ANMERKUNGEN UND BEOBACHTUNGEN (I)

Stichwort „Mestizismus“

Wären Indigenismus, Mestizismus und drittens der so unsolide (eher einverständnismäßig polemisch) klingende Begriff „Nazi-Literatur“, sähe man sie in einem Spektrum zusammen, dennoch differenzierende und erkenntnisentbindende Gesichtspunkte für den Versuch einer Einteilung der gesamten Lateinamerikanischen Literatur?

In seinem schon 40 Jahre altem Gesprächsbuch mit lateinamerikanischen Schriftstellern von Rang, „Dialog mit Lateinamerika / Panorama einer Literatur der Zukunft“ (Tübingen und Basel 1970), schwört Günter W. Lorenz, der Befrager, sehr viele Schriftsteller… durchaus nicht erfolglos darauf ein, dass die große Zukunft der lateinamerikanischen Literatur in ihrem Mestizismus zu finden sei. Vielfalt und Mischungs- , auch Formmischungsbejahung stehen hier entschieden gegen jegliche Form von propagierter abstrakter Reinheit im Sinne einer Anderes, tendenziell jegliches Andere, ausschließenden Mono“kultur“.

In RBs „DNLIA“ korrespondieren über 150 Seiten hinweg zwei Textstellen, in denen ausdrücklich von gemeinhin als real bekannten Schriftsteller…n Lateinamerikas die Rede ist, die an beiden Stellen aus der abstrakt einseitigen Perspektive fiktiver „Naziliteraten“ heraus entschiedene Ablehnung erfahren. Im ersten Fall wird die fast identische Liste der aus „Nazi“perspektive abgelehnten Autor…en dem Argentinier Juan Mendiluce Thompson (1920 – 1991) zugeschrieben (vgl. S. 23), im zweiten Fall dem offenbar ursprünglich italienischstämmigen Argentinier Argentino Schiaffino alias „Der Fettsack“ (1956 – 2015) (vgl. S.175). Im Zusammenhang mit einem „ausufernde(m) Poem“ Argentino Schiaffinos („Die Einsamkeit“) ist u. a. von den darin registrierten „katastrophalen Auswirkungen des Mestizentums“ (S.175) die Rede, ein möglicher „Feind“ damit also ins Visier genommen.

Die schließliche, alles verlagernde Wendung Schiaffinos von Argentinien weg in die USA wäre sicher einer weiteren Beachtung wert. Hier mögen uns nur die genannten realen Schriftsteller… und das sich mit ihnen möglicherweise abzeichnende Feindbild interessieren. In beiden (Gegen-)Listen befinden sich in nur einmal veränderter Reihenfolge Cortázar, Borges, Adolfo Bioy-Casares und Manuel Mújica Lainez, in der ersten steht Ernesto Sábato am Schluss (S.23), in der zweiten, durchaus etwas schillernd, Roberto Arlt (S.175).
Ernesto Sábato werde – so heißt es auf S. 23 – von Juan Mendiluce Thompson „als Hohepriester der Gewalt und der hemmungslosen Aggression“ „beschimpft“. – Da ich mich im letzten Jahr gerade mit Ernesto Sábato etwas ausgiebiger befasst habe, weiß ich, dass dieser vor kurzem hochbetagt gestorbene, auch weltliterarisch hochbedeutsame Autor mit Sicherheit nicht unter die bei RB als „Naziliteratur“ apostrophierte Literatur gerechnet werden kann und darf, dass er aber dennoch in seinem großen Roman „Über Helden und Gräber“ mit seinem „Bericht über die Blinden“ sehr hellsichtig und sehr beeindruckend eine Perspektive eingenommen hat, die offenkundig macht, wie Wahn und Ratio zusammengehen können: „Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode“ bestätigt sich hier in neuem Gewand.
These: In diesem Roman findet sich einseitig perspektivisch, wiewohl in hervorragender Gestaltung „Naziliteratur“ als beunruhigendes Einsprengsel, vor allem im besagten „Bericht über die Blinden“, der schon deswegen nicht isoliert gelesen werden sollte. Auf die kritische Einbettung kommt es nämlich an.

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