Günter Landsberger: Zum Baudelaire-Motto Von „2666“

In der Broschüre zur deutschen Ausgabe des Romans „2666“ wird auf Seite 15 Bolaño zitiert mit dem Satz:

„Für den wirklichen Schriftsteller sind Bücher die einzige Heimat, Bücher, die auf Regalen stehen oder in seiner Erinnerung.“

Ersetzte man das Wort „Schriftsteller“ ohne jede sonstige Veränderung der Wortfolge durch das Wort „Leser“, wäre dieser Satz für mich noch immer stimmig, ja dann erst recht.

So bin ich vor nicht ganz einer Woche sehr bereitwillig in diese Erzählwelt eingetaucht und heute auf Seite 201 angekommen. Auch den Titel „2666“ habe ich dabei nicht als Sperre, sondern als ein vielleicht irgendwann einmal offenbar werdendes Geheimnis betrachtet, als ein „offenbares Geheimnis“, was ein wirkliches Kunstwerk (insgesamt und im einzelnen) laut Goethe ja bekanntlich immer ist.

Das wie in Analogie zu Dantes „Lasst alle Hoffnung fahren“ herausgestellte Baudelaire-Motto an der Schwelle zum Romananfang (S.7) beschwört die immer noch aktuellen Metaphern der Moderne herauf: Grauen, Wüste, Langeweile; in der Form geschichtsphilosophischer Gleichzeitigkeit ausgedrückt also: Poe, Nietzsche, Schopenhauer. Dennoch: die Akzentuierung des adoptierten Baudelaire-Satzes „Eine Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile“ öffnet weniger den Blick auf Schopenhauers oasenähnliche, vor allem als „Kunst“ und „Ästhetik“ identifizierbare „Lichtpunkte im Sansara“ als auf die Umkehrung des oasenhaft Schönen ins Grässliche inmitten einer bereits Nietzsche vorwegnehmenden Metapher von der alle Lebensverhältnisse prägend durchdringenden „Wüste der Langeweile“. In dieser Metapher „Wüste der Langeweile“ schießen für mich vorwegnehmend gleich zwei Nietzsche-Wendungen zusammen: einmal die Wendung von der „ewigen Wiederkehr des ewig Gleichen“ und jene ähnlich bekannte: „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten in sich birgt“. -

Jetzt aber Baudelaire. Eigentlich ist ja eine Oase etwas erfrischend Lebendiges, Belebendes, vielleicht Beglückendes. Und nun tritt faute de mieux (mangels eines Besseren) das Grauen an seine Stelle. Dem nahezu entsprechend heißt es auch schon in Heines Gedicht „Anno 1829“: „Oh, daß ich große Laster säh, / Verbrechen, blutig, kolossal, – / Nur diese satte Tugend nicht, / Und zahlungsfähige Moral!“
Und wenn wir uns an Walter Benjamins gelegentliche Definition des Glücks erinnern? Heißt es bei ihm nicht, Glück sei – wäre? – ein Zustand, in dem man „ohne Grauen“ seiner selbst innezuwerden vermöchte?
Ist denn dann das Grauen – horribile dictu – der Platzhalter des verlorenen oder gar des vorenthaltenen Glücks?

21 Responses to “Günter Landsberger: Zum Baudelaire-Motto Von „2666“”

  1. Marvin Kleinemeier

    Das Grauen als Platzhalter des verlorenen oder gar des vorenthaltenen Glücks halte ich für ein sehr interessantes Bild, obwohl mein erster Impuls nach Aufnahme des Mottos ein anderer war. Der romantisch verklärte Unterton, der sich beim ersten Lesen unter meinen Brustkorb geschlichen hatte, wich schon beim zweiten und dritten Verinnerlichen des Mottos einem unterschwelligem Ekel. Vor meinem inneren Auge manifestierte sich das Bild eines blasierten, weltfremden Dandys, der Baudelaire ja lange Zeit war, ein Junge, der die Welt fühlen will und eine Oase des Grauens, an der er sich laben kann, der unendlichen Langeweile vorzieht, die ihn zu umgeben scheint. Ich habe mir Truman Capote im 19. Jahrhundert vorgestellt, auf der Suche nach Erlebnissen, die einen spüren lassen, dass man am Leben ist, ohne auf das Leben anderer Rücksicht zu nehmen. Der Gestus des Mottos scheint für mich derselbe zu sein, den 2666 ausmachen soll, Christian Hansen sprach von einer “Universalgeschichte der Niedertracht”.

