2666: Archimboldi

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Die äußere Hülle der Literatur. Ein Trugbild.

2666, S. 954

Der letzte Teil von Roberto Bolaños 2666: Der Teil von Archimboldi ist, auf Seite 1085 angekommen, geschafft.

Wir erleben in diesem Teil, wie aus Hans Reiter Benno von Archimboldi wird. Diese erzählte Verwandlung beginnt mit seiner Kindheit und Jugend im ländlichen Preußen, an der Ostsee, setzt sich später dann bis zum Kriegsbeginn in Berlin fort, erlebt ihren Höhepunkt letztlich an der Ostfront im WKII. Reiter taumelt von Gefecht zu Gefecht, zwischen den Schützengräben die tödliche Kugel für sich suchend. Das hat etwas Somnambules, und wer will, erkennt darin vielleicht Parallelen zu Ernst Jünger. Endlich schwer verletzt, folgt, nach dem Lazarett, eine Zeit der Rekonvaleszenz in einem verlassenen ukrainischen Dorf, ein merkwürdiges Interregnum fast. Reiter vertieft sich in das von ihm in einem Versteck gefundene Schreibheft eines geflohenen Juden, Ansky, imaginiert sich förmlich in dessen Leben. Hier scheint mir der Wendepunkt zu sein, Reiter wird ein Anderer, gewinnt Lebenswille zurück. (Der heutige Leser bekommt nebenbei einen Crashkurs zur sowjetrussischen Revolutionsgeschichte.) In Anskys Schreibheft findet Reiter auch Notizen zum Maler Arcimboldi; später im Nachkriegsdeutschland wird er sich mehr oder weniger spontan Archimboldi nennen, Benno von Archimboldi.

Reiter begegnet im Krieg zweimal einer Gruppe rumänischer Soldaten und Offiziere, einmal vor dem gemeinsamen Feldzug gegen die Sowjetunion, das andere Mal auf dem chaotischen Rückzug. Das ist von Bolaño einigermaßen skurril geschildert. Mich hat es an den vor ein paar Jahren gesehenen rumänischen Film Tertium non datur von Lucian Pintilie (nach der Kurzgeschichte Der Auerochsenkopf von Vasile Voiculescu) erinnert. Der Film war ein humorvolles Spiel mit dem Begriff der “Ehre”, von dem Pintilie (im Programmheft der Berlinale 2006) sagt, dass es ein an Wahnsinn grenzendes Verhältnis zu diesem Thema “Ehre” in den relativ unentwickelten Ländern gibt, entstanden infolge einer gewissen historischen Verspätung. Die Demonstration von Ehre am Rande des Abgrundes erzeuge unvergessliche, komische Bilder. – Auch Bolaño gelingen diese!

Irgendwie übersteht Reiter also den Krieg, Niederlage um Niederlage, und das amerikanische Kriegsgefangenenlager auch. Er schlägt so etwas wie Wurzeln im ruinösen Köln, beginnt zu schreiben, wird tatsächlich (als Archimboldi) verlegt usw.. Die Kritiker des ersten Teils von 2666 erfreuen sich später daran, leben davon. Und er findet Familienbindungen wieder. Mit dem letzten Satz des Romans fliegt er nach Mexiko, zu seinem Neffen Klaus Haas, inhaftiert in Santa Teresa.

Irgendwo in diesem langen Teil von 2666 habe ich beinahe das Interesse am weiteren Verlauf der Handlung verloren. Die Figur Archimboldi konnte mich nicht mehr fesseln. Hinter all der Weitschweifigkeit und den zahlreichen Binnenerzählungen, hinter den vorhersehbaren Ausbrüchen von sexueller Vitalität und auch der wiederkehrenden Todessehnsucht (Tod in Venedig, als Assoziation dargebracht) ist irgendwie viel oder nur Leere.

Was bleibt für mich von 2666?

Das Herzstück des fragmentarischen Romans ist für mich Der Teil von den Verbrechen, unglaublich mitreißend und zugleich stringent erzählt von Bolaño. Die Figur des Amalfitano ist für mich die interessanteste des Romans. Und, vor allem: Bolaño hat mir Lust auf mehr lateinamerikanische Lektüre gemacht.

arabesken.juergen-luebeck.de

15 Responses to “2666: Archimboldi”

  1. Marvin Kleinemeier

    Da ich, von den Emails her zu urteilen, davon ausgehe, dass die meisten regelmäßigen Leser des Blogs das Buch bereits ausgelesen haben, eröffnen wir hiermit die Diskussion betreffend der Gesamtsicht auf den Roman. Weitere Beiträge zum Teil von Archimboldi sind ebenfalls herzlich willkommen!

