Aus dem Übersetzernähkästchen: Hüfttief durchs Sprachgewässer

Auf vielfachen Wunsch noch einmal als eigenständiger Beitrag:

Über Ihr Vergnügen am Text, liebe Yvonne Berardi, habe ich mich sehr gefreut, nur bei dem Lob, der Text lese sich, als würde ein Lateinamerikaner ihn sprechen, bin ich leicht zusammengezuckt. Mit dem gleichen Zwirn vernäht man nämlich auch die kehrseitige Kritik, die da lautet: Eine Übersetzung klinge doch sehr englisch, französisch, spanisch etc. Womit man sagen will, das Übersetzen ans deutsche Ufer habe auf halber Strecke Schiffbruch erlitten, da wate einer noch hüfttief durch fremdes Sprachgewässer. Erneut Gelegenheit, bis zum Ellbogen im Nähkästchen zu grabbeln (hallo, liebe/r mediokra!) und dabei Gefahr zu laufen, mit der einen oder anderen ungesicherten Stopf- oder Nähnadel handgemein zu werden. Ich fange mal beim Allgemeinsten an, umschrieben mit dem so bekannten wie fiesen italienischen Wortspiel traduttore-tradittore (Übersetzer-Verräter), das ja einen wahren Kern besitzt; Übersetzer sind zwielichtige Gesellen, Diener zweier Herren, Doppelagenten, von denen niemand weiß, wo ihre Loyalitäten tatsächlich liegen. Wollen sie dem Original eine sprachliche Rosskur verpassen, die ihm bis in die landeskundlichen Ritzen das Fremdländische austreibt, um es, mit den eigenen literatursprachlichen Wassern gewaschen, unerkannt als Deutschländer unter Deutschen wandeln zu lassen? Eine solche Übersetzung erfüllt meist die Redensart “Operation gelungen, Patient tot”. Oder sind sie dem Original blind ergeben, lassen es so unangetastet wie möglich, tauschen nur behutsam, oft etymologisch anbiedernd, den Wortbestand aus und unterwandern ihre eigene Sprache mit fremder Redensartigkeit? Abgesehen davon, dass dies oft nur ein Deckmäntelchen für Billig(lohn)übersetzung darstellt, macht das am Ende des Tages nur Sinn(!), wenn Sprache und Kulturkreis des Originals schon soweit vertraut sind, dass der Buch-User wegen dem, was er da liest, den Übersetzer nicht für total strange hält. Jetzt könnte man diplomatisch empfehlen, einfach den Mittelweg einzuschlagen. Blöderweise gibt es den nur theoretisch, praktisch ist man meist mal hüben, mal drüben. Und auch die theoretische Mitte verschiebt sich je nach kulturpolitischer Großwetterlage.

Konkret zu 2666. Híjole. Das ist im deutschen Text natürlich viel fremdkörperlicher als im spanischen. Allerdings ist die Situation auch vertrackt: Bolaño versucht, vor allem in den Teilen 2-4, ein innerspanisches und sogar innermexikanisches Sprachrelief zu erzeugen, indem er u.a. chilenisches, DF-mexikanisches, nordmexikanisches und katalanisch infiziertes Spanisch voneinander abgrenzt bzw. entsprechende Markierungen einstreut. Bei Híjole zirpen auch den meisten deutschen Lesern ganze Mariachi-Kapellen im Kopf, andere Formulierungen, die den mexikanischen Hauptstädter sprachlich entlarven, würden untergehen, wenn man sie nicht in deutschen Soziolekt überführte; Einige Nordmexikanismen durften stehenbleiben – da schaut der Mexikaner aus DF genauso in die Röhre wie der deutsche Leser. Viel schwieriger die Niederungen des Sprachtransfers: landeskundliche Realia (Straße, Platz, Herr, Frau, Fräulein etc.) oder Eigennamen… Der mexikanische Gewährsmann für den Hinweis auf Archimboldis Anwesenheit in Mexiko trägt den knuddeligen Spitznamen “El Cerdo”, wörtlich “Das Schwein”. Sicher steht El Cerdo auch in Mexiko nicht ganz oben auf der Kosenamenliste, aber so unvorteilhaft wie unser “Schwein” steht es dem Träger dann doch nicht. Vor allem aber macht der vorangestellte Artikel (oder alternativ Don oder Doña) Probleme – zum Verzweifeln! Das “El” oder “La” setzt noch dem unangenehmsten Epitheton gewissermaßen einen Helmbusch auf. El Bigote, auch so ein Fall; den könnte man flugs als “Schnäuzelchen” auf die deutschen Leser loslassen – und hätte den Burschen damit auratisch kastriert. Also lässt man Spitznamen meist stehen; aber was, wenn der Leser deren konkrete Bedeutung kennen muss, um gewisse Anspielungen zu verstehen? Irgendwann im vierten Teil sagt zB ein Opfer mit letzter Kraft, der Täter habe ein Gesicht gehabt wie ein Schwein…

Christian Hansen, Übersetzer von 2666

Ursprünglich als Kommentar zu diesem Beitrag veröffentlicht:
Aus dem Übersetzernähkästchen: Syntax, nicht Worte (S.30-36)

2 Responses to “Aus dem Übersetzernähkästchen: Hüfttief durchs Sprachgewässer”

  1. Yvonne Berardi

    Lieber Christian Hansen, ich wollte Sie gar nicht zusammenzucken lassen. Vom Übersetzen weiß ich nicht viel – das ändert sich aber dank Ihrer wunderbaren Plaudereien aus dem Übersetzer-Nähkästchen. Mein Lob – und nur so war es gemeint – ist das einer Leserin, die immer mal wieder leidet an den Rosskuren, die man einem Original antun kann. Als ich Ihre Übersetzung des längsten Satzes mit viel Genuss gelesen hatte, holte ich, neugierig geworden, das Original aus dem Regal und sah, dass Sie sich nicht nur im Spanischen auskennen, im Deutschen sowieso, sondern auch im Lateinamerikanischen und das meine ich jetzt nicht begrenzt auf die Sprache. Nun hüpfe ich mit großem Vergnügen von meinen Lieblingsstellen Ihrer Übersetzung zum Original, lese schon Gelesenes noch einmal auf Spanisch, finde dort Stellen, die mich wiederum neugierig nachschauen lassen, wie Sie das sprachlich gelöst haben. Ein doppeltes Lesevergnügen für mich.

  2. Yvonne Berardi

    Zu “Híjole” fiel mir noch auf: das wirkt in der deutschen Übersetzung so fremdkörperlich wie es im spanischen Original wirken soll, aber nicht kann. Das Wort fällt in einem Telefongespräch zwischen Norton und El Cerdo, das in Englisch gehalten wird. In “einem polierten Stanford-Englisch” erzählt El Cerdo noch einmal die ganze Geschichte seiner Begegnung mit Archimboldi. Als Norton ihm sagt, dass er in einer privilegierten Position sei, da er Archimboldi gesehen habe, den schon lange niemand mehr gesehen hatte, entfährt ihm dieses spanische Wort “Híjole” im englischen Gespräch.

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