2666 / To 666 / 2.6.66 / 26 66 / 1.3.33

Ist 2666 eine Jahreszahl? Ein Symbol für die Unendlichkeit vielleicht? Oder handelt es sich um einen Geldbetrag, eine Hausnummer, eine sexuelle Position?
So umfangreich das Manuskript auch war: 2666 Seiten umfasste es dann doch nicht. Überhaupt findet die Zahl im Text selbst keinerlei Erwähnung…
In einem anderen Roman Roberto Bolaños allerdings taucht sie auf: In Amuleto (1999, deutsch 2002) wandert die Protagonistin durch das nächtliche Mexiko-City und vergleicht die Avenida Guerrero mit einem vergessenen Friedhof aus dem Jahre 2666, »einem Friedhof, vergessen hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässerigen Rest eines Auges, das etwas vergessen möchte und alles vergessen hat«.

Das schreibt Tobias Lehmkuhl auf roberto-bolaño.de. Die Stelle aus Amuleto (1999), die er zitiert, im kompletten Wortlaut:

…dann begannen wir die Avenida Guerrero hinunterzulaufen, die beiden gingen nun ein wenig langsamer als zuvor, und meine Stimmung wurde immer gedrückter. Die Avenida ähnelt um diese Stunde vor allem einem Friedhof, aber weder einem Friedhof von 1974 noch einem von 1968 oder 1975, sondern einem Friedhof im Jahre 2666, einem Friedhof, vergessen hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässerigen Rest eines Auges, das etwas vergessen möchte und alles vergessen hat.

Die Zahl wird also nicht willkürlich gewählt, sondern bewusst, sogar von anderen Jahreszahlen abgegrenzt. Geschichtlich ist zur Zahl 2666 nur der Exodus zu finden.

Die Forschung neigt dazu, das samaritanische (Pentateuch) für das älteste zu halten. Es zeigt sich, dass dem hebräischen Text ein Rechensystem zugrunde liegt, das den Auszug aus Ägypten auf das Jahr 2666 nach der Schöpfung berechnet. 2666 Jahre sind zwei Drittel einer Spanne von 4000 Jahren. Die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Urheber dieser Rechnungen mit seinen Zahlen aussagen wollte, dass beim Auszug aus Ägypten zwei drittel der gesamten Weltzeit, die er auf 4000 Jahre glaubte berechnen zu dürfen abgelaufen seien.

pictokon.net

Die Schilderung der Geschehnisse um den Auszug aus Ägypten (Exodus) folgt in ihrer Kerngestalt einem Muster, das in der Hebräischen Bibel oft wiederkehrt: Not des Volkes, das unter fremder Gewalt leidet; Auftreten eines charismatischen Befreiers als Gesandter Gottes; Errettung. Doch worin besteht bei Bolaño die Errettung? Vielleicht sind wir am 27. Dezember schlauer.

Viele Umformungen der Zahl 2666 oder Analogien zu ähnlichen Zahlen sind denkbar. Günter Landsberger schreibt in einem Kommentar auf zwei666.de:

Zu den gängigen Assoziationen, die schon der Titel “2666″ erweckt, seien meine eigenen vorläufigen hinzugenommen: Der Filmtitel “2046″ (Wong Kar-Wei) fällt mir ein, auch der Titel des Zukunftsromans Louis-Sébastien Merciers aus dem Jahre 1771: “L’An 2440. Rêve s’il en fut jamais”. Selbst das Zahlenspiel 1066+1600=2666 erscheint mir nicht ganz abwegig, auch nicht das durch Halbierung gewonnene Datum 1.3.33.