    Dieses empfinden ist natürlich vollkommen subjektiv, wirkliche Baudelaire-Kenner werden mich korrigieren, aber wenn ein Motto einen geistig in das Thema eines Romans einführen soll, hat Bolaño es mit diesem Zitat wundervoll hinbekommen, zumindest in meinem Fall.

  2. Günter Landsberger

    Ergänzung: Auch “Abgrund”, ein weiteres der Schlüsselworte bei Baudelaire, kommt im ersten Teil von “2666″ recht häufig vor. -Zudem: Eine Stelle auf Seite 60 finde ich im erweiterten Baudelaire-Zusammenhang besonders interessant. Da ist die Rede von Nortons “Entrücktheit, einer verschwommenen Entrücktheit, die Baudelaire als Spleen und Nerval als Melancholie bezeichnet haben würde”. Wie die jeweiligen Schlüsselbegriffe der beiden französischen Dichter (“Spleen” und “die schwarze Sonne der Melancholie”) hier zusammengerückt werden, finde ich sehr erhellend, setzt mich auf neue (über RB’s “2666″ hinausgehende) Fährten.

  3. Dietmar Hillebrandt

    Cees Nooteboom hat in einer Preisverleihungsrede diesen Satz Baudelaires in bezug auf das Reisen vollständiger zitiert:
    http://www.zeit.de/1996/44/Im_Auge_des_Sturms.
    Daraus ginge hervor, das wir alle selbst diese “Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile” sind, ob wir nun reisend fliehen oder unbeweglich zu hause bleiben. Baudelaire bezog diesen Ausspruch also wohl auf den Bedeutungskomplex der Reise.
    Eine andere schlichte Erklärung des Mottos findet sich darin,
    hier wäre einfach der Ort Santa Teresa beschrieben.
    Den philosophischen Assoziationen G. Landsbergers oder der eher emotionalen Leseweise M. Kleinemeiers möchte ich gern eine ebenfalls schlichtere hinzufügen:
    Die “Oase des Grauens” wäre das Buch, in dem wir gerade lesen und “unserer Wüste der Langeweile” entgehen wir, indem wir lesen.
    @Kleinemeier
    Baudelaire mag ein Dandy, ein Bohemien gewesen sein, aber Ihr Ekel sollte sich mehr auf den Jungen von S. 35 mit seinem Dolch beziehen. W. Benjamin hat versucht, Baudelaire sowohl aus der bürgerlichen Rezeption als auch der sozialistischen (Brecht)
    in seinem unvollendeten “Passagenwerk” zu retten. Baudelaire war zu seiner Zeit mindestens ein genauso wichtiger Begründer der Moderne wie vielleicht zur Zeit Bolano.

  4. Günter Landsberger

    Einspruch: Mir ist nicht – eigentlich nie! – langweilig. Und ich las nie und lese auch dieses Buch nicht aus Langeweile.

  5. hansa-alexander lobo

    aus welchem baudelaire text ist das motto? blumen des bösen? schnelle antwort wär gut, danke

  6. Marvin Kleinemeier

    Aus dem Gedicht “Le Voyage”…

    “Une oasis d’horreur dans un désert d’ennui!”

  7. Der Buecherblogger

    Notes Toward an Annotated Edition of 2666 [by Natasha Wimmer, the english translator of "2666"]

    Epigraph: “An oasis of horror in a desert of boredom.
    Charles Baudelaire.”

    Bolaño rarely wrote about the liver condition that was the
    cause of his death, but in a lecture called
    “Literature + Illness = Illness” (dedicated to “my
    friend, Doctor Víctor Vargas, hepatologist”) he
    speaks directly and movingly about what it’s like
    to know that death may be near. Of the line from
    Baudelaire’s poem “Le Voyage” that became the
    epigraph of 2666, he writes: “And this is really
    more than enough. In the middle of a desert of
    boredom, an oasis of horror. There is no more
    lucid diagnosis for the illness of modern man.
    To escape boredom, to escape deadlock, all we
    have at at hand, though not so close at hand,
    because even here an effort is required, is horror,
    or in other words, evil.”

  8. Marvin Kleinemeier

    @Dietmar Hillebrandt

    Wo hast du das her? Annotated Edition?

