Ausschnitte aus “Bolaño cercano”

Oder auf dem youtube-Kanal vom Hanser Verlag: Bolaño ganz nah

11 Responses to “Ausschnitte aus “Bolaño cercano””

  1. Günter Landsberger

    Vielen Dank! Das Anschauen und vor allem das Anhören dieses Videobeitrags haben sich gelohnt. -
    Unter anderem hat mich auch die Äußerung eines der nächsten Freunde Bolaños interessiert, wonach dieser (mit vollem Bewusstsein) gerade auch “in schlechten Werken Interessantes und Tiefsinniges finden” “konnte”.
    Das hat mich persönlich an eine ähnlich gelagerte Äußerung des jungen Friedrich Schlegel erinnert, die mir als selber noch jungem Menschen seinerzeit mit Überzeugungskraft aufstieß und die ich dann später abermals ähnlich bei Hugo von Hofmannsthal wiederfand. Derartige Äußerungen kann ich sehr gut nachvollziehen, auch durch eigene Erfahrung bin ich inzwischen von ihrer Wahrheit überzeugt.
    Für einen Schriftsteller wie Bolaño aber heißt dies wohl auch, dass die gängigen Unterscheidungen zwischen hoher und niederer Literatur unmaßgeblich für die Quellenlage wie für das Kraftzentrum seiner Werke sind.
    Schön herausgekommen ist in diesem Videobeitrag auch, wie bewusst Bolaño generell gearbeitet hat. (Auch Anspielungen wird er sehr bewusst gesetzt haben.)

  2. Andreas Gierth

    Auch mir gefällt dieser Videobeitrag sehr. Danke. Und ich stimme gerne dem Kommentar von G. Landsberger zu, dass Bolano “Anspielungen (…) sehr bewusst gesetzt haben” wird. Meiner Meinung nach darf man ihn da als Leser nicht unterschätzen.Ich möchte noch etwas hinzusetzen, was vielleicht nicht unbedingt an diesen Platz gehört. Ich habe mir heute in der Stadt die neue Ausgabe “Volltext. Zeitung für Literatur” gekauft. Wegen des Aufmachers “In die Hölle, aber schreibend. Begegnungen mit Roberto Bolano” Ich kann den Artikel von Leopold Federmair sehr empfehlen. U. a. ist in ihm ein Gedicht von Bolano abgedruckt. In dem Gedicht heißt es: “Unter der Brücke, während es regnet, eine / goldene Gelegenheit, mich selbst zu sehen: / wie eine Heizschlange am Nordpol, aber / schreibend.”
    Bolano spricht hier von sich als Schriftsteller. Er sieht sich in der Unbedingtheit seines Schreibens “wie eine Heizschlange am Nordpol”. Und da sind mir sofort die Erzählung “Telefongespräche” und der Kommentar von D. Hillebrandt eingefallen: Als B. “endlich doch einschläft, träumt er von einem Schneemann, der durch die Wüste läuft.” D. Hillebrandt meinte, dieses Bild im Traum sei eine “Methapher für (…) den tapferen Schriftsteller”. Ich schloß mich dieser Meinung an und fühle mich jetzt durch diese Zeile in dem Gedicht bestätigt: Ein “Schneemann in der Wüste” und eine “Heizschlange am Nordpol” – sind das nicht zwei schöne und sich so gleichende Bilder für den Schriftsteller, der in seiner Unbedingtheit des Schreibens immer eine Gratwanderung nahe der Katastrophe macht?
    Beste Grüße,
    A. Gierth

  3. Günter Landsberger

    À propos Anspielungen. Vielleicht ein hierzu passendes Zitat?

    “Der Theolog hasset juristische Anspielungen – der Jurist theologische – der Arzt beide – der Mathematiker alle vorigen – ich liebe sie alle; was soll man da lassen oder nehmen?”

