Keuschnig: Litanei der Leichenfunde

Der vierte Teil beginnt im Jahr 1993 (endet Ende 1997) und listet litaneiartig die teilweise fürchterlich entstellten Leichenfunde auf. Es sind einhundertvier tote Frauen (vom zehnjährigen Kind bis zur reifen Ehefrau) auf dreihundertzweiundvierzig Seiten. Trotz diverser Exkurse, beispielsweise über einen vermutlich sakrophobischen Kirchenschänder, der unterschiedlichen Charaktere der Gerichtsmediziner von Santa Teresa, den Frauenwitzen der Polizei, einem Snuff-Video-Ring (der dann doch nicht zu existieren scheint) und dem Besuch eines amerikanischen Profilers, der die örtliche Polizei unterstützen soll – unweigerlich beginnt der durch Lektüre und entsprechende Filme konditionierte Leser kriminalistische Überlegungen, sucht nach einem Schema, nach Gemeinsamkeiten, kurz: er betätigt sich als Amateurkommissar, folgt den Spuren, entwickelt Theorien, versucht, “Täterprofile” zu phantasieren. Dies alles bleibt jedoch fruchtlos; das Buch verweigert sich jeder Aufklärung. Zu unterschiedlich die Art und Weisen der Ermordungen (auch hier werden stets alle Einzelheiten ausgebreitet – vom Verwesungszustand bis zum Interesse der medizinischen Fakultät von Santa Teresa an dem Leichnam). Und zu verschieden die Opferprofile, obwohl es meist Arbeiterinnen aus den im Umland befindlichen Billiglohnfabriken sind.

Die Polizei ist überfordert, aber auch desinteressiert. Die Fälle werden häufig sehr schnell ad acta gelegt; Spurensicherung am Tatort ist meist ein Fremdwort und gibt es Spuren, die weiter verfolgt werden müssen, dann versagt merkwürdigerweise oft Kommunikationswege oder es gibt wider Erwarten kein Resultat. Als einige Opfer vorher in einem bestimmten Fahrzeugtyp (“Peregrino”) einsteigend gesehen wurden, werden die Ermittlungen in dem Moment eingestellt, als die Polizisten sich bei einigen dicken Fischen unbeliebt gemacht hatten, deren Söhne, die Jeunesse dorée von Santa Teresa, nahezu die gesamte Peregrino-Flotte der Stadt besaßen.

So sind die Kommissare desillusioniert oder korrupt oder beides (früh wird der potentielle “Nachwuchs” auf das bestehende System vergattert). Der Polizeichef wird mit dem amerikanischen Konsul, dem Bürgermeister und mit Personen, die als Drogenbosse verdächtigt werden, bei Festen oder Zusammenkünften gesehen. Offiziell gilt die Mordserie mit der Verhaftung von Klaus Haas als abgeschlossen, obwohl sie weitergeht. Später nimmt man noch eine andere Gruppe fest – mit ähnlichem Resultat. Haas beschuldigt aus dem Gefängnis heraus in einer Pressekonferenz eine in der Stadt hoch angesehene Familie der Morde, aber niemand glaubt ihm.

Von der Unmöglichkeit, zu weinen

Nur einer ragt da heraus: Der Mittdreissiger Juan de Dios Martínez. Er sichert noch gewissenhaft Spuren. Wo andere fünf Stunden brauchen um an den Tatort zu kommen, ist er in einer Stunde da. Er sucht und befragt Zeugen und er klärt Fälle auf (allerdings nur diejenigen, die nichts mit dem/den Serienmördern zu tun haben; auf die anderen wird er irgendwann gar nicht mehr angesetzt). Martínez ist die Kerze in diesem Panoptikum der Düsternis. Er hat ein Verhältnis mit einer rund fünfzehn Jahre älteren Ärztin und Leiterin einer Irrenanstalt, die er bei den Ermittlungen zum Kirchenschänder kennen- und liebenlernt. Die wohlhabende und gebildete Frau, die sich Martínez alle vierzehn Tage in ihrer Wohnung in einem festen Ritual hingibt, will einerseits diesen Ort verlassen und sich in Europa neu etablieren – ist aber andererseits dazu nicht in der Lage.

Es sind diese Szenen der Kontemplation (hier bleiben uns auch schlüpfrige Details aus der Zusammenkunft der beiden erspart), die dann aus dem Nachrichtenton und im Strudel der immer dichter werdenden Endzeitstimmung herausragen und diesen Teil des Romans zum lesenswertesten machen. So sitzt Martínez einmal im Auto, lehnte den Kopf an den Lenker und versuchte zu weinen, was ihm nicht gelang. Ein andermal geht ihm ein Fall so nahe, dass er den Kopf in die Hände vergrub und seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, seine alte, unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne. Er, der die Menschheit in diesem Moment noch retten könnte, vermag nicht mehr zu weinen.

Den ausführlichen Bericht zu Gregor Keuschnigs 2666-Lektüre findet man auf seinem Blog “Begleitschreiben“. Der hier veröffentlichte Ausschnitt gehört zu der sehr ausführlichen, gelungenen und eher kritischen Besprechung vom 10.10.09.

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