen, die nacheinander im Einzelporträt vorgestellt werden, sind beides Nachkriegskinder: Franz Zwickau ist 1946 in Caracas (Venezuela) geboren und Willy Schürholz 1956 in der „Colonia Renacer“ in Chile. Beide leben unterschiedlich lange: Franz Zwickau verunglückt 1971 mit seinem Motorrad („stürzte“ „in einen ABGRUND“, S.95), während Willy Schürholz erst sehr viel später, im Jahr 2029 nämlich, in Kampala, Uganda, stirbt und so in der uns vorgelegten Fiktion nicht nur das Erscheinungsdatum des RB-Buches „DNLIA“ überlebt, sondern auch unser Heute, in dem wir das Buch RBs lesen und es uns fortlaufend bewusst machen, um ein Beträchtliches noch überleben wird.

Bei dem ersten der beiden Deutschen, Franz Zwickau, heißt es noch etwas zweideutig, dass er ein „Sohn deutscher Auswanderer“ (S.93) sei. Da kann man sich durchaus noch fragen, ob er denn nun der relativ späte Sohn von in Deutschland zur Zeit des Nazi-Regimes Verfolgten oder aber von gegen Kriegsende aus Deutschland geflüchteten Altnazis ist. Beide Gruppen haben ja bekanntlich nicht nur in Argentinien, sondern in Lateinamerika überhaupt, eine Zuflucht gesucht und oft auch gefunden. Die Konnotationen des gesamten Textes daraufhin zu lesen, ist durchweg interessant, auch wenn sie mehr oder minder eindeutig zunehmend in die nazistische Richtung verweisen. Dennoch verzichtet auch dieser Text nie vollends auf ein ambivalentes Schillern: Gleich am Ende des ersten Abschnittes wird dem jungen Franz Zwickau, jenem „jungen, hochgewachsenem Blondschopf (!, GFL) mit athletischem Körper“ (!) der „Blick eines Träumers oder (!) Mörders, möglicherweise beides zugleich“ zugeschrieben. Und später mit Bezug auf das lange Titelgedicht seines zweiten Lyrikbandes von 1967, „Der Sohn der Kriegsverbrecher“ wird unter anderem  durchaus wieder schillernd darauf hingewiesen, dass er darin u. a. „Goethe UND (!) Jünger“ „zitiert“ (S.94). War Ernst Jünger denn ein Nazi-Autor bzw. ein Nazi-Autor im Sinne von DNLIA?

Der anschließende, den fiktiven Willy Schürholz porträtierende Text verzichtet sehr bald auf ein Schillern in der Herkunftsfrage, wiewohl auch er  scheinbar naheliegende, jedoch oberflächlichere Verstehensmöglichkeiten immerhin erwähnt. Am Schluss heißt es jedenfalls dezidiert: „ihre Ankunft in Chile fiel zusammen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.“ (S. 96) Und Willy Schürholz wurde erst 1956 geboren; er wuchs auf in der deutschen Parallelwelt der „Colonia Renacer“. Renacer? Wiedergeburt wovon? Jedenfalls, die hier im Text auch in charakteristischen Einzelheiten geschilderte „Colonia Renacer“ trägt durchaus die Züge der berüchtigten, nicht nur in Chile einschlägig bekannten deutschen „Colonia Dignidad“. Der Bezug zur chilenischen Realität von ehedem und heute und morgen tritt einem ganz in den Sinn, wenn man z. B. vor etwa zwei Wochen die Seite Drei der Süddeutschen Zeitung vom 24. Juni 2011 gelesen hat: „Deutsche Hölle / Die berüchtigte „Colonia Dignidad“ des früheren Alt-Nazis Paul Schäfer in Chile lebt, jetzt auch für Öko-Urlauber – als „Villa Baviera“. / Der flotte Image-Relaunch passt zum zynischen Umgang der Politik mit den Opfern: Dies ist die Geschichte von Ingrid und Franz.“

Schillernder als seine Abkunftszuordnung sind indessen die interpretierenden Reaktionen auf  Willy Schürholzens Texte: da gibt es jeweils recht entgegengesetzte Deutungen (vgl. S.98f.). Ein einziges Zitat mag hier stellvertretend für vielerlei Zwiespältiges stehen: „Seine Freunde, avantgardistische Poeten und in der Regel Gegner des Militärregimes, taufen ihn zärtlich den „Logbuchschreiber“, bis ihnen auffällt, daß Schürholz ihren eigenen Überzeugungen diametral entgegengesetzten Ideen huldigt. Bis zu dieser Entdeckung vergeht allerdings viel Zeit. Schürholz ist alles andere als  eine geschwätzige Person.“  Gefeierter Avantgardismus und fragwürdige politische Einstellung  schließen einander offenbar nicht aus. -

Es wäre durchaus lohnend, jeden der beiden Texte dieses Kapitels sehr sorgfältig und akribisch durchzugehen und auf den Verweisungszusammenhang zum Gesamttext der DNLIA zu achten. Dies mögen andere, vielleicht Jüngere tun. (Man könnte mich auch befragen, mir ist da schon noch so einiges zusätzlich aufgefallen.)

Immerhin, auf eine Parallelerscheinung in einem verwandten Zusammenhang möchte ich zum Schluss auf alle Fälle hinweisen: In der Erzählung „Ein berühmter Schriftsteller“ berichtet Stephan Hermlin von einer den Ich-Erzähler überraschenden Begegnung mit Louis-Ferdinand Céline 1939 in einem Café in Frankreich. Die verbreitet starke Wirkung von Célines Roman „Reise ans Ende der Nacht“ auch auf politisch ganz anders Gesinnte und Ausgerichtete wird jedenfalls  nicht verschwiegen, faktische Missverständnisse und falsche Einvernahmen werden nicht ausgespart. (Vgl. Stephan Hermlin: Erzählende Prosa, Berlin und Weimar 1990, S.487ff.) Hermlins Text endet eindringlich mit folgenden Sätzen:

„Es gibt eine Ästhetik, für welche die Apologie des Mordes unverdächtiger ist als seine Verdammung. Sie fragt nicht nach einer Analyse der Infamie, sondern nach der Infamie selbst. Mit ihr verbünden sich unerfüllte und uneingestandene Lüste nach Vermischung mit dem, wovor man gestern noch zurückgebebt war. Wenn es finster wird auf Erden, erwachen die Vampire und beginnen zu wandeln.“ (S.489f.)

Und vorher (auf Seite 487) hieß es:

„das Buch fesselte mich, es hatte etwas Ungeheuerliches. Das höllische Licht einer Verzweiflung brach aus ihm hervor, die wir entsetzt und ungläubig wahrnahmen. Dieses finstere Strahlen war die Sonne unserer Zukunft.“ (…) „Der Autor, von dem ich nichts wußte, wurde als radikaler Pazifist und exaltierter Kritiker bürgerlicher Zustände gesehen. In der vom Sieg der Volksfront hervorgerufenen euphorischen Atmosphäre rechnete man Céline ohne lange Umstände zur Linken. Er wurde in mehrere Sprachen, auch ins Russische, übersetzt, er war in die Sowjetunion eingeladen worden, von dort aber war er bald zurückgekehrt, es hatte, so hörte man, Konflikte gegeben.“

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