FRAGEBOGEN (2)

1.) Glauben Sie nicht auch, dass man Roberto Bolaños DNLIA („Die Naziliteratur in Amerika“) spätestens jetzt, nach den entsetzlichen Mordattentaten in Norwegen neu lesen müsste?
2.) Finden Sie es nicht beunruhigend, in welch unheimliche Nähe Fiktion und Realität hier geraten, wenn Sie sich die einzelnen Lebensläufe, die fiktiven und die realen, der Reihe nach abermals vergegenwärtigen?
3.) Auch wenn Sie sich vielleicht dazu gezwungen sehen mögen, sich einzugestehen, dass auch hier wieder die schreckliche Realität das in der Fiktion konsequent Ausgemalte bzw. angebahnt Ausgedachte weit überholt hat, finden Sie nicht, dass der Blick auf die ganze bei Roberto Bolaño ausgebreitete Gemengelage allgemein erkenntnisfördernd sein könnte? Insbesondere wenn Sie hierbei auf den beunruhigend schillernden Zusammenhang von Dichtung und Mord, von Künstlertum und Verbrechen achten? Und insbesondere auch auf die mitunter fast unmerklichen Übergänge von einem zum andern? (Vgl. auch die vielerlei Komponenten, wie man sie z. B. auf der Seite 60 ausgebreitet im Zusammenhang mit Ernesto Pérez Masón findet: Misogynie, klare Abneigung gegen Kommunisten, Homosexuelle, Juden und Schwarze + Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge + leicht entzifferbare Verschlüsselungen – unter anderem solche Stichworte mag man hier antreffen.)
4.) Hatten nicht z. B. auch schon Dostojewskijs fiktiver Raskolnikow (durch seine für Zeitschriften verfasste Aufsätze) und der leider nur allzu reale Adolf Hitler durch sein Buch „Mein Kampf“, – jenem schrecklichen, meist ungelesenen späteren Hochzeitsgeschenk für im „Dritten Reich“ heiratswillige Paare – , ihre späteren skrupellosen Verbrechen im Voraus ideologisch zu legitimieren gesucht?
5.) [Nebenbei: Sie werden bemerkt haben, dass auch in Dostojewskijs „Dämonen“ (=“Böse Geister“) agitatorisch von mehreren, nein, den vielen konspirativen und gewaltbereiten „Zellen“ gesprochen wird, die über ganz Russland verborgen verstreut seien, während in Wahrheit (zumindest romanintern) nur eine einzige vorhanden ist. (Das kann cum granu salis auch im aktuellen norwegischen Fall so sein, muss es aber nicht.)]
6.) Unbedingt noch eins: Hat Sie vor einigen Tagen nicht allein schon der Titel der so unerhört umfangreichen propagandistischen Rechtfertigungsschrift des 32jährigen norwegischen Ideologen und Massenmörders bestürzt aufhorchen lassen, weil Ihnen bei „2083“ sofort auch Bolaños „2666“ eingefallen ist und Sie vielleicht auch bemerkt haben, dass von 2083 zur Gesamtsumme 2666 nur noch 583 fehlen?
(Welch merkwürdiger Gleichklang der derart betonten 83!)

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