Der ungeheure Möglichkeitsroman

Milo Rambaldi: italienisches Universalgenie, lebte von 1444 – 1496, entwickelte zahlreiche Techniken und Geräte, die seiner Zeit weit voraus waren, und verfasste mehrere Prophezeiungen, in denen er noch größere Entdeckungen ankündigte. Aus insgesamt 47 seiner Artefakte lässt sich sein größtes Werk zusammenstellen: Il Dire, eine Maschine, die die DNA-Sequenz einer lebenden Biowaffe ausgibt. In den fünf Staffeln der TV-Serie Alias rückt Rambaldi immer mehr in den Mittelpunkt, seine Prophezeiungen bestimmen vielfach den Verlauf der Handlung. Von einem einfachen MacGuffin entwickelt er sich immer mehr zum Motor der Geschichte. (s. http://en.wikipedia.org/wiki/Rambaldi)

Benno von Archimboldi hat mich sofort an Rambaldi erinnert, beider Name lässt an Renaissance-Genies denken, und offenbar übt er nicht nur auf die vier Kritiker eine ganz besondere Faszination aus. Es scheint, als habe auch der Leser eine Sehnsucht nach einer Person, die in allen Disziplinen bewandert ist, für die die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft fließend sind, die, kurz gesagt: die Welt erklären kann. Und vielleicht sogar ihren Lauf verändert. Das ist natürlich ein starkes Motiv, und auch ein sehr listiges. Denn der Verdacht liegt nahe, dass Bolaño mit solch einer Figur nicht etwa ein Selbstporträt im Sinne hatte, sondern ein Porträt des Romans, den wir gerade lesen.

Was mich auf den ersten Seiten von 2666 (Stand: S. 75) am meisten begeistert, ist denn auch der ungeheure Möglichkeitsroman, den er eröffnet. Es ist schlicht unmöglich zu sagen, in welche Richtung er sich entwickeln wird. Jeder der vier Kritiker könnte in den Mittelpunkt rücken (werden wir z.B. noch mehr über den “spektakulären und seltsamen Unfall” erfahren, der Morini an den Rollstuhl fesselte?), die Geschichte Archimboldis könnte erzählt werden, oder die der norddeutschen Witwe und ihrer undurchsichtigen Beziehung zum Schwaben, und was hat eigentlich dieser Absatz über die Frauenmorde in Sonora da verloren? Die große Hoffnung des Lesers ist natürlich, dass alle diese ausgelegten Fährten weiter verfolgt werden…

Und hier schließt sich der Kreis zu Alias. Der Serie, oder besser ihrem Schöpfer J.J. Abrams, wurde vorgeworfen, er habe die Versprechen, die er mit der ersten Staffel gegeben hatte, nicht eingelöst, er sei ein bloßer Meister des Teasers, aber sei bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er seine guten Ansätze auch weiter entwickeln und formen könne. Im Gegensatz dazu habe ich schon jetzt das Gefühl, dass Bolaño auf den nächsten 1000 Seiten seine Versprechungen mehr als halten wird.

Thorsten Krämer veröffentlichte 1999 den Roman “Neue Musik aus Japan” und hat  in den letzten Jahren sehr viele Texte für Kochshows geschrieben. In Kürze erscheint unter dem Titel “Cabrio” eine Sammlung von kürzeren Erzählungen.

0 Responses to “Der ungeheure Möglichkeitsroman”

  1. Thorsten Krämer

    Schöner Verschreiber: ich meinte natürlich MöglichkeitsRAUM, und habe gerade erst gesehen, dass ich tatsächlich MöglichkeitsROMAN geschrieben habe. Ist ja vielleicht auch besser so.

  2. Günter Landsberger

    ASSOZIATIONEN ZUM BAUDELAIRE-MOTTO VON „2666“

    In der Broschüre zur deutschen Ausgabe des Romans „2666“ wird auf Seite 15 Bolaño zitiert mit dem Satz: „Für den wirklichen Schriftsteller sind Bücher die einzige Heimat, Bücher, die auf Regalen stehen oder in seiner Erinnerung.“ Ersetzte man das Wort „Schriftsteller“ ohne jede sonstige Veränderung der Wortfolge durch das Wort „Leser“, wäre dieser Satz für mich noch immer stimmig, ja dann erst recht.
    So bin ich vor nicht ganz einer Woche sehr bereitwillig in diese Erzählwelt eingetaucht und heute auf Seite 201 angekommen. Auch den Titel „2666“ habe ich dabei nicht als Sperre, sondern als ein vielleicht irgendwann einmal offenbar werdendes Geheimnis betrachtet, als ein „offenbares Geheimnis“, was ein wirkliches Kunstwerk (insgesamt und im einzelnen) laut Goethe ja bekanntlich immer ist.