  2. Günter Landsberger

    Die interessanteste Figur des Romans ist für mich: Boris Abramowitsch Ansky
    - er selbst
    samt all seinen Auswirkungen, seinen offenkundigen und seinen verschwiegenen.

    (Vor jeder Beeinflussung Hans Reiters durch die unverhoffte Auffindung und Entdeckung der Aufzeichnungen Anskys hatte Anskys offiziell Ephraim Iwanow zugeschriebener Roman “Die Dämmerung” eine “eher einer Alge als einem Menschen” ähnelnde Person zu einer seiner Hauptfiguren (S.871), in der der Sache nach die “Alge” namens Hans Reiter (S.775) präfiguriert erscheint, der zur Zeit der Entstehung des Zukunftsromans “Die Dämmerung” im fernen Deutschland bereits am Leben ist. Nicht nur unterschwellig werden auch sonst in einigen heraushebbaren Passagen von “2666″ geradezu mythische Wiederverkörperungen und geheimnisvolle Verbindungen als eine Art Subtext suggeriert.)

  3. Günter Landsberger

    Nur gut, dass ich trotz des Einstieges von JL mit meiner antwort noch nicht zu ausführlich geworden bin! -

    Als Teil einer “Selbsthilfegruppe” könnte ich mich nur dann betrachten, wenn man “Juvavist” von “iuvare” ableiten müsste, oder wenn die Sprichwortaufforderung noch unumstritten zustimmungsfähig wäre: “Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.”

    Im Übrigen: Warum sollte man als Lesefähige(r) unselbstständig sein und sich nicht selber helfen können, noch dazu mit anderen zusammen? Wir kennen keinen Literaturpapst.

  4. Juergen Luebeck

    @GL: Ansky ist für Hans Reiter der Auslöser, dass er zum Schriftsteller, zu Archimboldi wird. Also für die Figur Archimboldi ist Ansky die wichtigste Figur. (Ist ein reales Vorbild für Ansky denkbar? Wenn ja, wer?)

    Amalfitano hingegen ist für mich als Leser am Interessantesten.
    Aber das ist ganz, ganz subjektiv und könnte bei einem zweiten Lesen anders aussehen.

    Aber wir wollten ja erst ‘mal den vierten Teil besprechen…

  5. Marvin Kleinemeier

    Erster Eindruck: Nach den ersten 50 Seiten fühle ich mich unerwarteter Weise in den magischen Realismus versetzt. Borges scheint hier auch deutlich zwischen den Zeilen zu schlummern.

  6. Günter Landsberger

    Borges hatte sich in “2666″ ja auch schon früher immer wieder angekündigt. Für mich am Eindruckvollsten im “Simurgh der Wüste” (S.762).
    Borges fand im Zusammenhang des “Simurgh” die überraschende Formel für das verborgene Ziel: “die Suchenden sind das, was sie suchen.” Die Variante hierzu bildet u. a. “Parzival” (S.798f., S.813), der bei Wolfram von Eschenbach (S.798) den Gral sucht, ihn aber, obwohl ihm schon ganz nahe, durch das Nichtstellen der entscheidenden aus dem Mitleiden geborenen Frage zunächst verfehlt, um ihn erst nach langen Irrwegen endlich zu finden. Den Bewegungen des Suchens, des Nachfragens und des Sich-Verirrens, des Sich-um-Lösung-Bemühens oder auch Sich-nicht-Bemühens darum kommt im ganzen Roman “2666″ große, nicht zu überschätzende Bedeutung zu.

    In der für ihn grundlegend inspirierenden Begegnung Hans Reiters mit Boris Abramowitsch Ansky durch dessen geheime Aufzeichnungen erblicke ich den konkreten und dadurch auch in diesem speziellen Fall glaubwürdigen Hinweis auf ein ganz besonderes Phänomen in der Literatur- und Geistesgeschichte. Max Rychner z. B. hat das in seinem “Paul Valéry”-Essay recht eindringlich deutlich gemacht. Da heißt es: Eine bestimmte “Art von mystischer Einfühlung ist in der Literaturgeschichte eine nicht unbekannte Erscheinung, ja sie scheint in vielen Fällen geradezu die Voraussetzung zu sein zum Mündigwerden eines großen Geistes. Dieser begegnet sich selber zuerst in einem anderen: Dante wird erweckt durch Vergil, Goethe durch Shakespeare, Klopstock durch Milton, Hölderlin durch schiller, Baudelaire durch Edgar Allen Poe – jeder mußte einmal in einem anderen untergehen, um sich selber zu finden.” (Max Rychner: “Aufsätze zur Literatur”, Zürich 1966, S.410)

    Hans Reiter wird durch (und noch im Nachhall von) Anskys Vermächtnis wenige Jahre danach schließlich zum Schriftsteller Benno von Archimboldi und wenn ich nicht irre, gibt es bei ihm selber nach der indirekten Begegnung mit Ansky keine ernsthafte Suizidgefährdung mehr, wie sie zuvor – zumindest sporadisch – kenntlich wurde.

