Joanna Silvestri

Schon vor Jahren las ich eine Geschichte eines pan-lateinamerikanischen Autors, die ich Euch gerne erzählen würde, doch damals wusste ich noch nicht, dass man diese Geschichte eigentlich wie ein Märchen erzählen sollte und das führt mich schließlich jetzt dazu mit meiner Erinnerung unter eine Decke aus Zeit vorstoßen zu müssen. Es ist halt niemals die Geschichte die man herbeisehnt diejenige, die alles verändern würde. Jedes Wesen aktualisiert trotzdem beständig eine Virtualität, von der es selbst am meisten überrascht ist. Geschichten sind meist nur Spiegelungen der Wirklichkeit, die lyrische Verträumtheit mit abgrundtiefer Bösartigkeit zusammenschweißen. Ich finde mit Geschichten muss man sehr abstrakt umgehen, gewissermaßen wie mit Erinnerungen.

Gerade, während ich dies schreibe, werden vielleicht die Daten von Millionen Privatkunden unter der Agide dubioser Scheinfirmen versteigert. Die alte Wirklichkeit löst sich rapide auf und wir Menschen passen uns so gut diesem Wandel an, dass wir gar nicht bemerken, was sich alles verändert. Wir bemerken die tiefergreifende Veränderung nicht, die eigentlich vor sich geht, weil sich die eigene Wahrnehmung und auch die eigenen Werte mit verändern. So ergeht er jedenfalls der europäischen Prime-Time Diva Joanna Silvestri, die selbstmörderisch drauf ist und in den Staaten in der Scheiße sitzt. Sie verdeutlicht uns mit ihrer halb im Nirgendwo versackenden Biografie vielleicht besser als vieles andere, wie das so für jede Menge Menschen heutzutage ist, wenn sie sich plötzlich wieder finden als globales Einzelschicksal, irgendwo angespült innerhalb einer Sackgasse der Weltgeschichte, der Liebesexperimente… der ganz privaten Obsessionen. (Manchmal ist Bolaño gut in der Rolle seiner Figuren, ist ganz nah an ihnen dran, schmerzhaft nah, so nah wie ein blutgieriger Reporter, der in seiner grausamen Direktheit uns immer tiefer mit hineinzieht in die Verworfenheit von der er berichtet. Ja, er feiert geradezu die Verworfenheit als Bedingung des Anderen, des Guten – alles scheint bei ihm oft in einer Art monströsen Normalität befangen zu sein.)

Bolaños Erzählungen schreiben sich eigentlich erst im Hirn des Lesers, weil dieser beständig gezwungen ist abzuwägen, wo der Wahnsinn anfängt und die Methode wird. Aber wenn wir mal ehrlich sind, ist es so nicht auch im Leben? Wenn wir jedem einzelnen Wort Aufmerksamkeit schenken würden, könnten wir das vielleicht erkennen. Könnten das Gefängnis unseres Denkens verlassen — und begännen das Schweigen zu achten. Das ist das Paradox jeder guten Literatur und Dichtung: Sie lehrt uns das Schweigen zu achten und so öffnet sich uns ein Raum der reinen potentiellen Erwartung.

Oft gibt es Erfahrungen im Leben von Menschen, die sie auf ewig verfolgen, aber wenn wir mal an solchen Menschen auf der Strasse vorbeigehen, fällt uns gar nichts ungewöhnliches an ihnen auf. Darum geht es wohl eigentlich in dieser Erzählung. Und gleichzeitig geht es auch darum, wie ein Traum für uns in Erfüllung gehen kann und dann Besitz von uns ergreift. Denn wenn wir dabei sind Träumen hinterher zu jagen wissen wir ja vorher nie genau wohin uns das führen wird, genauso wenig wie wir nie ganz verstehen können, wieso überhaupt ein bestimmter Traum eins zu uns kam.

implizit.blogspot.com

8 Responses to “Joanna Silvestri”

  1. Günter Landsberger

    S.190 “In dieser Nacht redeten wir bis drei Uhr morgens, und im Lauf der Unterhaltung schlief Jack mindestens zweimal ein.”
    S.191 “aber ich entschied, daß Jack mich brauchte, und daß auch ihn brauchte.”