    Das wie in Analogie zu Dantes „Lasst alle Hoffnung fahren“ herausgestellte Baudelaire-Motto an der Schwelle zum Romananfang (S.7) beschwört die immer noch aktuellen Metaphern der Moderne herauf: Grauen, Wüste, Langeweile; in der Form geschichtsphilosophischer Gleichzeitigkeit ausgedrückt also: Poe, Nietzsche, Schopenhauer. Dennoch: die Akzentuierung des adoptierten Baudelaire-Satzes „Eine Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile“ öffnet weniger den Blick auf Schopenhauers oasenähnliche, vor allem als „Kunst“ und „Ästhetik“ identifizierbare „Lichtpunkte im Sansara“ als auf die Umkehrung des oasenhaft Schönen ins Grässliche inmitten einer bereits Nietzsche vorwegnehmenden Metapher von der alle Lebensverhältnisse prägend durchdringenden „Wüste der Langeweile“. In dieser Metapher „Wüste der Langeweile“ schießen für mich vorwegnehmend gleich zwei Nietzsche-Wendungen zusammen: einmal die Wendung von der „ewigen Wiederkehr des ewig Gleichen“ und jene ähnlich bekannte: „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten in sich birgt“. -
    Jetzt aber Baudelaire. Eigentlich ist ja eine Oase etwas erfrischend Lebendiges, Belebendes, vielleicht Beglückendes. Und nun tritt faute de mieux (mangels eines Besseren) das Grauen an seine Stelle. Dem nahezu entsprechend heißt es auch schon in Heines Gedicht „Anno 1829“: „Oh, daß ich große Laster säh, / Verbrechen, blutig, kolossal, – / Nur diese satte Tugend nicht, / Und zahlungsfähige Moral!“
    Und wenn wir uns an Walter Benjamins gelegentliche Definition des Glücks erinnern? Heißt es bei ihm nicht, Glück sei – wäre? – ein Zustand, in dem man „ohne Grauen“ seiner selbst innezuwerden vermöchte?
    Ist denn dann das Grauen – horribile dictu – der Platzhalter des verlorenen oder gar des vorenthaltenen Glücks?

  3. Der Buecherblogger

    Das Wort “Möglichkeitsroman” ist bestimmt kein einfacher Tippfehler, sondern eine ebenfalls zutreffende Beschreibung von “2666″. Bei mir löst dieses Wort sofort eine Assoziation mit einem anderen großen Romanfragment aus, dem “Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil. Sicher wird der Begriff überhaupt als literaturwissenschaftliche Beschreibung mehrerer großer Romane des 20.Jh. gebraucht, die auch in ihrer Erzähltechnik nicht mehr traditionell nur narrativ sind.
    Christian Gruber schreibt z.B.: “Musil verwandelt das [die Aufhebung von statischem Ich und den Dingen als einmalig Festgefügtes] in seinem “Mann ohne Eigenschaften” in einen Möglichkeitsroman, dem die Wirklichkeit in das ständig wandelnde Denkbare zerfällt”. Diese Art der sofortigen Relativierung jeder Aussage oder die Möglichkeit, eine handelnde Figur weiter zu verfolgen oder nicht, ähnelt mir doch sehr der Haltung des Erzählers in “2666″. Gern würde ich bei den “Wilden-Lesern” Musils Roman noch einmal lesen.

  4. Günter Landsberger

    Musils “Mann ohne Eigenschaften”? Ja. Warum nicht? Sehr gerne.

    Angezogen hat dieser Zusammenklang von Realitäts- und Möglichkeitssinn mich schon seit langem. Nur: die zeitraubenden Anforderungen meines Berufes haben mich seit über 40 Jahren daran gehindert, das riesige Romanfragmentfragment jemals ganz zu lesen. Ich habe immer wieder i n ihm gelesen. Sehr nahe war dieses L e b e n s werk RMs mir immer. Und in Mährisch-Weißkirchen bin ich auch schon gewesen. (Allerdings steht demnächst für mich auch noch Jean Pauls “Titan” zur Lektüre an. Und wo ist eigentlich Frau Dorota Federer mit ihrem “Ulysses”-Lektürewunsch geblieben?)