  9. Der Buecherblogger

    Da das Baudelaire-Motto auch wie schon gesagt nicht nur den kommenden Inhalt des Buches atmosphärisch und inhaltlich sehr gut beschreibt, sondern auch den fiktiven Ort “Santa Teresa” (Ciudad Suarez)vorwegnehmend beinhalten könnte, möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, das der Ortsname “Santa Teresa” auch noch eine zweite reale Entsprechung haben könnte. Seit ich in “2666″ über die Kochbücher (welch Ironie!) von Juana Inez de la Cruz”, (sie schrieb ein Gedicht “Der Traum…”) gestolpert bin, geht mir diese Frau irgendwie nicht mehr aus dem Kopf. Nun fand ich an anderer Stelle, dass das Karmeliterkloster, heute Universitätsgebäude in Mexiko Stadt, in dem diese mexikanische Nonne und Dichterin mehr als 20 Jahre lebte, den Namen “Santa Teresa” trägt. Außerdem erinnere ich mich natürlich an den Kirchenschänder im 4. Teil. Eröffnet dies nicht einen ganz neuen Bedeutungshorizont für den fiktiven Ort “Santa Teresa”? Ist der Glaube Teil des Grauens?

  10. Günter Landsberger

    Die mögliche Analogie zu Juan Carlos Onettis “Santa Maria” ist dabei wohl auch nicht zu unterschätzen.

  11. Dietmar Hillebrandt

    Danke für den Hinweis! Ich bin ein Grünschnabel, was lateinamerikanische Literatur betrifft und auch in der Philosophie ist der Juvavist (auch ein Ortsname) belesener als ich. Onetti habe ich noch nicht gelesen, bin aber sehr neugierig. Bleibt mir nur der Hinweis auf ein ebenfalls noch nicht gelesenes Buch:
    Mario Vargas Llosa: “Die Welt des Juan Carlos Onetti”. Ein Essay. 1. Aufl. Suhrkamp 2009. Das erste Unterkapitel dort lautet:
    “Der Weg nach Santa María”. Vielleicht beeinflußte das Werk Onettis auch die Namensfindung Bolanos in Bezug auf “Santa Teresa”. Auch das nur eine ungesicherte Vermutung.

  12. Günter Landsberger

    Ich bin da ziemlich sicher. Onetti ist auch der gleiche Jahrgang wie der fiktive Ansky. Beide sind Jahrgang 1909. -
    Aber es wird immer eine Vielzahl, ein Konglomerat von Einflüssen geben. Eine einsinnige, einlinige Zuordnung, glaub ich, verbietet sich.

  13. Günter Landsberger

    Noch ein Nachtrag zu “Santa Teresa”. Ist die ganz erstaunliche Frau und Schriftstellerin und Mystikerin und Heilige der katholischen Kirche, die unter dem Namen Teresa von Avila bekannt ist, nicht auch die Schutzheilige Spaniens und insbesondere die der Schriftsteller? Oder irre ich mich da?

  14. Der Buecherblogger

    Nach kurzer Recherche ist das richtig, sie lebte ein Jahrhundert früher und war eine katholische Mystikerin, die den Karmeliterorden gegründet hat. Sor Juana Ines de la Cruz lebte von 1651- 1695 sogar auch in einem Karmeliterkloster Santa Teresa. Das Buch von Octavio Paz: “Sor Juana…und die Fallstricke des Glaubens” habe ich nicht gelesen. Nach den Bemerkungen von Hermann Weber zu diesem Buch:

    http://www.weberhermann.de/Texte/sor-juana.pdf

    scheint mir aber die Nähe der mexikanischen Nonne, Dichterin und für die Bildung und Literatur der Frauen und ihre Sexualität eintretende Nonne, die sich wahrscheinlich zu Frauen hingezogen fühlte und von der Inquisition verfolgt und an der Pest starb,
    mehr der gefühlten “negativen Theologie” Bolaños zu entsprechen als Teresa von Avila.

  15. Günter Landsberger

    Bezogen auf Aussagen, die man über Gott machen kann, wäre “negative Theologie” jedoch ein Ernstmachen damit, dass man über Gott keine gesatzt positiven Aussagen machen kann, immer wieder nur sagen kann, was er n i c h t ist. Diese Haltung ist gerade bei den großen Mystiker…n anzutreffen.