    ———————————————-

    Magischer Realismus? Kann man sagen. Aber auch wieder surrealistische Einsprengsel. Und zum ersten Mal auf den Anfangsseiten des 5. Teils eine Art Märchenton, schon in der erzählerischen Namengebung bei dem Vater und der Mutter Hans Reiters sowie den Dörfern der Umgebung. (Ähnliches ist mir – aus dem realistischen Rahmen fallend und mich etwas befremdend – vor allem im Roman “Das siebte Kreuz” von Anna Seghers untergekommen, allerdings nur bei Nebenfiguren. Dadurch immerhin war ich aber jetzt etwas vorbereitet.)

  7. Andreas Gierth

    Liebe Selbsthilfelesegruppe,

    ich bekenne, ich bin Leser und dies schon seit vielen Jahren. Einen Entzug würde ich nicht mehr überleben, das ist sicher. Eine Ersatzdroge gibt es nicht. Die Hilfe, die ich in dieser Gruppe suche, sind Gespräche mit auch Abhängigen über den Stoff und die Sucht. Danke. Denn: Nur wer das Lesen kennt, weiß was ich leide!

    P. S. Vielen Dank für den Stoff zu Weihnachten von unserem Dealer M. K.!

    Gruß,
    A. Gierth

  8. Günter Landsberger

    “Unter den verschiedenen Werkzeugen des Menschen ist das erstaunlichste zweifellos das Buch.” (…) “Es ist eine Erweiterung des Gedächtnisses und der Phantasie.” (Jorge Luis Borges)

    Und nun noch ein ganz persönliches Bekenntnis zum Thema Lesen:
    Was ich meinem ersten Lehrer, meinem Salzburger Volksschullehrer KF, vor allem zu verdanken habe, ist etwas für mich ganz ent­scheidend Wichtiges: Ich habe bei ihm lesen gelernt.
    Das sei nichts Besonderes, meinen Sie? Doch! Ich habe es anfangs nämlich überhaupt nicht ge­konnt. Und obwohl die meisten anderen aus meiner Klasse es schon leidlich bis gut konnten, ich konnte es lange überhaupt nicht. Keinen Satz! Kein Wort!
    Und da hat dann dieser Lehrer mit sehr viel Geduld und sehr viel pädagogischem Eros uns sieben oder acht (in verschiedener Hinsicht Schwächere) noch zusätzlich unterrichtet, mich persönlich üb­rigens mit großen Blockbuchstabenkärtchen, die er sonst im Unterricht selbst nicht eingesetzt hat: Den Komponisten REGER mit dem interessanten Namen, den man von vorn und hinten gleich lesen konnte, habe ich auf diese Weise kennengelernt und auch sonst noch in Erinnerung, dass un­ser Lehrer, der offenbar die Geige spielte (wenn auch nicht vor uns), gerade diesen Komponisten sehr hoch schätzte. Bis heute verfolge ich mit Interesse, wie man in der Musikwelt immer wieder versucht, und nicht nur in den jeweiligen „Regerjahren“, diesen Max R. bekannter zu machen. Und immer wieder lese ich, eigentlich müsste er, der zu Unrecht Vernachlässigte und Unterschätzte, nun erst richtig und endlich entdeckt werden.
    Wie erfolgreich Schule sein kann, hat mich dieser Lehrer sehr schnell und früh gelehrt. Nach zwei, drei Zusatzstunden „ging der Knopf auf“ und ich konnte urplötzlich lesen. Und ich habe seitdem nicht mehr aufgehört.
    Es war wie ein Durchbruch und ein derart beglückendes Geschenk, dass ich es bis heute äußerst dankbar mit dem Namen Karl Friedl verbinde.

  9. Marvin Kleinemeier

    Ich habe gestern angefangen, das PDF zu den Telefongesprächen zu bearbeiten. Die Kommentare werde ich dabei nicht berücksichtigen und nur die 14 Beiträge einbeziehen inkl. des Vorworts von Thorsten Wiesmann. Ich hoffe, damit enttäusche ich niemanden.

  10. Dietmar Hillebrandt

    @Landsberger
    Danke für diese kleine Geschichte, wie man ein Leser wird!

