Zum Blick auf das Ende des ersten Teils mag sich hier auch noch einmal ein Rückblick auf den Anfang gesellen. Nicht nur weil ich von Fontane gelernt habe, dass im Anfang eines Romans der “Keim des Ganzen” liege, sondern auch, weil bei jeder neuen Lektüre der Anfang immer neu sich zu bewähren hat und vielleicht durch den Gesamteindruck nun ja wirklich auch etwas anders gelesen werden kann. Ich erinnere mich aber immer noch gerne, wie einladend der Romananfang schon beim ersten Mal auf mich gewirkt hat.
Vier junge Leute, 3 Männer und eine Frau, allesamt mit deutschsprachiger Literatur befasste, angehende Wissenschaftler aus verschiedenen individuellen Umkreisen ebenso wie aus unterschiedlichen west- bzw. südeuropäischen Herkünften werden nacheinander erzählerisch vorgestellt, wie sie individuell zu Archimboldis Werk und dann schließlich zueinander finden. Das hört sich von der Formulierung her jetzt recht schwerfällig an. Und doch wie schwerelos und scheinbar harmlos gleiten wir hinein in die Welt von “2666″!

Es beginnt 1980 mit dem 19jährigen französischen Germanisten Jean-Claude Pelletier. Wenn man “zufällig” auch Literaturwissenschaft studiert hat (in meinem Fall Germanistik und auch etwas Romanistik), fühlt man sich möglicherweise erinnert an die Zeit des eigenen Studienbeginns. Und vielleicht findet man auch – ganz ähnlich wie hier in der Fiktion – einen oder mehrere Autoren, mit denen man sich besonders gerne und ausgiebig u n d ohne jemals wirklich damit aufzuhören beschäftigt hat.
Schon mit dem ersten Romansatz sind wir im Zweifel jungen oder doch sich an ihre Jugend noch erinnern könnenden Germanisten mit dabei. (Die anderen Romanteile finden andere Ansätze und Einstiege: Tendenziell kann man mit jedem Romanteil als erstem beginnen.)
Gleich zu Beginn auf Seite 13 heißt es: “Das erste Mal las Jean-Claude Pelletier ein Buch von Benno von Archimboldi Weihnachten 1980 in Paris, wo er neunzehn Jahre alt, an der Universität deutsche Literatur studierte. Der Titel des Buches lautete
D ‘ A r s o n v a l.”
Pelletiers erste Archimboldi-Lektüre wird im Spanischen zu Beginn des zweiten Abschnittes als “lectura ínaugural” bezeichnet, was etwas feierlicher, ja weihevoller klingt als das deutsche “erste Lektüre”. Dazu passt vielleicht auch sprechend der genau genannte Zeitpunkt der Lektüre, “Weihnachten” (“Navidad”). Im Deutschen kommt andererseits mit den drei, nur in der deutschen Ausgabe fett gedruckten Einstiegsworten “Das erste Mal” initialzündend ein erotischer Unterton hinzu (wahrscheinlich aber im spanischen “La primera vez” auch schon ein wenig).
Halten wir fest: Pelletier hat sich, wie man unterstellen darf, schon vorher für deutsche Literatur interessiert. Warum hätte er auch sonst in Paris “an der Universität deutsche Literatur” zu studieren begonnen? Er ist damals noch “jung und arm” (S.14), aber von einem starken “Willen” beseelt, geradezu “fanatisch und entschlossen” (S.15). Gemäß seiner späteren Erinnerung war er damals “mönchisch (!, GFL) über seine deutschen Wörterbücher gebeugt”.
Mit seiner Erstbegegnung mit einem Roman Archimboldis, wohl nicht zufällig einer “mit unverkennbar französischer Thematik”, tritt für sein Gefühl und Bewusstsein etwas ganz Besonderes in sein Leben. Von “Erstaunen” und “Bewunderung, die der Roman bei ihm hervorrief”, ist die Rede (S.13). Von dieser Einweihungslektüre an wird er “zu einem begeisterten Archimboldianer”. Der hier und auch sonst nicht als bestimmte Person seiner erzählten Welt hervortretende Erzähler des Romans “2666″ datiert dieses geradezu urstiftende Erlebnis als den “Beginn seiner Pilgerschaft (Wortwahl!, GFL) und Suche nach weiteren Werken.”
(Ist die Assoziation Bunyan: “The Pilgrim’s Progress” hier erlaubt?)
Was passiert hier eigentlich? Bei Pelletier und den anderen dreien, die alle vier einmal geradezu als “die Archimboldi-Apostel” bezeichnet werden (S.130)?
Bildet sich hier so etwas Pseudo-Sakrales, Weihevolles heraus, wie es früher in Deutschland einmal, in nicht allzu ferner Zeit, der George-Kreis, der Kreis um Stefan George, gewesen ist? Hier allerdings im besonderen Fall von Archimboldi im Anschluss an einen Romancier, einem entschiedenen Nicht-Lyriker (S.940)!
Unser kritischer Lesersinn ist jedenfalls geschärft. Wird man im weiteren Verlauf – wie leise oder indirekt auch immer – mit Kritik an den Kritikern, vielleicht sogar mit einer an ihrem Kultautor selber rechnen dürfen, ja müssen?

Es fällt immerhin auf, dass die “Archimboldi-Apostel” Aussetzer haben bzw. in Ausnahmefällen auch Auszeiten nehmen, wenn es plötzlich Vordringlicheres für sie gibt. Auf Seite 94 z. B. erfahren wir von einem Zeitpunkt, an dem zumindest zweien von ihnen, “Espinoza und Pelletier”, ihr Idol “Archimboldi, der erneut als klarer Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde,” ausgesprochen “gleichgültig” geworden ist. Wenigstens vorübergehend. – Was ist aber dieses wenigstens momentan vordringlich Gewordene?

Im Roman “2666″, in I und V, gibt es recht sparsame Hinweise zum Charakter, Zuschnitt und gelegentlich auch Hintergrund der einzelnen Bücher von Archimboldi. Darauf müssten wir als wache Leser achten, um besser einschätzen zu können, bis zu welchem Ausmaß Archimboldi als der (als fingiert reale Person) besonders stark hervorgehobene Autor überhaupt kritisiert werden kann bzw. einer erzählperspektivisch gesteuerten Kritik so gut wie gar nicht anheimfällt.