III. Daß Vögel vom Himmel fallen

Habe ich in meinem Bericht (aktuelle Volltext-Ausgabe) denn biographische Details über Roberto Bolaño verraten? Ich habe keinerlei Recherchen betrieben und nur Dinge wiedergegeben, die mir Roberto mitgeteilt hat, manchmal auch Schlußfolgerungen, Werturteile und Vermutungen meinerseits. Ab und zu lese ich einen Artikel, surfe ein wenig im Internet. So bin ich auf ein Interview mit Robertos Sohn Lautaro* gestoßen, der im Jahr 2001 neun Jahre alt war. Mit Roberto hatte ich damals einige E-mails ausgetauscht. In der Adresse, die er mir gegeben hatte, stand vor dem Klammeraffen der Name seines Sohnes. Ich glaube nicht, daß Lautaro diese Adresse damals verwendete, jedenfalls nicht ohne Hilfe seines Vaters. Aus dem letzten, kurzen E-mail Robertos erinnere ich den Satz: „Es ist so heiß, daß die Vögel gebraten vom Himmel fallen.“ Lautaro erzählt in dem Interview einiges über seinen Vater, etwa daß sie zusammen oft stundenlang Computerspiele spielten und dieselbe Musik mochten, zum Beispiel Pink Floyd oder Bob Dylan (Lautaro spielt heute in einer Rockband, die in der Gegend um Barcelona auftritt) und daß Roberto sich sehr um ihn sorgte, als er klein war, und ihn nie allein zur Schule oder von dort nach Hause gehen ließ. 

Ich bin überzeugt, daß es dieselbe, mich persönlich zutiefst rührende Sorge ist, die er im zweiten Teil von 2666 aus der Perspektive Amalfitanos beschreibt, mit einem atemberaubenden Sinn für die Atmosphäre erzeugenden oder wiedergebenden Details (an der Hausecke wird ein Motor angelassen, aber der Wagen fährt nicht gleich los…). Es wäre eine schöne, aber schwierige Aufgabe, eine Biographie Roberto Bolaños zu schreiben. Man müßte in Chile und Mexiko Gespräche führen und Nachforschungen treiben, und dann Spanien, die vielen für das Werk wichtigen Freunde und Mitstreiter befragen, die schwer zu entwirrenden Zusammenhäge zwischen Fiktion und Literaturgeschichte, wobei es sich um die Infra-Bereiche der Geschichte handelt, also das, was im Schatten der Öffentlichkeit vegetierte in den Jahren als, García Márquez und später Octavio Paz den Nobelpreis bekamen.

*Anm. d. Red.: Ein Ausschnitt aus einem anderen Interview mit Lautaro wurde auf wilde-leser.de zu Projektbeginn erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Zum Interview: Träume voller Schreie

Lesen Sie morgen: IV. El Tercer Reich“Ein im Jahr 2000 in dem (relativ) kleinen, aber exquisiten Verlag El Acantilado erschienener Band mit dem Titel Tres enthält drei lange epische Gedichte, das dritte heißt Los Neochilenos, erzählt von der Reise einer Rockband in den chilenischen Norden…”

Bisher:

II. Drei Tage mit Bolaño
I.  Das Steuer anders stellen
Neochilenische Weltliteratur

Leopold Federmair, geboren in Oberösterreich, studierte in Salzburg, unterrichtete an Universitäten in Frankreich, Italien und Ungarn, lebte in Wien und in Buenos Aires, seit 2002 in Japan, seit 2006 in Hiroshima. Schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen. Buchveröffentlichungen u.a. Die Gefahr des Rettenden (1992), Das Exil der Träume (1999), Kleiner Wiener Walzer (2001) Ein Büro in La Boca (2009). Im Herbst 2010 erscheinen der Roman Analogia entis im Otto Müller Verlag (Titel vom Verlag noch nicht abgesegnet) und der Essayband Buenos Aires, Wort und Fleisch bei Klever. Übersetzungen (Bücher) u.a. von José Emilio Pacheco, Ricardo Piglia, Michel Houellebecq, Michel Deguy, Francis Ponge. Gedichte u.a. von Juan Ramón Jiménez, Jorge Luis Borges, Juan Gelman, José Watanabe, Ugo Foscolo, Ignazio Buttita, Serge Gainsbourg, Jacques Roubaud. Essays u.a. von Antonio Tabucchi und Roberto Bolaño.

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