    Ich habe gerade die Idee zu einer neuen Sammlung,(scheine doch von Jägern und Sammlern abzustammen). Nach den mehr oder weniger erfolgreichen “Zitaten” und dem “Namensregister” könnten wir es ja auch mal mit einer Sammlung von digitalen Rezensionen über “2666″ versuchen. Ich bin mir sicher, da schlummert so einiges bei den Favoriten oder Bookmarks der Lesenden und aktiven Blogteilnehmer. Ich denke man könnte einfach lesenswerte Links zu Teilen oder zum Gesamtwerk “2666″ sammeln. Gerade bin ich z.B. auf eine englische Plattform namens “Sunday Salon” gestoßen, (ich wußte gar nicht wie viele Bücherblogs es in England gibt. Also hier einfach ein paar meiner Bookmarks:

    http://tinyurl.com/yhowh7w
    http://www.perlentaucher.de/buch/32689.html
    http://www.complete-review.com/reviews/bolanor/2666.htm

    Ob es nun Verweise auf schon ganze Sammlungen anderer Rezensionen, wie der letzte Link, sind oder gefundene Einzelrezensionen wäre mir egal, hauptsache interessant und lesenswert. Ich habe zwar auch spanische interessante Seiten gefunden, aber da habe ich leider Sprachprobleme, also vielleicht auf deutsch- oder englischsprachige Links beschränken…

  11. Günter Landsberger

    Zurück zum Roman “2666″ selbst. Die schrittweise Auffächerung des Gesamtwerkes von Benno von Archimboldi darin – nach Einzeltiteln -(vgl. Register der Namen) hat mich von Anfang an interessiert. Im ersten Teil, dem “der Kritiker”, habe ich mich beispielsweise gefragt, was sich hinter dem Titel “Bitzius” (“einem keine hundert Seiten langen Roman mit gewissen Ähnlichkeiten zu Mitzis Schatz”, S.16) wie auch hinter dem Romantitel “Der heilige Thomas” wohl verbergen mag. Die platte Gleichsetzung “Bitzius” ein Gotthelf-Roman sowie “Der Heilige Thomas” also ein Heiligenroman um Thomas von Aquin als dem bedeutendsten heiligen Thomas schien mir (als einem Verwandten des ungläubigen Thomas) jeweils nicht sehr wahrscheinlich. Und wirklich spätestens auf den Seiten 1027 und 1028 erfahren wir etwas Deutlicheres über den vom Titel her nicht unbedingt so zu erwartenden Zuschnitt und Charakter dieses Romans “Der Heilige Thomas”, den interessanterweise Pelletier in Santa Teresa angeblich (S.181) – und zwar inzwischen zum wiederholten Male – liest, eine Lektüre, die kurz danach sprechend genug ersetzt wird durch die Lektüre von “Die Blinde” (S.183), dann “Lethe” (S.185).
    Weshalb aber interessiert sich Pelletier gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt, abermals für den Roman “Der Heilige Thomas”? Und was interessiert ihn an diesem Roman, den, wie wir bereits wissen (S.16), 1991 Morini ins Italienische übersetzt hatte?

  12. Günter Landsberger

    Und wieso ist Benno von Archimboldi (und durch ihn hindurch RB?) überhaupt an Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf interessiert? An Gotthelf, über den Walter Muschg gelegentlich zu sagen weiß: “Der Humor Gotthelfs kommt aus der ungebrochenen Kraft einer Seele, die noch (!, GFL) von der Göttlichkeit des Lebens durchströmt ist. In seinen heitersten Werken schlägt er das Lachen Luthers und Rabelais’, Niklaus Manuels und Grimmelshausens an, in denen die unbändige Sinnenfreude der Naturmenschheit lebt. Er weiß sich noch (!, GFL) guten Gewissens im Überfluß des Lebens geborgen und freut sich an seiner eigenen Lebensfülle. Er kennt noch (!, GFL) das animalische Behagen am Dasein, die ausgelassene Lust am Spiel mit Dingen und Worten.”
    (Jeremias Gotthelf / Ausgewählte Werke in 12 Bänden / Herausgegeben von Walther Muschg / 11. Band, Einleitung des Herausgebers, Diogenes detebe-Klassiker 20571, S. VII)

    Ist das Interesse an Gotthelf bei BvA und RB nun ein Interesse vom innerem Zuspruch
    (mehr oder minder geheimer Übereinstimmung)
    her
    oder eines e contrario aus dem Bewusstsein des
    (zumindest partiellen)
    “Musst entbehren, musst entbehren” heraus?

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