Das geheime Buch und der geheime Schriftsteller

Das geheime Buch und der geheime Schriftsteller von Jan Fries

Ein einschlägiger Werbespruch besagt, dass wir – die Wilden Leser – Lesen als Abenteuer begreifen. Als ich mit 2666 begonnen habe, bemerkte ich, dass wir damit nicht alleine sind: Zumindest drei der Kritiker, Pelletier, Espinoza und Morini, sind der Lektüre Archimboldis genauso verfallen wie wir 2666. Wie wir suchen sie Bücher von einem ominösen Autor, stöbern seine seltenen oder gebrauchten Bücher in verschiedenen Sprachen auf, lesen, übersetzen und kommentieren sie. Wir sind auf der Suche nach dem geheimen Buch und wollen dessen Sinn verstehen.

Die Suche nach und das Geheimnisvolle um Archimboldis Bücher erinnert mich sehr stark an den Roman Das neue Leben von Orhan Pamuk. Osman, der Protagonist, erzählt dort: „Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich. [...] Und mir kam der Gedanke, ich würde neu und anders werden in diesem Licht, und ich ahnte, es würde mich auf einen anderen Weg führen, dieses Licht, und ich nahm in diesem Licht die Schemen eines Daseins wahr, das ich später kennenlernen, mit dem ich vertraut sein würde.“ Das Buch scheint Osmans eigene Geschichte zu erzählen, aber auf eine fremde Art in einer fremden Welt, und er beschließt in diese Welt hineinzutreten. Das Buch findet er in einer Kiste eines Antiquariats, und niemand sonst kennt dieses Buch und kann ihm sagen wo es herkommt. Über den Inhalt des Buches im Buch, das ebenfalls Das neue Leben heißt, erfährt der Leser nichts, es werden nur die Wahrnehmnungen der Akteure beschrieben. Auch der Autor Pamuk ist begeistert von der Idee des Buches an sich, erhofft sich von ihm eine abenteuerliche und befreiende Wirkung, ist stets auf der Suche nach deren aufklärerischem Leuchten.

Am stärksten setzte die Suche nach dem geheimen Buch natürlich bei Bolano selbst ein. Nach seinem Tod ist die Welt besessen von seinem Überbuch 2666 und ist gierig nach den letzten Bits und Worten auf seinen hinterlassenen Festplatten. Jedes Dokument wird durchforstet und – durchaus umstrittenerweise – veröffentlicht; siehe die Diskussion um die Veröffentlichung von Das Dritte Reich. Interessanterweise hat Bolano diese Schatzsuche nach hinterlassenen Texten schon in Die Naziliteratur in Amerika vorhergesehen: Dort beschreibt Bolano, wie nach Zach Sodensterns Tod dessen Computer auf Hinweise zur Interpretation seines Werks durchstöbert wird…

Ein weiteres Motiv in 2666 ist der geheime Schriftsteller. Genauso wie für uns Wilde Leser der Inhalt, die Aussagen und der Sinn Archimboldis Bücher nicht zu fassen sind, so ist für die vier Kritiker der Schriftsteller Archimboldi selbst unfassbar. Sie jagen einem Phantom hinterher. Archimboldi wird zwar im Laufe der Zeit einer größeren Öffentlichkeit zu einem Begriff, tritt jedoch nie in Erscheinung (auch wenn Der Teil von Archimboldi auf ein späteres Treffen hindeutet). Auch der Erzähler von 2666 ist derart begeistert von Archimboldi, dass er Punkt und Komma vergisst sobald erstmals von dem sagenhaften Schriftsteller die Rede ist.

Das Motiv des geheimen Schriftstellers ist für mich sinnbildlich für einen Pionier der Postmoderne: Thomas Pynchon. Obwohl er bereits seit den frühen 60er Jahren erfolgreich als Autor tätig ist und weit über die USA hinaus bekannt ist, hat er es seither geschafft, vollständig anonym zu bleiben. Um seine Person und seinen Aufenthaltsort ranken sich Legenden, es ist lediglich ein einziges Foto von ihm aus seiner Zeit bei der Navy bekannt (wenn es tatsächlich Pynchon abbildet). Für mich ist die Anleihe des geheimen Schriftstellers durch Bolano zu offensichtlich, außerdem wurde sie hier bei den Wilden Lesern noch nicht schriftlich festgehalten. Auch der Autor von Das neue Leben, dem Buch im Buch, bleibt ein Mysterium.

Ich bin gespannt auf eure Meinungen zum geheimen Buch und zum geheimen Schrifsteller und hoffe, dass wir Buch und Person uns erleuchten werden!

3 Responses to “Das geheime Buch und der geheime Schriftsteller”

  1. Günter Landsberger

    Auch in der deutschen Literatur gibt es das Phänomen des geheimen Schriftstellers.
    Wie war das mit B.Traven? Wie war das mit dem Verfasser der “Nachtwachen des Bonaventura”?

  2. Jan Fries

    Natürlich, wenn ich etwas darüber nachdenke sind mir die Phänomene auch in Deutschland schon über den Weg gelaufen. Man denke an Johann Valentian Andreae und das ihm zugeschriebene “Confessio Fraternitatis”, das Gründungsmanifest der Rosenkreuzer (übrigens ein GEHEIMbund, dessen jemalige Existenz bezweifelt werden darf…).

  3. jc penny

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