Eine weitere Verbindung innerhalb Bolaños Werk ist mir bei der Vorbereitung auf dieses Projekt in Die wilden Detektive aufgefallen. Dort findet sich im letzten Abschnitt III. Die Wüste von Sonora (1976) eine Stelle, die Bolaño in 2666 aufzugreifen scheint:

Cesárea redete irgend etwas über kommende Zeiten, obwohl die Lehrerin vermutete, daß sich Cesárea mit diesem Plan aus keinem anderen Grund als ihrer Einsamkeit beschäftigt hatte. Aber Cesárea faselte weiter von kommenden Zeiten, bis die Lehrerin, um das Thema zu wechseln, fragte, was das den für Zeiten seien, und wann das sei. Cesárea nannte ein Datum: Irgendwann um 2600 herum. Zweitausendsechshundert und ein paar Zerquetschte, und als die Lehrerin über eine so willkürliche Zahl lachen mußte, ein ersticktes Lachen, kaum zu hören, da fing auch Cesárea wieder an zu lachen, obwohl ihre Stimme diesmal nur in ihrem Zimmer zu hören war.

Die Dichterin Cesárea Tinajero, die in Die wilden Detektive geucht wird, arbeitet in einer der Fabriken an der mexikanischen Grenze, in deren Umfeld auch viele der Morde passiert sind, um die es in 2666 angeblich geht. Haben wir da vielleicht die Verbindung?

Oder ist das Ziel bereits klar, wenn wir 2666 als englisches To 666 aussprechen?

11 Responses to “2666 / To 666 / 2.6.66 / 26 66 / 1.3.33”

  1. Mark Z.

    Mich reizt der Gedanke den Titel als symbolische Jahreszahl zu verstehen. Also nicht 2666 im Sinne von “Zukunft in 655 Jahren”. Sondern im Sinne von “der Abgrund des Bösen (666) in der nicht so nahen und doch nicht fernen Zukunft”. Das englische “TO 666″ beinhaltet ein ähnliches Gefühl.

  2. Günter Landsberger

    Vielleicht noch eine Spur?

    Einer der poètes maudits, der “Verfemten”, wie ein Kapitel von RB’s “Die Naziliteratur in Amerika” ((1. Aufl. München 1999, S.63 – S.75) überschrieben ist, heißt “Andrés Cepeda Cepeda genannt “Der Jüngling”” (S.72) mit den Lebensdaten “1940″ – “1986″ und der Ortsangabe “Arequipa”.
    Mit Bezug auf bestimmte Gedichte Cepedas heißt es auf S.74 wie folgt:
    “Und was schlägt er vor “der Jüngling”? Worin besteht seine Prophetie? Rückkehr in die Eisenzeit, die er ungefähr auf die Epoche Pizarros datiert. Rassenkrieg in Peru (allerdings, wenn er Peru sagt, und dies ist vielleicht bedeutsamer noch als seine Theorie des Rassenkampfs, die sich im übrigen auf wenige Verse eindampfen läßt, so schließt er Chile, Bolivien und Ecuador mit ein). Später Auseinandersetzung zwischen Peru und Argentinien (zu Argentinien gehören auch Uruguay und Paraguay), der “Kampf zwischen Castor und Pollux. Ausgang unsicher. Vielleicht ist es die Niederlage beider Kombattanten, die er im Übrigen für das Jahr 33 des dritten Jahrtausends prophezeit. In den letzten drei Versen wird umständlich die Geburt eines blonden Kindes inmitten der friedhofsartigen Szenerie der Ruinen von Lima verkündet.” (a.a.O., S.74f)

    Das markante Datum (einer doppelten Niederlage in einem apokalypseähnlichem Szenarium mit pseudomessianischem Ausblick) lautet also hier: 2033.

  3. Günter Landsberger

    In Dostojewskijs erstem großen Roman “Verbrechen und Strafe” kommt es gleich im Anfangsteil zu zwei Frauenmorden, zu einem vom Mörder relativ lange schon geplanten Mord an einer Frau, einer alten wuchererischen Geldverleiherin, die gedanklich von ihrem schließlichen Mörder Raskolnikow bereits lange zuvor als “Laus” abgewertet worden war, und einem aus der Konsequenz dieses mörderischen Entschlusses unmittelbar zeitnah sich ergebenden, aber ungeplanten Mord an deren Schwester.

    Im Jahr 2666 wird – oder würde? – “Verbrechen und Strafe”, dieser große Durchbruchsroman Dostojewskijs, genau 800 Jahre alt sein.

