Ein Akt der Verschwendung

Rote Wolken stehen wie eingefroren am Himmel. Ein Gefühl wie Herbst. Ich mag das Geräusch nicht, das meine Schuhsohlen auf dem löchrigen Asphalt erzeugen, doch es gibt meinen Gedanken den Takt vor, in dem sie sich verlieren können. In meiner Jackentasche umschließe ich mit der rechten Hand ein eingerolltes Notizheft, in der linken Hand bewege ich einen ungespitzten Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Etwa zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt, wenn man einer einspurigen Landstraße folgt, die mit künstlich angepflanzten Apfelbäumen gesäumt ist, erreicht man eine verlassene Jugendherberge, vor der ein vertrockneter Brunnen in die Dunkelheit führt. Die meisten Fensterscheiben sind eingeschlagen oder mit Holzbrettern verriegelt. Im Innenhof wuchert kräftiges Grün aus den Rissen im Beton. Eine kleine Treppe führt hinauf zum ehemaligen Speisesaal. Ich setze mich auf die oberste Stufe, nehme das Notizheft mit der Aufschrift “Bolaño 2009/01” aus der Jackentasche und schlage die erste Seite auf. “an oasis of horror in a desert of boredom” habe ich dort mit spitzer Bleistiftmine in das Papier geritzt. Darunter in Großbuchstaben das Wort “EKEL”. Und etwas kleiner darunter das Wort “verklärt”, in schiefen, unleserlichen Glyphen.

Ich blättere wahllos durch die Aufzeichnungen, die im Juni entstanden sind, kurz nachdem die amerikanische Ausgabe von 2666 in meinem Briefkasten gelandet war. Ich hatte damals die ersten 50 Seiten gelesen und etwa genauso viele Seiten mit Notizen gefüllt, bevor ich das Buch zur Seite legte und die Idee zu zwei666.de hatte. Jetzt, etwa drei Monate und drei Notizhefte später, ließ ich meine damaligen Betrachtungen bei der Lektüre der ersten 70 Seiten der deutschen Übersetzung außer Acht. Das Gefühl, mit dem ich das Buch dieses Mal in die Hand nahm, unterschied sich grundlegend. All die Rezensionen, Artikel zu Bolaño und die Auseinandersetzung mit früheren Werken steigerte meine Erwartung an 2666 ins Unermessliche, und belegte mich so mit einem ungewollten Druck, dem ich als Leser und Bolaño als Schriftsteller standhalten musste. Wenn ich jetzt durch die verträumten Juninotizen streune, bereue ich diese Herangehensweise. “Für den wirklichen Schriftsteller sind Bücher die einzige Heimat, Bücher, die auf Regalen stehen oder in seiner Erinnerung.” Im Juni, so scheint es mir, hatte ich mir in den ersten 50 Seiten eben dieses Heim eingerichtet, hatte mich eingelebt und war im Begriff sesshaft zu werden. Bei der zweiten Lektüre scheint es mir hingegen, fühlte ich mich wie ein Urlauber, der sein frisch bezogenes Hotelzimmer nach fleckiger Bettwäsche und anderen Mängeln absucht. So wie es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt, bekommt man keine zweite Möglichkeit, einen Roman das erste Mal zu lesen, völlig unbedarft in das Fremde einzutauchen und die Wirkung unverfälscht zu spüren, bevor die Verwischung der eigenen Interpretation sich mit äußeren Einflüssen vereint und das Werk in einer Gedächtnisschublade mit vorgefertigtem Namensschild versenkt.

Etwa auf Seite 21 der Notizen findet sich, in der Mitte der Seite, von zwei komplett durchgestrichenen Absätzen eingeklemmt, die Notiz: “Satz über fünf Seiten. Kein Punkt. Mehr Substanz als mancher Roman.” Der Satz von dem hier die Rede ist, findet sich in der deutschen Ausgabe auf den Seiten 30 bis 36. Ein Satz, bei dem einem während des Lesens der Übersetzer Christian Hansen gedanklich gegenübersitzt und Leid tut. Und auch wieder nicht. Denn dieser Satz scheint geradezu eine Vorlage zu sein, ausländische Übersetzer zu wahrer Meisterschaft anzutreiben. Trotzdem bleibt die Frage, wie Hansen diesen Wortwald angegangen ist. Die Geschichte selbst, ist nur für den nachvollziehbar, der von Natur aus mit einem hohen Maß an Ehrgeiz gesegnet und gestraft ist. Der Junge, der absichtlich die beiden letzten Rennen verlieren muss, obwohl er schon das Erste aus Mitleid verloren gegeben hatte, ist eine ebenso nachvollzieh- wie undurchschaubare Figur. “Irgendwann hätte er sie getötet”, erklärt Archimboldi der Erzählerin der Geschichte auf Seite 37. Einen Akt der Verschwendung nennt er sowohl das absichtlich verlorene Rennen als auch den möglichen Mord, der darauf irgendwann gefolgt wäre. Ein Akt der Verschwendung. Verschwendung, ein eigentlich sehr negativ konnotierter Begriff, besitzt in der Philosophie einen weitaus positiveren Klang. Dort wird häufig von “Gabe” gesprochen, die in diesem Fall vielleicht eher zutrifft. Denn ist eine Verschwendung nicht eigentlich etwas, das niemandem wirklich nutzt? Das Handeln des Jungen könnte man doch eher als uneigennützig beschreiben. Sein Gegner hat definitiv Gewinn daraus geschlagen, also kann man doch nicht wirklich von Verschwendung sprechen? Oder kann ein Mensch gar nicht uneigennützig sein, da jede noch so selbstlos wirkende Geste doch einzig dazu dient, mit sich selbst ins Reine zu kommen und das Gewissen zu befriedigen?