  5. Marvin Kleinemeier

    Auf meinen Lektürezettel stehen in diesem Jahr auch noch:

    Celine – Reise ans Ende der Nacht
    Perec – Das Leben: Eine Gebrauchsanweisung (Ich glaube hier hat Bolaño formal einiges abgepinnt)
    Faulkner – Licht im August

  6. Dorota Federer

    @ Günter Landsberger:
    ich existiere noch. Ich träume immer noch davon “Ulysses” zu lesen, schaffe das wahrscheinlich in den nächsten Monaten doch nicht – leider. Ich muss gestehen, dass ich “2666″ noch nicht fertig gelesen habe (Weihnachtsstress in der Buchhandlung, bevorstehender Arbeitsplatzwechsel, …) Aber ich gebe nicht auf!
    Einen guten Rutsch!

  7. Günter Landsberger

    @ Dorota Federer
    Danke!
    Wenn wieder bessere Zeiten für Dich und Deinen “Ulysses” kommen, (ich drück die Daumen), bin ich, wenn Du willst, gerne auch wieder dabei beim gemeinsamen Lesen und Schreiben darüber.
    Einen guten Rutsch wünsch ich auch Dir. Und dass sich alles zügig zu Deinen Gunsten klären möge.

  8. Der Buecherblogger

    Nun wollte ich Frau Federer mal auf ihrem Blog Bibliophilin besuchen, aber zumindest bei mir funktioniert bibliophilin.de
    nicht, nur sowas wie

    http://www.bibliophilin.de/?page_id=25

    Auch wenn ich auf “Home” dort klicke, erscheint nur HTML-Code.
    Naja, ist auch nicht so wichtig, ich schließe mich dem Neujahrswunsch von Herrn Landsberger an und stelle damit fest, dass es mehrere Lesewünsche außerhalb des lateinamerikanischen Sprachraums gibt:

    James Joyce: Ulysses
    Georges Perec: Das Leben Gebrauchsanleitung
    Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
    Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
    William Faulkner: Licht im August

  9. Der Buecherblogger

    Also dann zur Abwechslung (literarisch ja fast leider) in die EDV,
    wir kommunizieren im Internet (ein in keiner Hinsicht immer zuverlässiges Medium, aber welches, auch das Buch, ist das schon?
    Vielleicht Florita Almada (S. 520ff), über die wir noch gar nicht gesprochen haben, leider!
    Also mein erstes Betriebssystem ist neuerdings Windows 7 mit IE8, habe dort zwar Popup-Blocker, Anti-Virensoftware mit Firewall, aber daran liegts mit Bibliophilin glaube ich nicht. Zwei virtuelle Rechner fristen unter “Windows Seven” ihr geduldetes Dasein untergeordnet: “Windows Server 2003″ und “Ubuntu 9.10″, beide mit Internetzugang. Natürlich hab ich die Adresse auch dort mal ausprobiert, “IE6″ unter “2003″ und “Mozilla Firefox” unter “Ubuntu”. Jetzt bleibe nur noch ich als Fehlerquelle unter all diesen Maschinen. Marvin surft glaube ich Mac, da muß ich passen. Ich glaube, ich nerve nur. Wahrscheinlich spinnt mein ganzer Rechner und nicht nur ich. Guten Rutsch und ein Gesundes Neues Jahr allen “Belañonesen”:-)

  10. Günter Landsberger

    “Interessantes Lateinamerikanisches” soll es heißen.

  11. Der Buecherblogger

    Ein anderes Thema: Wäre der Hanser Verlag oder ein anderer nicht gut beraten, eine Werkausgabe Bolanos herauszugeben oder ist das aus lizenzrechtlichen, vielleicht auch marktwirtschaftlichen Gründen nicht möglich? Immer wieder stößt man auf interessante Bücher, die nicht einmal übersetzt sind, z.B. “El Tercer Reich” oder “Pista de hielo”…

  12. Marvin Kleinemeier

    *unter vorgehaltener Hand* während der Veranstaltung in Köln, dafür lege ich jetzt allerdings nicht mehr die Hand ins Feuer, hat Christian Hansen glaub ich erzählt, dass er gerade fertig ist das dritte Reich zu übersetzen…er bezeichnete es glaube ich als sehr offenes Werk, das man nicht wirklich als abgeschlossenes Werk bezeichnen kann. Bolaño will zu viel, waren glaube ich seine Worte.

    Diesen Kommentar bitte nicht wörtlich nehmen, der Abend liegt, wie gesagt, bereits einige Zeit zurück!

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