2666: Die Kritiker, Amalfitano und Fate (Teil I)

»Ich verstehe kein einziges Wort«, sagte Norton.
»Ich habe auch nur Unsinn geredet«, sagte Amalfitano.

2666, S. 159

Knapp eine Woche habe ich gebraucht, um bis auf Seite 428 vorzudringen. Rechts von dieser Seite steht: Der Teil von den Verbrechen. Das Herzstück des Romans, die Beschreibung der Hölle. Ich zögere erst einmal, nun schon seit Freitag, weiter zu lesen; ein Innehalten scheint mir angemessen.

Deshalb jetzt hier kurz etwas zu Handlungssträngen, zu Motiven, zu Personen. (Ich wurde ja gebeten, etwas zu schreiben. [*]) Im ersten Teil, Der Teil der Kritiker, werden vier Germanisten eingeführt, die das gemeinsame Interesse am rätselhaften preußischen Romancier Benno von Archimboldi zusammenbringt. Bolaño beschreibt ausführlich das Beziehungsgeflecht zwischen dem Franzosen Pelletier, dem Spanier Espinoza, dem Italiener Morini und der Engländerin Norton. Es gibt kultivierte Gespräche, akademisches Geplänkel, man jettet von Archimboldi-Kongress zu Archimboldi-Symposium, publiziert zwischendurch so viel man kann, und siehe da: Archimboldi steigt vom Geheimtipp zum vermeintlichen Nobelpreiskandidaten auf. Doch der Mensch selbst bleibt ein unauffindbares Phänomen.

Zwischendurch gibt es einen schockierenden Gewaltausbruch dieser hochkultivierten Menschen. Espinoza und Pelletier verprügeln in London einen pakistanischen Taxifahrer, der sie und Norton beleidigt hatte.

Nachdem sie von ihm abgelassen hatten, versanken sie für Sekunden in die seltsamste Ruhe ihres Lebens.

Die drei fühlen sich wie nach einem Orgasmus. (S. 99)

Es kommt das Gerücht auf, Archimboldi sei in der mexikanisch-amerikanischen Grenzstadt Santa Teresa gesehen worden. Pelletier, Espinoza und Norton brechen dorthin auf. Man sucht Archimboldi mit Hilfe von Amalfitano, ein chilenischer Philosophieprofessor, der im zweiten Teil des Romans im Mittelpunkt stehen wird. Noch plänkelt man, ist auch hinsichtlich Archimboldis Rang spitzfindig. (S. 153)

»Ich dachte«, sagte Amalfitano, »der beste deutsche Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts sei Kafka.« »Gut, dann der beste deutsche Nachkriegsschriftsteller oder der beste deutsche Schriftsteller der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts«, sagten die Kritiker. »Haben sie Peter Handke gelesen?« fragte Amalfitano. »Und Thomas Bernhard?« Uff, sagten die Kritiker, und von da an bis zu dem Moment, wo sie die Frühstückstafel aufhoben, fielen sie über Amalfitano her, bis sie aus ihm eine Art Periquillo Sarniento gemacht hatten, gerupft und gevierteilt.

Aber nun beginnen die schrecklichen Träume, Vorahnungen kommen auf, Stimmen werden gehört – in Santa Teresa ereignen sich seit Jahren bisher unaufgeklärte Frauenmorde, in schier unglaublicher Zahl. Angst ist das vorherrschende Gefühl. Es scheint, dass aus Santa Teresa niemand unbeschadet wieder herauskommt. Norton versucht es, sie reist ab, geht zu Morini nach Turin. Pelletier und Espinoza diffundieren irgendwie, Santa Teresa saugt sie auf. Abrupt bricht der erste Teil ab.

[1] Ich mache das ganz frei von einem bei literarisch, cineastisch, kunsthistorisch und philosophisch Gebildeten möglicherweise vorhandenen, auch pathologischen Zwang, all die offenen und versteckten Querverweise, Zitate, Anspielungen in 2666 deuten zu müssen. Ich bin so frei, und kann einfach nur lesen. Jedenfalls fast. Zu 2666 siehe auch das Blog zwei666.de, Rezensionsnotizen mit ganz überwiegend positivem Echo beim Perlentaucher, sowie eine vor allem kritische Rezension beim Begleitschreiben.

arabesken.juergen-luebeck.de

5 Responses to “2666: Die Kritiker, Amalfitano und Fate (Teil I)”

  1. Andreas Gierth

    Ich bin so frei und erlaube mir die Bemerkung, dass ich Ihr Bekenntnis am Ende des Beitrages etwas merkwürdig finde. Wahrscheinlich gehöre ich zu denen von Ihnen angesprochenen Gebildeten. Allerdings leide ich nicht unter dem “pathologischen Zwang”, inhaltliche und formale Strukturen von Literatur aufdecken zu müssen. Es macht mir Spaß. Ich lese so. Und diese Art zu lesen erhöht erheblich meinen Genuss. Ich kann auch “einfach nur lesen”. Ich mache das gerne mit Krimis. Sie sind für mich, wie Gottfried Benn mal sagte, “Radiergummi fürs Gehirn”

  2. Andreas Gierth

    Mein Beitrag taucht zweimal auf. Beim ersten Mal ist der letzte Absatz aus Versehen mit reingerutscht. Er ist ein Teil aus dem von mir kommentierten Beitrag.
    Wie kann man eigentlich einen bereits abgeschickten Beitrag zurückrufen, um gegebenefalls etwas zu löschen? Geht das überhaupt?

  3. Günter Landsberger

    “Ich bin so frei, und kann einfach nur lesen.” (heißt es im Schlusszitat von JL)
    Gerade wenn man “einfach nur liest”, wie auch ich es tue, wird einem auffallen, dass es manche (!) Bücher gibt, die es zusätzlich mit Anspruch darauf anlegen, einen besonders dichten Verweisungszusammenhang aufzubauen; im Fall von “2666″ primär um der Gesamtaussage willen, aber auch um dadurch tendenziell jedem neuen Leser… ganz individuell ein je eigenes Buch zu schenken.

  4. Juergen

    @Günter Landsberger: Das sehe ich ja auch so, man kann das Buch auch genießen, ohne den Verweisungszusammenhang aufzutröseln. Man kann, muss sich aber für diesen gar nicht interessieren.

  5. Marvin Kleinemeier

    Auch wenn ich mich für mein Alter für relativ belesen halte, hätte ich sehr viele Querverweise ohne die Beiträge auf diesem Blog gar nicht erst entdeckt. Diese Tatsache lässt mir meist gar keine andere Wahl, als das Buch “einfach nur zu lesen”.

    Und ich vertrete noch einmal die Meinung, dass es eine Million Arten gibt, Bolaño zu lesen – und jede ist die richtige!

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