    Weihnachten 1980, als der neunzehnjährige Jean-Claude Pelletier (“2666″, S.13 zufolge) in Paris zum ersten Mal ein Buch von “Benno von Archimboldi” las, war Dostojewskijs letzter große Roman “Die Brüder Karamasow”, der kriminalistisch gesehen, um Vatermord kreist, ziemlich genau 100 Jahre alt.

  4. Günter Landsberger

    In Dostojewskijs erstem großen Roman “Verbrechen und Strafe” kommt es gleich im Anfangsteil zu zwei Frauenmorden, zu einem vom Mörder relativ lange schon geplanten Mord an einer Frau, einer alten wuchererischen Geldverleiherin, die gedanklich von ihrem schließlichen Mörder Raskolnikow bereits lange zuvor als “Laus” abgewertet worden war, und einem aus der Konsequenz dieses mörderischen Entschlusses unmittelbar zeitnah sich ergebenden, aber ungeplanten Mord an deren Schwester.

    Im Jahr 2666 wird – oder würde? – “Verbrechen und Strafe”, dieser große Durchbruchsroman Dostojewskijs, genau 800 Jahre alt sein.

    Weihnachten 1980, als der neunzehnjährige Jean-Claude Pelletier (“2666″, S.13 zufolge) in Paris zum ersten Mal ein Buch von “Benno von Archimboldi” las, war Dostojewskijs letzter große Roman “Die Brüder Karamasow”, der kriminalistisch gesehen, um Vatermord kreist, ziemlich genau 100 Jahre alt.

  5. Günter Landsberger

    In Dostojewskijs erstem großen Roman “Verbrechen und Strafe” kommt es gleich im Anfangsteil zu zwei Frauenmorden, zu einem vom Mörder relativ lange schon geplanten Mord an einer Frau, einer alten wuchererischen Geldverleiherin, die gedanklich von ihrem schließlichen Mörder Raskolnikow bereits lange zuvor als “Laus” abgewertet worden war, und einem aus der Konsequenz dieses mörderischen Entschlusses unmittelbar zeitnah sich ergebenden, aber ungeplanten Mord an deren Schwester.

    Im Jahr 2666 wird – oder würde? – “Verbrechen und Strafe”, dieser große Durchbruchsroman Dostojewskijs, genau 800 Jahre alt sein.

    Weihnachten 1980, als der neunzehnjährige Jean-Claude Pelletier (“2666″, S.13 zufolge) in Paris zum ersten Mal ein Buch von “Benno von Archimboldi” las, war Dostojewskijs letzter große Roman “Die Brüder Karamasow”, der kriminalistisch gesehen, um Vatermord kreist, ziemlich genau 100 Jahre alt.

  6. Thorsten Krämer

    Da Bolano den Roman ja ursprünglich in fünf einzelnen Büchern veröffentlichen lassen wollte, zur sukzessiven finanziellen Versorgung der Familie nach seinem Tod, könnte der Titel auch ironisch auf diesen monetären Zusammenhang verweisen: 2666 war die PIN seiner Bankcard!

  7. Günter Landsberger

    Zwei Sätze aus Arnold Stadlers Essay über Johann Peter Hebels alemannisches Gedicht “Die Vergänglichkeit” (Stuttgart Berlin 1997, S.20f) borg ich mir jetzt aus und forme sie auf RBs Romantitel “2666″ hin wie folgt um:

    “Der Titel” des Romans, also “2666″, “steht, wie das vorwegnehmende Ganze im Fragment, als Überschrift des Dichters außerhalb.” …
    “Das Unsagbare kommt aber doch als” Roman “zur Sprache, das Unnennbare wird anschaulich.”

  8. Der Buecherblogger

    “Könnt ihr euch einen unendlich großen Friedhof vorstellen, Jungs?, fragte er sie. Die Gauchos sahen einander lächelnd an und meinten, dass es offen gestanden schwierig sei, sich so etwas vorzustellen, denn Friedhöfe seien für Menschen gemacht, und Menschen gebe es zwar sehr viele, aber gewiss nicht unendlich viele. Dieser Friedhof jedoch, von dem ich spreche, antwortete Pereda, ist das getreue Abbild der Ewigkeit.”

    Roberto Bolaño: “Der unerträgliche Gaucho” S. 33

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