Ursprünglich als Kommentar zu diesem Beitrag gepostet:

Hallo Marvin, eine schöne, verschwenderische Abschweifung!
Was den angesprochenen Satz mit Überlänge betrifft – meines Wissens ist er tatsächlich Bolaños längster –, so war das natürlich eine besondere Herausforderung, denn für den zeit- und raumübergreifenden Erzählfluss musste eine Syntax gefunden werden, die möglichst weiche Übergänge ermöglicht, damit der Leser diese unmögliche Reise übersteht. Syntax ist ja, vereinfacht gesprochen, die Ordnung, in die “Inhalte” gebracht werden müssen, damit sie von den Spracherkennungsprogrammen, die man uns in unserer Kindheit (auf kleinerer Flamme ein Leben lang) mühsam auf unsere biodynamischen Festplatten paukt, möglichst fehlerfrei und energiesparend entziffert und in den Arbeitsspeicher (hieß früher Bewusstsein) geladen werden können.

Anders als manche meinen, besteht die Welt, wie wir sie wahrnehmen und verstehen, nicht vorrangig aus Worten (Shakespeare, Hamlet, II, 2), sondern vor allem aus einer bestimmten Syntax. Und die ist von Sprache zu Sprache verschieden. Syntax, nicht Worte, sind das Hauptarbeitsfeld des Übersetzers. Warum ich so weit aushole: Man könnte in dem Satz eine poetologische Parabel sehen. Er führt vor, wie Sprache Bilder der Wirklichkeit erschafft, die durch syntaktische Mittel laufen lernen – eine Kamerafahrt der phantastischen Art: Sie nimmt ihren Ausgang im Jahr 1995 in Amsterdam, springt von dort in die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fröstelt sich durch ein winterliches ostfriesisches Städtchen, um sich noch weiter, bis ins Jahr 1927 oder 1928, vorzuarbeiten, ein Kreuzfahrtschiff zu besteigen, den Atlantik zu überqueren und in einer apokalyptisch anmutenden Szenerie Argentinien zu erreichen (Viehstall und Schlachthaus der Welt), in Buenos Aires (als dem zugehörigen Verladehafen) anzulanden, von dort ein Landgut außerhalb der Stadt anzusteuern, ein Reitduell auszutragen, in die Stadt mit seinen mondänen Festen zurückzukehren, den Atlantik in umgekehrter Richtung zu überqueren, um schließlich wieder beim “Fischer und siner Fru” am Kneipentisch zu sitzen.

Und der Leser macht alles mit, ohne Jetlag und in erzählerisch durchmessenen 80 Jahren um nur ca. 15 Minuten gealtert. (Julio Cortázar hat in einer seiner besten Erzählungen die phantastische Vorlage dazu geliefert: Der andere Himmel: Dort betreten Sätze eine Passage im Buenos Aires der vierziger Jahre und kommen in einer Passage im Paris des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts wieder heraus.) Ein paar konkrete Beispiele für die sprachlichen Scharniere, die diese raumzeitliche Beweglichkeit ermöglichen und die im Spanischen andere sind als im Deutschen, nämlich häufig Partizipien und Gerundien, die dort sehr elegant ganze Nebensätze überflüssig machen, während sie im Deutschen oft rostig quietschen. An die Stelle solcher Verbalkonstruktionen treten bei uns mal Substantive (descontando los gastos de transporte – wörtlich: die Reisekosten davon abziehend; viel lässiger: nach Abzug sämtlicher Reisekosten), mal die heimlichen Superstars unserer Sprache, die Modalpartikel (diríase que se pegaba al cuello de su caballo – wörtlich: man würde sagen, er klebte am Hals seines Pferdes; viel eleganter: er klebte förmlich am Hals seines Pferdes)…

Wahrscheinlich will das aber so genau kein Leser wissen, daher mache ich mein Nähkästchen erst einmal wieder zu.

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