Marvin Kleinemeier, zeilenschinder.net

3 Responses to “Ein Akt der Verschwendung”

  1. Günter Landsberger

    Ein sehr guter Gesprächspartner zum Thema “Verschwendung”, mehr noch “Gabe” wäre auch der interessante Text- und Bildband von Jean Starobinski: “Gute Gaben, schlimme Gaben / Die Ambivalenz sozialer Gesten” (F.a.M. 1994). Recht häufig kommen darin u. a. Rousseau und Baudelaire vor.

  2. Christian Hansen

    Hallo Marvin, eine schöne, verschwenderische Abschweifung!
    Was den angesprochenen Satz mit Überlänge betrifft – meines Wissens ist er tatsächlich Bolaños längster –, so war das natürlich eine besondere Herausforderung, denn für den zeit- und raumübergreifenden Erzählfluss musste eine Syntax gefunden werden, die möglichst weiche Übergänge ermöglicht, damit der Leser diese unmögliche Reise übersteht. Syntax ist ja, vereinfacht gesprochen, die Ordnung, in die “Inhalte” gebracht werden müssen, damit sie von den Spracherkennungsprogrammen, die man uns in unserer Kindheit (auf kleinerer Flamme ein Leben lang) mühsam auf unsere biodynamischen Festplatten paukt, möglichst fehlerfrei und energiesparend entziffert und in den Arbeitsspeicher (hieß früher Bewusstsein) geladen werden können. Anders als manche meinen, besteht die Welt, wie wir sie wahrnehmen und verstehen, nicht vorrangig aus Worten (Shakespeare, Hamlet, II, 2), sondern vor allem aus einer bestimmten Syntax. Und die ist von Sprache zu Sprache verschieden. Syntax, nicht Worte, sind das Hauptarbeitsfeld des Übersetzers. Warum ich so weit aushole: Man könnte in dem Satz eine poetologische Parabel sehen. Er führt vor, wie Sprache Bilder der Wirklichkeit erschafft, die durch syntaktische Mittel laufen lernen – eine Kamerafahrt der phantastischen Art: Sie nimmt ihren Ausgang im Jahr 1995 in Amsterdam, springt von dort in die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fröstelt sich durch ein winterliches ostfriesisches Städtchen, um sich noch weiter, bis ins Jahr 1927 oder 1928, vorzuarbeiten, ein Kreuzfahrtschiff zu besteigen, den Atlantik zu überqueren und in einer apokalyptisch anmutenden Szenerie Argentinien zu erreichen (Viehstall und Schlachthaus der Welt), in Buenos Aires (als dem zugehörigen Verladehafen) anzulanden, von dort ein Landgut außerhalb der Stadt anzusteuern, ein Reitduell auszutragen, in die Stadt mit seinen mondänen Festen zurückzukehren, den Atlantik in umgekehrter Richtung zu überqueren, um schließlich wieder beim “Fischer und siner Fru” am Kneipentisch zu sitzen. Und der Leser macht alles mit, ohne Jetlag und in erzählerisch durchmessenen 80 Jahren um nur ca. 15 Minuten gealtert. (Julio Cortázar hat in einer seiner besten Erzählungen die phantastische Vorlage dazu geliefert: Der andere Himmel: Dort betreten Sätze eine Passage im Buenos Aires der vierziger Jahre und kommen in einer Passage im Paris des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts wieder heraus.) Ein paar konkrete Beispiele für die sprachlichen Scharniere, die diese raumzeitliche Beweglichkeit ermöglichen und die im Spanischen andere sind als im Deutschen, nämlich häufig Partizipien und Gerundien, die dort sehr elegant ganze Nebensätze überflüssig machen, während sie im Deutschen oft rostig quietschen. An die Stelle solcher Verbalkonstruktionen treten bei uns mal Substantive (descontando los gastos de transporte – wörtlich: die Reisekosten davon abziehend; viel lässiger: nach Abzug sämtlicher Reisekosten), mal die heimlichen Superstars unserer Sprache, die Modalpartikel (diríase que se pegaba al cuello de su caballo – wörtlich: man würde sagen, er klebte am Hals seines Pferdes; viel eleganter: er klebte förmlich am Hals seines Pferdes)…
    Wahrscheinlich will das aber so genau kein Leser wissen, daher mache ich mein Nähkästchen erst einmal wieder zu.

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