    (Jean Paul in der Vorrede zur zweiten Auflage des “Hesperus”)

  4. Marvin Kleinemeier

    @Andreas Gierth

    Danke für die Info, fahre gleich zum Bahnhof. Ich habe mir auch einen Gedichtband von Bolaño bestellt, der lässt allerdings noch auf sich warten, kommt aus Amerika.

  5. Dietmar Hillebrandt

    @Marvin Kleinemeier
    @Bolanos Gedichte
    Mich interessieren die Gedichte natürlich auch, gibt es zur “amerikanischen Bestellung” nähere bibliographische Angaben?
    Gibt es bereits eine umfassende Bibliographie der Sekundärliteratur und der Werke Bolanos. Ich kenne selbst nur Webseiten, die Werke und Rezensionen auflisten. Sind schon Gedichte Bolanos ins Deutsche übersetzt? Wer weiß mehr?

  6. Dietmar Hillebrandt

    Nur für Bibliothekare:

    Roberto Bolano: “The Romantic Dogs”
    New York: New Directions Publ. Corp. 2008
    Translator: Laura Healy (Reprint Edition)
    Bilingual: ca. 70 Seiten Spanisch, ca. 70 Seiten Englisch

    Wann ist mit einem Erscheinen auf Deutsch zu rechnen?
    Am besten die anderen beiden Gedichtbände auch gleich.
    Das wäre doch eine Herausforderung für jeden guten Übersetzer.

  7. Günter Landsberger

    Das letzte Gedicht Roberto Bolaños im zweisprachigen Band “The Romantic Dogs” (bzw. “Los perros románticos”) hat die Überschrift “Entre las moscas” (bzw. “With the Flies”).

    In deutscher Übersetzung dürfte es etwa lauten:

    ZWISCHEN DEN FLIEGEN

    Poeten Trojas
    Nichts mehr von dem was das Eure sein könnte
    Existiert

    Weder Tempel noch Gärten
    Auch keine Poesie

    Ihr seid frei
    Bewundernswerte trojanische Dichter

    ————————————————————-

    Oder vielleicht in einer anderen etwas eigenwilligeren Übersetzungsversion?

    MITTEN UNTER DEN FLIEGEN

    Trojanische Dichter
    Nichts mehr von dem was Euch einst zu eigen sein mochte
    Existiert

    Keine Tempel keine Gärten
    Auch keine Poesie

    Frei seid ihr nun endlich
    Ihr trojanischen Dichter
    Und aller Bewunderung wert

  8. Der Buecherblogger

    Danke für das Gedicht, ich finde Ihre Übersetzung gut!
    Es erscheint mir unverschämt, ein Gedicht aus dem Spanischen zu übersetzen, wenn man kein Spanisch kann, aber so bin ich nun mal,
    frei und subjektiv:

    ENTRE LAS MOSCAS

    Poetas troyanos
    ya nada de lo que podía ser vuestro
    existe

    Ni templos ni jardines
    ni poesía

    Sois libres
    admirables poetas troyanos

    INMITTEN VON MÜCKEN

    Dichter Trojas
    Nun da nichts mehr was Eures sein konnte
    existiert

    Keine Tempel keine Gärten
    Keine Poesie

    Seid frei
    Bewunderte Dichter Trojas

    “Die romantischen Hunde” auf Spanisch online:

    http://www.katarsis-net.com.ar/downloads/bolanio.roberto.-.los.perros.romanticos.pdf

  9. Günter Landsberger

    Danke! -

    Ich hatte übrigens für mich selber – in kontrastierend-ergänzender Absicht – auch sogleich an eine Zusammenschau von Roberto Bolaños Gedicht mit folgendem Gedicht Goethes gedacht:

    EIGENTUM

    Ich weiß, daß mir nichts angehört
    Als der Gedanke, der ungestört
    Aus meiner Seele will fließen,
    Und jeder günstige Augenblick,
    Den mich ein liebendes Geschick
    Von Grund aus läßt genießen.

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