  16. Der Gedichteblogger

    Nachdem nun “Der unerträgliche Gaucho” auf meinem Schreibtisch liegt, habe ich dort den “bewegenden Text über Literatur und (die eigene Krankheit” (Klappentext) “Literatur + Krankheit = Krankheit gelesen, in dem Bolaño kurz vor seinem Tod auch auf das Gedicht “Le Voyage” aus ” Les Fleurs du mal” von Baudelaire eingeht. Ich möchte daraus etwas zitieren:

    “… eines der schrecklichsten Gedichte, die ich gelesen habe – das von Baudelaire -, ein k r a n k e s Gedicht, ein auswegloses Gedicht, aber möglicherweise das luzideste des ganzen 19. Jahrhunderts” (Der unerträgliche Gaucho, S. 155)

    “Ein bitteres Wissen ist´s, das wir erlernt auf Reisen!
    Die kleine Welt bleibt stets sich gleich, und gestern, heut´
    Und morgen kann sie uns das eigene Bild nur weisen:
    Ein Quell des Schreckens, den des Grames Wüste beut! [bietet]
    (übers. v. Carl Fischer, München 1976)

    [Amer savoir, celui qu´on tire du voyage!
    Le monde, monotone et petit, aujourd´hui,
    Hier, demain, toujours, nous fait voir notre image:
    Une oasis d´horreur dans un désert d´ennui!]
    (Les Fleur du Mal)

    An diesem Vers haben wir, ehrlich gesagt, mehr als genug. Inmitten einer Wüste der Langeweile eine Oase des Grauens. Es gibt keine hellsichtigere Diagnose der Krankheit des modernen Menschen. Das einzige, was uns zur Verfügung steht, um der Langeweile zu entfliehen, den toten Punkt zu überwinden – aber nicht so ohne weiteres, auch hierfür bedarf es einer Anstrengung -
    ist das Grauen, das heißt: das Böse.”

    In einer Oase gibt es zu trinken, zu essen, hier kann man sich seine Wunden verbinden lassen, ausruhen, aber wenn es sich um eine Oase des Grauens handelt, wenn es nur Oasen des Grauens gibt, dann kann der Reisende, jetzt aber überzeugend, bestätigen, dass das Fleisch müde ist und eines Tages alle Bücher gelesen sind und Reisen eine Illusion ist. Heute scheint alles dafür zu sprechen, dass nichts als Oasen des Grauens existieren oder jede Oase dabei ist, sich in eine Oase des Grauens zu verwandeln.”

    “Ich nehme an, ich will sagen, das Kafka begriff, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgend etwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das N e u e, das, was immer schon da war.”

    Wieder ein Rückbezug auf Baudelaire, denn die letzte Zeile von “Le Voyage” lautet:

    “Au fond de l´Inconnu pour trouver du n o u v e a u!”

    Ich glaube damit wird insgesamt noch einmal sehr deutlich, dass mit diesem Motto eine Befindlichkeit unserer selbst in einer grotesken Welt gemeint ist, unser aller Spiegel- oder Trugbild.
    Aber auch wenn es nichts Neues zu finden gäbe, wir sind dazu verdammt oder damit beschenkt, suchen zu müssen.

    So bleibe ich ein Suchender hinter dem Vorhang ihrer Augen
    Der oft undurchdringlich das verbirgt
    Was keinen Namen hat und auch kein Morgen

  17. Günter Landsberger

    EIN VERSTECKTER KOMMENTAR ZU “2666″ UND ZU ANDEREN WERKEN
    Roberto Bolaños?

    „2
    Auf halber Strecke, Vater, weder Fisch noch Fleisch, irren wir auf diesem großen Müllhaufen umher, gehen in die Irre, morden und bitten um Verzeihung. Manisch-Depressive in Deinem Traum, Vater, dem grenzenlosen, den wir tausend Mal ausgeweidet haben und weitere tausend Mal, lateinamerikanische Detektive, verirrt in einem Labyrinth aus Glas und Schlamm, durch den Regen reisend, Filme sehend, mit Greisen darin, die schreien, Sturm! Sturm! Mit einem letzten Blick auf die Dinge, aber ohne sie zu sehen, Gespenster, Frösche tief im Brunnen, Vater, verloren im Elend deines utopischen Traums, in der Vielfalt deiner Stimmen, Deiner Abgründe, depressive Maniker im unbetretbaren Saal der Hölle, wo Deine Witze braten.“

