Kriminalbeamte

Ein Stimmenstück: Zwei Kriminalbeamte unterwegs im Auto, nachts. Zwei Männer, die die Zeit totschlagen müssen. Ein ewig währendes Gespräch, das sich um alles und nichts dreht – aber was alles und was nichts ist, lässt sich nur schwer unterscheiden. Es beginnt mit einer dieser Fragen, die zunächst nur der Domäne der Konversation anzugehören scheinen: “Welche Waffen magst du?” Eine Frage, die vielleicht die Funktion hat, ein besseres Kennenlernen zu ermöglichen, ähnlich einem Abklopfen der jeweiligen Vorlieben: Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsbuch… Lieblingswaffe? Warum nicht.

Im Verlauf des Gesprächs wird jedoch schnell klar, dass die beiden, die da durch die Nacht fahren und reden, sich schon sehr gut und sehr lange kennen. Unzählige Nächte sind dieser Nacht vorangegangen, und unzählige werden folgen. Daher haben die beiden Polizisten – man scheut ein wenig davor zurück, sie Freunde zu nennen, doch sind sie das wahrscheinlich, oder zumindest das, was ihrer eigenen Definition von Freundschaft am nächsten kommt – eine genaue Kenntnis voneinander, einen Fundus gemeinsamer Erfahrungen und Erinnerungen, auf die sie beide zurückgreifen können.

Für den Leser ist die Lektüre dagegen ein Puzzlespiel, erst nach und nach fügen sich die Informationen zu einem Bild: Die beiden waren Schulkameraden, haben gemeinsam den Dienst bei der Polizei angefangen und waren auf recht unrühmliche Weise in den Militärputsch des Jahres 1973 in Chile verwickelt: Für kurze Zeit waren sie selbst inhaftiert, dann haben sie sehr behände die Seiten gewechselt und waren auch an Misshandlungen und Vergewaltigungen beteiligt; ein Umstand, den sie beide in einer eigentümlichen Mischung aus Verharmlosung und Verklärung zur Sprache bringen.

Die erste Hälfte des Textes ist durch rasche Sprünge und Themenwechsel gekennzeichnet: von den Lieblingswaffen geht es über die Psychologie des chilenischen Mannes und Erinnerungen an legendäre Verbrecher und Verhaftungen schließlich zu einer Anekdote aus eben dem Jahr 1973, die einen dritten Mitschüler zum Gegenstand hat: Arturo Belano, das Alter Ego Bolaños, der nicht nur in verschiedenen anderen Erzählungen dieses Bandes eine Rolle spielt, sondern auch im Mittelpunkt der “Wilden Detektive” steht (im Originaltitel der vorliegenden Erzählung sind die “Kriminalbeamten” übrigens auch “Detectives”!)
Belano also gehört 1973 zu den Gefangenen, für die die beiden Gesprächspartner verantwortlich sind. Arancibia, der eine der beiden, erkennt ihn als erster und gibt sich seinerseits zu erkennen. Kurz darauf spricht Belano auch mit dem anderen Polizisten, Contreras, dem er eine seltsame Erfahrung anvertraut, die ihm zu schaffen macht: In einem Spiegel auf dem Flur des Polizeipräsidiums sieht er nicht sich selbst, sondern einen Fremden. Contreras glaubt ihm nicht und geht in einem unbeobachteten Moment mit ihm zu dem Spiegel. In diesem Moment passieren zwei Dinge: Belano fragt, ob es hinter diesem Spiegel einen geheimen Raum gibt, und Contreras erkennt weder Belano noch sich selbst; alles, was er sieht, sind “zwei ehemalige Mitschüler, der eine mit gelockerter Krawatte, ein etwa zwanzigjähriger Bulle, und der andere schmutzig, langhaarig, bärtig, Haut und Knochen.”

An dieser Stelle verschränken sich die Ebenen des Metaphorischen und des Konkreten auf eine Weise, die typisch für Bolaño ist: Ist es zunächst Belano, dessen Erlebnis vor dem Spiegel als ein Bild für die Lage des modernen Menschen zu verstehen zu sein scheint, ist er es nun, der dieses Bild in eine ganz reale Bedrohung überführt, in die Angst vor der geheimen Überwachung, die Paranoia derjenigen, die unter der Herrschaft eines Regimes willkürlicher Gewalt unterworfen sind.

Contreras reagiert auf den Blick in den Spiegel mit einer Gewaltphantasie: er stellt sich vor, Belano eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Was genau er auf diese Art zu töten beabsichtigt, wird nicht klar. Doch die Fantasie bleibt eine solche, er führt Belano zurück in seine Zelle. Denn die beiden Kriminalbeamten sind schließlich nicht solche, die “so was” machen. Ihre gegenseitige Bestätigung dieses Selbstbildes, mit der die Erzählung endet, bewirkt beim Leser freilich das genaue Gegenteil – er traut ihnen alles zu. Und dabei sind sie doch bloß zwei Stimmen in der Nacht.

Thorsten Krämer, geboren 1971, lebt in Köln. Veröffentlichungen: “Ich heiße Hal Hartley”, Film in Worten, 1998; “Fast schon ein Glück”, Erzählungen, 1998; “Neue Musik aus Japan”, Roman, 1999, “The Democratic Forest”, Gedichte, 2008. Im Dezember erscheint der Erzählungsband “Cabrio”, im nächsten Jahr der Roman “Donnerflug”. www.yeh.de

2 Responses to “Kriminalbeamte”

  1. Günter Landsberger

    (Arancibia:) “Mit fünfzehn waren wir alle vertrauensselig.” (S.144)

  2. Yvonne Berardi

    Bolaño war knapp 20 Jahre alt, als er 1972 von Mexiko, wo er den größten Teil seiner Jugend gelebt hatte, zurück nach Chile ging. Er wollte teilhaben an der Aufbruchstimmung der Allendezeit. Nach dem Militärputsch im September 1973 wurde er verhaftet und saß acht Tage hungernd im einem Gefängnis der Pinochetdiktatur. Die Flucht nach Mexiko gelang ihm mit Hilfe zweier Gefängnisbeamter, die sich als ehemalige Schulkameraden entpuppten. Die Erzählung “Kriminalbeamte” ist die literarische Verarbeitung dieses Erlebnisses, das Bolaño stark beeinflusst hat.

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

twitter-widget.com