  2. Thorsten Wiesmann

    Zeigt die Erzählung Johanna Silvestri auch einen Absturz ins Bodenlose, tut sie dies doch in dem sie uns mit einbezieht durch ein freies Spiel von Identifikation und reflexiver Betrachtung. Aber hier ist der entscheidende Zug: Wurde das Weibliche bislang in unserer Kultur als bedrohlich (unterbewusst) oder als verführerisch sensuell (bewusst) thematisiert und dargestellt, streift es in diesem Fall diese Masken ab. Bezieht sich Bolaño auch oft auf die dekadenten Poeten des neunzehnten Jahrhunderts und deren Flucht vor dem sie allzeit bedrohlichen Weiblichen hin zu künstlichen Paradiesen, wird die Frau hier nicht als willenloses Spielzeug in einer Scheinrealität rein tierischer Funktionen zu so etwas wie einer neuen Art von Heldin. Wird die Frau hier entwürdigt von der sie umgebenden Gesellschaft (einer Gesellschaft, die in all ihrer emotionalen Dekadenz und ihren Stereotypen des Erfolges und deren Verwirrungen die dieser zu Grunde liegen, so nie in unseren Medien sonst gespiegelt wird) und in eine groteske erotische Maschine verwandelt, bleibt sie doch Frau.

    “Die Musik wirkte anfangs Angst; durch die Angst wurdest du bedrückt. Dann ließ ich die Erschöpfung folgen; durch die Erschöpfung wurdest du vereinsamt. Zum Schluss erzeugte ich Verwirrung; durch Verwirrung fühltest du dich als Tor. Durch die Torheit gehst du ein zum Sinn. Also kannst du den Sinn beherbergen und eins mit ihm werden.” (Dschung Dsi “Das wahre Buch vom südlichen Blütenwind”)

    Bolaño bedient sich oft der Whitman Geste, die es ermöglicht Poesie noch in dem ganz prosaischen Leben aufzuspüren. Worauf es ihm ankommt ist das Schöne, das dem Hässlichen abgerungen wird. Es geht ihm nicht um die Darstellung des Nur-Schönen, ebenso wenig um die Darstellung des Nur-Hässlichen. Schiller gelangte zur selben entscheidende Einsicht als er erkannte, dass das Schöne durch die Aufhebung der Polaritäten entsteht, für die er den Ausdruck Spieltrieb bildete. Damit überwand er den Abgrund zwischen Sein und Denken. Die aus dem Spieltrieb entstehende Freiheit ist eine höhere Freiheit (die viele Figuren bei Bolaño im Ansatz verkörpern), weil sie nicht nur das Ich betrifft, sondern auch die Welt: Das die Welt verwandelnde Ich. In der Entfaltung des Spieltriebs wird das Ich nicht nur selber frei: Es kann zugleich Freiheit geben. Diese Freiheit heißt dann zurecht Liebe.

  3. Christian Hansen

    Ich wollte nur erwähnen, dass wir vom späteren Schicksal Joanna Silvestris schon in einem früheren Roman erfahren, “Stern in der Ferne”, in der gebundenen Ausgabe ab S. 148. Eine der schönsten Szenen des Buches. Das macht einen nicht geringen Reiz von Bolaños Schreiben aus, dass die Buchdeckel gleichsam Türen sind, die der Autor von Zeit zu Zeit schließt, damit mal Ruhe herrscht in einem Zimmer. Seine Figuren bewegen sich aber natürlich durch das ganze Haus, und wir begegnen ihnen mal in einem, mal in einem anderen Zimmer.

  4. Dietmar Hillebrandt

    Das Werk eines Autors ist kein Haus und wenn dann ohne Türen, es wäre sonst viel zu gemütlich! Der Vergleich ist zwar schön, wenn ich aber weniger gutmütig argumentieren würde, haben Autoren natürlich die Angewohnheit, sich in ihren einzelnen Werken auch einfach nur zu wiederholen.

  5. Günter Landsberger

    Potz Schoppe und Vautrin! Aber doch auch nicht fensterlos!

  6. Dietmar Hillebrandt

    Eine Exclamatio mit Rückbezug auf Balzac, weit aus dem Fenster gelehnt. Das immer unvollendete Werk eines Schriftstellers ist ohne Türen, ohne Fenster und ohne Heizung und wirklich zuklappen kann man seine Teile auch nicht. Man wohnt zeit seines Lebens darin, die Leser sogar darüber hinaus, wiederholt sich fast ungewollt und findet einfach keine Ruhe.

  7. Günter Landsberger

    Schoppe und Leibgeber. Der Leser im ständigen Wechsel und Zugleich von Wohnen, Weiterwandern und Wiederkehr.

  8. Günter Landsberger

    “In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.” – Warum cum grano salis nicht auch im Werk eines großen Autors?

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