Stephan Schäff: Buch der 2666 Listen

Gestern bin ich mit der englischen Version von 2666 fertig geworden. Mit einem Seufzer. Und ein Aspekt ist mir besonders aufgefallen: Roberto Bolaños 2666 hätte mit “Das Buch der Listen” einen adäquaten Titel gehabt. Es gibt nichts, was nicht aufgelistet wird: osteuropäische Flüsse, Gegenstände, Treffen, Stilblüten, Philosophen und nicht zuletzt Mädchen- und Frauenleichen.

Nun hat ein anderer Schriftsteller sich gerade dieser Tage mit dem Phänomen der Listen auseinandergesetzt. Umberto Eco hat in Paris eine Ausstellung zum Thema eröffnet, dazu ein sehr hübsches Buch gemacht, das sicher auch Herrn Bolaño gefallen hätte und dem SPIEGEL ein Interview gegeben, in welchem er auf die Natur von Listen und ihre Bedeutung im Leben und in der Literatur eingeht (leider finde ich es nur auf Englisch: ‘We Like Lists Because We Don’t Want to Die’).

Im SPIEGEL-Gespräch sagt Eco: “We have a limit, a very discouraging, humiliating limit: death. That’s why we like all the things that we assume have no limits and, therefore, no end. It’s a way of escaping thoughts about death. We like lists because we don’t want to die.” (Wir haben eine Grenze, eine sehr entmutigende, demütigende Grenze: den Tod. Das ist der Grund, warum wir alle Sachen mögen, von denen wir annehmen, dass sie keine Grenze und deshalb kein Ende haben. Es ist eine Möglichkeit, den Gedanken an den Tod zu entfliehen. Wir mögen Listen, weil wir nicht sterben wollen. – eigene Übersetzung)

Gerade auf den letzten Seiten von 2666 erhält der Tod, besser gesagt das Sterben, eine prominente Bedeutung. Die Protagonisten wehren sich gegen den Tod, den eigenen, den von geliebten Menschen, sie haben Angst, sie machen sich Sorgen, das Haus nicht ordentlich bestellt zu haben – sie reisen nach Santa Teresa, was als Symbol für das Sterben legitim diskutiert werden kann.

Das ist ganz anders als die gesichtslosen Toten in Santa Teresa, diese unendliche Liste toter Frauen, die gesichtslos bleiben, die ganz selten andere Attribute als äußere erhalten.

Ich weiß nicht, wann Bolaño was geschrieben hat. Aber es wirkt so, als würde der Tod – vielleicht der Tod des Autors – immer mehr von der abstrakten Ebene auf die Gefühlsebene überführt. Die Listen gehen zu Ende, es bleibt der eine kleine Eintrag.

4 Responses to “Stephan Schäff: Buch der 2666 Listen”

  1. Marvin Kleinemeier

    Ganz zu Beginn des zwei666-Projektes habe ich in der Ankündigung zu Bolaños 2666 oft den Tod des Autors erwähnt und bin auf harsche Kritik gestoßen. Denis Scheck sagte in seinem Beitrag zu Unendlicher Spass und 2666, dass der Tod der beiden Autoren stark zu deren Mythos beitragen würde, jedoch nichts zu deren Verständnis. Bei 2666 stimme ich dem nicht vorbehaltlos zu. Bolaño hat es nunmal in der Erwartung einer Spenderleber geschrieben, also auch mit der ständigen Gewissheit, dass es nicht klappen, sein Leben bald zu Ende sein könnte. Dass dieser Umstand keinen Einfluss auf das Spätwerk Bolaños haben soll, zweifle ich stark an! Und auch wenn ich hiermit vielleicht wieder gedankenlos den romantischen Mythos befeuere, 2666 wirkt für mich, als sei es absichtlich für die Ewigkeit angelegt.

  2. Günter Landsberger

    Unschwer vorauszusagen: “2666″ wird als Werk bleiben.
    (Nach diesem großen Buch konnte ich nur wieder ein großes Buch lesen: Dostojewskijs “Ein grüner Junge”. Ich bin da noch mittendrin.)

  3. Günter Landsberger

    Auf keinen der fünf Teile von “2666″ möchte ich verzichten, auch nicht auf deren raffinierte Korrespondenz untereinander. Indessen: den fünften Teil des Romans mag ich besonders. Bald kann ich ja auch sagen warum.

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

twitter-widget.com