    Begnügen wir uns doch hier fürs erste mit der deutschen Übersetzung der 2. Station der Traumwegstrecke von Roberto Bolaños „Spaziergang durch die Literatur“, ohne auf das spanische Original auch nur hinzublinzeln. Auch so schon ahne ich, dass der sprachliche Wechsel „Manisch-Depressive“ und „depressive Maniker“ dem Übersetzer Heinrich von Berenberg und seiner Wortwiederholungsvermeidungsmanie geschuldet ist. Ob die doppeldeutigen Appositionen des Übersetzungstextes auch schon im Originaltext zu finden sind, auch dies prüfe ich hier noch nicht nach, halte es immerhin für möglich.
    Wie steht es aber mit der Anrede „Vater“?
    Dürfte, müsste diese Anrede als eine an Gott gerichtete verstanden werden, erhielte der ganze Text – von Anfang an oder im Nachhinein – den Charakter eines verzweifelten Gebetes.
    Wer ist aber mit „wir“ gemeint?
    Als Hilfe zu einem womöglich besseren Verständnis werden ja einige Selbstcharakterisierungen und Erläuterungen gegeben, die dieses „wir“ etwas eingrenzen.
    Der Sprecher dieser Wir-Gruppe, als wie groß und umfassend sie auch immer gemeint sein mag, sieht diese Gruppe, der er, ohne selber hier als Ich in Erscheinung zu treten, offenbar zugehört, in einem andauernden Zustand des Sich-Verirrens und des Sich-Verirrthabens. Der Ort dieser Irrfahrt, dieses In-die-Irregehens wird als ein „großer Müllhaufen“ bezeichnet. Wieder stellt sich – zusätzlich zur nahen Metapher „Kloake“ – eine ins Umfassendere gehende Assoziation ein: die vom „Müllplaneten Erde“, aber auch die vom „Schüdderump“ (Raabe) der Geschichte. Eine Parallelbenennung im Text selber gibt es außerdem noch: „ein Labyrinth aus Glas und Schlamm“. Darin habe sich die Wir-Gruppe, die hier – in erster Linie metaphorisch gemeint und wohl auch auf die Erkundungsversuche von Schriftstellern bezogen – mit „lateinamerikanischen Detektiven“ gleichgesetzt wird, verirrt. Aber noch mehr Synonyme zum Wir“ werden gebildet: Irrgänger, Mörder, Um-Verzeihung-Bittende, Manisch-Depressive, Traumfiguren im vom „Vater“ geträumten (großen? umfassenden?) Traum.
    Aber wieso „auf halber Strecke“? Auf welchem Weg, mit welchem Ziel? (Darf ich hier an Hölderlins Zweistrophengedicht „Hälfte des Lebens“ denken? Oder an den Anfang der „Divina Commedia“ Dantes?)
    Der „Vater“, so heißt es, habe einen grenzenlosen Traum gehabt (und träume ihn immer noch?) und „wir“ (die lateinamerikanischen Detektive und Schriftsteller? die ganze Menschheit?) hätten uns in diesem Traum verirrt, hätten uns „im Elend“ diese „utopischen (!, GFL) Traums“ „verloren“. „Vielfältig“ seien die „Stimmen“ des „Vaters“ und „vielfältig“ seine „Abgründe“. Die besonders enttäuschten, da zuvor manischen Utopisten nehmen in ihrer aus der Erfahrung des Verirrtseins (und zwar eines ausweglos erscheinenden) erwachsenen Depression den Zustand endgültigen Scheiterns bereits vorweg: Sie befinden sich innerlich bereits in einem „Saal der Hölle“, ohne äußerlich dort schon angelangt zu sein. Ist dieses paradoxe Bild „vom unbetretbaren Saal der Hölle“, in dem sie sich dennoch zugleich auch schon befinden, sofern sie sich „im Elend“ des „utopischen“ Vater“traums verloren“ haben, nicht bereits die Vorwegnahme dessen, was sich für RB unter der Chiffre „2666“ wohl verborgen haben mag. So will es mir jedenfalls scheinen, wohl wissend, dass ich dabei ganz meiner Intuition folge.

    Gleichviel. Die apokalyptischen, endzeitlichen Töne in diesem Text sind nicht zu überhören: „Sturm! Sturm!“ -

    PS.:
    Vielleicht wäre es ein guter Rat, den Text versuchsweise auch einmal als Bolaños Antwort auf Nietzsches Parabel- und Grundtext der Moderne „Der tolle Mensch“ zu lesen (darin: „wir haben ihn getötet“, „wir Mörder aller Mörder“) und vielleicht auch als dessen heutige Ergänzung

  18. Wilde-Leser.de » Der Teil der Kritiker (- S. 72 HC / 75 TB)

    [...] Heute geht es los! In dieser Woche (26.9. – 2.10.) schauen wir uns noch einmal die ersten ca. 70 Seiten von 2666 an. Wir greifen nicht vor! Zum Einstieg empfehle ich den neuen Bolañisten, die das Buch zum ersten Mal lesen noch die Beträge zum Titel 2666 und zum Baudelaire-Motto, das dem Roman vorausgeht. [...]

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